David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – bipolarer Bedenkenträger

Der große Sprung ins Leere. Soeben ausgelesen: Dag Solstad – „Elfter Roman, Achtzehntes Buch“ (1992)

von David Wonschewski

Vorabfazit: 4 von 5 Sternen

Aber natürlich ist die Suizidstatistik bemerkenswert. Denn Selbstmorde finden zuvorderst dort statt, wo man sie – rein logisch betrachtet – am wenigsten verorten würde. Es gibt von Bürgerkriegen und Gewalt zerrüttete Gegenden auf dieser Welt, Landstriche, die derart verarmt und perspektivlos sind, dass ein jeder subjektiv dunkler Gedanke nur nachvollziehbar wäre. Sinnigerweise neigen Menschen, die in diesen Regionen leben, kaum dazu, sich selbst von der Erde zu entfernen. Wo neigt man stattdessen dazu? Genau, im reichen, wohlhabenden, demokratischen, sauberen, gut organisierten Westen. Leider lässt sich der Faustformel nur schwerlich widersprechen, wonach Menschen weniger Bock aufs Leben haben, je besser es ihnen geht. Je unbesorgter sie sein könnten.

Womit wir schon bei Dag Solstad sind, dem vermutlich größten lebenden norwegischen Literaten, den nicht wenige Romanconnaisseure seit geraumer Zeit in den erweiterten Kreis potenzieller Nobelpreiskandidaten ziehen. Denn Dag Solstad, dieser so stille, so überaus sensible Skizzierer auffallend minimaler Befindlichkeitsnuancen, kennt Buch für Buch nur einen Protagonisten: den enorm gut situierten, akademischen, weißen, männlichen Intellektuellen. Wohnhaft im friedlichen, zivilisierten und – zumindest für ihn selbst – wahnsinnig gerechten Europa. Und somit genau die Art von Mensch, die sich auf diesem Erdball vermutlich am nähesten an jenem erstrebenswerten Zustand wähnen dürfen, den wir glücklich nennen. Tja, aber irgendwas passt nicht. Irgendwas stimmt nicht in den Leben der Solstad-Protagonisten. Und sie selbst können am allerwenigsten definieren, was denn da im Argen liegt, woher dieser Hauch von Lebensverstörung kommt.

Das geht auch Bjørn Hansen so, dem Kämmerer einer kleinen norwegischen Stadt. Knapp 50 Jahre alt ist er, seit 17 Jahren am Ort, Kongsberg, seit vier Jahren alleinstehend. Bevor er nach Kongsberg kam, mit Anfang 30, war er ein lupenreiner Karrierist, dem von Geburt an alles wie von selbst zufiel, der sich in Osloer Ministerien sauber nach oben arbeitete, eine hübsche Frau hatte, einen zweijährigen Sohn. Aber dann der erste Lebensrappel, eine Affäre mit einer künstlerisch aktiven Kongsbergerin, der Abbruch aller Zelte in Oslo, der Dame hinterher. Für den Kämmererjob ist er definitiv überqualifiziert, zu seiner charismatischen Frau und ihrer Theatergruppe mag er auch nicht so recht passen. Und doch vollzieht er den Sprung, zieht nach Kongsberg, lässt Frau und Sohn zurück. Mit simpler Libido ist das schon nicht mehr zu erklären, dafür ist Bjørn Hansen zu vergeistigt, zu kopfgesteuert. Und so wild ist die neue Beziehung auch wieder nicht. Und doch bleibt er weit über zehn Jahre mit der Frau zusammen, schließt sich sogar ihrer lokalen Theatergruppe an, um diverse Aufgaben und kleine Nebenrollen zu übernehmen. Und so untalentiert er sich selbst auch findet – seine Frau ist da ganz anderer Meinung – er entwickelt Geschmack am Rollenspielen. Vor allem in seiner neuen, bald schon zwar noch netten, aber eben auch eingefahrenen Beziehung: „Er war sich vollkommen darüber im Klaren, dass, nachdem er sieben Jahre mit ihr zusammengelebt hatte, sein wichtigster Beitrag zur Aufrechterhaltung ihrer Beziehung in einer Reihe von Ausbrüchen vorgeblicher Eifersucht bestand.“

Bjørn Hansen ist gar nicht eifersüchtig. Doch es treibt ihn dazu, seiner charismatischen Frau, die Menschen anzieht wie Motten das Licht, Szenen zu machen. Weil er versteht, dass ihre Beziehung nur so funktioniert. Mittels einer Rolle. Würde er sich nicht immer wieder neue Eifersuchtsvorwürfe einfallen lassen, die Beziehung würde binnen weniger Wochen zerblättern. Die Frage, warum jemand sich derart verstellt, steht im Raum. Und wird von Solstad auf seine für ihn so typischen feingliedrig philosophische Art zwischen den Zeilen beantwortet: Stirbt diese Beziehung, stirbt alles, sind alle getätigten Schritte der Vergangenheit ein Irrtum, ein Zirkelschluss gewesen. War der große Sprung von Oslo nach Kongsberg ein Sprung ins Leere.

