David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – bipolarer Bedenkenträger

Über dieses Drecksgefühl, politisch weder links noch rechts zu sein. Soeben ausgelesen: Florian Langbein – „Friedensweide“ (2019)

von David Wonschewski

Vorabfazit: 4 von 5 Sternen

Vor einigen Jahren, ich war noch beim Radio tätig, kam eines montagmorgens ein türkischstämmiger Kollege zu mir ins Büro – merklich angefressen. Ich fragte, was denn los sei, und er erwiderte, dass er von diesem Naziland langsam aber sicher die Schnauze voll habe. Und dann erzählte er: dass er übers Wochenende Besuch von zwei Kumpels aus der Türkei gehabt habe und denen stolz die großartige Berliner Clubszene präsentieren wollte. Und gleich in die ersten beiden Clubs nicht reingekommen sei, abgewiesen von stiernackigen Adolf-Türstehern. Ohne vernünftige Begründung, einfach nur „ihr – nicht – schönen Abend noch“. Er hatte wenig Verständnis dafür, er ist in Deutschland geboren, spricht akzentfrei deutsch, sie waren allesamt gut angezogen, kein Tropfen Alkohol und müssen sich dennoch so einen Nazimist gefallen lassen, nur weil sie etwas dunklere Haare und vielleicht auch Haut haben. „Ob Elvis wirklich noch lebt“- wir arbeiteten in der Musikredaktion – „weiß ich nicht, aber Adolf ist in Berlin noch säääährrrr präsent“, schob er zürnend hinterher. Was ich ganz lustig fand, zumal er das r so schön rollen konnte.

Nun hatte ich schon damals das Problem, die Weisheit löffel- , ach was sage ich denn kübelweise zu mir genommen zu haben, und so fragte ich ihn in möglichst neunmalklugem Tonfall, woher er denn so genau wisse, dass der ihm und seinen Freunden nicht gestatte Einlass was mit Ausländerhass zu tun habe. Das sei doch offensichtlich, sagte er. Genau das sei es keineswegs, raunte ich, gespielt geheimnisvoll. Denn ich hätte da von ganz anderen Bevölkerungsgruppen gehört, die auch gerne mal an Berliner Club-Türstehern hängen bleiben, gnadenlos als nicht kompatibel ausgesiebt werden. Er verstand nicht recht und so lüftete ich: Mir selbst zum Beispiel ist das auch ab und an passiert. Nie wenn ich alleine oder in Frauenbegleitung wohin kam. Dafür durchaus regelmäßig, wenn ich mit männlichen Freunden unterwegs war. Diese maskuline Vorliebe fürs Versacken in abgespackten und holzvertäfelten Weddinger Spielomat-Spelunken hat nur bedingt mit Bock auf möglichst stillosen Suff zu tun, sondern ist mitunter genau darin begründet: Irgendwann gewöhnt man sich halt an lieber gleich dorthin zu gehen, wo man willkommen ist.

„Wäret ihr drei Türkinnen, ihr wäret aber sowas von easy in den Club gerutscht, gratis Prosecco dazu“, sprach ich also und fügte hinzu: „Euer Problem ist nicht eure Herkunft, euer Problem ist euer Geschlecht“. Ich weiß noch, dass mein Kollege kurz darüber nachdachte: „Du meinst also meine Schwestern oder Cousinen kämen da sicher rein, mit oder ohne Kopftuch, egal, jal?“. Die Frage war mir irgendwie nicht geheuer, ich witterte einen cleveren Hinterhalt und ging zum Gegenangriff über: „Sorg‘ du dafür, dass eure Leute deine Schwestern abends rauslassen, dann sorg‘ ich dafür, dass meine Leute deine Schwestern abends reinlassen.“ Ich gestehe ein, unsere morgendlichen Unterhaltungen hatten immer schnell was von Basar, ich vermisse das sehr, es gab immer so herrlich viel zu verschachern, Wertvorstellungen, Menschenrechte, Drogen, Waffen, man kennt das.

