David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – bipolarer Bedenkenträger

Aufhören, wenn es am schönsten ist. Soeben ausgelesen: Clint Lukas – „Asche ist furchtlos“ (2020)

von David Wonschewski

Vorabfazit: 5 von 5 Sterne

Machen wir uns nichts vor: Wenn ich eines Tages an die Himmelspforte klopfen werde, dann wird der Erschaffer der Welten mich argwöhnisch beäugen und wissen wollen, warum ich zu Lebzeiten nicht so viel auf die Reihe bekommen habe wie ich durchaus auf ebenjene hätte kriegen können. Wie gut, dass ich auf diesen Moment und diese Frage vorbereitet bin und die Antwort parat habe. Ich habe, so werde ich ihm verkünden, zu viel Zeit damit verjuxt über für mich unverständliche Sätze und Redewendungen zu stolpern. Anstatt sie einfach in meinen Sprachschatz zu integrieren, Kurs zu halten. Vor Kurzem erläuterte ich an dieser Stelle, dass ich – rein logisch betrachtet – leider nicht in der Lage bin zu verstehen, wie Leute gleichzeitig „für Vielfalt und gegen Schubladendenken“ sein können. Ich raffe es einfach nicht, umso mehr ich drüber nachdenke, um so klarer lande ich bei logischem Vollschrott. Und finde mitunter nur schwer in den Schlaf wegen derlei gedanklichen Fruchtlosigkeiten.

Und nun also Clint Lukas und sein Roman „Asche ist furchtlos“. Der mich nach wenigen Seiten schon zurück zu einer Floskel führt, die ich schon zu ignorieren gelernt hatte. Wohl weil ich sie vor über zehn Jahren ganz bewusst aus meinem Sprachschatz verschwinden ließ. Sie lautet: „anständig Schluss machen“. Und bezieht sich auf die Art und Weise, wie man einer versiegenden Liebe den finalen Arschtritt verpassen sollte. Während ich diesen Roman las versuchte ich mich zu erinnern, warum ich die Wendung „anständig Schluss machen“ eigentlich aus meiner Welt gestrichen habe, warum ich, wann immer ich diese Begrifflichkeit irgendwo höre oder lese, noch zum Rumpelstilz werden kann. Nun, es liegt daran, dass „anständig Schluss machen“ in der gleichen in der hinterletzten Ecke meines Sprachkellers versteckten Tüte liegt, in der auch „anständig morden“, „anständig seiner exhibitionistischen Neigung nachgehen“ und „anständig in hohem Bogen gegen die Basilika schiffen“ stecken. Es liegt für mich in der Natur der Sache, dass man nicht anständig Schluss machen kann. Schon klar, auch hier handelt es sich vermutlich wieder einmal um eine sprachliche Verkürzung, was eigentlich gesagt werden soll ist, dass es Abstufungen von schlimm gibt und es doch schön wäre, wenn man sich für die sanfteste Version von schlimm entscheiden würde. Als richtig schlimm gilt Schluss machen via sms, stimmlich per Telefon ist nur unwesentlich besser und als „anständig“ empfinden viele das besonnene Gespräch unter vier Augen, von Angesicht zu Angesicht. Hm. Also die Frauen, die bisher mit mir Schluss gemacht haben, wählten durchweg sms oder Telefon. Und ich bin ihnen bis heute ehrlich dankbar dafür, dem Gegenüber beim betont ruhigen Runterrattern von Senfargumenten zuhören, dabei deren Kopf in verständig-schiefer „ach du Armer“-Haltung zu sehen und mir Schlager-Floskeln wie „…und da ist man an dem Punkt, an dem es für beide besser ist, den Weg alleine weiterzugehen“ zu geben, Gott bewahre, ich ertrage vieles, das nicht. Als Täter habe ich eine Beziehung auch nur ein einziges Mal von Angesicht zu Angesicht beendet. Hatte ich dann noch Wochen später was von, zuvorderst Verwünschungen, Flüche, Schmähungen. Die sich sämtlich darauf bezogen, dass es bezeichnend für meinen schlechten Charakter sei, mich „rotzfrech“ vor diejenige zu setzen und alle Gründe pro Schluss machen „genüsslich“ auszubreiten. Wie kalt kann Mann sein? Schlussendlich konnte ich nur zu der Einsicht kommen, dass auch in dem Fall ein Schluss machen via sms deutlich anständiger gewesen wäre. Wobei ich der Ehrlichkeit halber nicht unerwähnt lassen will, dass ich beim Schluss machen auf eine landläufig als feige Unart wahrgenommene Hauptargumentation zurückgreife: „Ich mache mit dir Schluss, weil es besser für dich ist. Du kaputt gehst an mir und mit mir. Und da du offenbar unfähig bist, von selbst Schluss zu machen, helfe ich dir. Und mache das jetzt für dich.“

