David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – bipolarer Bedenkenträger

Der Unhold trägt immer ’nen Afro. Soeben ausgelesen: Chester Himes – „Die Geldmacher von Harlem“ (1962)

von David Wonschewski

Vorabfazit: 4 von 5 Sternen

Wurde inzwischen eigentlich herausgefunden, ob die von mir so hingebungsvoll verteidigte Rasterfahndung tatsächlich nur noch von gewaltaffin-schizoiden Vollspacko-RassistInnen so hingebungsvoll verteidigt wird? Würde mir in Sachen Selbsterkenntnis sehr helfen, gleich ganz anders in die Spur setzen könnten mein Therapeut und ich die Entkorksung meiner verdreht-verschwurbelten Sichtweise von Welt. Die mir aktuell noch immer vorgaukelt, bei der Rasterfahndung handele es sich um ein logisch-vernunftbasiertes, letztlich auf mathematischer Wahrscheinlichkeitsrechnung beruhendes Verfahrens- und Ermittlungskonzept. Mit einigen zwangsläufigen Schwächen und von daher immer wieder zu hinterfragen, klar – aber das gilt nicht nur für die Exekutive (Polizei, Sicherheitsdienste aller Art etc.), sondern auch für die sogenannte Masse, die mit diesem außerordentlich erfolgreichen Werkzeug belästigt wird. Da kann natürlich nur jeder für sich selbst entscheiden, für welchen Grad von persönlicher Erregung sie oder er sich entscheidet. Ich selbst habe mich vor sehr vielen Jahren dazu entschlossen, den Vorteil und den Nutzen von Rasterfahndung anzuerkennen, pflege seitdem ein Verhältnis dazu, das die Band Ideal 1981 in der erinnernswerten Textzeile zusammenfasste: „Da bleib‘ ich kühl. Kein Gefühl.“

Gut, nun mag man sogleich einwenden, dass ich ja auch nicht zum Opfer von Rasterfahndung werde, mir das Ganze schön lässig von der Seite betrachten darf. Aber ist dem so? Das ganze Leben ist doch eine einzige Rasterfahndung. Partnersuche, Recruitingprozesse, sogar die verdammte Suche nach bezahlbarem Wohnraum. Gewiss fällt der eine oder die andere hier öfter durch oder eben in irgendwelche Raster als ich, daraus aber den Schluss zu ziehen, ich käme rasterfrei durchs Leben wäre geradezu grotesk. Was bin ich schon vorab aussortiert und/oder hemmungslos mitgemeint worden, ohne auch nur „bla“ sagen zu können. Was bin ich schon mit der hübschen Komplettbegründung „du – nicht“ in Clubs nicht reingekommen. Und was stand ich schon harmlos in der Gegend herum oder lief ein wenig auf und ab und plötzlich rollte ein Polizeiwagen heran, ein uniformierter Hüne stieg aus, baute sich vor mir auf, wollte meinen Ausweis sehen und wissen, was ich denn mit meinem Dasein an diesem Ort und dieser Stelle so bezwecke. Und schaute mich dabei an als sei ich persönlich für alle Einbrüche und Vergewaltigungen im Umkreis von 25 Kilometern und in den letzten 20 Jahren verantwortlich. Wie gesagt, mit Sicherheit gibt es Menschen, die von alledem deutlich betroffener sind. Aber woher dieses Gerücht kommt, nur eine oder zwei Gruppen hätten unter alledem zu leiden und eine nicht näher definierte Menge namens „Mehrheit“ so gar nicht, ist und bleibt mir schleierfahndungshaft.

Das wirkliche Privileg, das ich habe, ist daher vermutlich eben dieser persönliche Umgang mit Rasterfahndung. Ich bin in der günstigen Lage, mir immer einbilden zu können, dass das alles nichts mit mir als Mensch zu tun haben kann. Ich ergo auch nicht sauer, empört oder verletzt sein muss. Mein Gegenüber hat einen Auftrag und dieser Auftrag bedingt es mich möglichst schnell lesen zu müssen. Erfahrung und Statistiken helfen ihr und ihm dabei. Natürlich ist die Chance, dass sich da wer heftig an mit „verliest“ enorm groß. Wenn ich mit meinem Rucksack durch ein mir fremdes Wohngebiet laufe, dann zu 100% aus Neugier oder um Zeit herum zu kriegen. Dass meine irgendwie wohl osteuropäische Visage gärtnernde Familienväter und Kinderwagenschiebemütter derart in Aufruhr versetzt, dass ich allein an deren Gesichtsausdruck mittlerweile ablesen kann, dass ich noch maximal 15 Minuten habe, bevor ich wieder meinen Ausweis vorzeigen darf, kann ich gut akzeptieren. Man fasst polnische Diebesbanden halt nicht dadurch eher, dass man mich nicht kontrolliert. Wenn mich eine Frau, ein Vermieter oder ein Arbeitgeber aufgrund irgendeines blöden äußeren Merkmals aussortiert, ist das zwar nervig, de facto habe ich da langfristig aber mehr von, als dass es mir Nachteile bringt.

