David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – bipolarer Bedenkenträger

Die Geister, die ich rief, das Monster, das ich schuf. Soeben ausgelesen: Beate Hausbichler – „Der verkaufte Feminismus“ (2021)

von Hirnorganismus Pi

Vorabbewertung: 3 von 5 Sternen

Als ich vor 44 Jahren geboren wurde, begannen sogleich zwei Kräfte an mir zu zerren: Der Katholizismus rechts, der Feminismus links. Normal, wenn man im tiefkatholischen Münsterland Anfang der 80er-Jahre in einen der ersten von den GRÜNEN in die Spur gesetzten und von alternativen Künstlerkreisen geleiteten Kindergarten gesteckt wird. In den Jahren danach den ganzen christlichen Totentanz mitmacht, während man in der Schule in die Fänge der gerade im Stechschritt in die Institutionen einmarschierten 68er gerät. Dass es bei alledem, was mich da von Lebensbeginn an beidseitig indoktrinierte und auf fast schon lustige Weise gleich doppelt mit Schuld und Sühne überfrachtete, auch um mich geht, nein, das habe ich schon mit zehn Jahren nicht mehr geglaubt. Der Rest der Geschichte ist langweiliger Standard: Eines Tages, unversehens und jäh, brach mein persönliches Jugenderwachen aus und ich kam in jene übelbeleumundete Lebensphase, in der uns „das System“ – in meinem Fall also Katholiken und Feministen – mal kreuzweise kann. Ich glaube sogar, dass ich nur deswegen meine 10 Monate zum Bund gegangen bin. Der Junge musste einfach mal an die frische Luft. Brauchte mal irgendwas Natürliches, was Echtes.

Hier die gute Nachricht: Dem Katholizismus ging von selbst ziemlich schnell die Puste aus. Gleich hinterher die Schlechte: Der Feminismus erweist sich als wesentlich hartnäckiger. Egal wo ich hinkomme, er ist immer schon da, ist längst und überall Platzhirsch. Das finde ich keineswegs schlimm, haben Katholizismus und Feminismus mich doch auch im positiven Sinne unsagbar geprägt, bin ich beiden Glaubensrichtungen, keine Ironie, sehr dankbar. Weswegen mich auch beide Strömungen weiterhin faszinieren, ich sogar ab und an davon träume die viele unsagbare Grütze, all das Niederträchtige und Einäugige, all das Sexistische, all das Besserwisserische und Hochnäsige, all das letztlich einfach nur Machtgeil-Opportunistische aus beiden Welten loszuwerden. Und das extrahiert Beste zu einer erlesenen Lebensmelange zu verarbeiten. Deswegen, schon wieder kein Witz, sehnt sich auch niemand so sehr nach einem endlich mal jungen und endlich mal weiblichen Papst wie ich. Dürfte aber schwierig zu besetzen sein. Denn dass junge Feministinnen nun ausgerechnet den Katholizismus für sich entdecken, halte ich für illusorisch. Und dass die katholische Kirche Frauen ohne männliche Erlaubnis nichtmal das Weihwassereimerchen auffüllen lässt, ist auch hinlänglich bekannt. Darum erleben wir hier nun auch die Geburt des ersten von mir in die Welt gesetzten Hashtags: #ProPontifikatsfrauenquote. Okay, „Maria 2.0“ ist auch nicht schlecht, so für den Anfang.

Womit wir beim Buch der österreichischen Philosophin und Redakteurin Beate Hausbichler angekommen wären. Die war mir bislang komplett unbekannt, ein themenversierter Bekannter aber flüsterte mir warnend ein, das sei eine von jenen, deren monatliches Einkommen von verbalisierter Spaltung abhängt, vom Aufrechterhalten und immer wieder Anfachen gesellschaftlicher Empörung. Eine Austro-Stokowski, deren so zäh-kreativen Spiegel-Kolumnen man ja auch die Mühe anmerkt, die es kostet, auf Biegen und Brechen die eigene Daseinsberechtigung zu sichern. Man kennt das vom externen Beratergewerbe, bei denen läuft das eigene Wirken nach einem ganz ähnlich Motto ab: Hast du dich entschieden, ein Hammer zu sein, wird alles zum Nagel.

