David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – bipolarer Bedenkenträger

Freiheit, die ich meine. Soeben ausgelesen: Richard Russo – „Ein grundzufriedener Mann“ (1993)

von David Wonschewski

Vorabfazit: 4 von 5 Sternen

Das Feine an Literatur ist, dass man die Möglichkeit hat, Protagonisten in Situationen zu erleben, in die man selbst ums Verrecken nicht geraten will. Das Fiese an Literatur hingegen ist, dass man ab und an Protagonisten in Situationen erlebt, die man aus dem eigenen Leben viel besser kennt als einem lieb ist.

Als ich vor knapp fünf Jahren in meiner damaligen Wohnung stand, doch, da war das schon sehr sully-mäßig. „Sully“, das ist Donald Sullivan, der 60-jährige Tagelöhner aus Richard Russos Debütroman „Ein grundzufriedener Mann“. Der hat in seinen vergangenen Jahren und Jahrzehnten so ziemlich alles vor die Wand gefahren oder zumindest im Sande verlaufen lassen, was wir gemeinhin unter „Leben“, vielleicht gar einem „schönem Leben“ verstehen. Ehe geschrottet, nachfolgende Beziehungen bestenfalls auf Luft gebaut, kein Kontakt zum Sohn, kein festes Arbeitsverhältnis, keine Aussicht auf Rente. Geblieben sind: ein Mann und seine Kneipe, ein Mann und sein Zynismus. Und eben seine Bude, ein paar größtenteils leere Räume, die er als Untermieter im Haus einer gut situierten Witwe bezogen hat. Ja, da ist ziemlich wenig drin in seiner Wohnung. Wie das halt so ist, nach dem Zerbrechen seiner Ehe blieb nicht viel an Hausstand übrig und er brauchte für den Beginn ja auch nicht viel, dreinhalb rudimentäre, arg abgenutzte Möbelstücke, fertig. Sully isst in der Kneipe, Sully säuft in der Kneipe, Sully verbringt seine kompletten Abende dort. Und schuftet sich tagsüber mit seinem arg lädierten Knie auf irgendwelchen halbseidenen Baustellen die mittlerweile mürben Knochen bröselig.

Gut, ganz so mies war es bei mir seinerzeit nicht, ich hatte so etwas wie eine Küche, wobei man keine Schublade aufziehen und keinen Schrank öffnen durfte, ohne Gefahr zu laufen, dass einem alles zusammenbricht. Und von den vier Herdplatten ging auch nur eine, selbstverständlich keine der großen, nein, eine kleine. Da es keine Gaststätten in dem Dreckskaff gab und auch keine Kneipen, spielte sich alles in diesen drei heruntergekommen Wänden ab. Vielleicht ein Vorteil, den ich Sully gegenüber hatte. Mehr als einmal lungerte ich abends in diesem Nichts herum und kam gar nicht umhin, mich zu fragen, wo in meinem Leben ich eigentlich so gottverdammt falsch abgebogen bin, dass von meinem ehemaligen ziemlich forsch nach vorne laufenden Berliner Leben mitsamt respektheischendem Beruf so gar nichts mehr übrig geblieben war. Nicht einmal eigene Möbel. Hätte ich, wie Donald Sullivan, seinerzeit ein halbwegs reges soziales Leben gehabt, ich bin mir nicht sicher, ob ich so schnell aus dieser Lebenssackgasse herausgekommen wäre. Hatte ich aber nicht, es gab nicht einmal Freunde, die ich hätte treffen können. Was letztlich gut war, denn derweil Sully knapp 20 Jahre dieserart leer vor sich hin lebt, war der Spuk bei mir nach anderthalb Jahren vorbei. Als ich wusste, dass ich einem neuen privaten Umfeld, einer neuen Wohnung und einem neuen Job entgegenstrebe, alles wieder ins ordentlich-zivilisierte Lot kommt, stand ich abends noch einmal in diesem Nullpunkt von einer Existenz. Und raten Sie, was ich damals dachte: Schade, dachte ich. So frei von Ballast wie in diesen abgeschranzten Monaten wirst du nie wieder sein. Womit Sullys Hauptproblem wohl bereits umrissen ist. Denn genau diese Freiheit und Zwanglosigkeit ist es, von der er sich mittlerwele nicht mehr trennen mag, es auch nicht kann.

