David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – bipolarer Bedenkenträger

Wenn „hätte, hätte, Fahrradkette“ zu Kunst erhoben wird. Soeben ausgehört: Sebastian Krämer – „Liebeslieder an deine Tante“ (2020)

von David Wonschewski

Bei Lied 14 ist es dann passiert. Der Autor dieser Zeilen steckt in einer echten Zwickmühle. Denn einerseits möchte er nur ungern mit einem Grundsatz brechen. Andererseits aber möchte er einem seiner Lieblingskünstler ebenso ungern gleich zu Beginn seiner CD-Besprechung blöde kommen. Der Künstler heißt Sebastian Krämer, hat vollkommen zurecht diverse Kleinkunstpreise abgeräumt und einige der lustigsten, cleversten und schönsten Lieder in deutscher Sprache geschrieben. Mein vor Jahren gefasster Grundsatz aber lautet: Künstler, die nicht Kinder als erklärte Zielgruppe Ihrer Werke haben, sollten nie nie nie solche in ihre Werke einbinden. Geht immer – immer immer immer – schief. Und komme mir nun bitte keiner mit Pink Floyd, eine Schwalbe macht noch keinen Dings, nur weil auch ein blindes Huhn mal ein Bumms findet. Der Grundsatz geht aber noch weiter: Handelt es sich bei dem ins Werk eingebundene Kind auch noch um den eigenen Nachwuchs – ein Phänomen, das mittlerweile auch als „Til-Schweiger-Fiasko“ in Handbüchern der Psychologie zu finden ist – dann gibt uns der Künstler damit zu verstehen, dass er abgewirtschaftet hat. Ihm nichts mehr einfällt, er daher noch die Lieben ins Bild zerrt, die Schäfchen – heute habe ich es aber auch mit den tierischen Sprichwörtern – schnell noch ins nicht ganz so Nasse holt. Nun kann man das Sebastian Krämer natürlich schwerlich vorwerfen, was einem Ochsenknecht recht ist, darf einem Krämer eben auch billig sein, warum nicht. Zumal man gegen Kinder ja in der Regel nichts sagt, weil sie süß sind und unsere Zukunft und so. Deshalb sage ich ja auch nichts gegen das Kind, ja nicht einmal über das Kind. Sondern über den Ansatz. Schuld sind immer die Eltern, weiß man doch.

Nun, das Stück heißt „Frau Zielinski und der Finsterling (feat. Hedwig Krämer)“ und ja, wir haben es hier tatsächlich mit des Künstlers Nachwuchs zu tun. Und es ist so jammerschade, hat das Stück abgesehen von diesem einen dicken Negativpunkt doch alles, was so ein richtiger Klassesong braucht. Krämer gelingt es hier, das heikle Thema Depressionen mit den nicht minder heiklen Themen Lehrerstress und Pädagogenmangel zu koppeln. Denn Frau Zielinski, die Lehrerin der sehr jungen Sängerin, wurde nach Jahren im Schuldienst von der therapierbedürftigen Schwermut gepackt, dem „Finsterling“. Ersetzt wird die nunmehr labil-debile Dame von Herrn Schrader, der aber – wie die Kinder feststellen – nach nur zweimal Frontalunterricht auch schon ganz traurig aussieht. Es wird ja oft überlegt, wie wir Kindern Herkunft, Wesen und Wirkung einer Depression erklären können, ohne in ganz düstere Begrifflichkeiten zu verfallen, Angst zu schüren. Krämer gelingt genau das, legt er seiner Vokalprotagonistin doch wunderbar einfache Formulierungen in den Mund, Sätze, die immer noch genug Luft zum Atmen, oftmals sogar schmunzeln lassen. Ein gerade in seiner plump-direkten Kindersprache enorm feinsinniger Song und auf dem Blatt daher sicher ein Highlight dieser neuen Platte. Tja, aber eben nur auf dem Blatt, weil – siehe oben. Mir ist dann gerade noch eingefallen, dass bald Weihnachten ist. Aber nein, auch das ist kein valider Grund, Kindergesang auf die eigene CD zu packen.