Schauen wir also mal, was Beate, die potenzielle Baumeisterin, uns hier auf, vielleicht aber ja auch wirklich in den Kopf gibt. Auf „Der verkaufte Feminismus“ war ich insofern regelrecht scharf, weil Verlag und Autorin in ihrer Ankündigung genau das versprechen, was ich oben als Sehnsucht formuliert habe: Mal ordentlich ausmisten im eigenen Feministenstall. Klar benennen, wo die eigene Bewegung längst „das System“ geworden ist, in den Chefetagen von Politik, Verwaltung, Konzernen und Medien hockt, gestützt von Opportunistinnen und Geldschefflerinnen, Egomaninnen und zukurzgekommenen Narzisstinnen. Und wo noch das drin steckt, was weiterhin immens wichtig ist und zwei Wellen lang alle Bewunderung verdiente: Menschenrechte, Freiheit, Gleichheit. Natürlich ist die Vorabfrage erlaubt, ob denn jemand wie ich ein solches Buch halbwegs objektiv lesen, fair beurteilen kann. Nein, kann ich nicht. Kann aber auch sonst niemand. Ich will es jedoch gerne versuchen, die männliche Brille abnehmen. 220 Seiten lang Neutrum sein. Man nenne mich eine Besprechung lang ergo „Hirnorganismus Pi“. Darauf wird es, wenn man Gendersprache konsequent weiterdenkt, eh hinauslaufen. Namen sind Zuschreibung par excellence, leisten wir uns – jede Wette – keine 50 Jahre mehr. Auch das war keine Ironie, kein Witz. Ich war beim Bund, ich weiß bereits um die Wohltat auf eine Nummer runtergebrochen zu werden. 160277W30518 – darüber wird man mich identifizieren, wenn mein Gesicht mörsermäßig weggefetzt ist.

Wenn ich heute feministische Texte lese, dann lese ich sie mit exakt der gleichen Haltung, mit der ich auch die Bibel lese – als hochgradig faszinierter Agnostiker. Der frei und selbstbestimmt entscheidet, welche der ihm aufgetischten Stories er in den Bereich „Glauben“, was in den Bereich „Wissen“ einordnet. „Der verkaufte Feminismus“ kommt auf den ersten Blick, das erfreut, nicht als Meinungs-, sondern als Sachbuch daher, nach jedem Kapitel finden sich Quellenangaben, im Text auch Querverweise. Das Bemühen, nicht zum x-ten Male einfach nur die eigene Bubble und Therapiebedürftigkeit zum Goldstandard hochzujazzen ist also schon mal da. Hirnorganismus Pi ist gleich mal begeistert. Dumm nur, dass auch in jeder Bubble passgerechte Studien zirkulieren, derweil die weniger passgerechten Studien seit geraumer Zeit schnell mal aussortiert werden. Klingt wissenschaftlich fatal, wird vom größten deutschen Lobbyverband – clever unter dem euphemistischen Decknamen „Familienministerium“ operierend – aktuell aber so vorgelebt (Stichwort „PETRA-Studie“, gerne mal googlen, sich wundern und dann einfach weiter nicht SPD wählen).

