David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – bipolarer Bedenkenträger

Wenn das Dach brennt. Und, was manuskriptiert ihr gerade so?

Da haben sie in einer Langzeitstudie doch echt herausgefunden, dass die Leute, die sagen, dass man auch aus positiven Lebenssituationen heraus tolle Kunst machen kann exakt -aber wirklich exakt! – die Gleichen sind wie die, die immer behaupten, man könne auch ohne Alkohol tierisch Party machen. Nun liegt es mir fern, was Gegenteiliges zu behaupten. Natürlich geht beides. Kommt halt drauf an, was man so unter Kunst versteht. Und unter Party. Aber ich will nicht rumkäsen, natürlich bin ich letztlich nur neidisch, dass mir beides nie vergönnt war. Während andere mit Apfelsaft in der Hand und Namikas „Lieblingsmensch“ aufm Ohr so richtig das roof on fire stecken. Vielleicht kann man es auch umdrehen: So verzweifelt, um Pharell Williams „Happy“ als „uplifting“ zu empfinden, war ich halt nie. Tja, so kann es gehen. Da denkst du jahrzehntelang du wärst ein miesepetriger Misanthrop und dann kommt so eine Schnullernummer daher und deckt schonungslos auf wie gut es dir offensichtlich noch geht. Und ich Depp hätte – so viel Therapie habe ich auch hinter mir – um ein Haar meine Eltern verklagt. Weil ja irgendwer schuld sein muss an so einer ( vor „Happy“ noch für plausibel gehaltenen) Seelenverkorksung meiner Person.

Nun, da ich weiß, dass die Verkorksten die Gesunden sind, derweil die Gesunden verkorkst genug sind, um zu „Happy“ auf dem von Namika in Brand gesteckten Dach so richtig apfelsaftmäßig abzufeten, höre ich „Happy“ sogar ganz gerne. Der Song wird mich auf ewig daran erinnern, dass ich um ein Haar meine geliebte Mutter auf Schadensersatz verklagt hätte, was rein finanztechnisch betrachtet eh eine ziemliche Zirkelnummer ist, da kann ich ja gleich mich selbst verklagen. Auf diese etwas böse Überlegung kam ich im Übrigen nur, weil meine Mutter sich jüngst – ja, sie liest meinen Blog – diverse Bücher auslieh. Und auf meinen wohl etwas unbehaglichen Blick (man leiht sich Bücher nicht aus und zerliest sie!!) meinte: „Du weisst doch, dass du alle ausgeliehenen Bücher auf jeden Fall irgendwann zurückbekommst!“, woraufhin ich ehrlich schluckend nur sagen konnte: „Ach, Mama, genau das ist doch das Problem, ich mag gar nicht dran denken“. …ehm….hat mal gerade einer „Happy“ da?

Eigentlich wollte ich mit diesem ganzen Geseiere nur von dem Foto ablenken. Mir ging es von 2015 bis 2017 mies genug, um knapp 1000 Manuskriptseiten vollzukleistern. Klingt kreativ betrachtet cool, hat aber einen immensen Pferdefuß. Denn leider muss man zur Bändigung und Verfertigung eines „Himmel warst du im Eimer“-Stoffes möglichst wenig im Eimer sein. Oder wie sagte mein Generationenheld Noel Gallagher (von der Band Oasis) so nett: Im Suff und am Arsch schreibe ich die genialsten Songs, kriege sie nur leider im Studio nicht eingespielt und live präsentiert noch viel weniger.

Seit mehreren Wochen bin ich nun mental beschwerdefrei, was für chronische rapid cycler echt was heißt. Und habe die Gunst des Schwungs genutzt mal die 1000 Seiten – schwupp – zu sichten und – schwupp – zu verdichten und mich für das was ich da so geschrieben habe – schwupp – in Grund und Boden zu schämen. Was im Übrigen in meiner non-namikaeistischen Welt Grundvoraussetzung ist, um mein Manuskript in den nächsten Tagen meinem Verlag anzubieten. Wenn man sich selbst nicht peinlich ist, ist es keine Kunst, sondern ein Bausparvertrag.

Wer schon Bücher von mir kennt, darf die vielen XXXX da oben durchaus als Einladung verstehen. Ich weiß zwar nicht, ob – ett is Corona – das Ding überhaupt verlegt wird, oder ob ich das total indiemäßig beim, ehm, US-Multigroßkonzern selfpublishen muss, aber egal. Man gibt Titel erst raus, wenn was spruchreif ist, daher die Ver-ixung da oben. Da ich den antizipierten Titel aber buchstabengenau ge-ixt habe, hat das was von Hangman. Wie passend. Kleiner Tipp: Da ist ne Farbe bei. Und „Goldener Gorgonzola“ ist es nicht. „Grünes Gründertum“ auch nicht. Passt ja eh alles nicht.

Ich bin, und hier spricht zur Abwechslung mal ein Mensch, der will zu dir: für den Moment glücklich den Affen in mir gebändigt zu haben. Oder wie sagte David John Hume-Locke Hobbs dereinst so treffend lyrisch:

It might seem crazy what I am ‚bout to say
Sunshine she’s here, you can take a break
I’m a hot air balloon that could go to space
With the air, like I don’t care, baby by the way

Mir brennt das Dach.

3 Kommentare zu “Wenn das Dach brennt. Und, was manuskriptiert ihr gerade so?

  1. tala2019
    1. Februar 2021

    Die Logik ist natürlich auch bestechend. Also doch lieber jemanden verärgern, als gar nicht wahrgenommen werden 🙂 Das gibt doch Mut zum Weitermachen! Viele Grüße

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  2. davidwonschewski
    1. Februar 2021

    Besten Dank! Hm, ja, aber wenn einen keiner peinlich findet, regt sich vielleicht auch keiner über einen auf und wenn sich keiner über einen aufregt, kann man genauso gut auf eine Wand einreden. Gut, mit Glück ist man unterhaltsam und geschäftsfördernd, aber das sind Hunde oder BWL’er auch. Manchmal. Ach, nichts genaues weiß man nicht;-) Viele Grüße!

    Gefällt 1 Person

  3. tala2019
    31. Januar 2021

    Ich tippe auf die Farbe BLAU und wünsch dir viel Erfolg mit dem Verlag! Übrigens finde ich deine Gedanken zur Peinlichkeit sehr tröstend. Bleibt die Angst, dass man damit doch recht hat 🙂

    Gefällt 1 Person

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 1. April 2021 von in Nachrichten und getaggt mit , , .
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