David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – bipolarer Bedenkenträger

Mutige Literatur für das 21. Jahrhundert. Soeben ausgelesen: Jakob Nolte – „Kurzes Buch über Tobias“ (2021)

von David Wonschewski

Vorabfazit: 5 von 5 Sternen

Meine lieben Damen und Herren Großverleger, das Spiel ist aus! Euer Geschäftskonzept ist entlarvt! Ihr veröffentlicht Romane junger Autoren, haut den Buchrücken und die Pressemeldungen voll mit Verweisen darauf,wie mutig und rebellisch das hier ist, wie sehr es die Gesellschaft verändern wird – und drin ist dann nichts anderes als die literarisch-menschliche Komfortzone, das längst intitutionalisierte Gejammer über irgendwelche anderen, die verhindern, dass das eigene Leben so richtig Fahrt aufnimmt, die durch Halsstarrigkeit der Schönheit des Lebens im Wege stehen. Das ist legitim, das kann man machen – es ist nur eben das Gegenteil von mutig. Mutig ist Literatur, wenn sie auch vor Selbstverletzung nicht zurückscheut, wenn sie den erhobenen Zeigefinger auch gegen sich selbst richtet, bereit, das eigene Ego zu zertrümmern, sich selbst zu enthaupten. Die Weisheit, wonach, wenn jeder sich selbst nur ein wenig ändert, sich gleich die ganze Welt ganz kolossal ändert, ist nicht abgeschmackt, sondern logisch. Vermutlich – nein: ganz sicher! – liebe Herren und Damen GroßverlegerInnen wisst ihr das selbst viel besser als ich. Und genau darum ertränkt ihr in jüngerer Zeit gerade mutlose Romane so gerne in „Boah, ist das mutig!“- Ankündigungen. In der Hoffnung, dass vorab servierte Zuschreibung – die es nicht nur für Geschlechter, sondern auch für Kulturgüter gibt – hier ein Wunder wirkt. Wohl dem, der das durchschaut. Und diese Romane fortan großräumig umfährt, sich dafür mit Inbrunst den Werken aus eurer Druckerei widmet, die im wesentlich schmaler geschnittenen TamTam-Kleid daherkommen.

Womit wir bei „Kurzes Buch über Tobias“ von Jakob Nolte angelangt wären. Schaut man sich einmal an, was dort hinten auf dem Buchrücken steht oder auch auf der Seite des Suhrkamp-Verlags, dann ist man fast geneigt, den Begriff „Understatement“ aus der Verbalbuddelkiste zu wühlen. Vergleicht man das nämlich einmal mit dem Worthülsenfeuer, das die Suhrkamp-Oberflächlichkeit „Je tiefer das Wasser“ von Katya Apekina 2020 begleitete, dann ist das: nichts. Null. Dabei stellt dieses Buch nicht weniger als die spannendste und mutigste „junge deutsche Literatur“-Errungenschaft dar, die ich seit „Fake“ von Frank Rudkoffsky (2019) lesen durfte. Danke, liebe Suhrkämpler – für den Moment ist euer Renomee wiederhergestellt. Man muss halt wissen, wie man euch zu lesen, eure eigene PR zu nehmen hat. Das Kleine ist das Große und das Große, nun, kann man sich für einen gemütlichen Strandurlaub einpacken.

Nein, „Kurzes Buch über Tobias“ ist kein Buch, das jeder zu schätzen wissen wird, kein Stück. Viele werden es regelrecht hassen, allein schon der bewussten Vieldeutigkeit wegen. Und weil man sich den Roman, die Geschichte, ja sogar die Essenz selbst erarbeiten muss. Der Leser schlägt das Buch zu und fragt sich, was um Himmels willen das denn jetzt eigentlich war. Was im Umkehrschluss bedeutet, dass man dieses Buch vier bis fünfmal lesen kann und immer etwas Neues entdecken wird. Dementsprechend schwierig gestaltet sich eine inhaltliche Zusammenfassung, gerne verhebe ich mich aber einmal an einer solchen. Der Protagonist Tobias Becker ist ein junger bisexueller Niedersachse, den es erst nach Berlin, dann wieder zurück nach Niedersachsen zieht. Dementsprechend spielt die, tja, ich nenne es einfach mal „Geschichte“, zwischen Hildesheim und Hauptstadt, kennt aber auch sehr viele andere globale Orte, denn dieser Tobias, ein kreativer Geist und zu Beginn auch Schriftsteller, ist halt einfach das, was man getrost „voll im Trend“ nennen darf. Wobei „voll auf Trend“ mir als Formulierung seit geraumer Zeit besser gefällt, benehmen sich junge, hippe Neu-Berliner ja schon lange gar nicht mehr so anders wie die zugekoksten Yuppies in den 80er -Romanen von Bret Easton Ellis oder Jay McInerney, nur dass halt andere Platzpatronenbegriffe auf ihren Plakaten stehen.