Richtig widerlich. Ja oder nicht? Leute, die mich so gar nicht kennen würden mir aus ihrer Unwissenheit heraus jetzt vermutlich am liebsten – das habe ich aus einem alten Monty Python-Sketch – einen kalten Stinkefisch quer über den Schädel ziehen. Weil Fehlverhalten aus der Ferne so einfach zu erkennen, so glasklar zu identifizieren ist. Sieht in „Asche ist furchtlos“ auch die Teenagerin Ciri so, die nach Berlin reist, um in einem Hotelzimmer ihren Vater zu einem letzten Versöhnungsversuch zu treffen. Und dort auch über die wie vor vielen Jahren verschwundene Mutter zu sprechen. Für Ciri, in ihrem jungen Alter selbst schon auf der schiefen Bahn gelandet, ist die Sachlage klar: Sie ist das Opfer von zwei vergnügungssüchtigen Egoisten. Die Mutter, Nora, eine partyaffine Kleindealerin, in deren Wortschatz ein Begriff wie „Verantwortung“ nie auftauchte. Und ihr Vater, Jonas, ein softer Egomane von einem Maler, der nach dem plötzlichen Verschwinden der Liebe seines Lebens sein eigenes Opfertum zu erfolgreicher Kunst hochstilisierte, derweil er Ciri bei Freunden aufwachsen liess. Was gibt es da noch zu reden?! Nichts gibt es da zu reden!

Die Gespräche zwischen Tochter und Vater bilden die Rahmenhandlung für eine Geschichte, in der uns Clint Lukas größtenteils 15 Jahre zurückführt, ins Berlin des gerade erst begonnenen neuen Jahrtausends. Jonas ist ein stiller Stino (für alle, die die 80er-Jahre nicht miterlebten, ein Stino ist ein STInkNOrmaler, blasser Durchschnittstyp), der in die pulsierende Hauptstadt kommt, da er hofft, seinen Traum von der Malerkarriere hier besser realisieren zu können. Nora hingegen ist so etwas wie die Königin der Nacht, ein in der Undergroundszene bestens vernetzter und bewunderter schöner Engel. Der sein Geld mit dem verdient, was er bei seinen Streifzügen durchs Nachtleben im Hüftgürtel trägt. Oder besser und aus gutem Grund gesagt: Die IHR Geld mit dem verdient, was SIE bei IHREN Streifzügen durchs Nachtleben verdient. Denn als Nora und Jonas sich kennenlernen und sich getreu dem Motto „opposites attract“ verlieben, wird schnell klar, wer die Regeln des Miteinander definiert: Nora. Die Liebe ist aufrichtig und echt, doch ist sie diejenige, die den Zaster nach Hause bringt, die kommt und geht, wie sie möchte, nächtelang fortbleibt, Jonas nicht erzählt wo sie war und was sie getrieben hat. Jede Form von Rechenschaftsforderung als unzulässige Unterwanderung Ihrer Freiheit und Autonomie begreift. Jonas, der dem drogenverseuchten Nachtleben wenig abgewinnen kann, eigentlich nur dabei ist, um Nora ab und an nah zu sein, um überhaupt irgendwo dazuzugehören, fügt sich schnell in seine Rolle als derjenige, der zu Hause wartet, sich Sorgen macht, sie manchmal suchen geht aus Angst sie wäre mit ihrem kleinen Drogengeschäft an die falschen geraten. Eine keineswegs übertriebene Furcht, wie mehr als einmal festzustellen ist. Und dann wird Nora schwanger. Und Jonas sitzt fortan da mit der kleinen Ciri. Als Arsch vom Dienst, der nicht aufhören kann seine Frau zu vergöttern, obschon er kaum was von ihr weiß und sie das intime Reden nicht gerade erfunden hat. Es überhaupt in ihrem Leben kein Gestern und auch kein Morgen zu geben scheint.

Allein mit der fast schon beiläufigen Schilderung dieses Verhältnisses gelingt Clint Lukas bereits ein ziemlich großer Genderwurf, der das famose Kunststück hinbekommt, behaupte ich mal so, Feministinnen und ihre Gegner gleichermaßen anzusprechen, vielleicht sogar temporär zu versöhnen. Denn die aggressiven Macher und dominant fordernden Taktgeber in dieser szenigen Welt sind zuvorderst die Frauen, noch junge, vom Leben aber bereits gegerbte Partyköniginnen, denen – im Gegenteil zu ihren männlichen Begleitern – der Spagat gelingt, in all dem molochartigen Gewusel auch klare Geschäftsmodelle voranzutreiben. Ob die nun alle so glorreich sind ist eine andere Frage, muss vielleicht auch gar nicht, definitiv aber sind die jungen Frauen hier die mit Idealen, Zielen, Disziplin und ordentlich, tja, Wumms. Derweil die Männer sich hemmungslos zukacheln, orientierungslos durch Bars und Bezirke mäandern, fast möchte man sagen oszillieren. Folglich hat der Leser bereits hier die Möglichkeit, für sich zu überlegen, ob man Nora zujubeln möchte, weil sie einfach nur ihr Ding macht und sich von keinem Mann der Welt an die Ketten legen lässt, sie vielmehr irgendwo zwischen aufrichtig und manipulativ ausnutzt. Oder ob man zu dem Schluss kommt, dass auch Hinterteillöcherinnen die Welt kein Stück besser machen. Nicht unerwähnt bleiben sollte in dem Zusammenhang auch Noras Ex-Freund Raoul, der zwar als eine von zwei latent überzeichneten Personen daherkommt (die andere ist eine fette Lesben-DJane), aber mit seiner betont politisch inkorrekten Redeweise derart lustig rüberkommt, dass man quasi über die Humorschiene Gegner von politisch korrekten Sprachhülsen (wie mich) und deren Befürworter mit Sicherheit besser an einen Tisch bekommt als über die x-te Schilderung von unter genutzten Worten in Leid zerfließenden Seelen.

