David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – bipolarer Bedenkenträger

Und weit und breit kein Aluhut. Soeben ausgelesen: Ljudmila Ulitzkaja – „Eine Seuche in der Stadt“(1978 / 2021)

von David Wonschewski

Vorabfazit: 2 von 5 Sterne

„Eine Seuche in der Stadt“ – das klingt derart zeitaktuell düster, dass ich erst einmal positiv starten möchte. Denn, juhu, es gibt tatsächlich eine gute Nachricht für alle Corona-Verschwörungstheoretikerinnen, hochwissenschaftlich ausgestellt von der Universität Basel. Diese frohe Botschaft lautet: Ihr seid gar nicht so unterbelichtet wie alle Welt behauptet. Nun, moralisch und sittlich vielleicht schon, intellektuell betrachtet aber nicht. Die Damen und Herren Gesellschaftsbeschauerinnen aus der Schweiz haben in einer breiten Untersuchung herauszufinden versucht, ob sich die Freundinnen hochkreativer Verschwörungskonzepte soziologisch betrachtet irgendwie unter einen Aluhut bringen lassen. Ergebnis: Ja, das geht. Die typische Verschwörungstheoretikerin allerlei Geschlechts ist mittleren Alters bis eher jünger und war bereits vor Corona – durch welche Gründe auch immer – enorm „alltagsgestresst“. Politisch fand sich diese Person auch vorher schon zuvorderst im äußerst rechten oder äußerst linken Parteienspektrum wieder.

Wenig überraschend so weit. Interessanter ist da schon, dass in der Studie auch versucht wurde herauszufinden – ich formulier das mal so platt – wie doof Corona-Verschwörungsanhängerinnen denn nun sind. Ergebnis: Auch nicht dümmer als alle anderen Frauen und Männer. Was den Bildungsabschluss betrifft, sind die Damen und Herren Aluhut überproportional gut bestückt und was die geistige Flexibilität betrifft, zumindest einmal nicht so beschränkt, wie wir sie vielfach gerne hätten. Damit ist gemeint: Viele Verschwörungsenthusiastinnen entsprechen zwar durchaus dem Bild, sich kaum zu informieren und wenn, dann nur in der eigenen Bubble umherzulatschen. Auf gut die Hälfte aber trifft genau das nicht zu, die schauen durchaus aus vielen Blickwinkeln auf das Thema Corona, ziehen sich mehr oder minder alles rein, was dazu gesagt, getan, veröffentlicht wird. Kommen dann aber trotzdem (oder gerade deswegen) nicht zu dem Schluss, dass Maske, Abstand, Impfung gute Ideen seien. Tja, jetzt sind nicht einmal mehr die Idiotinnen richtige Idiotinnen. Wohin soll das noch führen?

Ich selbst bin ja so gar nicht anfällig für Verschwörungstheorien. Kein Stück. Dabei halte ich mich für durchaus kreativ, wurde mir ärztlich sogar bestätigt, psychomental hübsch vielgleisig unterwegs zu sein. Hilft aber nichts, was Verschwörungssetzlinge betrifft, bin ich komplett unfruchtbares Land, staubtrocken, da wächst gar nichts. Ich glaube nicht nur, dass die USA ehrlich auf dem Mond waren und wirklich islamische Fundamentalisten das WTC dem Erdboden gleichgemacht haben. Ich weiß auch, dass es Kopfgebilde wie gesellschaftsdirigierende Geheimbünde oder das weltumspannende Patriarchat nicht gibt, das alles ein ausgemachter Schwachsinn ist, erfunden von Leuten, denen wahlweise die Argumente ausgegangen sind oder die kapiert haben, dass sich mit derlei Plumperismen easy Hornochsinnen und Hornrinder einsammeln und für eigene Zwecke instrumentalisieren lassen.

Falls sich hier nun jemand ereifern möchte, nicht nötig. Denn zum einen ist mir natürlich klar, dass „Verschwörungstheoretikerin“ selten eine Eigen-, dafür fast immer eine Fremdbezeichnung für unliebsame Andersdenkende ist. Und so gesehen – schwurbelwurbel – gerade mein Bekenntnis, kein Verschwörungsfreund zu sein, letztlich auch als Beweis genutzt werden kann, um glasklar darzulegen, dass ich in meiner zur Schau gestellten generellen Leichtgläubigkeit genau das bin, vielleicht sogar der größte von allen. Das ist so wie die Sache mit dem Wissen, wer sagt er wisse, dass er nichts weiß, weiß ja eben doch zumindest etwas. Zudem habe ich mir soeben selbst ein Bein gestellt, denn wenn ich nicht anfällig für Verschwörungsquark bin (oder glaube es zu sein), belegt das nicht meine Intelligenz, sondern zeigt nur, dass ich – wie die Uni Basel es gesagt hat – nullkommanull alltagsgestresst bin. Und wer das von sich behaupten darf in diesen aufgeregten Zeiten ist – Simsalabim – privilegiert. Kein Verschwörungsfreund zu sein muss man sich eben, ähnlich wie Moral, auch erst mal leisten können.