Um es vorneweg zu sagen: Wenn man in der Lage ist, über die leider üblichen Schwächen feministischer Sachfiktionalität nonchalant hinwegzulesen, enttäuscht Beate Hausbichler zumindest nicht. Die Einleitung überzeugt komplett und legt den Finger auf exakt die Wunde, die derzeit dafür sorgt, dass sich die geschundene Frauenseele auf lange Sicht nicht in Heilung begeben können wird. Nehmen wir Angela Merkel und Ivanka Trump. Beide wurden mehrfach schon danach befragt, ob sie sich als Feministinnen sehen. Angela Merkel bekennt sich zu ihren Schwierigkeiten, sich so zu belabeln, Ivanka Trump lässt sich knallhart als eine solche feiern. Und nun die Masterfrage: Wer von beiden ist der Sache förderlicher? Hausbichler und ich setzen klar auf Merkel. Ehrliche Distanz schlägt privilegierte Eigenetikettierung. Oder wie steht es mit dem „Frauenpower“-Spielfilmthemenabend auf RTL2? Coole Sache oder Grütz? Die Hardcore-Feministin Hausbichler und der bewegte Mann Wonschewski – a.k.a. Hirnorganismus Pi – rufen: Grütz. Ja, Hausbichler arbeitet ganz wunderbar das Problem heraus, dass alle Bewegungen haben, wenn sie erst einmal in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind und größer und immer größer werden. Steht zwar so nicht in ihrer Einleitung, deckt sich jedoch mit meiner Erfahrung: Es verwässert, wird kommerziell und biedert sich plötzlich dort an, wo es doch zu Beginn stramm gegen opponieren wollte: Dem Kapitalismus. Techno-Fans erinnern sich mit Grausen an jene Jahre, als das unsagbare Elektronikgestöpsel eines Mark ‚Oh als „Techno“ die Charts stürmte, jeder lahme Provinzkaspar sich plötzlich als undergroundige Szenetype prostituierte. Und hätte der Coronavirus der Fridays for Future-Bewegung nicht den Stecker gezogen, wären mehr und immer mehr Leute da mitgelaufen, es hätte sich das gleiche Problem ergeben. Wird halt nicht effektiver, wenn plötzlich auch Politikerinnen, Firmenführerinnen, Leute über 40 da mitmachen. Eine Bewegung funktioniert nur, solange es noch ein klar definiertes Ihr gibt, an dem man sich reiben kann. Ich bin Katholik, ich weiß, wovon ich rede, die christlich-selbstgewählte Inthronisierung des Teufels ist an Cleverness kaum zu überbieten.

Natürlich gibt es in Hausbichlers Buch viele Punkte, die nach altbekanntem Muster allzu offensichtlich dazu dienen sollen, Unterdrückungsempörung hervorzurufen, weswegen sie auch freudig hingeklatscht, aber eben nie weiter erörtert werden. Gerne zwei Beispiele: a) „In Branchen mit starkem Frauenüberhang werden miese Löhne bezahlt“. Der Satz, wenn er so vaterseelenallein in der Gegend herumsteht, ist gleichermaßen wahr wie luftig. Frau Hausbichler wird schon wissen, warum Sie das so schwabbelig formuliert und nicht mehr dazu sagt. Denn nicht nur mir, sondern offensichtlich auch ihr fallen mindestens genauso viele Branchen mit Männerüberhang ein, wo miese Löhne bezahlt werden. Dass die mies bezahlten Paketfahrer besser dastehen als die mies bezahlten Damen in der Pflege, darf gerne per Studie mal ermittelt werden. Bis es jedoch so weit ist, sollten wir derlei hingeploppte Sätze als das nehmen, was sie sind: Klientelgerede. Noch schöner b) „80 Prozent derer, die wegen des Klimawandels ihre Heimat verlassen müssen, sind Frauen“. Da gibt es zwar eine (feministische) Quelle zu, dort war für mich aber nicht mehr herauszubekommen. Und da wir zu dieser bemerkenswerten Zahl auch von Hausbichler nichts weiter erfahren, erneut steht da nur dieser eine Satz, wie bestellt und nicht abgeholt, schlägt mein Logikhirn aus. Dass der prototypische Flüchtling männlich ist, lässt sich vielleicht noch wegkürzen, weil die alle aus Bürgerkriegsgebieten kommen, irgendwie, vielleicht. Aber warum müssen Frauen, wenn die Dürre kommt, weg – und Männer nicht? Werden, wenn es in Deutschland regnet, auch immer nur die Frauen nass? Haben zentralafrikanische Männer einen anderen Verdauungstrakt und können nötigenfalls auch Wüstensand futtern? Oder brauchen die Männer nicht zu fliehen, weil längst auf den Feldern verreckt, von Milizen über den Haufen geschossen? Ich will es ja nur begreifen, sehr gerne lasse ich mich aufklären, dafür muss man aber eben auch ein wenig faktengebefreudig sein, sonst wird das nichts, sonst stößt man die, die man überzeugen möchte, einfach nur ab. Bei derlei nicht weiter erläuterten Effekthascherln fällt mir nur noch der lustige Satz von Hillary Clinton ein, wonach zuvorderst Frauen die Leidtragenden eines Krieges sind. Klar sind sie das, sogar statistisch – weil alle anderen tot sind oder smooth in Kriegsgefangenschaft ablachsen, sich da hotelmama-mäßig durchfüttern lassen.

