David Wonschewski | Autor

Lied- & Literaturjournalist – Romancier – Bedenkenträger

Home is where the Schuld ist. Soeben ausgelesen: Thilo Krause – „Elbwärts“ (2020)

von David Wonschewski

Vorabfazit: 4 von 5 Sternen

Es gab in den letzten Jahren im Publikationsbereich diverse Versuche, sich dem so diffus-abstrakten Begriff „Heimat“ frisch und neu zu nähern. Aus gutem Grund: Flüchtlingsströme hier, Pegida dort und über alle dem jene so unterschiedlich wahrgenommene Finanzkrake namens Globalisierung, jenes Digitalmonster namens Vernetzung.

Als ich 1998 das Münsterland verließ, um nach Berlin zu ziehen, hatte ich noch das klare Gefühl meiner Heimat den Rücken zu kehren. Und erlebte in den kommenden Jahren dann, dass Berlin nie zu einer neuen Heimat wurde, ich mich nie heimisch dort fühlte – aber auch das Münsterland diese an sich herrliche Zuschreibung schnell verlor. Die Redewendung „ich fahre nach Hause“ kommt seit dem Jahr 2000 etwa nicht mehr in meinem Wortschatz vor, ganz einfach, weil sich nichts mehr so anfühlte seitdem. Es gibt diverse Gründe dafür, einige eher metaphysisch-philosophischer Natur – „home is“ doch bestenfalls immer nur da „where the heart is“ – andere sehr konkret. Wie zum Beispiel der, dass meine Eltern kurz nach meinem Wegzug aus Berlin auch keinen Sinn darin sahen länger und nunmehr nur noch zu zweit das prototypisch-provinzielle Reihenhaus meiner Kindheit und Jugend zu bewohnen und sich stattdessen eine Wohnung in der Stadt mieteten, die ziemlich toll war – mit der ich selbst jedoch nichts verband und in dem es auch kein Kinderzimmer gab, in das ich alle paar Monate hätte einkehren können, sondern nur noch ein geschmacksneutrales Gästezimmer für den Sohn auf Besuch. Ich will nicht jammern, es gibt schlimmere Schicksale. Und doch wissen viele Leute, die ihre Eltern noch viele Jahre „zu Hause“ besuchen können, tatsächlich nicht, was auch solch eher kleiner Heimatverlust schon für ein Loch in eine Psyche reißen kann.

Was den kleinen Ort meiner Kindheit und Jugend betrifft, den, in dem noch immer unser altes Reihenhaus steht, so hege ich dazu seit nunmehr 20 Jahren ein Verhältnis, das verdammt nah an purem Hass vorbeischrammt. 1998 türmte ich, weil ich das Kaff nicht mehr ertrug. Kurz danach legte es, wie beschrieben, zudem auch noch alles Heimatliche ab. Das Resultat kommt dem Gefühl nahe, das jemand hat, der wiederholt hinterrücks niedergeschlagen wurde. Erst hat mir das Drecksloch die Jugend verhunzt und jetzt hält es nicht einmal mehr Erinnerungen parat. Auch weil es in den letzten Jahren zugebaut wurde, mittlerweile abgrundtief hässlich in der Gegend herumsteht. Und sich die Einwohnerschaft einmal ausgewechselt hat, die bekannten Alteingesessenen sind verstorben, meine Generation ist auf und davon, der Ort ist prallvoll mit neuen jungen Familien. Aus diversen Gründen muss ich seit wenigen Jahren wieder regelmäßig in diesem Kaff vorbeischauen und wer mich einmal bei ehrlichem, aufrichtigem Fluchen erleben will ist herzlich eingeladen mich dahin zu begleiten. Je näher wir N* kommen, desto unflätiger werden meine Begriffe.

