David Wonschewski | Autor

Lied- & Literaturjournalist – Romancier – Bedenkenträger

Epikur und das gut gehütete Geheimnis grundzufriedener Männer. Oder: Und, was lest ihr gerade so? 03. April 2021

Wussten Sie, dass – abgesehen von häuslicher Gewalt – bei nahezu allen anderen Gewaltdelikten überwiegend Männer die Opfer sind? Gilt für Deutschland, gilt für Europa, gilt global. Mehr als neun von zehn Personen, die willkürlichen Verhaftungen, Schlägen, illegaler Inhaftierung, Folter, Entführung, außergerichtlichen Hinrichtungen und Verschwindenlassen ausgesetzt sind, sind Männer. Derart heftig kommt es in unseren Breiten gottlob selten, aber auch zwölf Eskalationsstufen niedriger (abgezogen, erpresst, beklaut, zusammengeschlagen, angepöbelt, aggressiv von der Seite angelabert, gemobbt, gehated, gedisst) offenbart sich das gleiche Bild: „da draußen“ läuft es sich deutlich sicherer durch die Gegend als Frau denn als Mann. Auch wenn uns unser aller subjektive Wahrheit, meine eigene schließe ich da gerne mit ein, aus unterschiedlichen Gründen etwas anderes vorgaukelt. Und ja, das gilt auch für das Internet und die digitale Welt, wie die wenigen ernstaften Studien dazu belegen (also jene, die alle Geschlechter nach ihren Erfahrungen befragen und nicht nur eines).

Rein statistisch betrachtet dürfte ich mich ab 22 Uhr nicht mehr ins Bahnhofsviertel trauen. Hätte ich dort noch eine spätabendliche Besorgung zu tätigen, so müsste ich – jetzt rein vernunftbezogen – meine Frau hinschicken. Dass die heil zurückkommt, ist derart wahrscheinlicher, dass man fast ein wenig lachen muss über diese tiefenpsychologische Paradoxie des Lebens. Bilden doch viele Frauen exakt jene Angst und Vorsicht aus, die mir viel besser zu Gesicht stünde. Weißer Ritter, der auch ich letztlich aber irgendwie bin, käme es mir nie in den Sinn, meine Frau abends zum Bahnhof zu schicken, natürlich gehe ich. Angst habe ich keine und die Statistik ist mir wumpe. Den meisten Frauen offenbar auch. Genau darum ist es ja eine subjektive Wahrheit, weil sie sich kackfrech über die objektive Wahrheit einfach drüberlegt.

Ich könnte und müsste hier nun anführen, aus welchen Quellen ich meine Zahlen bezogen habe, das sind von der Bundeszentrale für politische Bildung über die Vereinten Nationen bis hin zum norwegischen Flüchtlingsrat aber derart viele, nahezu alle, dass es mittlerweile leider einfacher ist aufzuführen, aus welchen Quellen ich es nicht habe: Spiegel Online, Zeit, ARD, ZDF, Wahlprogramm der GRÜNEN. Also all jene, die einen wirtschaftlichen und machtpolitischen Nutzen daraus ziehen subjektive Wahrheit wie objektive Wahrheit erscheinen zu lassen. Gut, bei der AfD, die sich ein ähnlich fragwürdiges Erfolgsrezept erdunkelt hat wie die selbsternannte Toleranzpartei von Frau Habock und Herrn Baerbeck habe ich derlei „Weltflucht nach vorne“ noch nicht mitbekommen, das liegt aber natürlich nur daran, dass die denselben Mist halt aus der Gegenrichtung abziehen.