Die mageren Renten der älteren Mitbürgerinnen sind natürlich ein dickes Problem, für dass es bis jetzt noch keinerlei halbwegs tragbare Lösung gibt. Niemand leugnet das. Dennoch wäre es wünschenswert, wenn man – ähnlich wie beim Gender Paygap – im Jahr 2021 endlich mal beginnt, die aussagekräftigen Zahlen zu nehmen. Und nicht immer nur die, die zwar schockieren, aber letztlich die Realität unterwandern und somit einer Problemlösung im Wege stehen. Wer sich noch immer auf den statistischen Betrag stürzt, den Frauen sich fürs Alter selbst erarbeitet haben (desaströs gering), nicht aber den Betrag sieht, den Frauen im Alter tatsächlich zur Verfügung haben (nicht bei allen, aber doch bei sehr vielen Frauen der älteren Generation etwas/deutlich höher), kann so richtig journalistisch nicht unterwegs sein. Oder liegt es an meinem Katholizismus, dass ich um die Existenz dieser zweiten, dieser anderen, der Realzahl weiß? Gruß an meine Eltern an dieser Stelle. Vater liegt schon in der Urne, Mutter kommt finanziell recht gut klar. Und ja, da gibt es einen Sinnzusammenhang.

Da ich Beate Hausbichler für eine intelligente Frau halte, gehe ich davon aus, dass sie schon weiß, warum sie uns bevorzugt zurechtgerahmte Ausschnitte von Realität präsentiert, selten jedoch ganze Bilder. Leute der Fraktion „Glauben“ werden sich freuen, wer wie ich mehr auf „Wissen“ steht, ist über derlei hausbichlerisch passgerechte Flanken auf den eigenen Hausbichler-Kopf immerhin amüsiert. Als Mann würde ich mich über derlei zur Schau gestellte Einäugigkeit wahnsinnig aufregen, als Hirnorganismus Pi grinse ich gnädig und verzeihend vor mich hin. Ommmm und so. Zumal der Zweck die Mittel heiligt, wenn Hausbichler die eigene Meute aufrütteln möchte, ist es kommunikativ total state of the art erstmal mit was Verbindendem zu starten, die Leute „abzuholen“. Macht sogar Friedrich Merz so, wenn er sich alle Jubeljahre, ehm Monate, neu um irgendwas bei der CDU bewirbt.

Damit aber nun fort mit der männlichen Lesebrille, mit der man derlei Glaubensbücher ziemlich leicht in der Luft zerreißen kann. Was hier gleichermaßen schade wie fatal wäre, geht es Hausbichler doch zur Abwechslung einmal gar nicht darum, Geschlechtsvergleiche zu ziehen, sondern darum, das Versagen von Feministinnen aufzudecken. Kleinliche Hinweise wie den, dass sie noch immer durchgängig von der (de facto längst erreichten) „Gleichberechtigung“ träumt, anstatt nur ein einziges Mal den subjektiv durchaus legitimen Begriff „Gleichstellung“ zu nutzen, klemme ich mir daher, sonst würde dieser Text hier noch ausufernder geraten, das Buch ist voll von derlei vermutlich bewusst eingehobelten Schnitzern. Bemerkenswert für eine studierte Journalistin ist diese verbale Dauerfehlgriff dennoch. Betrifft auch die Gendersprache, entweder man zieht das konsequent durch oder nicht. Es immer dann zu „vergessen“, wenn es um was Übles geht, macht weder glaubwürdig noch nachvollziehbar. Und ja, ich habe mir die Firma „Einhorn“ tatsächlich mal näher angeschaut. Da plötzlich „die Unternehmer von Einhorn“ zu sagen, das haut vorne und hinten echt nicht hin. Es sind eindeutig Unternehmer*innen, die da – je nach Sichtweise- Großes geleistet oder aber was verbockt haben.