Bevor ich also in die unschöne Situation komme, meine Heimat hassen zu müssen, entscheide ich mich lieber für das Bekenntnis, dass ich keine Heimat mehr habe. Ein Wegelagerer des Lebens bin, ein Entwurzelter, ein Herkunftsflüchtling. Das ist so wunderbar pathetisch formuliert, dass es sich schon wieder warm anfühlt, viel wärmer als „Heimat“ es je könnte. Natürlich fühlt sich das manchmal ganz schön verloren an. Und es gibt nur eine Medizin gegen diese so seltsam in einem klaffende Wunde. Temporäre Heilung erfährt nur der, dem es gelingt, diese Verlorenheit zu romantisieren, zu heroisieren – oder auch nur zu poetisieren.

Womit wir bei „Elbwärts“ von Thilo Krause wären, einem Roman über einen Mann, der ebenfalls sehr verloren wirkt und den wir bei allem, was er tut, als Leser entsprechend auch nie so ganz zu fassen kriegen, der uns mitunter fast wie durch einen Weichzeichner entkonkretisiert vorkommt. Einen, der angetrieben ist von der Sehnsucht, über den Rückzug in seine alte Heimat, das Elbsandsteingebirge, just jene Identität zurückzuerhalten, die ihm in seiner Kindheit und Jugend genau dort genommen wurde, was ihn direkt nach der Schulzeit in die Großstadt und für viele Jahre nahezu spurlos verschwinden hat lassen. Er hat eine intelligente, karrierebewusste, sehr tatkräftige Frau, Christina, und eine kleine Tochter, doch beide sind machtlos gegen seine Gier, nach Hause zu kommen, sein orientierungsloses Leben endlich wieder mit Identität zu füllen. Er ist es, der in der Großstadt sämtliche Zelte abbricht und beide regelrecht mitschleift ins gottverlassene Kaff seiner Jugend, um von nun an dort zu leben, aus zunächst fadenscheinigen Gründen. schöne Natur, günstige Mieten, gut für kleine Kinder etc.

Schnell wird jedoch klar, dass es einen versteckten tatsächlichen Grund für seine Rückkehr gibt: Schuld. Denn während fast alle ehemaligen Nachbarn und Freunde den Ort längst verlassen haben, ist ausgerechnet sein bester Jugendfreund, Vito, noch immer da, nie weggekommen aus der Gegend. Und das hat einen im wahrsten Sinne des Wortes felsenfesten Grund, der so stark ist, dass Vito immer auf die Rückkehr seines Kumpels gewartet hat, da es da noch ein unrupfbares Hühnchen zu rupfen, eine nicht zu klärende Angelegenheit zu klären, eine Entschuldigung für eine nicht-entschuldbare Zufälligkeit auszusprechen gilt. Der Ich-Erzähler ahnt, dass er seine eigene Identität – und somit letztlich auch eine Zukunft als Vater, Ehemann vielleicht sogar – nur erhalten kann, wenn er sich Vito nach all den Jahren stellt, in den alten Häusern und den vielen Felsformationen des Elbsandsteingebirges nach Überresten seiner Wurzeln stochert.

Was Elbwärts“ von Thilo Krause sehr lesenswert macht, ist die poetische Sprache. Dass Krause zuvorderst Lyriker ist, merkt man dem Roman an, wovon vor allem die wunderbaren Naturbeschreibungen des gebürtigen Dresdeners enorm profitieren. Krause gelingt das Kunststück mit seinen lyrischen Beschreibungen des zuvorderst barfuß durch die Gegend latschenden Protagonisten die fast schon märchenhafte Idylle einiger schwül-verwunschener Wochen im Elbsandsteingebirge heraufzubeschwören. So schwül und verwunschen, dass der Leser erst nach und nach mitbekommt, wie die Luft zunehmend stickiger wird, die Gewittergefahr spürbar ansteigt, die Flussbetten anschwellen.

