David Wonschewski | Autor

Lied- & Literaturjournalist – Romancier – Bedenkenträger

Über die Notwendigkeit Blinde zu erschießen. Soeben ausgelesen: José Saramago – „Die Stadt der Blinden“ (1995)

von David Wonschewski

Vorabfazit: 5 von 5 Sternen

Ich nehme Corona noch immer nicht ernst. Also faktisch schon, durchaus. Ich wittere keine Verschwörung, keinen Fake, sogar mit dem so beliebten „Versagen der Politiker“-Skandalgeplärre tue ich mich schwer. Halte mich brav an alles, was mir da täglich neu als frische Verhaltensregel serviert wird. Ich kriege nur die persönliche Verbindung zu diesem Virus nicht hin, ich glaube einfach nicht daran, dass ich „es“ mir einfange. Eher glaube ich daran, dass ich es längst hatte und zu den vielen gehöre, die es ahnungslos weitertrugen, ohne auch nur irgendwas mitzukriegen. Dass schon mit dem nächsten Gang zum Supermarkt mein Ableben eingeleitet werden kann, doch, das halte ich schon immer für sehr plausibel. Schnelles Auto, übler Amokläufer oder einfach nur der Himmel, der mir auf den Kopf fällt, auf alles bin ich vorbereitet, mache ich mir auch regelmäßig Gedanken drüber. Aber Virus und dann Intensivstation? Da fehlt mir offenbar irgendeine Bewusstseinsbrücke. Aber woher kommt das, warum bin ich bei dem Thema noch immer so souverän unterwegs, warum verfalle ich nicht in zumindest eine kleinere Panik?

Dass ich mit dieser Haltung nicht alleine bin, sehen wir spätestens an jedem schön bewetterten Wochenende, wenn sich die ähnlich denkende Masse tummelt. Man weiß es zwar besser, Verschwörungstheoretiker sind auch andere, aber mein Gott, man wird doch wohl noch. Schon klar, das hat viel mit dem abstrakten Element zu tun, wäre das Virus ein bissig durch die Straßen geifernder Dobermann, den die Sicherheitsdienste nicht gestellt kriegen, viele von uns würden sich das mit dem Flanieren klemmen. Den Gang zum Supermarkt auch. Man könnte auch hinzufügen, dass Dinge, die wir nicht sehen, uns eben keine Angst einjagen, ist aber leider psychologischer Dünnpfiff. Gerade Ungewissheit und Nichtkonkretes sind die größten Treiber von Angst. Warum dann hier nicht?

José Saramagos durchaus bereits als Klassiker zu bezeichnender Roman „Die Stadt der Blinden“ von 1995 gibt einen verdammt guten Hinweis darauf, dass es mit einer inneren menschlichen Wertetabelle zusammenhängen muss. Die vielleicht – nein, ganz sicher – auch auf dem basiert, was uns der Philosoph Arnold Gehlen dereinst näherbrachte, als er den Menschen als „Mängelwesen“ entzauberte. Denn mal im ernst: Würde das Coronavirus blind machen, ich würde ums Verrecken nicht mehr das Haus verlassen. Weil ich die Aussicht körperlich topfit, aber eben erblindet noch 40 Jahre leben zu müssen schlimmer finde als die Vorstellung, jetzt, mit Mitte Vierzig, auf einer Intensivstation dem Ende entgegenzusiechen. Ich fürchte mich vor einer körperlichen Beeinträchtigung also weitaus mehr als vor etwas potenziell Todbringendem. Das ist auch für mich selbst bemerkenswert. Und hängt offensichtlich damit zusammen, dass auch ich den Menschen als Fehlkonstruktion erachte, die nur lebensfähig ist, wenn echt alle Körperlichkeiten funktionieren. Fällt nur eine aus – Hände ab, querschnittsgelähmt oder eben blind – wird es würdelos, Leben als Qual. So die Vorstellung eines Menschen, der mit alledem bisher nicht zu kämpfen hat. Ungeachtet der Tatsache, dass viele dieserart Versehrte durchaus den Eindruck vermitteln, dass man weiterhin ein gutes und glückliches Leben führen kann.

Aber nein, blind ist oberfies. Und nun stelle man sich vor Blindheit wäre ansteckend, nicht durch Berührung, sondern durch Blicke übertragbar. Eine Blindheitspandemie. Was würde dann passieren? Ein wahnsinnig fies-faszinierendes Gedankenexperiment, auf dass sich der portugiesische Nobelpreisträger von 1998 in seinem Buch da einlässt. Und um es abzukürzen: Binnen kürzester Zeit würde alles, aber auch wirklich alles vor die Hunde gehen. Geht schon mit der Überlegung los, wo man die Erblindeten und frisch Infizierten, also bald Blinden, hinverfrachten soll. Und wer sich um sie kümmert, sie versorgt. Du? Ich? Nix da, das soll mal schön der Staat machen, ist mir ne Spur zu heiß. Aber wer ist denn der Staat? Klar, die Armee, die müssen. Hat auch den Vorteil, dass die Waffen haben und nutzen dürfen. Falls einer von diesen Hochinfektiösen sich auch nur auf 100 Meter nähert. Auch wenn der gar nichts dafür kann, wenn er einem Zombie gar nicht unähnlich so durch die Gegend stolpert. Zum Abschuss freigegeben ist er eh, man muss ja die noch sehende Allgemeinheit schützen. Einmal warnen, dann Kopfschuss.

