David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – bipolarer Bedenkenträger

Dieser gottverdammte Segen der Kinderlosigkeit. Soeben ausgelesen: Eshkol Nevo – „Über uns“(2015)

von David Wonschewski

Vorabfazit: 5 von 5 Sternen

Wenn ich mich mit etwas auskenne, dann ist es ein krankhaft schlechtes Gewissen. Ein solches kann ich mir insofern leisten, da ich ein hübsches, nun, ich sage mal „Zertifikat“ der Charité Berlin besitze. Worauf zu lesen ist, dass ich in meinen kurzen manischen Phasen als Nicht-Ich handle und rede. Was ich den Leuten, die gerade zufällig in der Nähe sind, dann so alles vor den Latz knalle, geht wahlweise auf keine Kuhhaut. Oder ist gar nicht erst zu verstehen, prophetisch-weises Fool on the Hill“-Gesabbel. Ist diese Phase erst einmal vorbei und kommen mir dann die Leute mit Rechtfertigungsforderungen, bewerfen einen (weil sie es nicht besser wissen können) mit der eigenen Schande, wollen das Unerklärliche logisch besprochen wissen, eine Unverfrorenheit entschuldigt haben, dann ist der Gedanke an Strick und Kugel oftmals gar nicht fern. Oder besser: war. Bin ja austherapiert, was nicht zu verwechseln ist mit „geheilt“. Und so kann ich mittlerweile auf Knopfdruck die dicke Haut hochfahren, die Betongirlanden runterlassen, den Igno-Button betätigen. Und wenn es gar nichts hilft: Demjenigen, der sich als Opfer meiner Sätze begreift, noch den gepflegten Mittelfinger hinterherschicken. Frei nach dem Motto: Wenn dich mein Gequatsche von gestern heute noch interessiert – erstick dran. Aber klar, so ganz ablegen lässt sich das schlechte Gewissen nicht, mit dem Aufrechterhalten von Freund- und Bekanntschaften ist das auch so eine Sache. Aber ich gehe nicht mehr kaputt daran. Lediglich ein paar Tage in Sack und Asche sind noch drin, jedesmal, wenn ich mal wieder nicht ich war.

Eine Jammerstory? Keineswegs. Es hat ein gewisses Alter gebraucht, aber in Sachen schlechtes Gewissen, das habe ich mittlerweile erkannt, ist meine krankheitsbedingte Notlage doch wesentlich bequemer als die vermeintlich gesunde Ausprägung. Ich meine, immerhin weiß ich um meine Momente und immerhin habe ich was von der Charité, hübsch einrahmbar, könnte es sogar adrett an die Wand hängen. Das ist auf seine Art befreiend. Was aber machen die größten Opfer eines schlechten Gewissens, auch „Eltern“ genannt? Ich selbst habe in der Theorie keine Kinder, der Zahn des Alters aber bringt es mit sich, dass mein Hausstand seit einigen Jahren mit Kindern gesegnet ist, ich mich in der Praxis also zumindest schwer damit tue, in Fragebögen „kinderlos“ anzukreuzen, da mein Alltag das schlichtweg nicht hergibt. Und es ist gerade dieser Status als mittlerweile hocherfahrener erster Reihe Zaungast, als „nicht beteiligt, aber doch dabei und mittendrin“-Person, die mir schon vor Jahren aufgezeigt hat, dass das gesunde schlechte Gewissen all der Eltern, die ich in den vergangenen Jahren kennenlernte, doch die größte Marter sein muss, egal wie natürlich und normal und gesund das auch ist. Bei Müttern in der Regel etwas ausgeprägter als bei Vätern, bei Frauen in intakten Papa-Mama-Kind-Formationen sehr oft am Start, bei Alleinerziehenden immer. Sogar wenn alles bestens läuft, alles gut ist, das Kind fröhlich vor sich hin trällernd auf der Schaukel sitzt, werden Eltern, wie es mir scheint, gemartert. Von dem, was noch fehlt, was sein könnte, passieren würde. Was sie selbst besser machen müssen, mehr bieten wollen, nicht noch weiter und immer weiter optimieren können.

Der Liedermacher Falk hat in einem Stück einmal eingestanden, dass er sich in schweren und bitteren Situationen immer tröstend selbst zuraunt: „Immerhin kein Krebs“. Es mag zynisch klingen, aber es funktioniert. Wenn mich mein krankheitsbedingtes schlechtes Gewissen mal wieder allzu sehr stalkt, rufe auch ich mir einen solchen Satz ins Gedächtnis, nur dass er bei mir halt lautet: „Immerhin kinderlos“. Das macht es erträglicher, das hilft tatsächlich. Im Übrigen auch, um Partnerschaften aufrecht zu erhalten. Ich gebe zu, ich habe einige wenige Jahre darunter gelitten, immer der zu sein, der ohne Kind in eine Beziehung mit einer Alleinerziehenden kommt, eine Gemengelage, die mitunter so kompliziert und für alle Beteiligten so himmelschreiend ungerecht ist, dass ich mich schon entsetzt abgewendet hatte von dieser Art Liebes- und Lebenskonstrukt. Um dann zu erleben, dass es doch ganz hervorragend funktionieren kann, so – Überraschung! – die Chemie zwischen den Erwachsenen stimmt. Ob da dann ein oder zwei Kinder aus erster Ehe mit dabei sind, wird dann wohltuend egal. Es heißt zwar allenthalben: „Klappt es mit dem Kind, dann klappt es auch mit der Mami“, das ist aber Quatsch. Genau andersherum ist es richtig. Mittlerweile fühle ich mich daher auch hier privilegiert. Denn was los wäre, wenn es wirklich mein Kind wäre, was das mit einem Paar machen kann, wenn ein gemeinsames Kind zur Welt kommt, ich ahnte immer, dass das der Anfang einer Zerrüttung und Entfremdung sein muss, bei anderen erlebt habe ich es auch oft genug. Aber noch nie literarisch so „toll“ dargestellt gefunden wie beim dreifachen Vater Eshkol Nevo, in seinem Roman „Über uns“.

