David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – bipolarer Bedenkenträger

Die Alpen schieben sich immer öfter ins Bild, und eine Volksmusik macht sich bemerkbar. Soeben ausgelesen: Elfriede Jelinek – „Die Ausgesperrten“ (1980)

von David Wonschewski

Vorabbewertung: 5 von 5 Sternen

Nein, das ist für nachgeborene Generationen nicht mehr zu verstehen. Warum die Jugendlichen der späten 50er- und frühen 60er-Jahre so ausgerastet sind bei Elvis oder den Stones. Geht auch mir so, wenn ich mir die entsprechende Musik anhöre. Während eine Kopfband wie die Kinks mich auch heute noch sehr packt, kriegt mich die Unterleibscombo Stones kein Stück. Ziemlich viele gute Songs, ja. Aber doch jetzt nichts, wo einem nicht nur im übertragenen Sinne der Knopf von der Hose springen müsste. Wie man als junge Frau da ins Kreischen kommen konnte und einen als jungen Mann die Lust packte, Bestuhlungszerstörung zu betreiben, keinen Schimmer. So wild ist das alles nicht, um beim Anhören selbst ganz wild zu werden.

Sprach’s. Und war, während er derlei Empathieschwächen von sich gab, Jahrgang 1977. Und eben nicht Jahrgang 1940-1950. Hat ergo keine Ahnung, wie es gewesen ist, unmittelbar nach dem Krieg aufzuwachsen. Und es stimmt, mein Wissen über die 50er-Jahre ist zwar wahrlich nicht „von Pappe“, aber doch reichlich idealisiert, wenn nicht eher idyllisiert, gnadenlos verkitscht. Eine Melange aus Wirtschaftswunder, Ludwig Erhard mitsamt Zigarre, Autos, die man sich leisten konnte, erste Urlaube in Italien. Und als Zuckerguss oben drüber überkolorierte Trällerfilme mit Peter Kraus, Caterina Valente, Liselotte Pulver, Paul Hubschmid und O.W. Fischer. Richtig ab ging es vorher, im Krieg, und ab 1968 wieder. Dazwischen aber, alles friedlich, alles schmuck.

Bleiern, würde Elfriede Jelinek vermutlich hinzufügen. Und damit den Finger genau auf meine Verständniswunde legen, bereits eine Ahnung in mir dafür entfachen, warum gerade die Jugendlichen jener Zeit dem Pulverfass glichen, das zunächst über Musik kleinere Eruptionsmöglichkeiten fand, bevor es dann vollends politisch, rebellisch, umstürzlerisch wurde.

„Die Ausgesperrten“ (1980) ist der erste Roman, den ich von der späteren Literaturnobelpreisträgerin Jelinek zur Hand genommen habe. Und es gibt nicht wenige Stimmen, die behaupten, es sei stilistisch betracht ihr einzig lesbarer. Die Handlung basiert auf einer wahren Begebenheit in den 1950-iger Jahren. Vier Wiener Jugendliche schließen sich zu einer Bande zusammen und fassen den Vorsatz, möglichst sinnlose und brutale Raubüberfälle zu begehen. Mit dabei der pseudointellektuelle Anführer Rainer Maria Witkowski, seine zwischen Aggression und Autoaggression hin und her pendelnde Zwillingsschwester Anna, die aus sehr wohlhabenden Kreisen stammende Sophie Pachofen sowie der muskulöse Elektronik-Auszubildende Hans Sepp. Ja, abgesehen von der familiären Bindung scheinen die vier 17-jährigen nicht viel gemeinsam zu haben. Die Geschwister Witkowski kommen aus kleinstbürgerlichen
Verhältnissen, der Vater ein Kriegsinvalide und alter Nazi, die Mutter ein zahm-wehrloses Kleinstlicht, das von ebendiesem täglich misshandelt und gedemütigt wird, was dazu führt, dass beide von ihren Kindern hingebungsvoll verachtet werden. Sophie kommt aus „gutem Haus“: reiche Eltern, Villa in Hietzing und Tennisstunden. Hans Sepp schließlich ein Handwerker, ein „Prolet“, dessen Vater als Sozialdemokrat wenige Jahre zuvor hingerichtet wurde und dessen Mutter sich nichts sehnlicher wünscht, als dass Hans in seine politischen Fußstapfen tritt.

