David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – bipolarer Bedenkenträger

Liebes Dr. Sommer-Team. Soeben ausgelesen: Christoph Hein – „Von allem Anfang an“ (1997)

von David Wonschewski

Vorabfazit: 4 von 5 Sternen

Liebes Dr. Sommer-Team,

heute hatte ich meinen ersten Samenerguss. Als ich Pille nackt am Badesee gesehen habe. Ich wusste erst gar nicht, was da passiert mit mir, da war es auch schon passiert. Meine ganze Hose ist nun vollgeschmiert, Herrgott, meine Mutter bringt mich um. Sie ist zwei Jahre älter, sie hat schon richtige Brüste. Ich liebe sie! Aber das ist nicht der Grund, warum ich euch schreibe. Als wir vom See zurückgeradelt sind, da hat Pille mir erzählt, dass sie bald alt genug ist, um endlich in die Partei einzutreten.Richtig gefreut hat sie sich. Und ich? Ich wäre fast vom Rad gefallen vor Schreck. Warum sie denn in die Partei eintreten will, habe ich sie gefragt. Weil das wichtig sei und das Natürlichste der Welt, hat Pille da gesagt. Gottvater sei mir gnädig, Pille in der Partei, das ist das Ende. Wenn mich meine Mutter nach der Ansicht meiner verschmierten Hose noch leben lässt, dann bringt mein Vater mich um. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Liebes Dr. Sommer-Team – wie sag‘ ich es nur meinen Eltern??!

Okay, der Brief ist von mir erfunden, das Dr. Sommer-Team taucht in Christoph Heins-Roman „Von allem Anfang an“ kein einziges Mal auf. Und doch schwebt, zumindest für Leute meiner Generation und meiner Sozialisierung, ein Hauch dieser BRAVO-Instanz, dieser Sexual- und Lebensberatung für Jugendliche über der Erzählung. Sinnigerweise wohl gerade deswegen, weil dem Protagonisten, dem 12-jährigen Daniel, ein gleichermaßen hilfsbereiter wie kompetenter Ansprechpartner fehlt. Eine Anlaufstelle, die ihm aufzeigt, wie klarzukommen ist mit all seinen nach und nach erwachenden Sehnsüchten. Die sich nicht nur auf Mädchen und Frauen beziehen, sondern auch auf ein erstes Gefühl von Freiheitsdrang, von Fernweh. Gepaart mit einem keineswegs brutalen, durchaus aber zementharten Erfahren einer ihn umgebenden Wand. Oder sagen wir ruhig: Mauer.

Daniel lebt in einer Kleinstadt im Süden der DDR. Wir schreiben das Jahr 1958, da ist er bereits 15 – und erstmals erleichtert. Denn obschon mit ausreichend guten Grundschulnoten ausstaffiert, wird ihm, wie zuvor auch seinem älteren Bruder David schon der Besuch der Oberschule verweigert. Aus politischen Gründen. Während seine Mitschüler ihn trösten, ballt Daniel innerlich die Freundensfaust, ist der Weg doch nur durch diese Ablehnung für das, was er sich in den zurückliegenden drei Jahren nach und nach ausgeheckt hat: Es David gleichzutun, nach Westberlin zu gehen. Unterstützt von seinem Vater, unterstützt auch von seinem Großvater. Daniels Vater ist der Gemeindepfarrer, ein lebenskluger und sanfter Mann, der in seinem Beruf, seinen Predigten, seinen christlichen Werten, aber auch in seinen verschmitzt ironischen Mittelungen an Daniels systemtreue Lehrer einen Weg gefunden hat, eine stille Unangepasstheit zu leben, seinen leisen Protest zu übermitteln. Etwas sperriger ist da schon Daniels Großvater, ein Landwirt, einer der besten, die in der Region zu finden sind. Und der folgerichtig auch mit der Leitung der größten Höfe beauftragt wird. Diese Funktion genauso folgerichtig jedoch immer wieder verliert, regelmäßig vor dem Nichts steht und neu anfangen muss, da er es ablehnt, in „die Partei“ einzutreten.

In diesem regimekritischen Umfeld wächst Daniel mit seinen fünf Geschwistern auf, in einer durchaus beliebten, gutbürgerlichen, im Großen und Ganzen dennoch hervorragend in der DDR integrierten Familie. Wenn da nur die Sache mit den Mädchen nicht wäre. Daniel versteht sie einfach nicht, sie verwirren ihn. Und so könnte das in Rückblenden Daniels frühe Lebensjahre 1955 bis 1958 beleuchtende „Von allem Anfang an“ ein belanglose, leicht rutschige Pennälerstory sein. Ist es jedoch nicht, hat die Verwirrung doch nicht nur physische und psychische Gründe. Sondern immer auch politische. Denn die Mädchen, in die Daniel sich da verliebt, die stammen wie die meisten seiner Mitschüler aus regimetreuen Familien. Deren Kinder sich auch dementsprechend verhalten, dementsprechend sprechen. Seine Mitschülerin Lucie, eigentlich Daniels erste Wahl – sie die Schönste und auch Klassenbeste – denunziert ihn (anders kann man es nicht nennen) bei den Lehrern. Daniels Familie war, um David zu besuchen, am Ku’damm gewesen und er hatte seinen Freunden auf dem Schulhof begeistert von der großen Leuchtreklame mit den laufenden Buchstaben erzählt. Ein Kurztrip, der durchaus machbar, definitiv aber nicht öffentlich zu machen ist. Was Lucie anders sieht, deren Gefühl von Anstand sie mitten in der Unterrichtsstunde aufstehen lässt, um die Lehrerin vor der gesamten Klasse darüber zu informieren. Als Daniel sie später zu rede stellt und sie darauf hinweist, dass das für ihn nicht nur demütigend war, sondern auch richtige Probleme bringen kann, gibt sie ihm klar zu verstehen, dass sie für hinterhältiges und verstecktes Verhalten kein Verständnis hat, Daniel derjenige ist, der in Sachen Charakter an sich zu arbeiten hat.