Der Roman spielt im ehemals aufstrebenden, wirtschaftlich mittlerweile abgehängten Örtchen North Bath bei New York, Mitte der Achtziger. Obwohl Donald Sullivan geschieden ist, sein kaputtes Knie ihm immer wieder Ärger macht und er seit Langem eine semi-geheime Affäre mit einer verheirateten Frau hat, ist er mit seinem Leben zufrieden. Schon immer hat er sich gründlich vor jeder Verantwortung gedrückt – ob als Ehemann, als Vater oder als Untermieter seiner ehemaligen Highschool-Lehrerin. Erst als sein Sohn, zu dem er seit Jahren keinen Kontakt mehr hatte, nicht minder gestrandet plötzlich bei ihm auftaucht, beginnt Sully nach und nach einzusehen, dass es ein Trugschluss ist zu glauben, man könne ein Leben frei von Verantwortung führen.

Dass kaum jemand das Leben abgehängter weißer Männer in noch viel abgehängteren Gegenden der USA so gut beschreibt wie Richard Russo ist spätestens seit seinem mit dem Pulitzerpreis ausgezeichneten Roman „Diese gottverdammten Träume“ bekannt. Donald Sullivan ist dabei der Prototyp des eigentlich liebenswürdigen, jedoch wortkargen Arbeitstiers, bei dem man sich nie ganz sicher ist, wie viel von seinem eigenen Niedergang er sich selbst zuzuschreiben hat. Das geht schon mit seiner Kindheit und Jugend los, die den sportlich und auch intellektuell durchaus begabten Sully derart negativ prägte, dass er unmittelbar nach der Schule und seinem Kriegseinsatz schon zu versacken begann. Dass Ehen mit bestem Wissen und Gewissen vor die Wand gefahren werden ist auch Standard, nur dass Sully zu irgendeinem frühen Zeitpunkt seines Lebens den Entschluss fasst, dass sich zu viel Mühe nicht auszahlt, ein Mensch wesentlich besser fährt, wenn er Ambitionen und Begierden gering hält. Ein letztlich auch philosophischer Ansatz, der in neoliberalen und kommerzorientierten Zeiten immer wieder mal an Faszination gewinnt: einfach nicht mitmachen bei der ganzen wilden Jagd auf Geld, Sex, einen guten Ruf. Und tatsächlich: Dass 5000 Euro auf dem Konto besser sind als 500 ist eine Meinung, die bis heute nicht als gesichert gelten kann.

Wie den meisten Einwohnern von Bath wird der spröde, eigensinnige und überaus zynische Sully dem Leser schnell sympathisch, gerade weil er auf niedrigem Level unangepasst und zeitkritisch erscheint ohne das anderen Menschen mit großem Tamtam als ach wie tolle Lebenshaltung präsentieren oder gar verkaufen zu wollen. Solange er genug Münzen in der Tasche hat, um sich morgens im „Hattie’s“ einen Kaffee und abends im „White Horse“ diverse Bier zu genehmigen, ist alles picobello. Zwar versuchen die Frauen seines Lebens immer wieder ihn zu Ambitionen und Verantwortlichkeiten anzuspornen, wie auch seine abendlichen Saufbrüder gerne mal darauf verweisen, dass sie tagsüber durchaus die ein oder andere Leistung erbringen, sich dem Wettkampf des Lebens stellen – aber steht ja nirgends geschrieben, dass man sich davon beeindrucken lassen muss, was andere gerne von einem hätten.

Russo besticht hier vor allem mit seiner herausragenden Fähigkeit zu kurzen, sehr zynischen Dialogen, die den Roman durchweg amüsant halten, dabei jedoch auch nicht darüber hinwegtäuschen können, dass der Text mit 800 Seiten deutlich zu lang ausgefallen ist, sich nach spätestens 400 Seiten doch um immer nur noch die gleiche Achse zu drehen beginnt. Wirklich langweilig wird das zwar nie, doch auch eine Handlung wird kaum vorangetrieben, selbst Sullys vermeintlicher Erkenntnisprozess, dass die Abgabe von Freiheiten und der Abbau von emotionaler Distanz auch ihre Vorteile haben, wird von Russo nur sehr stockend vorwärtsgebracht. Was dazu führt, dass dieser Roman mit Sicherheit auch nach 400 oder 600 Seiten einfach derart hätte abgebrochen werden können wie letztlich dann nach fast 800 Seiten. Die Handlung wäre nahezu deckungsgleich geblieben, das Leseerlebnis dafür kompakter.

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Ein Kommentar zu “Freiheit, die ich meine. Soeben ausgelesen: Richard Russo – „Ein grundzufriedener Mann“ (1993)

  1. Bludgeon
    10. April 2021

    John Casey „Der Traum des Dick Pierce“ – hab gerade ein Deja Vu.
    In den 90ern aus ner Ladenhüter-Tonne gefischt für 3.-DM oder so.
    Einer der besten Ami-Gegenwartsromane, die ich kenne.
    Dick Pierce ist ein Sonderling – aber das steht schon alles hier:

    https://www.tokaihtotales.wordpress.com/2015/04/03/unverichtbar/

    Gefällt 1 Person

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