David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – bipolarer Bedenkenträger

Kitschbefreiter Oberkitsch. Soeben ausgelesen: Knut Hamsun – „Victoria“ (1898)

von David Wonschewski

Vorabfazit: 4 von 5 Sternen

Ein Mann von niedrigem Stand liebt eine Frau von höherem Stand. Oder, wenn auch seltener, eine Frau aus einer niederen Klasse verliebt sich in den Prinzen. Was für ein abgegriffener Stoff, was für eine Kitschgefahr. Wobei, wenn man mal so überlegt abgegriffene Stoffe ja auch nur deswegen abgegriffene Stoffe sind, weil sie vielen Menschen etwas bedeuten oder über einen langen Zeitraum eine Wirkmächtigkeit innehatten. Ergo, zumindest vom Grundgedanken her immens von Belang waren. Und es ist schon faszinierend zu sehen, dass gerade heute, wo wir uns allesamt über diese weiter und immer weiter auseinanderklaffende Gesellschaftsschere, solche Themen zumeist unglaublich abgespackt erscheinen. Aschenputtel ertragen wir nur noch als TV-Version in der kitschigsten aller Jahreszeiten, Billy Joels „Uptown Girl“ längst ein Fall für den um Inhaltsleere bemühten Dudelfunk geworden.

Und doch kann man, so man bereit ist, sich darauf einzulassen, noch vorstellen, wie das gewesen sein muss vor 100 oder 150 Jahren. Als zwar längst der Wert partnerschaftlicher Liebe erkannt war, anerkannt jedoch nur, so sie sich in der gesellschaftlichen Horizontalen abspielte. Gerade wenn man sich Klassikern widmet, stößt man permanent auf dieses Thema, die Geschichte von zwei Herzen, die sich fanden, sich jedoch einander nicht annähern durften, da der Zeitgeist es schlichtweg untersagte. Und wenn man sich das mal so überlegt, ich meine, es ist ja schon bitter, das Herz eines anderen Menschen erobern zu wollen und dabei zu scheitern. Wie ungleich bitterer muss es aber sein, so einem genau das gelingt, tja, und dann steht da die Gouvernante und Essig is‘. Und der wohlhabend-arrivierte Herr Papa schickt die Tochter schnell auf ein Internat in die Schweiz, damit sie sich in die passenden Kreise verirrt. Und ich stehe da, ich armer Tor – und darf die Mühle von Vaddern übernehmen. Und darfmuss Elsa Pluch heiraten. Obschon Hannelore von und zu Hanelorenstetten wie blöde in mich verliebt ist. Hm. So gedreht wäre aus mir in jenen Zeiten vielleicht doch ein veritabler Klassenkämpfer geworden, ein Gesellschaftsrevolutionär, später dann lupenreiner Demokrat.

„Victoria“ ist die Geschichte einer unglücklichen Liebe, nämlich zwischen dem armen Müllerssohn Johannes und dem vier Jahre jüngeren Schlossfräulein Victoria. Der Schauplatz des Geschehens ist vermutlich das Norwegen des 19. Jahrhunderts. Johannes verliebt sich im frühen Alter von 14 Jahren in die kleine Victoria, aber von Anfang steht die Barriere der Standesunterschiede zwischen den beiden. Victorias Vater hat ernste finanzielle Nöte, die sich am einfachsten noch durch die Verheiratung von Victoria mit einem sehr wohlhabenden Leutnant beseitigen lassen, doch Victoria will nicht, sie möchte zumindest Aufschub. Er wird ihr gewährt, aber eines Tages muss sie diesen Leutnant heiraten.

Dies ist, man kann es offen aussprechen, ein recht trivialer Stoff, doch gelingt es Knut Hamsun, ihm eine literarische Tiefe abzuringen und den blutigen Wegen der Liebe bis in die Nähe ihres Ursprunges zu folgen. Man sieht, wie in dem Buch zwei Leben aneinander vorbeilaufen, die für einander bestimmt schienen; wie Johannes aus seinem Liebeselend heraus zu einem bedeutenden, weltweit angesehenen Dichter erwächst – und doch wird ihm das, wonach er am innigsten strebt, versagt, weil es ihm am Geld mangelt; die beiden mühen sich vergebens, auch die Kommunikation, die sie untereinander führen, ist zum Scheitern verurteilt und die gesamte Geschichte nimmt ein tragisches Ende. Tja, tut es nicht weh, so war es keine Liebe.