So weit, so nachvollziehbar. Wunderbar verzwirbelt wird es jedoch an der Stelle, wo Bjørn Hansen selbst es ist, der das Scheitern auch dieser Beziehung forciert. Denn er ist es, der der Laienschauspielgruppe ein Ibsenstück aufzwingt. Und damit eine dramaturgische Liga, für die bestenfalls seine Frau das handwerkliche Rüstzeug besitzt, nicht aber der Rest der Truppe. Bjørn Hansen will Ibsen spielen, weil die Sehnsucht nach einem neuen, sozusagen kleinen großen Sprung längst in ihm sitzt. Der Mann möchte der Gleichförmigkeit seines noch immer privilegierten, herrlich sicheren Lebens entrinnen – durch akute Selbstüberforderung. Und so kommt es, wie es kommen muss. Sie spielen Ibsen und als eine Art Rache bürdet das Ensemble ihm, dem Verursacher, die Hauptrolle auf. Ein Fiasko, statt sechs Vorstellungen gibt es nur vier – und auch die nur, weil seine Frau in ihrer Nebenrolle sich entschließt, alles zu geben. Was im Theater bedeutet: mittels billiger, affektheischender Charaktertricks alle anderen an die Wand zu spielen. So lässt sich immerhin Szenenapplaus generieren, hinterher wird es auch heißen, sie allein habe das Stück, es ist mal wieder die von Solstad so innig geliebte „Wildente“ gerettet. Was aus Sicht von Bjørn nicht stimmt. Sie hat sich über alle erhoben, ihn zuvorderst. De Beziehung ist im Eimer und zumindest der Leser ahnt, dass es hier nur um einen Anlass ging, den Bjørn Hansen brauchte, um erneut zu springen.

Doch wohin springt so ein gut situierter Mann? Zunächst in eine kleine Singlewohnung, logisch. Da hockt er dann aber, mit eben Anfang 50. Dass Freiheit nur ein Wert für jene ist, die diese nicht kennen, das ist ihm schon lange klar. Mit dem Genießen dieses neuen Zustands ist es also nicht weit her. Und so treffen wir Bjørn Hansen sozusagen in der Paradedisziplin von Dag Solstad an: der Einsamkeit eines an und für sich nicht einsamen Menschen. Denn der gute Mann hat weiterhin seinen gut bezahlten, sehr einflussreichen Kämmererjob. Er hat Freunde und gehört vermutlich zu den auf den Straßen von Kongsberg am meisten gegrüßten Menschen. Und geht somit kaputt an etwas Abstraktem, etwas Unsichtbaren, kaum Bestimmbaren: an dem Zustand keinerlei Probleme zu haben. Das Leben von Bjørn Hansen tuckert, aller kleinen und großen Sprünge zum Trotz, geruhsam und gesichert vor sich hin. Es ist zum Mäusemelken. Doch dann meldet sich sein inzwischen 20-jähriger Sohn nach vieljähriger Kontaktlosigkeit bei ihm, er wird in Kongsberg studieren und sucht für die ersten Monate eine Bleibe. Infolgedessen Bjørn Hansen dann auf eine Idee kommt, die an Irrsinn schwerlich zu überbieten ist.

Um die Lektüre von „Elfter Roman, achtzehntes Buch“ nicht zu vermiesen, darf hier nicht mehr verraten werden. Nur so viel: Solstad wäre nicht Solstad, würde er das Aufeinandertreffen von Bjørn Hansen mit seinem Sohn zu einem verkitschten Hohelied auf Eltern-Kind-Bindungen verkommen lassen. Macht er nicht. Und Solstad wäre auch nicht Solstad, wäre Selbstmord für ihn oder einen seiner Protagonisten ein Ausweg. Ist er nicht, denn sucht einer nach echten Gefühlen, nach echten Bindungen, ist einer das ewige Springen leid und in der Situation, sich selbst ein wenig bestrafen zu wollen für das Glück der zu sein, der er ohne großes Zutun geworden ist – dann gibt es heftigere Maßnahmen als den Suizid.

Solstad findet eine solche.

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