David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – bipolarer Bedenkenträger

Mann, dein Name ist Luftikus. Soeben ausgelesen: Hilmar Klute – „Oberkampf“ (2020)

von David Wonschewski

Vorabfazit: 2 von 5 Sternen

Da ist also der Deutsche Jonas, der Anfang 2015 nach Paris kommt, um dort ein Buch zu schreiben. Gleich am zweiten Abend trifft er die Französin Christine, der Beginn einer Liebschaft. Die auch deswegen nicht so recht in die Gänge kommt, da es am 07. Januar dieses Jahres in ihrer unmittelbaren Umgebung zum Terroranschlag auf die Redaktion der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ kommt, der die französische Hauptstadt paralysiert. Ein paar Monate später dann beschließen die beiden, ihre Lockerheit wiederzugewinnen. Und Christine fordert Jonas, den bekennenden Klassikfan, so ziemlich genau in der Romanmitte auf, doch einfach einmal bald mit ihr in ein Heavy Metal-Konzert zu gehen. Und er sagt: Nun, es wird mich schon nicht umbringen. Und sie antwortet: Vermutlich nicht. Mehr wird zunächst nicht dazu gesagt.

Hm. Wir haben hier zwei Möglichkeiten: Entweder bin ich unsagbar clever und der Autor von „Oberkampf“, Hilmar Klute, hat hier einen grundsätzlich guten, weil so bitterrealen Ansatz derart plump umgesetzt, dass für mich die Lesefreude damit futsch war, eben weil das Ende hier so plakativ und ungelenk vorweggenommen wurde. Oder aber Klute – immerhin Redakteur bei der Süddeutschen Zeitung – ist hier das Cleverle. Das natürlich darum weiß, dass es bei den Begriffen „Paris“, „Terror“, und „Rockmusik“ sofort bei jedem, nicht nur mir, Klick macht – er das Ende also bewusst bei der Hälfte des Romans schon einmal klar ersichtlich einfädelt. Und damit aufzeigt, dass der globale Terror, von dem Frankreich bekanntlich getroffen wurde wie kein anderer (zumindest westlicher) Staat, keinesfalls sein Hauptthema. Sondern allenfalls Begleitmusik. Ein Instrument von vielen im großen Romanorchester, geeignet, um den ein oder anderen Akzent zu setzen, mehr aber auch nicht.

Exakt das ist es auch, woran dieser durchaus gut und flüssig geschriebene Roman krankt: Er reißt diverse Themen an, gibt sich aber nicht die Mühe, in Tiefen zu tauchen. Gekonnt wechselt Klute die Schauplätze, zeigt, wie der mittlweile Mitvierziger Jonas als Student mit hochtrabenden Plänen in Köln lebt, dann nach Berlin zieht, um dort eine durchaus gut laufende Agentur mit seiner Arbeits- und Lebenspartnerin Corinna zu gründen, dort alles dann doch irgendwie vor die Wand fährt, einen Schlussstrich zieht und nach Paris flüchtet. Dort hat er die Möglichkeit sich beinahe täglich mit dem gleichermaßen legendären wie erfolglosen Altschriftsteller Richard Stein zu treffen, um dessen Biografie zu schreiben. Um dann wiederum mit diesem einige Monate später nach Los Angeles und San Francisco zu reisen, wo sie Steins semi-verschollenen Sohn suchen. Ein lupenreines Roadmovie, das deswegen gelingt, weil – wer wüsste das besser als ich selbst – die kulturellen Hotspots voll sind von Typen wie Jonas, wie Richard Stein, wie dessen in den USA gestrandetem Sohn Elias – die mit derart vielen hochtrabenden Ideen ins Erwachsenenleben starten, dass es fast zwangsläufig, und dazu braucht es keine Terroranschläge, in Ausweglosigkeit mündet. Künstler wollten wir doch alle werden, die Welt erspüren, die Menschheit lesen, den Gang der Zeiten erahnen. Uns der Freiheit hingeben. Geworden sind wir: Luftikusse. Was sich unterm Strich nach vielen Jahren, vielleicht gar Jahrzehnten kreativen Wirbelns findet, sind abgefackelte Projekte, gescheiterte Beziehungen, mitunter gar lebensunfähige Kinder, denen man wie streunenden Hunden auf der ganzen Welt hinterherjagen kann, aber nicht einmal dafür mehr den rechten Elan aufbringt.