Ja, sprachlich ist „Elbwärts“ ein faszinierendes Buch, wunderbare Sätze wie „Der Abend geht auf, wächst blass in die Höhe“ sind dort en masse zu finden, wie man in der deutschen Literatur auch schon lange keinen modernen und liebevollen Mann derart verloren erlebt hat wie Krauses Protagonisten. Weitere Pluspunkte gibt es für seine frische Variation des Themas Schuld und jenes „dunkle Geheimnis“ zwischen den beiden ehemals besten Freunden, das im Ort seinerzeit nie ein Geheimnis war, in der Jugend des Protagonisten derart offen und blank lag, dass es eine Wunde darstellte, in die jeder Bewohner des Ortes nach Herzenslust hereintreten konnte, vielleicht sogar musste. Dass es kein 5-Sterneroman für mich geworden ist, liegt an dem Thema „rechtsradikale Umtriebe in Ostdeutschland“, das Krause – aus meiner Sicht ohne Not – irgendwie noch in den Roman zu quetschen versucht, dabei aber derart ungelenk verfährt, dass es leider nervt und – noch viel schlimmer – wahnsinnig konstruiert wirkt. Da Thilo Krause ja nun wirklich aus der beschriebenen Gegend kommt und schon seit geraumer Zeit in Zürich lebt, mag das zwar alles in der Sache stimmig und für ihn auch wichtig sein, das bei seiner Heimatuntersuchung auch noch mit einzuflechten. Da er genau das aber nur am Rande und etwas halbherzig macht, kommt die politische Botschaft einfach nicht über und wirkt unterm Strich wie eines jener politisch korrekten Bekenntnisse, die man als junger Autor neuerdings halt einstrickt, um relevant und preiswürdig zu sein. Wäre gar nicht nötig gewesen, zieht die Qualität des Buches ein wenig runter, schade.

Sehr empfehlenswert dennoch und allemal, dieses „Elbwärts“.

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Ein Kommentar zu “Home is where the Schuld ist. Soeben ausgelesen: Thilo Krause – „Elbwärts“ (2020)

  1. Bludgeon
    2. Januar 2021

    Das neue Jahr fängt gut an – mit dieser Rezi. Top!
    Sehr interessante Einführung. Geht vermutlich vielen so. Nur erzählen die alle nicht, was an ihrem „Kaff“ sie so nervte, dass sie glaubten, es mit 20 nicht mehr mögen zu können.
    Verbaut werden heutzutage alle Ortschaften gnadenlos. Raumordnungspläne scheint es keine mehr zu geben: Knall dir deine Bude hin, wenn du Geld hast. Bungalow zwischen Fachwerk? Kein Problem! Ne Wohngarage im Bauhausstil neben den Dom? Endlich bekommt die Stadt ein modernes Gesicht! Prima! Zynismus aus.

    Identität – ist ein dieser Tage massakrierter Begriff. Man will uns eine europäische ein- und eine deutsche/ost/westdeutsche ausreden. „Bodenständigkeit“ schon wieder nahezu verdächtig. Aber der Begriff trifft, was Globalisierungs größter Feind ist: Sesshaftigkeit, Bodenständigkeit, Heimattreue …
    Wer solche Begriffe benutzt, muss Nazi sein, denn da war doch mal die „Heimatreue Jugend“, in der ein gewisser Kalbitz … Skandal, Skandal!

    Mir geht es scheinbar wie jenem Protagonisten in dem Buch oben: Ich will auch wieder heim. Nach einem Leben woanders. Nur nehme ich damit meinen KIndern ihre Heimat hier, die nie die meine war.

    Das Verschleudern von Absolventen irgendwelcher Studienrichtungen in alle 4 Winde trägt schuld daran. Aber nicht nur dies.

    Da gibt es noch das Kappen der Wurzeln durch Geschichtsunterricht, der den Namen nicht verdient. Das Nichtbehandeln der regionalen Besonderheiten, die die zugereisten Akademiker sich auch bloß angelesen haben oder nicht mal das…

    Da ist die zunehmende Sprachlosigkeit zwischen den Generationen. Und somit keinerlei Fähigkeit für historisches Zeitgefühl. Im Westen ging das’68 los; im Osten’90 – nun gleichermaßen regional flexibel gemacht, hängen überall diese Wohlstandsnomaden herum, denen ihre DVD-Sammlung voller Hollywoodkram aber keine Heimat ersetzt.

    Ich hör schon auf…
    Will eh keiner hören oder lesen…
    der Bludgy wieder…

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