Nein, ich glaube nicht daran, dass es für jeden Bockmist eine simple geheime Erklärung gibt. Ich glaube aber daran, dass es für vieles eine simple und durchaus massentaugliche Lösung gibt. Oder gäbe. Ich sah beispielsweise mal in einer Dokumentation, dass man in Schweden den Verdienst seiner Mitbürgerinnen ganz transparent in einem jährlich neu herausgebrachten dicken Buch nachschlagen kann. Haben auch viele dort daheim herumliegen, so wie das Telefonbuch (die Älteren erinnern sich). Vielleicht waren es auch eher Steuerdaten oder so was, auf jeden Fall gibt es eine enorme finanzielle Transparenz da oben. Schwedenkenner dürfen mich gerne verbessern, so das nicht ganz stimmt oder etwas anders ist, ist eine Weile her, dass ich die Doku sah. Was wir uns hierzulande in Sachen Verdienst und/oder Nicht-Verdienst gegenseitig den Teufel an die Wand malen, ist unglaublich. Auch viel Verschwörungsgeraune im Umlauf in dem Bereich. Zack, alles offenlegen, gut ist. Ich bin mir sicher, dreiviertel der Empörung würden von selbst abebben und es würde endlich überdeutlich zutage treten, wo wirklich Hebel anzusetzen sind.

„Eine Seuche in der Stadt“, das 1978 geschriebene Drehbuch der russischen Autorin Ljudmila Ulitzkaja, das seinerzeit keine abnahmefreudigen Produzentin fand, jetzt aber als vermeintlich weises und zeitadäquates literarisches Werk in schmaler Buchform erschienen ist, begibt sich – nur halt in Sachen Pandemie – auf eine ähnliche Spur. Denn Corona in die Schranken zu weisen ist so kompliziert nicht, die nötigen Schritte dazu fasst dir mittlerweile jede Grundschülerin in drei Sätzen zusammen. Schwierig wird es hintenraus, die Umsetzbarkeit, der politische, aber auch der öffentliche Wille stehen uns vielfach im Weg. Kürzer gesagt: So schnell wie der Mist in China entstand, wurde er auch genau dort und nur dort in den Griff bekommen. Das ging, wenn auch mit viel Anstrengung, letztlich deswegen so einfach, weil man sich dort kein Gesellschaftsgestrüpp leistet wie im freien Westen. Keine Sorge, ich bin kein Freund autoritärer Regime, aber dass es dort keine Aluhutansammlungen gibt, hat gewiss nicht nur mit der Unterdrückung freier Meinungsäußerung zu tun. Sondern auch damit, dass China ein Land ist, in dem Ross und Reiter noch sehr klar definiert sind. Mit der Vorstellung, dass Xi Jinping sich lachend die Zunge bricht, wenn er das deutsche Wort „Ministerpräsidentenrunde“ auszusprechen versucht, komme ich gut klar. Der Gedanke, dass 1,4 Milliarden Chinesen es ihm gleichtun tut schon deutlich mehr weh. In Sachen Corona stößt der freie Westen an seine Grenzen, derweil das unterdrückte Milliardenvolk der Chinesen befreit aufatmet. Klingt paradox, ist es aber nicht.