Männer in afrikanischen Krisengebieten sind im Umgang damit im Übrigen deutlich weiter als Europäer. Wer zwischen Somalia und dem Kongo so irre ist und sich keiner fiesen Miliz andient, was wirtschaftlich und überlebenstechnisch eigentlich unabdingbar ist, bleibt tatsächlich besser zu Hause, verlässt die eigene Bude nur noch wenn nötig. Und schickt lieber seine qua Geschlecht nicht gleich unter Generalverdacht stehende und per se für harmlos erachtete Frau zum Arbeiten, zum Einkaufen. Lümmelt zu Hause rum, daddelt sich frustriert durch den Tag, der vormittägliche Griff zum Alk ist schnell getan. Ein gerne mal unterschlagener, aber wesentlicher Mitfaktor, wenn es um patriarchale Strukturen auf dem afrikanischen Kontinent geht. Wie überall auf der Welt hat häusliche Gewalt auch hier stets eine Vorgeschichte. Die wenigsten Menschen werden spontan und aus purer Lust gewalttätig, dass nahezu jedem Täter ein ehemaliges oder gar aktuelles Opfer innewohnt ist eigentlich bekannt, wird in der deutschen Berichterstattung aber überwiegend ausgeblendet. Clickbaiting-Postillen wie eben Spiegel Online haben mittlerweile ein Geschäftsmodell daraus gemacht die Welt möglichst simpel in Opfer und Täter, Schwarz und Weiß einzuteilen. Und so zu tun, als wüßten sie nicht, dass jeder Mensch in Laufe seines Lebens in einer Unzahl an Identitätsschubladen hockt und es eine stete Interaktion zwischen allen Formen von Existenz gibt, die pure Unschuld zumindest moralisch genauso unmöglich macht wie pure Schuld. Die Wahrheit, so hat Wolfgang Thierse mal gesagt, lässt sich halt selten auf Schlagzeilenkürze stutzen. Und es sind per se die vermeintlich einfachen Schuldzuweisungen, die Hochkonjunktur haben.

Irgendwo muss man aber ja nun ansetzen, wenn man der Gewalt zumindest so ein wenig den Stecker ziehen möchte. Und wenn Gewalt zuvorderst von Männern begangen wird und wenn Gewalt auch zuvorderst an Männern begangen wird, dann – da gebe ich einer Überschrift von Spiegel Online dieser Tage sogar gerne mal recht – kann man auch nur bei Männern ansetzen. Die Masterfrage, hirne ich mal hilflos vor mich hin, müsste also lauten: Wie schaffen wir es, dass Jungen und männlichen Heranwachsenden, die so überproportional oft Opfer von Gewalt werden, nicht irgendwann derart der Kragen platzt, dass sie aus der Opferstatistik schnurstracks in die Täterstatistik hinüberwandern? Klar, noch schöner wäre es, sie gar nicht erst zu Opfern werden zu lassen, aber ich fürchte, die Aufgabe ist für den Moment zu groß. Es gäbe das hübsche und fast schon philosophische Mittel der Sichtbarkeit, es hilft ja mitunter, wenn das eigene Leid einfach mal gesehen wird. Mann könnte sich mal anständig organisieren – und nicht nur in so seelischen Krüppelablegern wie Pegida und Konsorten mitlatschen – und das lautstarke offizielle Jammern institutionalisieren. Männer haben für alles Mögliche eine Lobby, warum also nicht auch mal dort, wo die ganze Menschheit was von hätte? Einfach mal auf Plakaten dezent darauf hinweisen, dass z. B. Obdachlosigkeit nicht die Folge fehlgeleiteter Freiheitsromantik und Abenteuerlust ist, sondern zu einem Großteil das Ergebnis einer Gesellschaft, die zwar möchte, dass Männer sich bei seelischen Schieflagen zeitig professionelle Hilfe holen, diese Hilfe aber nur sehr ungenügend bis gar nicht bereitstellt. Knapp 30 Prozent aller Opfer häuslicher Gewalt sind Männer, wer einmal recherchieren möchte wieviel Prozent aller staatlich finanzierten Ausweich- und Fluchtplätze denen zur Verfügung stehen wenn es daheim mal hart kommt, kann das gerne tun. Rate ich aber von ab, kann einem schonmal den Tag vermiesen.