Christoph Hein, der diverse eigene Jugenderlebnisse in den Roman eingearbeitet hat, gelingt mit „Von allem Anfang an“ ein ganz besonderes literarisches Kunststück, hat er doch einen Roman entworfen, der sich an der Oberfläche tatsächlich ein wenig liest wie der lange Leserbrief eines pubertär-verpickelten Schülers ans Dr. Sommer-Team. Hein erschafft ein von frühjugendlicher Scham und Peinlichkeit getragenes Grundgerüst, das wackelig genug ist, um Mitleid mit Daniel zu haben – zugleich jedoch fest genug, um jederzeit Vertrauen in die grundsätzliche Intelligenz und Vernunft seines jungen Protagonisten zu haben. Daran zu glauben, nein zu wissen, dass er durch diesen Gefühlsdschungel hindurchfinden, das zumindest für ihn alles gut werden wird. Bemerkenswert sanft eingehüllt wird dieses Pennälergerüst jedoch von jenem in Daniels Welt eher abstrakten, fast schon unsichtbaren Gegenspieler namens System, namens Regime, namens Partei. Es ist Heins großes literarisches Talent, dass er dieses frühe Gefühl von Fehlplatzierung nicht anhand brutaler oder überaus schicksalsträchtiger Begebenheiten schildert, sondern sie in vielen kleinen Nuancen durch diese Schilderungen von Brüsten, Samenerguss und erstem Händchenhalten hindurchsickern lässt. Und dabei so fein vorgeht, dass man mehr schmunzeln muss, als rechtschaffen empört zu sein. Als Paradebeispiel sei hier lediglich Daniels wohlerzogene Art genannt, andere Menschen zu grüßen oder ihnen, so er sie kennt, aus der Ferne zuzuwinken. Gute Sache, nur dass dem armen Tropf in dem ganzen Roman nicht einmal zurückgewunken, er nicht einmal von wem zurückgegrüßt wird. Eine für den Roman und Heins Schreibe typische, ganz feine Idee, sacht nur hier und da eingewoben. Und doch auf Romanlänge von immer größerer Bedeutung, Symbolträchtigkeit.

Ein durchweg überzeugendes Buch, das nicht zuletzt deswegen eine außerordentliche Strahlkraft besitzt, da es – und hier berufe ich mich auf diverse anderen Rezeptionen des Werks, ich selbst kann es ja schlecht beurteilen – zwar das Leben einer regimekritischen Familie beleuchtet, gerade dadurch jedoch den Alltag in der DDR entdämonisiert. Dass der strukturell zwar reformbedürftig, menschlich jedoch keineswegs so mies und fies war, wie viele Westdeutsche ihn im abgespackten Gefühl moralischer Überlegenheit bis heute sehen wollen, war er offenkundig nicht. Natürlich kann man es so sehen, dass sich in Daniels Mitschülerin Lucie die denunziatorische Fratze eines Unrechtsstaats zeigt. Andererseits: Blöde Moraltrullas gab und gibt es auch im Westen. Und denunziert worden bin ich auch dauernd, wie auch ich als Kind eine klammheimliche Freude am Denunzieren hatte. Wir hatten halt nur ein anderes, weniger bedeutungsschwangeres Wort dafür.

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Ein Kommentar zu “Liebes Dr. Sommer-Team. Soeben ausgelesen: Christoph Hein – „Von allem Anfang an“ (1997)

  1. Bludgeon
    28. November 2020

    Hm, kannste ma sehn, was 10 Jahre ausmachen. Mir scheint Tellkamps Turm beackert dasselbe Feld. Kam aber 10 Jahre später – als die Zeit reif war. Ende der 90er laborierte hier die Mehrheit an den Zusammenbrüchen, da war kein Bedarf an Heldengeschichten aus christlichen Haushalten: Anwälte und Pastoren gehn in keinem Staat verloren. Abwink.
    Bei Tellkamp ist der Jüngling Arztsohn und obendrein noch aus der SED-Nomenklatura, weil die Großeltern bei Stalin im Exil waren.
    Trotzdem verabschiedeten sich ihre beiden Nachfolgegenerationen ins Bürgerliche.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 7. März 2021 von in 4 Sterne, Hein, Christoph, Nachrichten.
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