David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – bipolarer Bedenkenträger

Rama Lama Ding Dong. Soeben ausgelesen: Judith Sevinç Basad – „Schäm Dich!“ (2021)

von David Wonschewski

Vorabfazit: 4 von 5 Sternen

Doch, ganz bestimmt: Ohne die sogenannte „woke“-Bewegung hätte ich ihn längst vergessen. Den grenzdebilen Rama Lama Ding Dong-Song von Rocky Sharpe & The Replays aus dem Jahr 1979. Seinerzeit ein veritabler Hit, fand er ab Mitte der 90er-Jahre noch einmal große Verwendung als selbst trendige Szenediscos dazu übergingen,, ihr musikalisches Standardprogramm gegen Mitternacht temporär zu unterbrechen, um eben betont grenzdebile Musik zu spielen: „Die verrückte halbe Stunde“ nannte sich das dann. Immer mittendrin, fast eine Art heimlicher Höhepunkt: der Rama Lama Ding Dong-Song. Einfach mal richtig abkaspern, einfach mal das Hirn wegwerfen, einfach mal diese niederdrückende Kausalkette aus Trend und Cool und Bewunderung unterbrechen. Sich nachvollziehbar verhalten konnte man dann danach ja wieder.

Nun, die 90er-Jahre sind eine Weile her, bis vor drei Jahren war er entsprechend aus meinem Bewusstsein getilgt, der Rama Lama Ding Dong-Song. Bis ich eines Tages, ich weiß es noch genau, einen Artikel über sublime rassistische Entfaltungswege in der bundesdeutschen Gesellschaft las. Ich erwartete, dass nun – zurecht – mit rechten Tendenzen und Hassparolen ins Gericht gegangen wird. Dem war aber nicht so. Ordentlich angemetert wurden jene Biodeutschen, die Geld nach Afrika spenden, vielleicht sogar hinfahren, um freiwillige Sozialdienste zu absolvieren. Flüchtlingshelfer, Bahnhof München-Klatscher, deutsche Frauen, die sich in Afrikaner verlieben, deutsche Männer, die farbige Frauen als attraktiv empfinden. Das, so wurde mir erklärt, sei der wahre Rassismus, den es aus der weißen Bevölkerung herauszukriegen gilt. Deutsche, die ihrem unterschwelligen Rassismus ein schönes Gesicht geben, die nicht raffen, dass auch und gerade sie das Problem sind. Weil all diese positiven Handlungen auf den Schultern kolonialer Denkweisen stehen. Das Fazit lautete: Wer Gutes denkt oder tut, ist ein Rassist, wer Schlechtes tut oder denkt auch. Ignorieren geht natürlich ebenfalls überhaupt nicht, das ist noch rassistischer. Auswege aus dem Trilemma: keine. Nun ist es nicht so, dass ich die Herleitung so gar nicht verstünde. Und doch schob sich an jenem Tag, an dem ich diesen Artikel las, gegen Ende der Lektüre eben plötzlich diese Rocky Sharpe-Anfangssequenz in mein Hirn: „Rama Lam (Ding Dong), Rama Lam (Ding Ding Dong)“ . Ich meine, komplett neu war mir das nicht, ich war auch mal Abteilungsleiter. Wenn ich junge Frauen als Praktikantin einstellte, bekam ich von exakt den gleichen Leuten augenrollende Moralschelte, die sich auch pikiert gaben, wenn ich statt einer jungen Frau einen jungen Mann einstellte. Beide Verhaltenswege waren offenbar verachtenswert und typisch, so typisch. Sitzt halt in den Kerlen drin, junge Frauen einzustellen. Sitzt halt total drin, junge Männer zu bevorzugen. Seinerzeit dachte ich, dass einfach gar keine Praktikanten einstellen vermutlich der einzige moralisch integere Weg wäre. Mittlerweile, seit jenem Artikel, weiß ich jedoch, dass dem nicht so ist.

Seitdem schiebt sich, wann immer ich die mitunter absurden Argumentativausritte einer sich als „woke“ feiernden Gesellschaft mitbekomme, direkt dieses blöde Lied ins Hirn. Man kann sich das durchaus vorstellen wie damals in der Serie „Ally McBeal“, die Nummer mit dem tanzenden Baby, mancher erinnert sich. Ich gehe total „woke“ an ein Thema ran, versuche wiss- und lernbegierig dem vorgebenen Pfad aus Tugend und Weisheit zu folgen, doch kaum zwanzig Meter mehr schlecht als recht genau diesen entlanggeholpert: Rama Lam, Ding Dong, Rama Lam, Ding Ding Dong.

