David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – bipolarer Bedenkenträger

The Big Bang Theory. Soeben nicht ausgelesen: Vladimir Nabokov – „Pnin“ (1955)

von David Wonschewski

Vorabfazit: 2 von 5 Sternen

Großes Marottenschrotten im Hause Wonschewski. Nachdem ich jüngst meinen jahrzehntelangen Wahnsinn beendete Bücher nur als Neuware zu kaufen, bei eBay einen gleichermaßen quantitativen wie qualitativen Literatursuperschnapper tätigte (30 Klassiker zum Preis von, ehm, etwa 0,0125), der mitsamt seinem Charisma des Zerlesenen und Zerfledderten nunmehr mein Zimmer er- und anfüllt, sodass ich in ihn hinabtauchen kann wie dereinst in das Meer aus IKEA-Bällen – fällt nun also eine weitere Bastion: Erstmals seit Jahren lese ich ein Buch nicht zu Ende. Aus dem simplen Grund, dass auch ich mir meine Lebenszeit weiterhin nicht auf Feldern pflücken, von Bäumen schießen kann.

Ja, bisher habe ich jedes Buch, das ich begonnen habe, auch zu Ende gelesen. Aus irgendeinem verkappten Verständnis von Respekt vor Künstlerin und Werk heraus. Außerdem kann man sich nur bedingt ein Urteil zu einem Buch erlauben, das man gar nicht durchgelesen hat. Wobei ich viele Literaturbloggerinnen kenne, die das schon anzweifeln. Und es stimmt, natürlich geht das, sehr gut sogar. Insofern man halbwegs ehrlich und fair versucht zu beleuchten, warum man sich genötigt sah, vorzeitig abzubrechen.

Nun, bei „Pnin“, dem vierten in englischer Sprache verfassten Roman von Vladimir Nabokov, sah ich mich kein Stück genötigt. Denn natürlich ist das, was der gebürtige Sankt Petersburger, der zweifellos das hübsche Prädikat „Weltliterat“ tragen darf, da abliefert qualitativ betrachtet große Erzählkunst, psychologisch halbwegs tief, sozialwissenschaftlich nicht von Pappe. Und doch gelang es mir 165 (von 240) Seiten lang nicht mit dem Roman auch nur im Ansatz warm zu werden, irgendwie in den Plot reinzukommen. Je länger ich darin las, desto mehr nahm eine ermüdende Beiläufigkeit von mir Besitz. Sodass ich ab Seite 100 etwa begann, mir notwendige Erledigungen des Alltags vorzustellen, die ich allesamt besser vollbringen könnte – anstatt auf der Couch zu fleezen und „Pnin“ zu lesen. Bügeln, Nähen, Wischen. Was man halt so macht als moderner Mann. Oder zumindest tun sollte.

Dabei ist die Grundidee des Romans, so zusammengefasst, eine gar nicht einmal so üble. Und nicht nur das, es ist sogar exakt die Art von Story, die in der Regel genau meine persönlich bevorzugte Kragenweite darstellt: Wir erleben den zerstreuten Professor Timofey Pnin, einen einsamen Individualisten und russischen Immigranten, den der American Way of Life tief verstört – und der nicht zuletzt darum auf seine Umwelt wie ein komischer Versager wirkt. Doch seine Würde, die er mit sich führt, ohne so recht darum zu wissen, sein Ernst und seine gutmütig-stoische Persönlichkeit lassen ebendiese Umwelt lächerlich erscheinen: Sie versagt an ihm. Erzählt wird der Roman dabei nicht als durchgehender Handlungsstrang, sondern mehr wie eine scheinbar lose Folge von Begebenheiten, in denen Pnin nicht immer, aber zumeist das Zentrum bildet: Pnin in der Bahn, auf dem Weg zu einem Vortrag. Pnin als Untermieter. Pnin als Dozent im Kampf mit der englischen Sprache. Pnin und das Zusammentreffen mit seiner ihn noch immer ausnutzenden Exfrau Lisa. Pnin und Lisas Sohn Victor, für den Pnin Geld und väterliche Gefühle aufbringt. Pnin in Gesellschaft anderer Exilrussen. Was Nabokov hier also unternimmt, ist der Versuch, eine tragikomische Geschichte zu erzählen und ein Terrain zu beleuchten, auf dem er sich – Exilant par excellance, der er zeitlebens war – bestens auskennt: Anpassungsschwierigkeiten. Der ungelenke Spreizschritt eines Menschen, der die eigene Herkunft durchaus hinter sich lassen möchte, doch unfähig ist, am Zielort festen Tritt zu fassen. Und ja: Das gelingt Nabokov, „Pnin“ ist ein heiterer, versiert erzählter Roman, geschildert aus den Augen eines allwissenden Erzählers, der immer wieder durchblicken lässt, dass er diverse Lebensstationen mit Pnin geteilt hat, letztlich aber im Dunkeln verbleibt.