Nach dem sehr guten „Hunger“ (1890) und dem schier unübertrefflichen „Segen der Erde“ (1917) ist „Victoria“ mein dritter Hamsun-Roman gewesen. Es ist zwar der „schlechteste“ der drei Werke, aber das auf so hohem Niveau und so gänzlich kitschbefreit, dass das Wort „schlecht“ hier nur in Anführungsstrichen zu ertragen ist. Ich bin mir nicht ganz sicher, doch es könnte an dem für Hamsun so typisch spröden Stil liegen, dass einem bei „Victoria“ zu keinem Zeitpunkt die Fußnägel abfallen wollen, wie mir das bei französischen Romanen aus jener Zeit permanent passiert. Was auch der Grund ist – so sich überhaupt jemand für Sternebewertungen interessiert – warum es von mir hier 4 von 5 Sternen gibt. Dieses Thema anregend, kurzweilig und mit einer Spur Klassenkämpferwumms verpacken ist das eine – das Buch so stricken, dass es, mit Verlaub, kein Kleinmädchenroman wird, sondern ein Werk auch, vielleicht sogar zuvorderst für hemdsärmelige Burschen, das weiß hochgradig zu erfreuen. Einfach ein ziemlich gutes Buch, Seite um Seite kein Stück vergeudete Lese- und damit Lebenszeit. Als Geschenk für jeden, den ihr kennt zu jeder Zeit, in der ihr lebt, sehr zu empfehlen.

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2 Kommentare zu “Kitschbefreiter Oberkitsch. Soeben ausgelesen: Knut Hamsun – „Victoria“ (1898)

  1. davidwonschewski
    19. Dezember 2020

    Hm, tja, das Wunder der Wahrnehmung;-) Dass es eine Hamsun-Begeisterung gibt wusste ich bisher gar nicht. Okay, er wurde neu aufgeelgt, dazu war Norwegen, wann war das?, Gastland bei ner Buchmesse und er ist eben ein Nobelpreisträger. So ganz flaut das Interesse daran nicht ab. Aber dass er mir dauernd irgendwo begegnen würde kann ich selbst so gar nicht behaupten. Kommt mir eher vor wie einer, der aktuell – siehe oben – mal wieder temporär im Buchladen nach vorne geräumt wurde und schon bald wieder nach hinten sortiert wird. „Segen der Erde“ hat mich in der Tat enorm gepackt, von vorne bis hinten. Aber so ist das, jüngst kommentierte in einem anderen sozialen netzwerk jemand bzgl „Früchte des Zorns“ es sei ihm zu sperrig geschrieben, er schafft da nie mehr als paar Seiten am Stück, weil so anstrengend. Glaube ich natürlich, wenn er das so sagt – aber anstrengend fand ich da nun wirklich gar nix dran. Seltsam, manchmal.

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  2. Bludgeon
    19. Dezember 2020

    Verblüffend – diese Hamsunbegeisterung. Toll geschrieben wiedermal die Rezi, aber auch ich hab da so meine Hamsunerfahrung gemacht: Leseabbruch. Totlangweilig. Allerdings war es nicht die „Vicki“, sondern „Segen der Erde“. Hm. Falscher Griff? Doch nochmal was anderes versuchen? Mal sehn.

    Das Thema von „Vicki“ find ich ja derzeit auch reichlich beim Heyse. Manchmal schon verkitscht, aber manchmal eben auch nicht. Da bleibt immer ein Überraschungsrest.

    Spielhagens „Was die Schwalbe sang“ scheit mir auch zu passen.

    Wie oben geschrieben: Um 1900 war es ja DAS Thema – nicht frei wählen zu dürfen.

    Und bei Lichte betrachtet, ist es heute durchaus ähnlich. Es sind nicht mehr so sehr die Schichten, aber mitunder die Herkunftsländer/Kulturkreise aus denen manches Schwiegerkind so stammen könnte, da setzt dann doch einwenig Bauchgrimmen ein.

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