David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – bipolarer Bedenkenträger

Jörg Fauser interviewt Charles Bukowski für den Playboy. Soeben ausgelesen: Jörg Fauser – „Der Klub, in dem wir alle spielen“ (2020)

von David Wonschewski

Vorabfazit: (ohne Wertung, aber saugut)

Gehören Sie auch zu den Menschen, die vor zehn bis fünfzehn Jahren dauernd bei eBay abhingen, inzwischen aber nahezu gar nicht mehr? Ich bin so einer. Mein letzter eBay-Schnapper war aber ein für mich besonders toller: 50 Ausgaben der Musikzeitschriften „Visions“ und „ME/Sounds“ aus den Jahren 1991-1998. Nun soll es ja viele Leute geben, die getreu dem Motto „nichts ist so alt wie die Nachrichten von gestern“ meine Aktion als rundum dämlich und unnütz empfinden. Es gibt jedoch einige Menschen, die kennen diesen ganz speziellen Reiz über verknitterte und vergilbte Zeitungen der Vergangenheit nachzuspüren. Das Gestern nicht aus der gut abgehangenen Universalsicht heutiger Gelehrter nacherklärt und irgendwie eingeordnet zu bekommen, sondern die echten Menschen, das echte Leben, die echten Meinungen einer damaligen Welt ungefiltert auf sich wirken zu lassen.

Wer das immer noch Banane findet, kann hier aufhören zu lesen. Wer hingegen ein kulturabhängiger Gesternstöberer ist wie ich, muss „Der Klub, in dem wir alle spielen“ erwerben. Wer allein bei dem Gedanken, wie Jörg Fauser 1977 für den Playboy nach Los Angeles reiste, um Charles Bukowski ausgiebig zu interviewen, nicht ganz glänzende Augen, feuchte Finger und Schnappatmung bekommt, nein, der hat dieses Buch auch nicht verdient. Ist ein Banause, ist Stein, ist es nicht wert, den Begriff „Lebender und Lebendigen“ tragen zu dürfen. Ganz einfach.

38 kulturjournalistische Texte aus der Feder von Jörg Fauser finden sich in dem Buch, allesamt entstanden und mehrheitlich auch veröffentlicht zwischen 1963 und 1987. Mit just jenem Bukowski-Interview als einem unter vielen Höhepunkten, für den allein sich der Kauf dieses Buches schon lohnt. Doch dazu später mehr, denn die Textsammlung beginnt, ich will es gestehen, ein wenig holperig. Was daran liegt, dass der Verlag chronologisch vorgeht und Fauser bei seinen ersten Formulierversuchen noch keine zwanzig Jahre alt war und somit noch nicht der abgespackte, polternde, eben an Bukowski erinnernde Kultschreiber war, als der er heute gilt. Was diejenigen, die „nur“ Fausers Romane kennen, oftmals nicht wissen – auch mir war es unbekannt – ist, dass Fauser, man kann es nicht anders sagen, von seinem Schädel her eine intellektuelle Klasse ist, wie sie einer Nation bestenfalls zwei- bis dreimal pro Generation unterkommt. Liest man, auf welch hohem Niveau sich der Schüler Fauser mit Andreas Gryphius oder Else Lasker-Schüler auseinandersetzt, dann ist man geneigt, daran zu zweifeln, dass das wirklich der Autor von „Der Schneemann“ (1981) oder „Rohstoff“ (1984) ist. Genau das ist auf den ersten knapp 50 Seiten von „Der Klub, in dem wir alle spielen“ kurzzeitig interessant, dann aber das Problem, erleben wir hier doch einen elitären Schnöseltypen, der seine eigene Einzigartigkeit auf dem Rücken größerer Namen abfeiert. Dass es in Fausers frühen Texten zuvorderst um Lyrikbetrachtungen ging – ein Kulturbereich, zu dem mir bis heute der Zugang versagt geblieben ist – macht es zusätzlich öde. Die ersten paar Texte geraten hier zu einem Fachidiotenseminar für Fachidioten, in denen viel über Sprache doziert, das Ganze aber mit wenig Leben angereichert wird. Für Fauser-Fans ein Muss, aber auch eine Wohltat, dass der gebürtige Frankfurter irgendwann die Kurve kriegte, weniger elaborierte Vorbilder und Untersuchungsobjekte fand.