Ihr Augenmerk richtet Hausbichler auf den Konsum und die Frage, wie es sein kann, dass Konzerne mit lautstark und visuell grell vor sich hergetragener „Diversity“ neuerdings massig Kohle scheffeln. Sie bietet hier eine kompakt-fundierte und sehr lesenswerte medien- und wirtschaftshistorische Kurzanalyse des letztlich noch immer so sauber nach Geschlechtern gesplitteten Werbemarktes, dem es gelungen ist wendehalsig und janusköpfig wie auf Knopfdruck alles über den Haufen zu werfen, was zuvor als eherne Gesetzte der Konsumtheorie galt. Allein ihre Analyse des auf Gedeih und Verderb an Geschlechterklischees gebundenen Konzerns Procter & Gamble ist mehr als einfach nur informativ. Allein: Es führt zu nichts. Oder besser: Hausbichler führt uns nirgendwo hin. Sie wird stutzig, weiß nicht so recht, was sie halten soll von dieser Art von feministischer Konsumvereinnahmung, findet das grotesk, irgendwie natürlich auch hilfreich, aber eigentlich doof. Gerade hier, wen wundert es, pellt sich schnell der von Hausbichler als Made im eigenen Speck entlarvte Widersachertypus heraus: die neoliberale Feministin, Karrieristin, gnadenlose Hier und Jetzt-Chancenausnutzerin. Genau der Typus also, den ich ums Verrecken fördern und die Deutungshoheit über das, was Feminismus sein sollte, lassen würde. Vielleicht ganz gut, dass mich eh keiner fragt.

Was ihr an der neoliberalen Variante von Feminismus nicht behagt, erläutert Hausbichler sehr gut: Der Konkurrenzmodus, in den Mädchen und Frauen hier gedrückt werden sollen. Und es stimmt: Die moderne Werbung sagt zwar gerne, dass Frau sein toll ist und jede sein kann, wie sie will, verbindet es zumeist jedoch mit eben neoliberalen Botschaften vom Durchstarten, besser als andere sein, Potenzial ausschöpfen, hervorstechen etc. Man lässt Frauen also weiterhin nicht Frauen sein, sondern verknüpft es einfach mit einer neuen Forderung, wie sie zu sein hat. Der Punkt geht an die Autorin, so dezidiert war mir das noch nie aufgefallen. Was wohl auch daran liegt, dass ich es selbst nach dem Lesen ihrer Gedanken als gut empfinde. Dass Konzerne, die natürlich zuvorderst Geld und keine Menschenrechte im Sinn haben, Frauen dazu ermutigen, die Ellenbogen auszufahren. Vielleicht habe ich da aber auch mehr Vertrauen in die weibliche Stärke als Beate Hausbichler, die ein mittelgroßes mimimi packt bei der Vorstellung, dass Frauen sich „neuerdings“ mit Konkurrenzdenken abplagen müssen und weiterhin Werbung ausgesetzt sind, die nicht gesetzlich reglementiert ist. Dass sie diese staatliche Nichtreglementierung schnurstracks als „demokratiefeindlich“ belabelt, lässt sogar Hirnorganismus Pi kurz aufjaulen. Man kann Konzernen und der Werbeindustrie einiges vorwerfen, nichts aber ist so frei, demokratisch und selbstregulierend wie die Gesetze der Marktwirtschaft. Dinge funktionieren nur dann, wenn Menschen sie annehmen. Wem etwas nicht behagt: nicht kaufen. Wenn vielen das genauso wenig behagt, sie nicht kaufen, ist der böse Drache ratzfatz tot. Subjektiv unliebsame Werbung funktioniert, weil andere Schauende zu subjektiv anderen Schlüssen kommen. Ja, so einfach ist es tatsächlich. Nur wer an die Dummheit, Schwäche und Hilflosigkeit der Menschen – oder hier der Frauen – glaubt, ruft den Staat. Ich glaube nicht daran, Frau Hausbichler schon. Warum sie damit als Feministin durchgeht, ich aber nicht als Feminist wird mir nach meinem Ableben gewiss eine höhere Existenz erklären, aktuell fehlt es mir da noch ganz entschieden an Weisheit, um das zu raffen.