So weit, so Grütze. Jakob Nolte setzt sein Buch zunächst in eine Spur, die einem mit ersten charakterlichen Alterserscheinungen kämpfenden Leser wie mir ordentlich zu kauen gibt, weil ich hier wieder das große Schema X junger deutscher Literatur unheilvoll auf mich zuschwanken sehe. Berlin, bisexuell, kreative Szene, der erste WG-Mitbewohner ein spießiger Mathestudent (gähn), die zweite Mitbewohnerin eine polternde Genderlesbe namens Pedro (oh bitte!), zwischendrin eine Beziehung zu einer Muslima (ne, is‘ klar). Bei einem solchen Setting wartet man mittlerweile regelrecht auf das Auftauchen jenes neuzeitlichen Golem, jener Wiedergeburt von Carpenters „The Fog“, der wir seit einiger Zeit den bequemen Begriff „Patriarchat“ verpassen. Weil der Kontrapunkt bei einem solchen Buch ja irgendwann kommen muss, das große Aber. Nolte aber verweigert uns diesen in den letzten Jahren so hübsch ausgetretenen Pfad moderner Literatur und schlägt sich mit uns mitten ins Gedankengestrüpp, das wilde, das dornige. Und demontiert sich selbst, nicht zu knapp. Beziehungsweise – oder auch – seinen Protagonisten, der schnell feststellt, dass ihm Berlin unsagbar auf die Unterleibsgegend geht, feministisches Phrasengedresche ebenso, von dieser ganzen selbstverliebten Kreativbranche ganz zu schweigen. Als sein Lebenspartner sich von ihm nichts sehnlicher wünscht als ein Kind, ist es nicht die Gesellschaft, die den Gedanken abstrus findet, nein, es ist Tobias selbst, der damit überhaupt nicht klar kommt, lieber am PC hockt und zockt anstatt sich mit seinem Partner erwachsen darüber zu unterhalten. Tobias wird älter – in Summe deckt der Roman knappe 20 Lebensjahre ab plus diverse Ausflüge in die Kindheit – und, hier gibt es einen heterosexuellen Knutscher mitten auf den Mund für Herrn Nolte, findet zum Glauben. Ja, dem Ollen, dem Zauseligen. Dem Christlichen. Spinnt der NolteBecker denn, so etwas anno 2021 in einen Roman zu schmieren? Na ja, zumindest zu Beginn ist es der altbackene Glaube, später dann was anderes. Aber egal, er sagt der ganzen von sich selbst besoffenen Mischpoke, zu der er bisher gehörte, aber mal so richtig tschüss, nutzt sein sprachliches Talent fortan für Ausritte anderer Art.

Aus 48 kurzen Kapiteln soll das Buch laut Verlag bestehen. So ganz bestätigen kann ich das aufgrund der Aufbereitung zwar nicht, glaube es aber gerne. Chronologisch durcherzählt ist hier nichts, Nolte schiebt zwar ein bis zwei erklärend sortierende Kapitel ein, letztlich zieht der Leser hier jedoch herrlich alleingelassen seine Verständnisrunden. Der Begriff „experimentell“ ist angesichts dieser Erzählweise keineswegs fehlplatziert, was auch daran liegt, dass Nolte auf diverse Formen (darunter auch Gedichte, Briefwechsel oder Kurzerzählungen des Autors Tobias Becker) zurückgreift. Nicht zu vergessen, immerhin darauf bereitet uns der Buchrücken vor, das mystische Element. Dem es zu verdanken ist, dass dieser Roman so großartig vielinterpretierbar ist, gibt es doch eine ganze Reihe Szenen, in denen Nolte bewusst Irreales einfließen lässt. Und zwar so behände, dass viele Leser gewiss irre werden an dem Buch – ob Tobias Becker es nicht vielleicht selbst ist, wer weiß das schon – und sich weigern werden, meine Begeisterung dafür zu teilen. Denn Jakob Nolte vollzieht seine Logiküberschreitungen zwar deftig, aber wohldosiert. Und zwar in einem Rahmen, dass es – hier schließt sich so ein wenig ein Kreis – das Ganze Züge von Heilserfahrung annimmt. Wie der bewusst unzureichend zusammen gestöppselte Plot überhaupt mitunter auf eine Art biblisch daherkommt, dass es sich glatt lohnt, über gewisse Konservativismen wieder nachzudenken, unserem jahrhundertealten Umgang mit Leid nicht nur deshalb eine Pauschalabsage zu erteilen, weil es gerade nicht so richtig im Zeitgeist ist.