Und dann, so ab Mitte der 70er-Jahre, dreht er auf, aber richtig. Bleibt intellektuell, reichert es aber mit seinem so herrlichen – mir egal, ob das irgendwie bei Bukowski abgekupfert ist – Spacko-Stil an, dass es nur so fetzt. Und mir klappt die Kinnlade herunter, ich lese die Texte suchtend durch und komme mit dem Notieren von Namen, die ich noch nie gehört habe oder aber schon gehört, deren Werke ich aber nie gelesen habe, kaum hinterher. Aber schnell lesen muss, es jetzt will, will, will. Nicht weil mein Held Fauser das gesagt hat. Sondern wie er das gesagt hat. Klar kannte ich Raymond Chandler schon vorher, da ich Krimis aber generell nicht anpacke, blieb es bisher bei der Namenkenntnis. William Burroughs und Jack Kerouac, na logo, bisher nur keinen Sinn darin gesehen, mal was von denen zu lesen. Aber wer sollen bitte Dashiel Hammett oder Chester Himes sein?

Auf atemlos-kurzweilige Weise lässt uns Fauser an seinem umfassenden literarischen Wissen teilhaben, wenn er zum Beispiel in wenigen lustigen Sätzen skizziert, warum er Conan Doyle und Agatha Christie in ihrer Künstlichkeit und Realitätsfeindlichkeit als triviale Überflüssigkeiten empfindet, die erst von den lebenskaputten und irgendwie existenzverkrachten Revolutionären Chandler und Hammett als solche demaskiert wurden, bevor der afroamerikanische Ex-Knacki Chester Himes kam und mit seiner Harlem-Reihe die Grundlage all dessen schuf, was späterhin als sozialkritisch relevante Kunstform „Blaxploitation“ auch seinen Weg in die Kinos fand.

2019 brachte Bret Easton Ellis sein Buch „Weiß“ auf den Markt, eine sehr lesenwerte Melange aus Biografie, Kulturjournalismus und Bloggeplärre, die das in der öffentlichen Wahrnehmung ein wenig in Ungnade gefallene Enfant terrible der Literatur als das zeigte, was er im Mindesten so heftig ist wie ein hervorragender Schriftsteller: Ein umtriebiger Film-, Literatur- und Musikkenner, der die Gabe besitzt, dich in seiner Begeisterung für dieses oder jenes Genre mitzureißen. „Der Klub, in dem wir alle spielen“ zu lesen, kommt der Lektüre von „Weiß“ daher sehr nahe, nicht zuletzt, da Fauser zwar kaum über sich selbst spricht, aber doch, es ist ja kaum zu unterbinden, wahnsinnig viel über seine Einstellungen und Wandlungen sagt. Denn das Fauser – im Gegensatz zu seinem Idol Bukowski – das generelle Rüstzeug zu einer Schreibe gehabt hätte, die ihn nicht zum bevorzugten Hassobjekt des elitären Feuilletonzirkels seiner Zeit hätte werden lassen, sondern zu deren Liebling, das bricht hier durch fast sämtliche Texte unbarmherzig hindurch. Warum er sich lieber der Gossenromantik seiner eigenen Protagonisten ergab, anstatt sich Buch für Buch an der Hochsprungolympiade der Intellektuellen zu beteiligen, Fauser erklärt es, indem er das Schaffen anderer beleuchtet. William Burroughs zitiert er beispielsweise mit dem Satz, wonach ein Autor, der über etwas schreibt, was er nicht kennt wie ein Torero ist, der seine elegant-einstudierten Bewegungen ohne Stier macht. Und wenn man Fauser über den Burroughs-Intimus und Beat-Poeten Jack Kerouac reden hört, der ein halbes Leben in Siechtum und Perspektivlosigkeit hinter sich bringen musste, um etwas schreiben zu können, was seiner Zeit den entscheidenden, den einen hilfreichen Schritt voraus war, dann ahnt man, dass jede andere Schreib- und Sichtweise als die des Außenseiters, der alle Grundlagen die beste Version seiner selbst zu erschaffen in petto hatte, aber scheiterte, hemmungslos versackte, die Welt ist, die Fauser beschreiben musste. Dass er sich selbst letztlich für das Krimi-Genre entschied, lässt sich wohl mit seiner Analyse der hohen Verkaufszahlen des Genres erklären. Einem Genre, das deswegen beim breiten Publikum so gut funktioniert, weil, so Fauser: (…) „es ist ja auch ein Geschäft mit dem latenten Angst- und Aggressions-Syndrom der schweigenden Mehrheit, die gern rotsehen möchte“. Das Buch ist voll mit derart gescheiten Blitzanalysen. Und mit erfreulich deftigen Annäherungen an Fausers Heroen, darunter auch Joseph Roth, Graham Greene, Frederick Forsythe, Per Wahlöö, Hans Fallada, Hemingway, Orwell. Bestens unterhalten lerne ich von einem verhinderten Literaturpapst, lachend präge ich mir karteikartenlos Roman- und Undergroundhistorie ein. Und feiere – fast fühlt man sich wie im (tatsächlich lebensbejahenden) Hans-Eckardt Wenzel-Song „Selbstmord“, in dem schwungvoll-tanzbar Künstler aneinandergereiht werden, die sich selbst den Garaus gemacht haben – den Untergang.

