David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – bipolarer Bedenkenträger

Wenn aus Hoffnungslosigkeit Wut wird. Soeben ausgelesen: John Steinbeck – „Früchte des Zorns“ (1939)

von David Wonschewski

Vorabfazit: 5 von 5 Sternen

Klar bin ich stolz darauf, dass ich seit nunmehr 25 Jahren wacker wählen gehe. Egal wo es mein Stimmlein abzugeben gibt, ich bin dabei. Nicht einmal Wahlen für das EU-Parlament lasse ich aus – und das heißt bekanntlich schon was. Weitaus weniger stolz bin ich allerdings darauf, dass ich bei meinem Wahlverhalten keinerlei Konstanz aufzuweisen habe. Ich bin der personifizierte Swing-State, gewissermaßen. Wer um mich buhlt, kriegt mich auch, heute hier, morgen dort.

Okay, ganz so arg ist nicht. Und doch ist eine signifikante Wanderung festzustellen, die sich zwar logisch herleiten lässt, dennoch faszinierend bleibt. Ich wuchs im tiefkatholischen Münsterland aus, in der Provinz gab es nur CDU, auch für die ganz jungen Menschen. Wer SPD wählte, war schon auffällig. Meine Eltern zum Beispiel, einst aus dem malochenden Ruhrpott eingewandert. Hatten dann auch nichts Besseres zu tun als mich in einen der ersten alternativ Grünen-Kindergärten zu stecken, Anfang der 80er-Jahre. Und was wählt der Jung‘ kaum ist er 18 mit so einer kindlichen Vorprägung? Helmut Kohl, klar. Auch so herum funktioniert halbstarkes Rebellentum. Sogar in der Jungen Union war ich. Als ich wenige Jahre später zum Studium nach Berlin zog – Islamwissenschaft, Jüdische Studien – bröckelte die konservativ-bürgerliche Fassade schnell. Einem kurzen, aber intensiven Intermezzo in der Berliner FDP folgte mein Abdriften nach links. Aber so richtig. Studentisches Umfeld, Berlin sowieso und zunehmend Künstlerkreise prägten mich. In der Deutsch-Palästinensischen Gesellschaft war ich auch, das ganze Programm. Als ich 2016 aus Berlin wegging, war ich zwar nicht Teilnehmer, aber durchaus mentaler Sympathisant diverser, nun, unfeiner Hauruck-Aktionen, die man vornehmlich mit gewissen Stadtteilen in Hamburg und auch Leipzig verbindet.

Tja. Und dann die nicht ganz freiwillige Rückkehr ins Münsterland, dazu das eigene fortschreitende Alter. Der Job, die Sorge um die Altersvorsorge, das Sparbuch. Auch hier: das ganze Programm. Nicht zu vergessen die Umgebung, die Stadt Münster. Die Kreise, in denen ich mich nunmehr bewege. Dass man im Alter generell konservativer wird, wusste ich vorher. Dass ich aber derart schnell zurück ins (spieß-)bürgerliche Lager driften würde, das finde ich selbst mitunter erschreckend. Ich meine: Sieht ein felsenfester Charakter, ein klarer Standpunkt nicht anders aus? Kaum dreht sich mein persönlicher Wind, schwupp, diene ich mich einer anderen Idee an. Personifizierter Swing-State? Schön wär’s. Mischung aus Chamäleon und Wackeldackel trifft es eher. Andererseits ist vielleicht gerade das menschlich, ergo authentisch. Ich meine, schon mal bei einem Konstantin Wecker-Konzert gewesen? Drinnen findet die linke Revolution statt, zelebriert von Leuten, die das seit über 30 Jahren so machen. Dabei aber offenbar gar nicht gemerkt haben, dass ihre Kleidung, ihr ganzer Habitus sich geändert hat, sie längst die gesellschaftliche Elite sind, gegen die sie da anwettern. Es gibt einen Song der britischen Band Editors, in der der Sänger kundtut, dass das Traurigste, was er je gesehen hat, Krankenhauspatienten sind, die sich zum gemeinsamen Rauchen vorm Gebäude einfinden. Das Traurigste, was ich je gesehen habe, ist der Fuhrpark vor der Halle eines Konstantin Wecker-Konzerts. Bonzeritis.

Warum „Früchte des Zorns“ von John Steinbeck mich zu diesem Einstieg inspiriert hat, ist schnell erklärt. Jemanden wie mich kriegt man von links nicht mehr so einfach. Ich war schon da, ich bin dem entwachsen, ich entlarve einen Großteil des Geredes aus dieser Richtung mittlerweile als ideologisch verbrämten Bockmist privilegierter Kreise. Und nun kommt dieses Buch, dieser unfassbare dicke, mittlerweile echt alte Schinken, der totaler Arbeiter-Klopper. Und ich kriege die Wut, balle zum ersten Mal wieder die Faust, möchte Hinterteile treten, ach was sage ich denn: Fabriken anzünden, Arbeitgeberpräsidenten zum Tanz bitten. Den sozialen Ungerechtigkeiten auf der Welt den bitterbösen Kampf ansagen.

Problem an der Geschichte: Finde mal wen, den du einwandfrei als schuldig benennen kannst. Ein Menschheitsmanko, das zugleich die ganz große Kunst dieses Buches ist – so sehr wir mit den kleinen, herumgeschubsten, ausgenutzten, ins Elend gedrückten Arbeitern empfinden, Steinbeck verzichtet darauf, seine Geschichte nach einem simplen Gute Menschen, schlechte Menschen-Konstrukt aufzuziehen wie es von modernen Linken so gerne getan wird. Statteddesen findet er Worte dafür, dass wir – wir alle, wirklich alle – ein kapitalistisches Monster erschaffen haben, dass zunächst alle auslaugt, dann alles zersetzt. Getrieben von Angst, Opfer grausamer und entmenschlichender Verhältnisse sind alle in „Früchte des Zorns“, der Wandermalocher gleichermaßen wie der Plantagenbesitzer.