Warum aber, wenn ich den Roman als gelungen empfinde, kriegt Nabokov mich nicht, langweilt es mich so sehr, dass ich nach etwas über der Hälfte abbreche, nicht mehr daran glaube, dass hier noch irgendwas Neues für mich zu holen ist? Ich vermute, es liegt daran, dass Nabokov hier 1955 etwas geschrieben hat, was in den Jahrzehnten seitdem auf vielfältige Art medial ausgeschlachtet worden ist und zwar auf eine Weise, dass ich schon von „ausgelatscht“ sprechen möchte. Viele Stilmittel und Ansatzpunkte, die Nabokov hier auffährt, waren 1955 bestimmt noch der humoristische Oberburner, verursachen weit über 60 Jahre später aber ein Gähnen, für das Nabokov am allerwenigsten kann. Auch auf die Gefahr hin, dass mir mein Intellektuellenkrönchen nun vom Scheitel rutscht, aber ja, auch ich habe viele Folgen der US-Serie „The Big Bang Theory“ gesehen und fand sie eine gewisse Zeit über recht amüsant. Wer die Serie kennt, der weiß, dass es – neben vielen anderen – drei tragende Humorsäulen dort gibt: der hochintelligente Sonderling, der gar nicht merkt, dass man über ihn lacht. Der mit ihm befreundete Physiker, der das Pech hat als Sohn einer nationalen Ikone an Psychotherapeutin aufgewachsen zu sein. Und ein Inder, der seinen prototypischen Akzent nicht aus der Welt schaffen kann, wie er sich auch wiederholend daran verhebt, irgendwie amerikanisch zu wirken. Man streiche den Inder, ersetze ihn durch einen Russen – und schon hat man letztlich die Wirkweise von „Pnin“.

Wenn Pnin in einen Laden geht und einen „football“ haben will und sich wundert, dass er nichts Kugelrundes bekommt, sondern mehr was in Richtung Ei, doch, dann war das 1955 bestimmt noch sehr komisch und zum Lachen. Wenn Pnin sein holperiges Amerikanisch-Englisch radebrecht, immer wieder fehlt ein wichtiges Wort, immer wieder formuliert er unnötig ungelenk, dann war das garantiert mal sehr lustig. So auf Romanlänge, weil eben mittlerweile abgespackt, nervt es aber zunehmend. Challo, wie läuft Dich, chuterrr Frrreund. (Das war nun von mir, Nabokov bzw. der Übersetzer Dieter E. Zimmer bekommen das wesentlich intelligenter und pointierter hin, es geht aber halt permanent in diese Richtung).

So richtig den Stecker gezogen hat mir Nabokov leider, als er auf das Talent von Victor – dem Sohn seiner Exfrau Lisa – zu sprechen kommt: Malerei. Der Knabe hat mit dem Pinsel schwer was zu bieten und Nabokov wird nicht müde, uns das literarisch näher zu erläutern. Auch das macht Nabokov verdammt gut, wer mal ein Bild mit Worten beschreiben musste (mussten wir das zu Schulzeiten nicht alle?) weiß darum, dass man hier fast von einer eigenen Kunstgattung sprechen kann. Die ich aber schon bei Huysmans „Gegen den Strich“ (1884) nicht ertragen habe. Bilder sind zum Anschauen da, textliche Beschreibungen von Bildern, die man selbst nicht sieht, sind Quatsch.

Wer nun, ganz clever, darlegt, dass Geschichtsschreibung generell aber doch nach letztlich dem gleichen Muster funktioniert und sogar mein eigenes Stammgebiet, der Musikjournalismus, doch nichts anderes macht, nur halt mit Liedern – chaaaan michhhh mal.

„Pnin“ ist zurecht ein Klassiker und der Rang von Nabokov – es ist allerdings mein erster Roman von ihm gewesen – vermutlich berechtigt. Empfehlenswert ist der Roman gewiss auch, ich wüsste halt nur sicht so recht für wen, scheint mir das Buch unterm Strich als zwar nicht schlecht gealtert – dieser Pnin ist durchaus auch heute noch als Realperson sehr gut vorstellbar – aber eben heftig überholt.

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Lesen Sie „Schwarzer Frost“, den Debütroman von David Wonschewski. Mehr Informationen: HIER.

2 Kommentare zu “The Big Bang Theory. Soeben nicht ausgelesen: Vladimir Nabokov – „Pnin“ (1955)

  1. Bludgeon
    17. April 2021

    Hm. Kenne das Buch nicht. Aber manchmal gibt es ja das richtige Buch zur falschen Zeit. Einige meiner Bekäufe entpuppten sich Jahre später als gut. „Pnin“ scheint auch anhand deiner fairen Beschreibung gut zu sein.
    Aber eventuell wirken die Akzent-Gags in Englisch wirklich besser.
    Bei Bill Brysons Humor ist das auch so.
    Hab ich erst auf deutsch gelesen und dann mal einen Bryson auf Englisch, gott sei dank mit vielen Fußnoten Übersetzungshilfe, (war wohl mal als Schulbuch gedacht) in die Finger bekommen. Die Poenten sitzen da heftiger.

    Gefällt 1 Person

  2. Klausbernd
    17. April 2021

    Hi David,
    ich las Pnin im Original, in englisch, da ich in England wohne und fand ihn einen elegant geschriebenen Text, der sich zu lesen lohnt.
    Alles Gute. Frohes Wochenende
    Klausbernd
    The Fab Four of Cley
    🙂 🙂 🙂 🙂

    Gefällt 1 Person

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