Dass gerade die Autorin Katja Kullmann den Auftrag erhielt, ein prinzipiell sehr gelungenes Vorwort zu diesem Textband zu schreiben, ist so unpassend wie passend. Denn schaut man sich einmal an, wofür Kullmann so steht oder auch nicht steht, so wird schnell klar, dass einer wie Fauser ihr nur sehr bedingt sympathisch sein kann. Was zuvorderst daran liegt, dass er gerade Stimmen aus dem, nun, linksideologischen Bereich schon damals – er starb bereits 1987 – den Kampf ansagte. Der luftig-verschwurbelten Klassenkämpferin und Abtreibungsgegnerin Karin Struck zieht Fauser dermaßen den Stecker, dass die Formulierung „den Stecker ziehen“ schon unter Euphemismus läuft. „Das Risiko der Erkenntnis“ legt sich mit den in Hessen seinerzeit gerade erst in Macht und Würden gesetzten Grünen an. Diese hatten sich – brav assistiert von zahnlosen Sozialdemokraten – 1982 dafür eingesetzt, dem umstrittenenen Autoren Ernst Jünger den Goethe-Preis der Stadt Frankfurt doch noch zu versagen. Weil wegen, tja, irgendwas mit Nazivergangenheit und so. Bis heute scheiden sich die Geister an Jünger und seinem Werk, was für Fauser – mit Blick auf Jüngers Vita und unmittelbare Kriegserfahrungen – geradezu ein Grund ist, ihn zu ehren, weil die Zerrissenheit des Lebens im Generellen und unserer Nation im Speziellen eben nicht anhand freundlicher Blumenschenker aufgezeigt werden kann. Wer, wie ich selbst, etwas angewidert das eitle Bestreben mancher (vieler) Menschen verfolgt, die Kabarettistin Lisa Eckhart von den Bühnen zu verbannen, Dieter Nuhr den, nun, Mundraum zu füllen oder Statuen von Eroberern in die Themse zu werfen, findet in Fauser einen wort- und wirkmächtigen Freund, der schon Anfang der 80er-Jahre just jenen idiotisch-ideologischen Quatsch entzahnte, der erst dieser Tage, gut vierzig Jahre später, so richtig Fahrt aufnimmt. Dass die Vorwortlerin Katja Kullmann das nicht so richtig toll findet ist, aus ihrer Sicht immerhin konsequent und aus Verlagssicht insofern sehr okay, da es durchaus legitim und geboten ist, vermeintlich verquere Geister weiterhin herauszubringen, deren Gedanken aber nicht unkommentiert stehenzulassen, einzuordnen und einzunorden. Mich überzeugt Frau Kullmann mit ihren paar Zeilen Fauser-Kritik kein Stück, aber hey, ich habe ihren Standpunkt immerhin gelesen. Und reiche ihr, vermute ich mal forsch so dahin, unbewusst doch ein wenig die Hand, wenn ich mich weigere zu glauben, dass Fauser jeden seiner herrlichen Sätze von Anfang der 80er-Jahre auch 2021 noch so sagen würde. Wie den hier: „Man muss natürlich nicht die Romane von Ross Thomas lesen, um von tiefer Skepsis ergriffen zu werden, was die Entwicklung im ‚freien Westen‘ angeht; aber wenn man sie liest, weiß man besser, warum das so ist. In Zeiten wie unseren ist politische Paranoia ein Zeichen geistiger Reife, psychischer Stabilität und demokratischer Gesinnung“. Das geht mir in seiner zutreffenden Brillanz so sehr auf den Sack, dass mir fast die Worte fehlen.