Im Netz findet sich noch immer jenes wirklich legendäre erste Aufeinandertreffen von Alice Schwarzer und Verona Feldbusch im Rahmen der TV-Talkshow „Kerner“. Der Moderator war fies genug, beide Damen ungehemmt aufeinanderprallen zu lassen, wohl weil er das erwartete, worauf alle sich freuten: dass die kampferprobte Schwarzer das „hohle Licht“ Feldbusch schlichtweg abschlachtet. Kam dann genau andersherum, als wirklich doof tituliert Frau Feldbusch seitdem niemand mehr. Und es ist bis heute ein Lehrstück in dem, woran auch Hausbichler sich hier gut 20 Jahre später abmüht: Modernen und selbstbewussten Frauen sagen, was sie doch bitteschön zu denken haben. Dem Thema Schminken (warum und wozu und lasst das doch endlich!) widmet sie viele Passagen, was solange gut funktioniert, wie ihr linke Feministinnen zujubeln oder unterleibsaffine Männer sich ärgern. Gegen die Feldbusch oder eine ihrer Nachfolgerinnen, neudeutsch Influencerinnen, sähe sie mit ihren altbackenen Argumenten jedoch – man verzeihe mir das Bild – ziemlich blass aus. Je länger man dieses Buch liest, desto mehr wittert man die Angst der Autorin ausgerechnet von den Frauen, deren Karrieren der frühe Feminismus doch erst möglich machte, aussortiert und mit gerade einmal 43 Jahren aufs Altenteil geschoben zu werden. Jaja, die Geister, die ich rief, das Monster, das ich schuf. Menschlich ist mir, Jahrgang 1977, das natürlich sympathisch. Mir fiel dieser Negativtrend auch schon unangenehm auf, dass immer mehr 20-30jährige sich mittlerweile aufführen wie Volljährige. Gab’s bei uns doch früher nicht.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Beate Hausbichler es doof findet, wenn Konzerne nichts machen, es aber genauso doof findet, wenn sie im Rahmen ihrer Wirkungsfelder durchaus was machen. Man braucht nicht sonderlich viel Hirn, um zu erkennen, dass also nicht das Was das Problem darstellt, sondern das Wer: Kapitalismus und Konsum per se. Es ist vollkommen okay, das anzuprangern, nur zieht sich Beate Hausbichler damit natürlich selbst den Argumentationsboden unter den Füßen weg. Sie betreibt das ganze Buch über linke Politik und haut einfach den „Feminismus“-Zuckerguss drüber, damit es besser ankommt, ihre Ansichten als irgendwie gerecht, menschenfreundlich, allgemeingültig dastehen. Nachvollziehbar, ein Buch namens „Konsumtheorien und Konzernkritik fürs 21. Jahrhundert“ kauft doch keine Sau. Auch im Hause Hausbichler proctergamblet es also gewaltig, was aber nicht schlimm ist. Glashaus, Steine, man kennt es. Entsprechend erhellend, dass Beate Hausbichler, wann immer sie ansetzt, zu erklären, was an Firmen mit profeministischem sozialem Bewusstsein kontraproduktiv ist, mit hübsch hilfloser Regelmäßigkeit beim Themenkomplex Rassismus landet. Ich habe die Stellen echt mehrfach gelesen, kriege den Sprung intellektuell aber einfach nicht hin. Irgendwie ist die Firma Dove jedenfalls gemein, weil in Amerika ein Polizist auf dem Hals eines Dunkelhäutigen kniete. Oder so. Oder auch nicht so, wie gesagt, mir fehlt da offensichtlich irgendein Proseminar, um das zu peilen. Was ich dafür sehr gut verstehe: Wenn privilegierte mitteleuropäisch-weiße Frauen sich die Argumente für eigene Unterdrückung mittlerweile bei nun wirklich diskriminierten Farbigen fremdmoppsen müssen – und genau das geschieht in diesem Buch auf diverse Arten wiederkehrend – kann und darf man das nicht respektabel finden. Das ist nun definitiv Aneignung und abzulehnen. Den Sprung von Emma Watson zu einkommensschwachen Otto-Normalbürgerinnen verdammen, aber sich selbst frech in der Rassismus-Opferbox bedienen, wenn es gerade passt. Muss man auch erstmal bringen.