Der Roman beschreibt das Schicksal der Farmersfamilie Joad, die – wie Tausende andere auch – in der großen Depression der 1930er-Jahre und der Dürrekatastrophe ihre Heimat Oklahoma verlassen muss. Das Ziel ist Kalifornien, das bei Steinbeck zunächst als wahrlich gelobtes Land daherkommt. Die wenigsten „Okies“ waren je da, doch es ranken sich Legenden um die Schönheit der Landschaften, dem guten Leben seiner Bürger und vor allem: Der vielen einträglichen Arbeit, die es dort gibt. Angelockt werden all diese Familien auch von Handzetteln, die tatsächlich aus Kalifornien stammen. Ausgeschickt von Plantagenbesitzern, die nach Arbeitskräften suchen, von Pfirsichen bis Baumwolle – Kalifornien ertrinkt in Naturgütern, die schnellstens eingeholt werden müssen. Der zwölfköpfigen Familie Joad schließt sich der Wanderprediger Jim Casey an, ihre Hoffnung, dort eine neue Heimat zu finden, erfüllt sich jedoch nicht. Es sind zu viele Menschen, die mit weniger als nichts in Kalifornien neu anfangen wollen. Zu der damaligen Zeit kämpfen die Kalifornier selbst ums Überleben. Sie sind nicht einmal an das allgemeine Stromnetz angeschlossen. Den Neuankömmlingen begegnen sie mit Fremdenhass. Die Depressionsjahre dort verschärfen sich durch das Auftauchen von Endzeitpredigern, Faschisten und Menschen, die die Not der Bevölkerung ausnutzen. Die Eltern versuchen verzweifelt, in all dem Elend menschliche Würde zu bewahren, können aber nicht verhindern, dass sie zu Bettlern werden, denn ihnen werden nur Hungerlöhne ausgezahlt. Der Besitz von normalen Haushaltsgegenständen wird zum unerreichten Luxus.

Nein, dieser Exodus hat kein glückliches Ende: Die Großeltern sterben entkräftet und mutlos, ein Sohn und der Schwiegersohn machen sich aus dem Staub. Mitunter fühlt man sich unangenehm an das bittere Runterzähllied von den zehn kleinen Dunkelhäutigen erinnert. Die Joads finden in Kalifornien nicht das gelobte Land vor. Sie taumeln stattdessen von einem Auffanglager ins nächste, erleben sämtliche Formen von brutaler Ausbeutung, die billige Arbeitskräfte erdulden müssen.

Es gibt wohl wenige Bücher, die dermaßen zurecht das Edelprädikat „Klassiker“ tragen dürfen wie „Früchte des Zorns“. Was nicht zuletzt daran liegt, dass dieses über 80 Jahre alte Buch weiterhin entsetzlich aktuell ist. Ja, es sind die USA und die 30er-Jahre, es ist nicht Deutschland 2020 – könnte man meinen. Leider aber ist es genau das, allein wie Steinbeck beschreibt, warum Menschen aus ihrer geliebten Heimat flüchten, wie hart sie kämpfen müssen, um woanders akzeptiert zu werden und welche berechtigten Ängste das bei der Bevölkerung auslöst, die plötzlich mit dieser Masse an abgewrackten, mittellosen, sehnsüchtigen und zunehmend zornigen Fremden überfordert wird, herrje, das passt auch zu uns, hier und heute, wie Faust auf Auge. Und dann natürlich die ganzen ökonomischen Zusammenhänge, das fast schon obszöne Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage. Für Ottonormalverbraucher oftmals abstrakt, ein Buch mit sieben Siegeln, von Steinbeck aber derart verblüffend einfach skizziert, dass man genauso oft brüllen wie weinen wie laut loslachen möchte, weil dieser Kapitalismus, diese monetäre Wertegesellschaft, diese Globalisierung einfach ein Irrsinn von einem Witz ist.

Ich hadere oft mit Klassikern. Vor allem mit solchen, wo vorne ein Ausschnitt aus der entsprechenden Hollywood-Verfilmung drauf zu sehen ist. Erweist sich fast immer als Grütz. Das hier nicht, „Früchte des Zorns“ ist eines der besten, effektivsten und erschütterndsten Bücher, die ich je gelese habe. Ein Buch, dass mich wieder ein wenig driften lässt.

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2 Kommentare zu “Wenn aus Hoffnungslosigkeit Wut wird. Soeben ausgelesen: John Steinbeck – „Früchte des Zorns“ (1939)

  1. Achim Spengler
    22. März 2021

    Auf den Kopf getroffen. Habe das Buch in ganz jungen Jahren gelesen. Seitdem hat mein Herz nicht mehr aufgehört links zu schlagen. Als 66Jähriger, wohlgemerkt.

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  2. Manfred Rosenboom
    18. Dezember 2020

    Dein Urteil kann ich nur bestätigen. Der Roman hat nichts an Kraft und Wahrheit verloren. Auch was du über deine Person als »Swing State« sagst, entspricht meinen Erfahrungen. Die aktuelle Farmersfamilie Joad finden wir in den Romanen von Nnedi Okorafor und in der Lyrik von Warsan Sire.

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