David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – bipolarer Bedenkenträger

So muss das Leben wohl sein, es holt alle Verlierer mal ein. Soeben ausgelesen: Sándor Márai – „Die Glut“ (1942)

marglut

von David Wonschewski

Vorabfazit: 5 von 5 Sternen

Zu den Dingen, die so gar nicht gehen, gehört: mit der Frau des besten Freundes in die Koje steigen. Klar, macht man einfach nicht, ist oberpfui. Und, ach, wer weiß das besser als ich, musste ich selbst es doch auf die ganz harte Tour lernen, 1983. Ich war gerade fünf Jahre alt, meine Mutter war hingebungsvolle Hörerin von WDR4 und so gab es für mich kein Entrinnen vor Andy Borg. Sicherlich, ich war zu jung, um wirklich zu wissen, was der Schlagersänger da von sich gab. Doch die Botschaft brannte sich mir regelrecht ein, bis heute gehört „Adios Amor“ zu den wenigen Liedern, die ich auswendig kann: „Ich hab gemeint, du weißt / er war mein Freund, du weißt / das hatte er gut gespielt / bis er dich aus Freundschaft behielt.“ Das Stück hat mich mehr geprägt als jede Moralpredigt. Ist also gute Musik.

Das war damals, als der Schlager sich noch nicht an Pop und mitunter gar Dance anbiederte, Lieder nicht zuvorderst geschaffen wurden um den unsäglichen Tanzstil Discofox am Leben zu halten. Die gute alte Zeit halt, jaja. Mit knapp 30 kam mir dieses unsägliche Thema dann noch einmal unter, diesmal in der cineastischen Spielart, Truffauts 1962er Klassiker „Jules und Jim“ zeigte mir, dass selbst bei einem solchen Thema die Sache mit dem erhobenen moralischen Zeigefinger eine arg komplexe Angelegenheit ist. Eine ménage à trois, gleichermaßen poetisch wie brutal in Szene gesetzt.

Und nun kommt mir also die literarische Verarbeitung einer desaströsen Dreiecksbeziehung vor die Augen, Sándor Márai sei Dank. Schon lange war mir danach was von dem Mann zu lesen, der als Ungar gilt, zeitlebens jedoch derart heimatlos, zerrissen und getrieben war, dass er sich mit fast neunzig Jahren eine Knarre kaufte und erschoss. Eine Vita, die mich seit langer Zeit unsagbar fasziniert, auch und gerade wegen dieses seltsamen Endes. Dass hochveranlagt-sensible Geister sich umbringen, nun, ist fast schon Standard. Aber die machen dass dann in der Regel als junge Menschen oder wenn sie in mittleren Jahren merken, dass alles vor die Wand gefahren ist. Márai aber hatte einfach keinen Bock mehr noch länger auf den Tod warten zu müssen. In seinem letzten Tagebucheintrag, Januar 1989, heißt es entsprechend: „Ich warte auf den Stellungsbefehl, bin nicht ungeduldig, will aber auch nichts hinauszögern. Es ist Zeit.“

Selbst in diesem letzten Eintrag kommt etwas durch, was den Überlebenden zweier Weltkriege geprägt hat: Militarismus, der auch in „Die Glut“ den Rahmen bildet. Der Roman spielt im Jahr 1941 auf einem Jagdschloss in den Karpaten. Während er den Besuch seines Jugendfreundes Konrád erwartet, blickt der alte ungarische General Henrik zurück auf sein Leben. Henrik und Konrád waren in ihrer Jugend beste, innige Freunde, besuchten die gleiche militärische Kaderschmiede, obwohl Henrik aus einer reichen Familie des Hochadels stammt, während Konrád der Sohn eines verarmten Barons ist. Auf einer Jagd aber, da sind sie Anfang 20, legte Konrád mit dem Gewehr auf Henrik an, zögerte dann jedoch zu schießen, verpasste den Moment – und verschwand anschließend ohne Verabschiedung, ohne erklärende Worte und ohne Ankündigung „in die Tropen“. Am anderen Tag, nach Konráds Abreise, besuchte Henrik dessen Zimmer, in das Konrád ihn nie hineingelassen hatte, und war überrascht von der geschmackvollen, gar nicht einmal so  Ausstattung. Hier trifft er überraschend auf seine Ehefrau Krisztina, die sich ebenfalls in dem Zimmer umschaut; aus ihrem Verhalten allein, ihrem Blick, mit dem sie die Dinge dort betrachtete, schloss Henrik, dass ihr das Zimmer vertraut war. Und dass sie ein Liebesverhältnis mit Konrád hatte.

Und nun der Knaller: Nach diesem Vorfall wechseln Henrik und Krisztina kein Wort mehr miteinander, nie wieder. Sie beziehen, das weitläufige Schlossareal gibt es her, weit voneinander entfernt liegende Gebäude. Acht Jahre später dann stirbt sie. Die Jahrzehnte nach ihrem Tod versucht Henrik sich all das, was er bestenfalls ahnt und vermutet zu erklären, das Wesen seiner Beziehung zu Krisztina und seiner Freundschaft zu Konrád zu ergründen, die Motive für dessen scheinbar doppelten Treuebruch herauszufinden.