Hätte Clint Lukas es bei dieser immer wieder humorvoll umgedrehten Genderthematik belassen, es wäre ein hübscher 3-4 Sterneroman geworden, an dem auch Szeneleute Spaß haben können, die sich in Berlin vielleicht nicht so auskennen. Doch er bietet mehr, viel mehr, nämlich einen echten Pageturner, der die Spannung deswegen bis zum Ende aufrechterhält, da wir zwar von Beginn an wissen, dass Nora irgendwann spurlos verschwindet, aber eben nicht warum. War das wirklich ein überstiegen feministischer Freiheitswahn, der sie Mann und Tochter den Rücken zukehren hat lassen? Sehr früh und sehr geschickt knotet Clint Lukas zwei weitere Stränge in die Geschichte ein. Denn wenn jemand so ist wie Nora, dann steckt da zumeist eine psychologische Grundprägung im Krankheitsbereich hinter, mit der sich vielleicht nicht alles rechtfertigen, vieles jedoch gleich anders deuten lässt. Vielleicht aber ist das auch alles Quatsch, wenn eine Kleindealerin verschwindet und kurz zuvor noch mit kriminellen arabischen Clangrößen gesehen wurde, dann sind auch ganz andere Gründe möglich.

Es gibt Romane, bei denen man das Gefühl hat, dass der Autor selbst nicht so recht weiß, welche Geschichte er eigentlich erzählen möchte. Meistens verrecken gutgedachte Bücher gerade an dieser wirren Orientierungslosigkeit des Schreibenden. „Asche ist furchtlos“ ist eine dieser handwerklich grandios inzenierten Ausnahmen, wie man sie bei jungen Romanfrischlingen (ich bezeichne den 1985 geborenen Clint Lukas mit seinem Zweitling einfach mal so) sehr selten findet. Gekonnt jongliert er mit den drei Optionen „feministischer Sozialroman“, „Borderline-Psychogramm“ und „Drogenthriller“, ohne sich dabei die Arme zu verrenken, die Finger zu verknoten, sich Seite um Seite im eigenen Anspruch was Vielschichtiges zu schreiben immer wieder neu zu verzetteln.

Ein Roman, den ich durchgesuchtet habe, der das beschriebene handwerkliche Geschick aufweist und der zudem nachdrücklich mit dem nun wirklich blödsinnigen Wunschtraum aufräumt, dass man echte DrecksäckInnen allein aufgrund ihres Verhaltens erkennt, kann nur illustre fünf Sterne von mir bekommen. Und da ist die größte aller Fragen, von Clint Lukas gleichsam nur zwischen den Zeilen behandelt, noch gar nicht bei. Sagen Ihnen die Namen Bobby Brown und Amber Heard etwas? Bobby Brown war der Partner von Whitney Houston, Amber Heard ist die Ex-Partnerin von Johnny Depp. Nun sollte man vorsichtig sein mit Schuldvorwürfen aus großer Ferne, vor allem wenn (so weit ich weiß) kein konkretes Gerichtsurteil vorliegt. Wenn eine Beziehung in einer Katastrophe endet, sind immer beide Seiten verantwortlich. Und doch hätte ich es sehr anständig gefunden, wenn Bobby Brown und Amber Heard ihren jeweiligen Partnern frühzeitig eine kurze sms geschickt hätten. „Ich mache Schluss. Ich bin nicht gut für dich.“ Leider gibt es Menschen, die nicht die innere Kraft für eine solche Einsicht und Tat haben. Die sich dafür entscheiden, besser noch mal hinzufahren, wieder reden, Argumente wälzen, Geschrei und Tumult. Sich vielleicht tatsächlich am Flehen des anderen weiden doch bitte nicht zu gehen, man sei stark genug, man sei bereit, alles zu ertragen, alle Freiheiten und Ausraster zu gönnen.

Und Nora? Muss eine Mutter sich manchmal ultimativ schlecht verhalten, ist das ultimativ schlechte Verhalten nicht vielleicht sogar das gute, richtige, anständige Verhalten? Gute Frage, beste Frage. Bisher viel zu selten gestellte Frage.

Weitere Rezensionen zu Romanen aus dem Jahr 2020 gibt es: HIER.

Lesen Sie auch „Schwarzer Frost“ – der Debütroman von David Wonschewski. Weitere Informationen: HIER.

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