Um den Schwank abzukürzen: Wir einigten uns schließlich darauf, dass man nichts Genaues nicht weiß, sehr vermutlich eine Gemengelage ihm und seinen Kumpels den Eintritt in die endsteilen Clubs verwehrte. „Mann“ plus „Türke“ plus „im Rudel“ – das gibt jedem Klischeezossen derart die Sporen, dass ein so ausgelassen begonnener Abend schonmal im Spätkauf ausklingen muss Oft, wenn es um die Themen „Flüchtlinge“, „AfD“, „Wutbürger“ und „gesellschaftlicher Rechtsruck“ geht, muss ich an speziell diese Unterhaltung denken. Denn ich bin fest überzeugt davon, dass mein regelmäßiger und erleichternd undiplomatischer Austausch mit meinem Kollegen meine eigene Position in dem ganzen Wirrwarr maßgeblich geprägt hat. Ich finde es (auch für uns selbst) wichtig Menschen aus anderen Kulturen die Türen offen zu halten, wenn man Hilfe geben kann, diese auch zu gewähren. Ich glaube jedoch nicht an Integration, sehe nicht einmal einen Sinn darin. Es wird sich immer reiben, weil es sich reiben muss: Keine Reibung, kein Fortschritt, keine Unterschiede, keine Erkenntnis, ohne dich kein ich. „Integration“ ist genau so ein Leerbehälter- Nonsensewort wie „Patriarchat“ oder „Kapitalismus“, letztlich nichts anderes als eine modern-westliche Variante von Voodoo. Jeder kann alles erdenklich Üble reinstopfen, ganz so wie er lustig und dann ordentlich draufknüppeln, in der verwegenen Hoffnung, dass irgendwo anders jemand aua schreit. Und wenn es leergeknüppelt ist, packt man halt was Neues rein. Firlefanz.

An der Subjektivität und Länge der Einleitung – obschon das für meine Rezensionen durchaus typisch ist – lässt sich erahnen, dass auch ich schon mal daran dachte, einen Roman zu schreiben über dieses Gefühl als quasi Normalo etwas hilflos festzustecken zwischen den Rechten, den Linken und den Flüchtlingen. Zwar keinen Bock auf Radikalisierung, egal in welche Richtung zu haben – zugleich aber zu wissen, dass mich abwenden, Hecke schneiden, Rasenmähen und nach Herzenslust rumbiedermeiern eben auch nicht geht. Diesen Roman kann ich mir mittlerweile sparen, denn so gut wie Florian Langbein einen solchen unter dem Titel „Friedensweide“ in die Öffentlichkeit gestellt hat, kriege ich das garantiert nicht hin.

„Friedensweide“ kommt im Gewand eines kleinen Krimis daher. In einem mitteldeutschen Kaff wird ein, ehm, „geistig gehandicapter“ Mann zusammengeschlagen. Da er selbst sich nicht artikulieren kann, macht sich die Dorfmeute auf die Suche nach dem fiesen Täter. Findet ihn jedoch nicht, was die Mutmaßungen ins Kraut schießen lässt. Topantwort: Die Reutliner waren es! Reutlin ist das Nachbarkaff von Friedensweide, vor kurzem erst zu zweifelhafter Berühmtheit gelangt, da dort eine Dokumentation gedreht wurde, in der untersucht wurde, warum die NPD bei der letzten Wahl auf pittoreske 98% der Stimmen kam. Ja, Reutlin hat seinen Ruf als Nazinest sicher. Und wer Ausländer hasst, tja, vermöbelt gewiss auch Behindis. Als „Behindi“ bezeichnen die Friedensweider ihren zusammengeschlagenen Erwin, ein natürlich gemeinter Begriff, klar. Schließlich sind sie in Friendsweide keine Nazis. Im Gegenteil sogar, vier junge Syrer haben sie im Ort aufgenommen. Okay, von der Idee genau das zu tun war zunächst auch hier keiner so richtig begeistert, aber als die Dokumentation über Reutlin raus war und man fürchtete, dass so ein schlechter Ruf vielleicht auch über die 500 Meter Feldweg zwischen den Käffern bis nach Friedensweide schwappen könnte, war die Sache geritzt. Hilfe zur Selbsthilfe gewissermaßen. Wenn der Zweck die Mittel heiligt, heiligen auch die Mittel den Zweck.

Die Reutliner nun haben keine Lust, ständig als Doofdorf dazustehen, nur weil die Medien mal wieder einseitig berichtet haben. Zumal sie doch genauso wertkonservativ unterwegs sind wie alle anderen auch, allen voran Friedensweide. Aber es ist ja so hexenmäßig einfach: Kaum passiert irgendwo was Schlimmes, na klar, dann war es ein Reutliner! Springt der Trecker nicht an, ist die Ernte im Eimer, wird der Dorfmongo geklatscht, tja, dann werden die Ärmel nach oben gekrempelt, dann werden die Fackeln angezündet und dann wird – Sitte und Anstand im Hirn – nach Reutlin marschiert, für Ordnung gesorgt. Naja, oder eben andersherum, von Reutlin nach Friendsweide. Denn da, hüstel, wohnen ja bekanntlich vier „Arabs“. Und da wurde auch Erwin zusammengeschlagen. Hat auch was mit Feigheit und Unaufrichtigkeit zu tun des Falles Lösung in Reutlin zu suchen, ja oder nicht?