Überzeugende Argumente, warum „feministisch“ gleich „links“ sein muss, warum Feminismus nicht „liberal“ oder „konservativ“ sein kann – obschon es das längst ist! – liefert sie ebenfalls nicht. Was ich nur so deuten kann, dass es keine Argumente gibt. Ist mit Männerpolitik genauso, die von Medien automatisch als „rechts“ schubladisiert wird, ebenfalls ohne Argumente zu liefern (aktuelles Stichwort: „Forum soziale Inklusion“, gerne googlen, sich wundern und, ehm, weiterhin nicht SPD wählen).

Doch ich mag nicht meckern, denn die Autorin dreht auch den Selbstbezichtigungs-Zapfhahn auf, als sie über den latent frauenfeindlichen Karl Lagerfeld und dessen Wunsch nach einem fast schon oxymoronhaften „unbeschwerten Feminismus“ daran erinnert, dass Feminismus in seinem Ursprung wie jeder Widerstand und jede Rebellion etwas ist, für das man, mit Verlaub, richtig auf die Fresse kriegt. Und nicht Applaus und Likes und Shares, Zaster, Kohle, Moneten. Es spricht für sie, dass sie schwerreiche Schauspielerinnen wie Emma Watson und Co. benennt, die durch feministische Sprücheklopferei ihre Karriere schön am Laufen halten, sich zugleich aber als frappierend unfähig erweisen, die Modedeals mit jenen Labels abzulehnen, die übelst ausbeutende Frauen- und Kinderarbeit begünstigen. Dass auch sehr viele unbekannte Frauen sich dem „unbeschwerten Feminismus“ via Bloggen und Hashtaggen (und sich wundern, dass trotzdem nichts passiert) verschrieben haben, sagt sie zwar nicht, gerne aber füge ich das hinzu. „Femwashing“ ist das Wort, das ich neu lerne. Äquivalent zum „Greenwashing“. Ist, sagt nicht Hausbichler, sage ich, auch beim Thema Rassismus zu finden, wenn plötzlich jeder #blacklivesmatter unter seine Posts knallt und damit mehr für sich selbst erreicht als für irgendeine Black Community.

Hausbichler und ich geben uns sehr die Hand, wenn es um Begriffe wie „Empowerment“ oder „Body Positivity“ geht, bei denen es uns beiden kalt den Rücken hinunterläuft. Nur, dass wir andere Schlüsse daraus ziehen. Ich erkenne emanzipierte Frauen daran, dass sie es gar nicht nötig haben mit derlei Mist in den sozialen Netzwerken beständig auf sich aufmerksam machen zu müssen. Es lassen sich ohne jede Schwierigkeit Frauen finden, die auf positive und geistig sehr anregende Weise mit ihrem Wissen und auch Humor protzen. Gehen viral aber eher selten durch die Decke. Das tun nur die mit täglich einem Schmollmundfoto und Nonsensesatz drunter: „Egal, was andere sagen, du bist du!“ Wenn aber eine Firma wie Dove einen Werbeclip mit eher rundlichen Frauentypen dreht, ist und bleibt das für mich begrüßenswert. Scheint Hausbichler anders zu sehen, sie ist ordentlich angeknabbert, weil „Empowerment“ und „Body Positivity“ vor Jahrzehnten von ihresgleichen entwickelt wurde und jetzt macht es irgendwie jeder, die plumpe, breite konsumgeile Masse. Gehe ich inhaltlich null mit, verstehe ich psychologisch betrachtet aber total, bin ja selbst Vertreter eines in der eigenen Eitelkeit verletzten Schnöseltums, nur dass sich das bei mir in Musik und Literatur Bahn bricht. Meine tief empörten Ausführungen darüber, warum Helene Fischer und Sebastian Fitzek der Untergang von Kunst und Kultur sind, lesen sich unterm Strich gar nicht so anders als das, was Beate Hausbichler hier macht. Verrat an der Sache, Marktmacht, Dummheit der Menge, Regulierungssehnsucht, das ganze sich selbst ikonisierende Gewäsch. Um nur die Wahrheit nicht beim Namen nennen zu müssen: Vielen gefällt’s einfach, was das fesche Fischerl und das furiose Fitzekerl da so anbieten. Ich für meinen Teil weiß, dass es gesellschaftlich effektiver und bruttosozialproduktiver ist mich in Therapie zu schicken, anstatt alle 85 Millionen anderen Deutschen. Auch ehrlicher. Bei Beate Hausbichler sucht man dieses sich selbst Niedermachen vergeblich. Die berühmten Anderen habens verbockt. Weil doof. Juhu. Es trumpt so trump, wenn Trumpismen blühen.