Konráds Rückkehr scheint dem General die Möglichkeit zu geben, diese Fragen zu klären. Das sehr einseitige Gespräch dauert die ganze Nacht. In einem langen Monolog rollt Henrik die Ereignisse und seine Folgerungen daraus auf. Derweil Konrád mit kurzen Einwürfen Henrik lediglich ermuntert weiterzureden. Er widerspricht Henriks Interpretation der Ereignisse an keiner Stelle. Antworten auf seine Fragen könnte neben Konrád auch das Tagebuch seiner Frau bringen, das Henrik nach ihrem Tod fand – jedoch nie öffnete. Er hat es bei diesem Gespräch bei sich, wirft es dann jedoch ins Feuer, ohne hineinzuschauen. Konrád verweigert daraufhin alle Antworten, die nun nur noch er kennt. Im Morgengrauen verabschiedet sich Konrád, den Henrik trotz der zurückliegenden Ereignisse im Lauf des Gesprächs als seinen Freund bezeichnet hat, von Henrik. Die beiden Männer trennen sich mit allen Anzeichen freundschaftlichen Respekts voneinander.

„Die Glut“ ist ein unfassbar intensives Buch, aus mehreren Gründen.  Den größten Effekt erzielt Márai durch rigoroses Weglassen vieler erwartbarer Dinge: dass Konrád sich rechtfertigt, dass die beiden sich anschreien und mit Vorwürfen überziehen, der eine dem anderen einfach eins auf die Nase gibt. Überhaupt, militärisch geschulte Herren alten Schlags auf einem Jagdschloss – da ist doch bitte ein fulminantes Duell im Morgengrauen nicht zu viel verlangt! Aber nein, all das gibt uns Márai einfach nicht. Die sitzen einfach ganz gesittet und zivilisiert da, essen fein, trinken fein, verabschieden sich artig. Das ist mitunter schwieriger auszuhalten als jeder offen ausgetragene Konflikt.

Zudem schafft Márai es, sich dem Thema Vertrauensbruch derart philosophisch zu nähern, dass einfach kein Platz bleibt für potenzielles Plattitüdengedresche erhitzter Alphaböcke. Allein die feine Nuance, die Márai dadurch einwebt, dass Henrik gar nicht nach Bestätigung seiner Thesen – wolltest du mich echt erschießen? Hattet ihr wirklich ein Verhältnis? – sucht, verleiht der „Glut“ eine Tiefe, die derlei Stoff selten bietet. Die Verbindung der drei Personen ist derart stark, dass alles auf der Hand liegt, wozu noch verbal in Beton gießen? Dadurch, dass er derlei Oberflächlichkeiten umschifft, stößt er den Leser auf einen Kern, der in einem jeden Menschen sitzt und den nur jeder selbst, so er denn danach trachtet, knacken kann. Schon die vom locker in den Raum geworfene Überlegung, dass das Leben alle Antworten doch von selbst gibt, sie beide alte, respektable Herren wurden, während Krisztina mit nicht einmal vierzig Jahren einfach wegstarb, ist, kaut man erst einmal eine Weile darauf herum, ein in dieser Konstellation frappierender Gedanke, der das hübsche Opfer-Täter-Karussell gut durchrüttelt. Und so fragt Henrik abschließend,  „ob der wahre Inhalt“ ihrer beider Leben „nicht ebendiese qualvolle Sehnsucht nach einer toten Frau war“ – was Konrád bejaht.

„Wie würden Sie entscheiden?“ ist nicht nur der Name einer legendären TV-Sendung, es ist auch mein persönlicher Gradmesser für hohe Literatur. Wenn es einem Buch gelingt, mich an genau den Punkt zu bringen, an dem sich mir die Bräsigkeit der wie vorgestanzt tief in mir aufgebockten moralischen Standardantworten offenbart, an dem ich merke wie ich beginne ein Thema aus weit mehr Winkeln zu betrachten als die schrecklich selbstverliebte Formulierung „auch mal über den Tellerrand schauen“ hergibt und wenn ich merke, dass ich einem Autor regelrecht dankbar bin – dann bin ich, subjektiv gefühlt, auf dem Kunstolymp angekommen. „Die Glut“ ist definitiv dort angesiedelt.

Weitere Literaturbesprechungen gibt es: HIER.

Ein Kulturjournalist tobt sich aus – „Schwarzer Frost“, der bitterböse Debütroman von David Wonschewski. Mehr Informationen zu diesem Buch entnehmen Sie bitte den Seiten dieses schattigen Blogs. Oder aber tummeln sich direkt HIER.

3 Kommentare zu “So muss das Leben wohl sein, es holt alle Verlierer mal ein. Soeben ausgelesen: Sándor Márai – „Die Glut“ (1942)

  1. davidwonschewski
    16. Oktober 2020

    Besten Dank. Ja, mit vier Romanen draussen hat man den Punkt überwunden. Wo jeder, der mich etwas oder Nähe kennt denkt er sie sei gemeint. Frei nach einem Hit der Ärzte: „Lasse interpretieren“😃

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  2. Katja Kubiak
    16. Oktober 2020

    ich sehe, du schreibst, was ich mich (noch nicht) traue 😀 nicht weil ich es nicht kann, sondern weil wieder zu viele scheisse hineininterpretieren würden … ich werde mir mal deine bücher besorgen 🙂

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  3. Katja Kubiak
    16. Oktober 2020

    Ich habe auch 20 Bücher draußen und gelte seitdem als geistig gestört.. ich schreib an 3 Geschichten, die gar nicht meine Niesche sind .. und das liegt derzeit auf Eis.. weil ich nicht besonders gut im Story finden bin.. ich werde mich echt wieder damit befassen.. bis dahin lese ich aber erst mal „schwarzer Frost“. Ich habe zwar irgendwie das Gefühl, es schon zu kennen, aber egal. Ich freue mich drauf.

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