Drei Kapitel hat das Buch, das uns in ein mehrstöckiges Wohnhaus führt, sich mit jedem Kapitel auf einen anderen Bewohner und eine andere Etage fokussiert, einen anderen Protagonisten hat. In der ersten Etage lebt Arnon mit seiner Frau, der strebsamen Juristin Ayelet, und den beiden Töchtern. Direkt darüber die beruflich gestrandete Chani, deren Mann als Mitarbeiter einer international operierenden Firma durch die Weltgeschichte jettet, öfter weg als da ist. Und oben in der dritten Etage schließlich die ehemalige Richterin Dvorah, seit kurzer Zeit verwitwet. Alle drei tragen ein dunkles Geheimnis in sich, dass Nevo sie je Kapitel einem möglichst weit entfernten Vertrauten offenbaren lässt, unter dem Mantel ewiger Verschwiegenheit. Das Faszinierende an „Über uns“ ist, dass Nevo im Grunde genommen drei spannende, sehr unterschiedliche Kurzgeschichten erzählt, die an der Oberfläche wenig miteinander zu tun haben. Arnon wird bei der erhitzten Suche nach einem womöglichen Straftäter selbst zu einem solchen, Chani gewährt in Abwesenheit ihres Gatten einem national gesuchten Betrüger Unterschlupf, derweil Dvorah nichts Besseres zu tun hat,als sich kurz nach dem Tod Ihres Mannes ins Auto eines Fremden zu setzen, Ziel unbekannt. Schnell schälen sich jedoch die Gemeinsamkeiten heraus: Alle drei sind bereit, ein hohes Risiko einzugehen, sich moralisch verwerflich zu verhalten. Und alle drei tun genau das letztlich aus Liebe zu ihren Kindern. Nevo gelingt es dabei hervorragend, dieses Paradox herauszuarbeiten, zu schildern wie ausgerechnet Liebe und Verantwortungsgefühl schlechte Taten und sittlich fragwürdiges Verhalten fördern.

Die große gemeinsame Triebfeder aller drei ProganistInnen ist dabei, dass schlechte Gewissen ihren Kindern gegenüber. Und genau das ist der Punkt an dem „Über uns“ zum literarischen Schwergewicht wird, skizziert Nevo doch auf fast schon schmerzhafte Weise, dass dieses schlechte Gewissen zwar naturbedingt ist, Eltern sind halt so – jedoch noch weiter befördert durch das Verhältnis zum jeweiligen Partner, durch das Verhalten der Ehefrau, des mittlerweile verstorbenen Ehemannes. Wie es sich für aus der Ich-Perspektive geschilderte Geschichten gehört, ist der Leser zunächst ganz beim Protagonisten, schüttelt den Kopf über dessen Partnerin, deren Partner. Und es würde zu einer verdammt einseitigen Nummer werden, hätte Nevo nicht unterschiedliche Wege gefunden, auch die Sichtweisen und berechtigten Gründe der Partner anzuführen, zu erläutern, nachvollziehbar zu machen.

Gerade in der jetzigen Corona-Zeit ist wieder viel zu lesen darüber, wie vermeintlich ungerecht Kinderbetreuung unter Eltern aufgeteilt wird, wie unterschiedlich Elternzeit genommen oder gewährt wird, wer Teil- und wer Vollzeit arbeitet. Unterfüttert wird all das mit Statistiken, als wäre es eine Sache simpler Logik und des klar artikulierten Willens, Veränderungen herbeizuführen. Was dabei unter den Tisch fällt ist die Erkenntnis, dass es zuvorderst hoch komplizierte Wechselwirkungen sind, die zu Zuständen führen. Eshkol Nevo führt uns diese Wechselwirkungen zwischen Elternteilen vor Augen, ohne jemanden zu verurteilen, Partei zu ergreifen. Denn, wie er eine Protagonistin sagen lässt, beginnen Vater wie Mutter spätestens mit der Geburt des ersten Kindes eine Liste anzulegen. Darauf vermerkt all die Opfer, die sie selbst für das Kind erbrachten, während der Partner es sich einfach machte, sich fahrlässig drückte, sich faul abduckte.

Gut möglich, dass mir durch meine eigene Kinderlosigkeit das Wichtigste im Leben entgeht. Ich meine es vollkommen ernst, jede Mutter gehört gepriesen, jeder Vater in den Himmel gelobt – und Programme, um Alleinerziehende zu unterstützen, kann es gar nicht genug geben, gerne ordentlich (auch meine) Steuergelder raushauen für. Je älter ich werde, desto mehr überwiegt jedoch der Eindruck, dass mich Kinderlosigkeit auch vor vielem bewahrt. Eshkol Nevo, dessen Roman nicht nur in schlechtem Gewissen ertrinkt, sondern auch in unfassbar viel Liebe schwimmt, hat mich mit „Über uns“ definitiv ein wenig weiser gemacht, hat mir die Möglichkeit gegeben, über einen Tellerrand zu schauen, über den ich sonst kaum hätte schauen können. Und wenn einem Buch so was gelingt, sich dieses Buch zudem als echter Pageturner erweist, tja, dann kann es nur fünf Sterne geben.

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