Bekanntlich lässt sich allem Negativen auch Positives abgewinnen und so lässt sich meine subjektive Meckermeinungsmünze auch einfach umdrehen. Und schwuppdiwupp – steht Sebastian Krämer als jemand da, der musikalisch immer wieder was wagt im an und für sich ja doch recht eng geschneiderten Pianistengewand des Kleinkünstlers. Ja, Sebastian Krämer scheut das unbekannte Terrain nicht, und so gibt es in dieser Hinsicht erfreulich viel Spannendes zu entdecken auf „Liebeslieder an deine Tante“. Der zweite Track „Der Güterzug“ kommt in an Max Raabe erinnernde, durchs Telefon genäselte Erzürnung mit Hang zur vergeblichen Rechtfertigung daher. Und ist dabei so spannend orchestriert, dass der Soundtrack von der „Weiße Hai“ im Vergleich dazu echt einpacken kann. Die kleine Alltagsbeobachtung – ein Mann steht an einer Bahnschranke und wartet, derweil er mit seiner Gattin telefoniert, dass der Güterzug, der ihn aufhält, endlich mal zu Ende ist, damit er weiterfahren kann – wird in altbekannter, also bester Krämer-Manier von einer eher simplen Anfangsschilderung zu purem Schrecken empor dramaturgiert. Toller Song und definitiv eines meiner Lieblingsstücke auf dem Album. Gleiches gilt fraglos für „Dein Verhalten“. Wie schon bei der armen „Frau Zielinski“ legt Krämer auch hier seine Worte einem Schüler in den Mund, diesmal jedoch einem Pubertierenden. Und der Chansonnier ist so schlau, sich selbst ans Mikro zu stellen (oder hat auch einfach keinen Sohn im passenden Alter zur Hand gehabt, wer weiß das schon). Als verhaltensauffälliger Schüler, der bei seiner Direktorin antanzen muss, berlinert sich Krämer durch das Lied, dass es nur so pepenietnagelt (ja, der war Baden-Badener und noch mal ja, ich ver-verbe sehr gerne Namen, wenn die Gesellschaft vertilschweigern kann, kann es auch pepenietnageln). Die Pennälerposse, schon wieder eine Rechtfertigungsarie, kommt im fast schon klamaukigen Hüpfsound daher (kennt eigentlich noch wer Dr Snuggles und das zugehörige Serienlied?) und ist ein weiter Beleg für Krämers Talent, aus simplen Alltagsgeschehnissen in bestem Sinne alles herauszuholen.

Dass Sebastian Krämer bei den Aufnahmen sowohl mit der Sonnenunter-Gang unter der Leitung von Burkhard Götze als auch mit dem Quartett Bowhème Berlin zusammengearbeitet hat, vermag der Laie aus den bisher genannten Titeln kaum herauszuhören. Aus den meisten anderen schon. Denn Krämers Trademark Sound – herrje, gibt für dieses aufgeplusterte Wort eigentlich kein bescheideneres deutschsprachiges Äquivalent? – ist bekanntlich das schwelgerisch am Piano vorgetragene Ballädchen, nach und nach elegant in den Himmel gehoben von Streichern und wieder Streichern und noch mehr Streichern. Und ja, auch auf dieser mp3-Compilation herrscht es eindeutig vor. Leider gerät genau das auf Plattenlänge zum kleineren Problem, ist der Bruch von und zu den zuvor erwähnten musikalisch spannenderen Stücken doch mitunter brutal. Wer eine CD sucht, die nach „wie in einem Guss“ klingt, ist hier definitiv fehl am Platz. Ausgerechnet der titelgebende Einstiegstrack „Deine Tante“ kommt das fragwürdige Verdienst zu, der uninspirierteste Krämer-Song zu sein, den ich kenne. Zur Erinnerung: Krämer ist bekannt für gewitzte Reime, einen an Wahnsinn grenzenden Humor, noch nie gehörte Sprachbilder, Harmonien zum sich einwickeln darin – „Deine Tante“ hat gar nichts davon, versucht es aber auch gar nicht erst. Das Stück ist nicht einmal mies, mies hätte ja immerhin einen Charakter, aber auch den hat „Deine Tante“ nicht. Ein Lied wie eine verfrüht gereichte Hostie. Ist mir schleierhaft, wie gerade dieses Stück titelgebend und reigeneröffnend werden konnte.