Und die in Lagern zusammengepferchten Blinden, null geschult darin, die Augen nicht nutzen zu können? Wir bilden uns allesamt ja immer so wahnsinnig viel auf unsere Zivilisation ein, dass wir keinen Grund dazu haben, zeigt die Existenz von Gesetzen. Denn der Mensch als solcher ist eben ein anarchischer Egoshooter, fällt die Exekutive weg, ist die Legislative auch nur noch eine, ehm, blinde Theorie. Von der Würde, dieser ewiglich fiktiven Eitelkeit, wollen wir gar nicht erst sprechen. Oder wollen wir uns echt darauf verlassen, dass die sexuelle Belästigung von Frauen abnimmt, sobald es keine Augenzeugen mehr gibt? Man muss das in Saramago-Manier so radikal-grausam formulieren, wie es ist: Vor der Blindheit wusste der Greifende wenigstens noch, wo er hingriff, zack, war er da mit der Hand, genau wo er hinwollte. Braucht so ein Blinder schon ein paar mehr Versuche, bis er die Stellen seiner Wahl begrapscht hat, das kann sich ziehen, das kann dauern. Und wie ist es mit der Nutzung sanitärer Einrichtungen? Nicht einmal Besoffene finden immer rechtzeitig zum Ort der Orte und wenn sie ihn finden, nun, dann ist das mit der adäquaten Nutzung so eine Sache. Aber was machst du als Blinder, wenn du den Ort nicht findest und du auch keinen nach dem Weg fragen kannst? Ich glaube wir wissen alle, was man dann macht. Weil ja die anderen es auch machen. Gut möglich, dass keine fünf Tage später ausgerechnet die Toiletten der hygienischte Raum am Platze sind.

Der Plot von „Die Stadt der Blinden“ ist schnell zusammengefasst: In einer namenlosen Stadt erblinden aus unerfindlichen Gründen immer mehr Menschen. Schon nach kurzer Zeit nimmt dieses Phänomen die Ausmaße einer Epidemie an. Panik macht sich breit, und der Staat greift zu drastischen Mitteln. Er interniert die Erblindeten und überlässt sie sich selbst – mit fatalen Folgen. Einzig der Frau eines Arztes ist es überlassen, aus unerfindlichen Gründen nicht zu Erblinden. Was sich zunächst als Vorteil denken lässt, erweist sich schnell als bedrückender Nachteil …

Saramago spielt in diesem fesselnden Roman mit der – Aktualität ick hör‘ dir trapsen – allgemeinen und allgegenwärtigen Ohnmacht einer Gesellschaft, die von einer unbekannten Krankheit ganz plötzlich überrollt wird, nicht weiß, wie diese adäquat zu handlen ist. Komplett überfordert ziehen sich die Machthaber zusehends zurück, überlassen die hilflosen Menschen sich selbst. Es kommt zu Chaos und Barbarei, binnen weniger Tage scheint die Zivilisation in die Frühsteinzeit zurückversetzt zu werden. Es geschieht das, was wir ähnlich auch schon bei William Goldings „Herr der Fliegen“ erfahren mussten: Gruppen bilden sich, das Recht des Stärkeren setzt sich durch und Frauen verkaufen ihre Körper für Nahrung. Der Roman bietet härteste dystopische Kost, wurde aber wohl auch deswegen zum Welterfolg, weil sich das alles zwar schockierend, dennoch flüssig lesen lässt. Zumal Saramago es versteht, sein Gedankenexperiment nicht nur mit unfassbar vielen kleinen Einfällen zu versehen, seine Überlegungen, welches B auf welches A folgen würde und welches C sich unweigerlich diesem B anschließen müsste sehr plausibel und immer wieder philosophisch durchzudeklinieren. Und nicht nur das, garniert er seinen Roman doch auch immer wieder mit auch sprachlichen Spitzfindigkeiten rund ums Blindsein, die den Leser häufig schmunzeln lassen.

Es ist berechtigt, dass „Die Pest“ von Camus in diesen Zeiten neue Verkaufsrekorde erzielt. Das Gleiche sollte auch für diese „Stadt der Blinden“ gelten. Ein unglaublich dunkles Buch, dem es gelingt, gerade durch seine Dunkelheit das Licht der Erkenntnis auf gerade die Stellen von Menschlichkeit zu richten, die wir so gerne als selbstverständlich erachten, dadurch übersehen.

Aber Roman ist Roman. Und ich gehe jetzt zum Supermarkt. Was soll schon passieren, abgesehen von dem Auto, dem Amokläufer, dem Himmel.

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