Das Gute an Fauser ist, dass der wirkliche Fanboy auch deswegen Fanboy ist, weil er selbst merkt, wo sein Saufidol ein wenig überzieht. Wenn er zum Beispiel Agatha Christie dafür kritisiert, dass ihre Romane zu künstlich sind, nicht das vermeintlich echte Leben widerspiegeln, dann lässt er dabei natürlich geflissentlich das Leben der wohlhabend und privilegiert aufgewachsenen Britin außer Acht, die letztlich auch nichts anders tat als ein Chester Himes: beschreiben, was sie allerbestens kennt. Zwar bin auch ich, wie Fauser, ein Anhänger der Theorie, dass je kaputter die Seele und so gescheiterter die Existenz, desto besser die Literatur, der Film, die Musik gerät – aber als allgemeingültig kann diese Meinung mit Sicherheit nicht hingestellt werden, nur weil ich auf Losereskapaden stehe.

Und was ist nun mit dem Bukowski-Interview, dem Prunkstück dieses Bandes? Nun, genau das. Prunkstück eben. Dabei macht Fauser hier gar nicht so richtig viel, wenn man mal von der halbwegs unsichtbaren Kunst des Fragenstellers absieht, sein gegenüber sanft in die gewünschte Richtung zu manövrieren. Fauser ist ein wenig Fauser, Bukowski ist voll Bukowski und zwischendrin turnt irgendwie noch ein Ex-Model herum. Nein, literarisch nicht der größte Wurf in diesem mit großen Würfen gespickten Textband. Aber eben – man verzeihe mir, wenn ich diese dümmliche Selbstbeschreibung erneut nutze, ich sage das Wort sonst nämlich nie: Für einen Fanboy aber mal sowas von geil.

Was dem Buch lediglich fehlt, ist ein warnendes Nutzerlabel auf dem Buchdeckel: „Achtung – Suff löst keine Probleme!“, „Schizophrenie ist immer nur die Frage, niemals die Antwort!“, oder „Romantisiertes Scheitern schreibt keine guten Bücher!“. Da das aber alles nicht stimmt, hat der Verlag dankenswerterweise Abstand davon genommen.

Erwähnte ich, dass mir mein vorletzter Gang zu eBay diverse Ausgaben alter Musikzeitschriften einbrachte? Ja, das tat ich wohl. Fehlt die Info, was ich bei meinem letzten Gang dorthin schoss: fünf Romane von Chester Himes. Sind neu offenbar schon gar nicht mehr zu kriegen.

Weitere Besprechungen von Büchern von Jörg Fauser: HIER.

Andere Besprechungen: HIER.

Ein Kommentar zu “Jörg Fauser interviewt Charles Bukowski für den Playboy. Soeben ausgelesen: Jörg Fauser – „Der Klub, in dem wir alle spielen“ (2020)

  1. Maccabros
    14. Februar 2021

    Ich kenne diesen Reiz, irgendwo liegen noch im Keller alte Zeitschriften, auch von Bravo aus den wilden Siebzigern…

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