Und so verwundert es auch nicht, dass Jonas – einer der Glanzpunkte des Romans – eine Form der, tja, klammheimlichen Bewunderung für die Attentäter hervorbringt. Nicht für ihre Morde, keinesfalls, aber immer wieder schimmert durch, dass diese Menschen etwas besitzen, dass ihm selbst seit vielen Jahren abgeht und mit ihm vielleicht der westlichen Zivilgesellschaft generelle: eine Handfestigkeit. Ein konkretes Lebens- und Wertegerüst, das sich noch nicht zum Sklaven einer vermeintlichen Freiheit gemacht hat. Wohl dem, der sich nicht aller Götter entledigt, der noch irgendetwas zum dran glauben hat.

Jonas, Richard Stein und mit ihnen einige andere Figuren kreisen wahrhaftig hilflos und wie eingerastet um sich selbst. Und so wird „Oberkampf“ nicht nur zu einer gesellschaftlichen Bestandsaufnahme, sondern auch zum Zeugnis einer Männlichkeit in Findungsphase. Ja, die Frauen sind es, die hier wesentlich handfester in Erscheinung treten, die sich nicht bis ins hohe Alter aufs Schwurbeln verlegen wie die Kerle, die zwar gerne von Werten und intellektueller Tiefe quatschen, aber dann doch bevorzugt stiften gehen, wenn es irgendwo einmal ernst wird. Oder aber, wenn denn aus einem anderen Kulturkreis, ihre überdrehte Form von Handfestigkeit präsentieren. Und so ist es bezeichnend, dass in „Oberkampf “ – im Übrigen benannt nach einer großen Straße in Paris – ein einziger hervorragender, wahrhaft moderner und bewundernswerter Mann vorkommt. Über den hier nicht mehr verraten werden soll, selbst lesen bleibt das Ziel.

Nein, „Oberkampf“ ist kein schlechtes Buch, absolut nicht. Warum es in meiner subjektiven Bewertung dennoch nicht über die drei Sterne hinauskommt, liegt darin begründet, dass der Sprachstil und die Dialoge derart luftig und simpel sind, dass sie keinerlei Nachhall erzeugen. Die geäußerten Gedanken sind (mir) allesamt bekannt, das Buch gibt mir nichts zum Weiterdenken, nichts, um mich selbst zu hinterfragen, Sachverhalte noch einmal anders zu beleuchten. Auch komme ich als bekennender Fan von Roadmovies hier nicht auf meine Kosten und so wahnsinnig emotional sind die Liebesstränge, die Klute hier entwirft, eben auch nicht.

Ein Roman, den man gerne liest, dann wieder vergisst.

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3 Kommentare zu “Mann, dein Name ist Luftikus. Soeben ausgelesen: Hilmar Klute – „Oberkampf“ (2020)

  1. Pingback: [Rezension]: Hilmar Klute – Oberkampf – Lesen macht glücklich

  2. davidwonschewski
    9. September 2020

    Hallo, Marc,

    schön mal wieder von dir zu hörenlesen! Dass das Debüt enorm toll sei vernahm ich oft zuletzt. Das hier ist eben „souverän“, mit allem Guten und Schlechten, was das Wort souverän so aussagt.
    Hoffe dir geht es ansonsten gut und die Rezensionen fließen nur so aus dir heraus –

    David

    Gefällt mir

  3. Marc
    7. September 2020

    Hi David,

    auch wenn ich bei der Lektüre andere Schwer- und. Negativpunkte fand, sind wir uns im Fazit dich relativ einig. Schade, da ich das Debüt von Klute gut fand, aber viele gute Ansätze verpuffen hier bei Oberkampf einfach.

    Liebe Grüße
    Marc

    Gefällt 1 Person

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 24. März 2021 von in 2 Sterne, 2020, Klute, Hilmar, Soeben ausgelesen und getaggt mit , , .
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