Ich kam eigentlich auch nur auf dieses Thema, weil der Detective Grave Digger in Chester Himes Thrillerklassiker „Die Geldmacher von Harlem“ die aufreizend-betörende Imabelle aber mal so was von geschmacklos per Brutaloohrfeige von der Sitzbank fegt, dass es eine wahre Freude ist. Die hat eigentlich nichts verbrochen, naja, zumindest nichts Schwerwiegendes. Außer eben die Beine übereinanderzuschlagen, sich den Rock ein wenig nach oben zu ziehen und das einladendste aller Erotiklächeln auszupacken. Um damit ihre Freilassung aus der U-Haft zu beschleunigen. Ist man bei Grave Digger aber mal übelst an der falschen Adresse mit. Weil er diese „hellgelben“ Frauen kennt. Die sind nämlich generell dafür verantwortlich, dass die „richtig schwarzen“ Jungs in Harlem so durchdrehen, stiften sie zu derart vielen Verbrechen an, dass Harlem zu dem Gewaltmoloch verkam, der es nun ist.

Tja. Ist das rassistisch, ist es sexistisch? Mir egal, denn so wie Chester Himes uns das Leben und Sterben in Harlem vor Augen führt, ist es in erster Linie geil. Weil so kompromisslos, so lebensecht, so atmungsaktiv. Es wurden schon viele Überlegungen darüber angestellt, ob und wann Krimis und Thriller auch Literatur sind oder sein können. Können sie immer dann, wenn neben einem spannenden Plot auch ein Milieu vorgestellt wird, mit dem Brennglas die Sehnsüchte und Konflikte, der spezielle Alltag einer speziellen Bevölkerungsgruppe vorgestellt werden. Und das scheint mir bei Chester Himes – es ist mein erster Roman von ihm gewesen – definitiv der Fall. Denn es sollte nicht unerwähnt bleiben, dass Grave Digger und sein nicht minder zulangender Kollege Coffin Ed Farbige sind. Schon klar, das sollte keine Rolle spielen. Spielt es aber. Und was für eine.

Ich will ehrlich sein: Wären es weiße New Yorker Polizisten, ich wäre unweigerlich in den modernen (und zumindest in Ansätzen durchaus berechtigten) Polizeigewalt-Trott geraten. Hätte mir Seite für Seite gesagt, dass es hier echt ein Polizeiproblem gibt. Es sind aber nun einmal schwarze Polizisten, die derart brutal gegen schwarze Harlemer vorgehen. Und allein das hat einen Mehrwert, der kaum zu beziffern ist, ist es doch, als würde Himes einen Vorhang beiseiteschieben, eine echte Diskussion ermöglichen. Die wäre mit zwei weißen Radikalinski-Cops nicht möglich, wäre an der simplen Rassismus-Erklärung doch kein Vorbeikommen. Was Himes mit seinem Roman, in dem bestenfalls 5% der Figuren Weiße sind und auch die nur am Rande auftauchen, hier gelingt ist gerade dadurch grandios, dass er durch dieses Setting den plakativen Rassismus von vornherein ausblendet und einen Blick auf den konkreten Rassismus, all seine Nuancen und Schattierungen ermöglicht. Das Buch ist prallvoll mit Einsichten, Szenen und Dialogen, die all die vielen so auffallend eindimensionalen Rassismuserklärbücher, die aktuell den deutschen Buchmarkt überschwemmen, als die eindimensionale Hilflosigkeit aussehen lassen, die sie mehrheitlich auch sind. Allein wie Himes erklärt, warum Grave Digger und Coffin Ed mit niemandem so wenig Mitleid haben wie mit den eigenen farbigen „Brüdern und Schwestern“, warum sie eine Brutalität an den Tag legen, die jeden weißen Cop wie den hinterletzten Sören aussehen lassen, geht verdammt tief. Und nicht nur das: Auch die Verbrechensspirale, in der sich Farbige schneller einfinden als Weiße, beleuchtet Himes derart differenziert, dass man tatsächlich zu dem Fazit kommt, dass sich die Einwohner von Harlem selbst daraus befreien könnten, wenn nur die Weißen sie in Ruhe lassen, eben weil sie Fremdkörper sind und von daher auch mit dem besten Willen nichts raffen können – und sie selbst, die Farbigen, in der Folge keine Ausflüchte mehr suchen. Sich ihrer eigenen Verantwortung stellen.

Im Zentrum der Geschichte steht der fette und tollpatschige Jackson, der alles tut, um die Erotikbombe Imabelle mit dem Wohlstand zu versorgen, den er ihr mit seinen eigenen Händen nicht erarbeiten kann. Er fällt auf eine Bande von Halunken herein, die ihm weismacht, aus Zehndollarscheinen mittels physikalisch-chemischer Reaktionen Hundertdollarscheine machen zu können, wird als Einziger geschnappt, entkommt zunächst, verliert auf der Flucht dann aber nicht nur einen Koffer voller Gold und seine große Liebe Imabelle, sondern auch noch die Leiche seines Bruders. Auf der Suche nach Imabelle reitet er sich immer weiter in den Kuhdung, erst muss er Geld klauen, um seine Suche finanzieren zu können, dann hat er plötzlich Killer am Hals, die an seinem Ableben sehr interessiert sind. Chester Himes lässt hier das erste Mal die knallharten schwarzen Cops Grave Digger und Coffin Ed auftreten, die das unschuldige Lamm Jackson ebenso gnadenlos ins Visier nehmen wie die Verbrecher, die hinter ihm her sind.

Die Spannung hält sich bei diesem Shaft- und Curtis Mayfield-mäßigen Actionreißer eher in Grenzen, die eingangs erwähnte soziale Komponente dieses Romans ist das wahre Pfund, mit dem das Buch wuchert. Daher 4 von 5 Sternen. Und zum Abschluss die Masterfrage: Würde es etwas ändern, wäre Chester Himes kein afroamerikanischer Autor? Ich denke ja. Ganz entschieden sogar.

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Lesen Sie „Schwarzer Frost“, den Debütroman von David Wonschewski. Mehr Informationen: HIER.

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