Mutig ist das Buch nicht nur durch seine experimentell-mystische Form und sein immer wieder aufblitzendes Bekenntnis zu menschlicher Gewalt, durch seine Aufforderung, Glaube neu zu denken, durch seine betonte Unlust, den Leser wie ein kleines Kind an der Patschehand zu nehmen. Mutig ist es vor allem, weil Nolte beispielsweise eine homosexuelle Beziehung endlich – endlich! – einmal als so normal darstellt, wie sie sein sollte, ist. In homosexuellen Kreisen gibt es ein paar wenige, sehr beliebte Romane, in denen Schwulsein nicht als beständiger „Come out of the closet!“-Ruf verhandelt wird, als durchgängiges „Wir im Spiegel der anderen“, sondern in denen homosexuelle Beziehungen so spießig-normal und alltäglich geschildert werden, dass der Gedanke, dass hier irgendwas anders ist als sonst selbst beim erzkonservativsten Leser nicht aufkommen würde, wenn er/sie es den lesen würde. Macht er nicht, weil er im Mainstream halt bestenfalls jene Stoffe zu Gesicht bekommt, die das Anderssein durch möglichst laute Darstellung des Anderssein zum Verschwinden bringen möchten.

Was „Kurzes Buch über Tobias“ zusammenhält, sind letztlich die vielen kleinen Post-its, die man als Leser immer dann einklebt, wenn da ein besonders guter Satz, ein toller Gedanke, eine lustige kleine Idee auftaucht. Dass ihm mit dem Satz „Vergebung verhärtet die Verhältnisse“ ein Satz für die Ewigkeit aus der Birne gefallen ist, das weiß Jakob Nolte offensichtlich selbst. Seine einer feministischen Literatenkollegin gegenüber geäußerte Frage, „ob sich jedes Thema und jede Szene der Welt auf die Frage nach Privilegien runterbrechen lässt oder ob dieser die-Gesellschaft-als-verschlüsselte-Matematik-der-Unterdrückungen-lesende Zugang nicht genauso Vehikel zur Stabilisierung eines westlichen Machthaushalts“ ist wie eben jene Sichtweise von Vergebung, ist genau der Denkansatz, den es im Jahr 2021 braucht. Um überhaupt noch irgendwas voranzubringen, nicht einfach nur neue Schubladen zu öffnen, in die man sich reinsetzt, um sich hinterher weiter zu beschweren, dass nichts voran geht. Wer sich „Kurzes Buch über Tobias“ öffnet, wird in der Folge dann auch mit viel Humor belohnt. Noltes Darstellung, wie Tobias in einem total aufgeweckten Literaturseminar hilflos und allein auf weiter Flur versucht, Thomas Pynchon als überschätzt zu demaskieren ist für sich schon sehr lesenswert. Seine spätere Weigerung einer vor Gericht auf Schadensersatz klagenden „Opfergemeinschaft in Klagenfurt Traumatisierter“ beizutreten ist eine der lustigsten, cleversten und zugleich tiefsinnigsten Mini-Ideen, der ich in einem jungen deutschen Roman in den letzten Monaten begegnen durfte. Wer mit „Klagenfurt“ als Schlagwort jetzt nicht direkt was anfangen kann, einfach mal in Zusammenhang mit „Buchpreis“ googlen.

Wenn ich sage, dass dieses Buch ein „Geschenk“ ist, dann ist in dieser triefenden Formulierung schon einberechnet, dass ich es an meinem 44. Geburtstag, dem 16. Februar, komplett lesen durfte. Gewisse Charaktergemeinsamkeiten meiner Person mit Tobias Becker, dem Älteren, sind natürlich rein zufällig. Definitiv mein erstes großes Highlight 2021. Also das Buch, der Geburtstag weniger. Denn wer 230 Seiten an einem Tag schafft, kann so viel Party bekanntlich nicht gemacht haben. Abgesehen von der im Kopf, natürlich.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 30. März 2021 von in 2021, 5 Sterne, Nachrichten, Nolte, Jakob, Soeben ausgelesen und getaggt mit , , , , .
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