Ja, man könnte fortan ordentlich mittrompeten im modernen Konzert der Hilflosen und Abgehängten, der Opfer und Opfesopfer. Statistiken das Ganze mit Sinnhaftigkeit zu unterfüttern gibt es genug. Halte ich persönlich jedoch wenig von, denn auch wenn es Gründe für das Ausüben von Gewalt gibt, bleibt es für mich letztlich immer eine Option, die man ziehen kann, aber nicht muss. Das mag ein naiver Gedanke sein, aber jeder Mensch ist für sein Schicksal zumindest mitverantwortlich. Wann und wo ich mich als Opfer sehe, zu welchen Anteilen und ob überhaupt, entscheide ich ein Stück weit auch selbst. Je weniger ich mich selbst als Opfer zu sehen bereit bin, desto weniger unter mir zu leiden haben andere. Fies, da spreche ich für mich persönlich und privat, werde ich meistens, wenn es darum geht, tief in mir sitzende, mir irgendwann und irgendwo eingeimpfte Komplexe zu bewältigen. Und ich das mit ausgewogen-maßvollem Verhalten einfach nicht auf die Kette kriege. Ein fast schon österlich-christlicher Gedanke, irgendwie. Den der Protagonist Donald Sullivan im Richard Russo 800 Seiten-Kracher „Ein grundzufriedener Mann“ von 1995 mit ordentlich Leben füllt. Mit allen Anlagen für eine große Karriere ausgestattet hat ihm eine eher fiese Kindheit und Jugend ordentlich die Lebenstour vermasselt, es folgten Jahre des wiederholten Scheiterns. Mit 60 Jahren hat „Sully“ nichts – außer keinen Möbeln in seiner leeren Untermieterbude, mies bezahlten Tagesjobs und einem kaputten Knie. Trostloser geht es kaum, gestrandeter auch nicht. Zynisch ist er über die Zeit geworden, das schon, aber eben auch wohltuend anspruchslos. Ein fahrtüchtiges Auto? Saubere Kleidung? Esstisch? Oder so etwas wie eine gesicherte Rente? Überbewertet. Man schlufft sich halt so durch den Tag, liegt keinem auf der Tasche, stört keinen und lässt, wie es so nett heißt, Fünfe gerade sein. Gut, Frauen finden seine friedliche Antriebslosigkeit weniger sexy und auch seine Saufkumpels mühen sich vergeblich daran ab, Sullys Ehrgeiz für irgendwas zu entfachen. Aber haben die automatisch recht, steht irgendwo geschrieben, dass es für Sully wichtig sein muss, was Frauen fordern oder irgendwelche Kumpel? Sind 5000 Dollar auf dem Konto wirklich besser als 50 – oder ist nicht genau dieses getriebene Denken der Anfang vom Ende? Der Todesstoß für eine jede Art von Selbstzufriedenheit, die wiederum unabdingbare Grundzutat einer jeglichen Gewaltlosigkeit ist?

Gerade bin ich auf Seite 380 und noch ist nicht abzusehen, ob Sully der zwar kauzige, letztlich aber grundgütige Mann bleibt, der keinerlei Lust hat sich von anderen Menschen oder seiner eigenen Vergangenheit zu irgendwas aufstacheln zu lassen. Das zu lesen ist nicht nur witzig, sondern auch faszinierend. Vor allem für Männer, die ahnen, dass ein wenig mehr „Ohmmmm“ das eigene Leben und somit die ganze Welt tatsächlich besser machen würde, denen Buddhismus aber halt doch eine Spur zu überkandidelt ist. Typen wie ich halt. Permanent mäkeln Frauen und Männer, junge wie alte, an Sullys Lebensstil herum, kommen nicht damit klar, dass er sich einfach einmal mit wenig zufrieden gibt. Aus genau dieser Grundkonstellation, diesem Anspruchsdenken anderer an einen selbst entsteht ein Großteil von Gewalt. Weniger, denke ich, sollte das neue mehr sein. Wie, das hat schon Epikur gesagt und gehört zum Grundkanon menschlicher Weisheiten?

Mag sein. Durchgesetzt hat sich dieser Weg zu einer etwas friedlicheren Welt bisher aber offensichtllich nicht. Wie immer der Roman von Russo also enden wird: dankbar bin ich ihm schon jetzt.

Ich wünsche feine Ostertage,

David Wonschewski

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