Wir erkennen bereits, worin Florian Langbein brilliert: in der Verwebung und Verknotung von Gut und Böse, Schuld und Unschuld, anständig und unanständig. Seine kleine Detektivgeschichte auf dem Rücken zweier kleiner benachbarter Provinzkäffer aufzubauen gelingt schlichtweg genial, denn zu ähnlich sind sich die Bewohner hüben wie drüben, zu absurd, mitunter gar lächerlich, ein jeder Versuch, eine klare Grenze zu ziehen oder die so beliebte „klare Kante“ zu zeigen. Als später dann noch das Haus, in dem die vier Syrer untergekommen sind, angezündet wird und abbrennt, wird es im wahrsten Sinne des Wortes hitzig. Ist die Aktion nicht ein wenig zu augenfällig, um von Reutlinern begangen worden zu sein? War es also vielleicht doch wer aus Friedenswalde, dem die Arabs allzu sehr auf der Tasche liegen? Oder sogar die Syrer selbst, sind sie doch die einzigen Nutznießer des Ganzen, Attentatsopfer verweist man nur ungern des Landes. Fiel eh schon auf, dass einer der Jungs enorm schnell und gut Deutsch gelernt hat. Und nun auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz ist. Da muss man ja nur einmal eins und eins zusammenzählen. Verdächtiger geht es ja kaum, na der kann was erleben.

„Friedensweide“ zu lesen ist 180 von 200 Seiten lang ein sich langsam und bedrohlich dahinschleppender Hochgenuss, der sich mührlos einreiht in die Riege sommerlich-stickiger, extrem aufgeladener Ödniskatastrophen, immer kurz vorm Donnerkollaps. Langbein lässt seinen um Ausgewogenheit bemühten Dorfvorsteher Kurt da nach Tätern suchen, wo es keine zu finden gibt, da zwischen vermeintlich verhärteten Fronten vermitteln, wo gar nichts zu vermitteln ist. Und wo – und hier wäre das Buch für mich ein echter 5 von 5 Sterne-Knaller – bei genauem Hinsehen ja nich mal was verhärtet ist. Dass ich – als wenn irgendwen meine debile Sternebewertung echt jucken würde – dass ich einen Stern abziehen muss, ist tatsächlich den ziemlich in den Murkssand gesetzten letzten zwanzig Seiten geschuldet. Wie erkläre ich nun den Makel, ohne die Lösung des Falles zu spoilern? Kaum möglich, ich möchte es daher mit zwei Bildern versuchen. Stelle dir vor, du schreibst Deutschklausur und bist total super im Schreibflow und die Lehrerin ruft: Noch 5 Minuten! Du hättest aber noch Ideen für 20 Minuten, verdammt! Gedanken sauber ausarbeiten ist nicht mehr, also klatscht du hemmungslos alles in diese letzten 5 Minuten, auf zwei Seiten, egal der Stil, egal der Zusammenhang, rein, rein, schnell noch rein! Und stelle dir dann vor, du verbringst den ganzen Nachmittag damit, dich oberschick für den Abend zu machen, badest, cremst, frisierst, wirfst dich in den neuen Armani-Anzug, bist ein lecker Typ! Und dann verhaust du es, weil du den linken Schuh auf den rechten Fuß ziehst und den rechten Schuh auf den linken Fuß. Und du so den ganzen Abend dann herumläufst. Was nicht nur schmerzhaft ist, sondern auch wenig stilvoll aussieht.

So in etwa empfinde ich die letzten zwanzig Seiten von „Friedensweide“, hektisch aufgesetzt, ungenügend mit dem erlesenen Rest des Romans verschraubt. Ob da eine Deadline drängte, ob die Lust verebbte, wir werden es nie erfahren. Im Grunde lässt Langbein dort alles das vermissen, was den Roman groß – und ja, in Summe ist er groß und muss gelesen werden – macht. Wo er zuvor leichtfüßig zwischen den Positionen umhertänzelte, lässt er es plötzlich politisch korrekte Zementsäcke regnen. Wo er zuvor ein sehr feines, psychologisch hervorragend aufgesetztes Charaktergestrüpp aufbaute, haut er plötzlich reihenweise Hilflosigkeiten raus Marke „ein schwuler Mann erklärt dem Hetero-Kurt, dass letztlich alles Unheil auf seiner Angst beruht, anderen auf Augenhöhe begegnen zu müssen“. Ja, die vielbeschworene unterschwellige Angst des Mannes, auch so ein moderner Leerbehälter aus der Nonsenfabrik, in den sich neuerdings immer dann, wenn man keine Antworten aber Haubedarf hat, alles reinbuttern lässt.

Egal, „Friedensweide“ gerät in Summe derart großartig, dass ich mit dem Gedanken spiele, mir auch das Langbein-Debüt „Wetterleuchten“ zu besorgen.

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