Dass der Liedkabarettist seinen dingsbumms, ehm, achja: Trademark Sound, also dass er den auch weiterhin in guten bis mitunter vortrefflichen Varianten drauf hat, beweist er im Verlauf der Kassette dann aber oft genug. „Die Flugzeuge in meinem Garten“ ist ein bedächtiges Einflugschneisenlied, das niemand braucht, aber jeder haben, wieder und wieder hören will. In „Auch noch du“ dann wird der Protagonist von einer ihm zuwinkenden, offenbar recht anziehenden Frau angelächelt. Feine Sache, bringt ihm nur nichts, da er verpartnert ist. Die Dame kommt ihm also so ungelegen, wie jemand nur ungelegen kommen kann, was ihn, den lebensweisen und dementsprechend souverän bis gelassen vor sich hin sinnierenden Mann zu wunderbaren Vergleichen für eben dieses „ungelegen kommen“ bringt. So wahnsinnig viel mehr passiert in diesem Chanson gar nicht, muss es aber auch nicht, denn dieses Wenige, dieses Nichts formuliert Krämer derart grandios, dass er hiermit offiziell als erster Musiker gelten darf, der „hätte, hätte, Fahrradkette“ zur Kunst erhoben hat.

Zugegeben, dieses Schwelgerische, es kann auf Albumlänge auch punktuell an den Nerven zehren. Und zwar immer dann, wenn Krämers Kompositionen und Texte gemächlich vor sich hintuckeln und – ein erprobtes, inzwischen von ihm jedoch zu oft genutztes und daher mittlerweile etwas ausgelatschtes Rezept – darauf hinauslaufen, dass er in den letzten zwei Zeilen, den letzten 6 Sekunden noch seine Pointe raushaut. Früher hat diese unerwartete Finalwendung manchen Song gekrönt, das funktioniert mittlerweile aber nicht mehr. Sei es, weil man eben schon drauf wartet oder aber weil die vermeintliche Schlusspointe diese Bezeichnung nicht verdient. „Mit dazu“ ist ein solches Stück, bei dem der erfahrene Krämer-Hörer nach dreißig Sekunden weiß, dass das jetzt so belanglos nostalgisch weitergehen wird, nicht viel an Dramaturgie zu erwarten ist – und am Ende dann wieder so ein Letzte-Zeile-Dreher kommt. Dementsprechend endet es exakt so, wie man es sich nach 30 Sekunden schon gedacht hat, dass es enden würde. „Pingpong im Dezember“ ist ein ähnliches Stück, das allerdings nicht ganz so arg baden geht mit diesem Schema X-Rezept, da es „auf Strecke“ auch wieder so eine kleine Alltagsbeobachtung ist, der Krämer so herrlich viele Nuancen abtrotzt.

„Mein Affe“, ein Lied für seine Schwester, klingt wie ein müder Abklatsch dessen, was Krämer auf einem früheren Album in der maskulineren Variante als „Mein Bruder“ zu einem, ich nenne es mal so, absoluten Karrierehighlight hat werden lassen. Mit den neu eingespielten Versionen von „Kein Liebeslied für dich“ und „Der Sonnenuntergang am Strand von Frankfurt (Oder)“ macht er Kenner des Krämer-Repertoires dafür um so glücklicher.