Nun fallen uns natürlich auch viele autokratische Regime ein, die mit Corona so gar nicht klarkommen, das hat jedoch selten mit der Regierungsform zu tun, dafür fast immer mit der Borniertheit seiner Staatslenkerinnen. Letztlich müssen wir aber akzeptieren, dass ein Staat, der gewisse Befugnisse längst hat, schneller und wirksamer agieren kann. Und genau da kommt „Eine Seuche in der Stadt“ ins Spiel. In dem Buch befinden wir uns in Moskau und schreiben das Jahr 1939. Der Mediziner Rudolf Iwanowitsch Mayer berichtet über den Stand der Entwicklung eines Impfstoffs gegen die Pest. Er steht kurz vor dem Durchbruch, was aber niemand ahnt: Bei seinen umfangreichen Studien hat sich der Forscher selbst infiziert. Am Abend nach einer Tagung wird er ins Krankenhaus gebracht. Diagnose: Lungenpest. Zack, wird das Krankenhaus unter Quarantäne gestellt – das ginge auch bei uns – und wer mit ihm Kontakt hatte, zack, zu Hause abgeholt. Ohne Angabe von Begründungen. Man will ja nicht nur den Virus, nein auch eine potenzielle Massenpanik gleich im Keim ersticken. Also klopft man nur an die Wohnungstür und ruft „Mitkommen!“. Und die womöglich infizierte Person kommt mit hängenden Schultern mit, traurig winken Ehepartner und Kinder ihr hinterher. Ob sie sich jemals wiedersehen werden? In unseren westlichen Gefilden kaum vorstellbar, in der Sowjetunion des Jahres 1939 und auch viele Jahrzehnte danach letztlich Alltag. Das wer kommt. Gerne auch nachts. Klopft. Mitnimmt. Damals, 1939 aber, war es besonders heftig. Auch ohne Seuche. Denn in der Zeit des Großen Terrors fürchtet jeder, in Stalins Folterkeller zu kommen. Wir kennen das, die typische Diktatorinnenparanoia, ein belangloser Satz im falschen Moment – und schon klopft es des nachts, ist man als regimekritisch gebrandmarkt. Ja, der Wahnsinn hat Methode – was aber, wenn sich dem Wahnsinn ein durchaus berechtigtes Anliegen hinzugesellt? Wie eben eine Seuche im Anfangsstadium? Genau das untersucht Ulitzkaja in ihrem schmalen, mitunter wahrlich wie ein Drehbuch daherkommenden Roman. Ist es möglich, einen fiesen Geheimdienst auch, nun, positiv einzusetzen? Es spricht sehr für die Autorin, dass sie dieser Möglichkeit keine komplette Absage erteilt und ihrem Buch den Hauptdreh verleiht, indem sie schildert, was passiert, wenn wir vor denen, die uns retten wollen, seit jeher Angst haben, es gewohnt sind in Panik zu verfallen, egal wie gut sie es womögich meinen. Oberst Pawljuk beispielsweise lässt sie gar nicht erst klopfen, sondern erschießt sich sofort, als der schwarze Wagen nur vor seiner Tür hält, eine Frau verrät in vorauseilendem Gehorsam ihren Mann an den Geheimdienst, weil sie eben nichts von einer Seuche weiß und nur davon ausgehen kann, dass es hier um politische Motive ging, ihr Mann eh nicht mehr zu retten ist, sie selbst aber vielleicht gerade eben noch.

Die Überlegung ist in der Tat faszinierend, auch die von Ulitzkaja weitergesponnene Möglichkeit, dass ein Regime, das eh permanent Leute liquidiert, ja auch einfach alle Infizierten kurzerhand verschleppen und erschießen kann und gut ist zu schön und zu einfach, um sie einfach nur moralisch kritisieren zu können. Leider bleibt „Eine Seuche in der Stadt“ unterm Strich dennoch blass. Das mag zum einen daran liegen, dass es eben durchaus einen Unterschied macht, ob eine absolut fähige Autorin einen Roman ausarbeitet oder aber ein abgelehntes Drehbuch nach über 40 Jahren mal eben resteverwertet, weil die Tagesaktualität so günstig erscheint. Zum anderen kommt hier aber ins Spiel, dass wir nach vielen Monaten mit – oder auch unter – Corona als Zivilgesellschaft einen Wissenstand erreicht haben, der dem Buch, man muss es so sagen, fast ein wenig den Schrecken nimmt. Anderthalb Jahre eher herausgebracht hätte es dieses Werk vermutlich zu dem fragwürdigen Prädikat „Skandalwerk“ bringen können, jetzt aber, wo es mehr um die Frage geht, ob geimpft wird und wie geimpft wird, wie fair mit bereits Geimpften umzugehen ist, liest sich der Roman wie ein kleines Geschenk, mit dem man nichts mehr anfangen kann, da man es einfach zu spät erhalten hat. Dass das Thema Seuche weiterhin aktuell ist, weiß der Roman schlichtweg nicht zu verwerten. Und um anderweitig gebannt zu sein von Leid, Tragödie, Schicksal ist das einfach zu skizzenhaft präsentiert. Zumal man jetzt auch nichts Weiteres über Stalin oder sowjetische Geheimdienste erfährt.

Ein unterm Strich nettes, aber unnötiges Buch, das einen kalt lässt. Und nein, ich wünsche mir keinesfalls chinesische Verhältnisse für unser Land. Hätte einfach nur gerne Königin oder Kaiserin „zurück“. Ist vielleicht auch einfach dem Zeitgeist geschuldet, Prinz Philipp gestorben, Söder im wahrsten Sinne des Wortes abgekanzelt – harte Zeiten für Monarchisten.

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Ein Kommentar zu “Und weit und breit kein Aluhut. Soeben ausgelesen: Ljudmila Ulitzkaja – „Eine Seuche in der Stadt“(1978 / 2021)

  1. Xeniana
    25. April 2021

    Danke für die Buchvorstellung. Hatte die Ankündigung bereits gelesen und werde es mir wohl kaufen.

    Gefällt 1 Person

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