Jelinkes Beschreibung des Binnenverhältnisses der vier Jugendlichen sowie ihre Wahrnehmung von Gesellschaft ist mit „furios“ noch viel zu untertrieben benannt. Mit abgeklärter Distanz, die sehr an das erinnert, an was sich Sibylle Berg heutzutage verhebt, entfacht sie einen radikalen Zynismus, der wahrlich seinesgleichen sucht. Legt das Lebensgefühl dieser jungen Menschen gerade dadurch offen, dass sie alle vier – mitunter stark divergierenden Sichtweise – als Selbstverständlichkeit darstellt. Eine Selbstverständlichkeit, die nur deswegen funktioniert, da es sich hier um vier lupenreine Egoisten, wenn nicht gar Narzissten handelt. Allesamt angestachelt von einem tiefen Lebensekel, der ihnen von ihrer Elterngeneration in einer Form von Kriegstraumatisierung und Aufbauverwirrung eingeimpft worden ist. Diese Jugendlichen schweben nicht mehr in Lebensgefahr, sie wachsen in erstem Wohlstand auf, haben glänzende Lebensaussichten, erleben alle Vorteile eines nunmehr funktionierenden Rechtsstaats. Doch das Gefühl, gefangen zu sein, in einer verlogenen, reaktionären Gesellschaftsordnung festzustecken, überwiegt.

Zunächst versuchen sie, ihre Frustration durch die Lektüre von Sartre und Camus zu bewältigen. Als das sich jedoch als zunehmend lufteerer erweist, greifen sie zu verstörender Brutalität gegen wahllos ausgesuchte Passanten.
Und die Gewaltspirale dreht sich weiter und immer weiter. Was auf den ersten Blick wie ein sozialkritisches Lehrstück wirkt, erweist sich als ein vielschicht-komplexer Roman von bedrückender erzählerischer Dichte und auch und immer wieder – gerade das macht den Zynismus mitunter aus – Poesie. Jelineks Sprache ist zwar klar, präzise und voller Kälte, aber auch derart angefüllt mit kreativen Wortverdrehungen, dass der harte Stoff doch tatsächlich enorm amüsant zu lesen ist. Das Wunderbare dabei: Jelinek kennt kein Mitgefühl, für niemanden, entlarvt sie allesamt, die Täter, die zugleich Opfer sind und auch die Opfer, die doch nur Opfer sind, weil sie zuvor Täter waren.

Ein Roman, der hervorragend vor Augen führt, warum Elfriede Jelinek (wie auch Thomas Bernhard) von ihren Landsleuten so heftig angefeindet und bis heute als „Nestbeschmutzerin“ niedergemacht wird. Deren Kritikern erst mit dem Literatur-Nobelpreis von 2004 ein wenig der Wind aus den Segeln genommen wurde. Ihre Werke, so das Nobelkomitee, würden nämlich «mit einzigartiger sprachlicher Leidenschaft die Absurdität und zwingende Macht der sozialen Klischees enthüllen». Wer den Roman «Die Ausgesperrten» liest, wird das genau bestätigt finden, scharfzüngig schreibt die Autorin gegen Missstände in der österreichischen Gesellschaft der Nachkriegszeit an, in der das Wirtschaftswunder wie ein blickdichter Schleier die böse Vergangenheit zu verstecken suchte.

Ich ahne: Ob es bei mir für derlei Brutalitäten gereicht hätte, weiß ich nicht, aber ganz sicher wäre auch ich durchgedreht, damals, auf meine Art. Und sei es nur, dass mir der Knopf von der Hose gesprungen wäre, ich spätestens am 15. September 1965 brandschatzend und marodierend durch die Berliner Waldbühne getobt wäre. Auch auf anderem Wege ebenfalls keine Satisfaktion gefunden hätte.

Ein Roman, bei dem einem das Lachen nun wirklich im Halse stecken bleibt. Ätzende Literatur vom Feinsten.

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Lesen Sie „Schwarzer Frost“, den Debütroman von David Wonschewski. Mehr Informationen: HIER.

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