Tja, und dann ist da noch mein absoluter Favorit – und vielleicht ja ein Fingerzeig, wohin es in den nächsten Jahren gehen könnte mit Sebastian Krämer und seinen Stücken: „Der Entzogene“. Ein sprachgewaltiges und zugleich rätselhaftes Lied, poetisch und zugleich philosophisch, fest zupackend und sich doch immer wieder abduckend, sich entziehend. Ein Stück, von dem man sich jede Zeile einzeln auf der Zunge zergehen lassen will, wie um sich immer wieder neu für eine andere Geschmacksrichtung zu entscheiden. Dass ich dieserart rede über diesen Song, liegt daran, dass ich nicht so wirklich sagen kann, worum es geht darin. Ideen habe ich viele und sehe mich, Altsprachler der ich bin, auch durchaus in der Lage, eine Verbindung zum myhologischen Sohn des Laërtes zu ziehen. Doch das ist nicht alles, das ist nicht das eigentliche Lied, es gibt hier ein Lied im Lied, ein Chanson hinter dem Chanson. Doch kaum taucht eine Ahnung über dessen tiefere Bedeutung auf, wird sie schon von der übernächsten Liedzeile hinfortgeweht. Zugleich ist da diese kaum zu beschreibende Klammer, die alles zusammenhält. Da wackelt nichts und da tropft auch nichts raus, da steht alles an exakt dem Platz, an den es gehört. Und über all dem ist da dieser unermessliche leere Raum, der nur darauf wartet, mit meinen eigenen Gedanken und Interpretationen, Bildern, Sehnsüchten und Erinnerungen angefüllt zu werden.

„Der Entzogene“ ist für mich ein Meisterstück, keine Diskussion. Ein Lied wie eine Tür, die Sebastian Krämer inhaltlich für mich, künstlerisch aber für sich selbst geöffnet hat. Die Kassette“Liebeslieder an deine Tante“ hingegen erweist sich als eine mp3-Compilation, wie man sie im Oeuvre eines jeden wirklich großen Künstlers fast zwangsläufig irgendwann findet. Eine Übergangsplatte, auf der einer vom altgedient Bewährten noch nicht lassen kann, ein neuer Weg sich aber eindrucksvoll bereits abzuzeichnen beginnt.

Ein Kommentar zu “Wenn „hätte, hätte, Fahrradkette“ zu Kunst erhoben wird. Soeben ausgehört: Sebastian Krämer – „Liebeslieder an deine Tante“ (2020)

  1. Bludgeon
    7. November 2020

    Bei Krämers Zielinski-Song bin ich hinundher gerissen: „Ja isso“, wollt ich jubeln, aber „nee isso nich“ sagte ich mir nach der Poente, die mir im Halse stecken blieb, aber zu“ ja isso“, hab ich mich dann doch wieder durchgerungen, weil Kinder dann wirklich so denken, weil sie’s der Helikopterkampfhenne zu Hause nachplappern.

    Das mit den Kindern in Musik, das geht nicht nur bei Pink Floyd:
    Grobschnitt „Wir wollen leben“, heute für viele ein bissl abgelatschtes Lied von 1982, aber mir gehts immer noch unter die Haut;

    „Schule,Schule nein danke!“ von Denise und der wilden 13, ein NDW-Hit aus der Schublade Genialer Diletanten;
    „Bargeld Amore“ Lost Gringos 1983; heute schwer gesucht;
    „Fred vom Jupiter“ heute ein Klassiker;
    „Vor unserm Hause“ von 4 PS (DDR); kurzlebige Supergroup mit Supersong und Schulchor…
    würde ich also nicht so verdammen, wenn da einer mal ein paar jüngere Stimmen einbezieht.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 14. März 2021 von in Musikrezensionen, Nachrichten und getaggt mit , , , , , , .
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