Durchaus lesenswert – ja! – ihre Ausführungen darüber, wie auffallend gehäuft „Frauenprobleme“ mittlerweile in den großen Medien Niederschlag finden, was sie deswegen nervt – hier sage ich Chapeau! – weil eben meistens nichts Effektives drin ist in all den vielen feinen Artikeln, das allzu oft ohne Substanz daherkommt oder sich auf simpelste Zusammenhänge konzentriert und somit verhindert, dass mal was Handfestes angepackt wird. Ist zwar auch das wohlbekannte Jammern auf hohem Niveau, wenn einem nach Jahren des Bergaufstiegs da oben der Sonneneinfallswinkel nicht so recht behagt, aber ich will ja nicht kleinlich sein, recht hat sie. Weniger, dafür konkretere Frauenfokussierung in gewissen ach wie seriösen Medien wäre definitiv mehr.

Ich gehe davon aus, dass die meisten Hirnorganismen, die diesen Text hier lesen, längst wissen, wo sie bei dem Thema stehen. Für diejenigen, die noch zweifeln, habe ich hier noch einen hübschen Satz, der zwar nicht von Hausbichler stammt, den sie aber als dringend unters Volk zu bringen erachtet. Entnommen hat sie ihn einem Sparkassen-Spot, den sie gut ,aber doof findet, weil wichtig und hui, aber halt Bank ergo igitt. Oder so. Ich kopier den einfach mal hier rein. Wer ihn liest und mit Hausbichler empört über die Ungerechtigkeit in der Welt ist, ist moderner Feminist. Wer sich wie ich lachend vor die Stirn haut, hat wahlweise mit mir den Schuss nicht gehört oder aber irgendeinen Anständigkeitszug uneinholbar und für allezeit verpasst:

„Die Zahl der Frauen, die infolge von Geburt sterben oder siechen, ist weit größer als die Zahl der Männer, die auf dem Schlachtfeld fallen oder verwundet sterben“.

Meine liebe Hillary Clinton, ist es bei euch in den USA eigentlich nachts auch kälter als draußen?

Dass ich diesem befreiend ungeschminkt nach Kommerzmaßstäben aufbereitetem „verkauften Feminismus“ drei Sterne mitsamt Leseempfehlung gebe, hat vier Gründe

a) ich bin liberal genug, um der Konzern- und Werbemarktanalyse einiges abzugewinnen

b) ich bin leseerfahren genug, um lustvoll an dem intensiv betriebenem Lobbygerede vorbeizuschmökern

c) Hausbichler und ich wollen, wenn auch aus verschiedenen Gründen, das Gleiche

d) Friedensangebot sowie kein Bock auf Shitstorm durch die Armada der politisch Korrekten

P.S.: #ProPontifikatsfrauenquote #blacklivesmatter #allmenareequal #allmalesleiderauch

Lesen Sie auch auf diesen Seiten: „Tanz auf Buchrücken“, der zwar feministische, dennoch halbwegs geschlechtergerechte Genderaustauch. HIER.

Weitere andere Rezensionen lesen? Zur Auswahl geht es: HIER.

Lesen Sie „Schwarzer Frost“, den Debütroman von David Wonschewski. Mehr Informationen: HIER.

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