Es freut zu lesen, dass Judith Sevinç Basad offenbar das gleiche Problem hat. Und in ihrem Bestseller „Schäm dich!“ die Absurditäten der zuvorderst aus „rich kids“ bestehenden Wohlstandselite schonungslos entlarvt. Wobei das Wort „entlarven“ es gar nicht einmal trifft, mir selbst zumindest waren große Teile ihrer Ausführungen bereits bekannt, weswegen ich es eher als gut-kompakte Zusammenfassung bezeichnen möchte, aufbereitet für eine nicht allzu akademische, definitiv junge Leserschaft. Und doch freut es mich, klar, denn wenn eine junge weibliche Migrantentochter schlaue Dinge sagt, die sich dann auch noch gut verkaufen, kann das nur in meinem Interesse sein. (Wer im Übrigen der Meinung ist, dass auch mein Lob und meine positive Grundhaltung nicht darüber hinwegtäuschen können, dass der soeben geäußerte Satz einen unfassbar rassistischen Sexismus nah an der Grenze zu sexistischem Rassismus offenbart, hat gute Chancen ziemlich „woke“ dazustehen). Ja, vom reinen Faktenwissen her betrachtet hätte ich das Buch vielleicht auch schreiben können, wahnsinnig viel Neues war nicht darin für mich zu finden. Ich hätte nur eben keinen Verlag dafür gefunden, weil, nun, ich schwerlich rauskann aus meiner Haut. Mir hätte man das Ding als „schau mal, der hat Angst Macht abzugeben“ um die Ohren gehauen. Was mir aber auch erst bewusst ist, seit anti-sexistische Anti-Rassisten mich so gerne daraufhinweisen, dass meine persönliche Meinung, egal wie positiv und respektvoll sie auch ist, qua naturgegebener Visage in einer gerechten und gleichgestellten Welt als weniger werthaltig zu betrachten ist. Ich überhaupt verstehen lernen müsse, dass Rama Lam eben verdammt Ding Dong ist. Zumindest Letzteres habe ich mittlerweile sehr gut verstanden. Der Grund, warum diese Blödsinnszeile so gut ankam seinerzeit liegt ja tatsächlich auf der Hand: weil sie total buddhistisch klingt, weil sie einen Weg vorgaukelt, der gar keiner ist, Luftigkeit mit Leichtigkeit verwechselt, Blödsinn zu Philosophie hochjazzt.

Was nun jedoch keinerlei Kritik an der Autorin und ihrem Erfolg darstellen soll, das war schon immer so, dass gewisse Dinge zu gewissen Zeiten nur aus dem Munde gewisser Leuten gehört werden wollten, aus den Mündern anderer gewisser Leuten aber eben nicht. Ein richtig im falschen Körper steht hierarchisch seit jeher weit unter einem falsch aus richtigem Körper. Kein Problem für mich, die Zeiten sind halt nicht immer gnädig. Um so wichtiger ist es seit jeher, dass Wichtiges von den Leuten, die gerade gehört werden, dann eben auch gesagt wird. Genau dieser Verantwortung kommt Judith Sevinç Basad hier nach.

Was die studierte Germanistin in „Schäm Dich!“ sagt, das sei daher bewusst einmal gerafft und nur angerissen runtergetuckert, da eigentlich bekannt: Dass gerade der Anti-Rassismus derzeit mit mitunter eindeutig rassistischen Gebrüll daherkommt und dafür sogar Belobigungen und Auszeichnungen einheimst. Dass die Anti-Sexismusbewegung bei aller Daseinsberechtigung einen nur schwerlich zu ertragenden Sexismus offenbart und jene Bewegungen, die am lautesten nach einer offenen und toleranten Gesellschaft rufen, so einiges sind – nur halt tolerant und weltoffen eher selten. Dass sich paradoxerweise in jenen Kreisen, die für freie Entfaltungsmöglichkeiten eintreten, eine bizarre Vorliebe für totalitäre Methoden breitmacht, dass anti-rassistische Feministinnen immer öfter den bemerkenswerten Dreh hinbekommen die westlich-kritische Beurteilung islamisch geprägter Frauenunterdrückung (bis hin zum widerlichen Ritual der Genitalverstümmelung) maßzuregeln, da, Rama Lam, europäische Kolonialisten hier aus einer Warte der Arroganz urteilen und besser mal die Schnauze halten sollten, anstatt sich selbstherrlich für kleine afrikanische Mädchen einzusetzen, Ding Dong.

Dann: Dass der Gender Pay Gap von „über 20 Prozent“ aber mal so richtig Rocky Sharpe-mäßig berechnet ist, mittlerweile derart klar ist, dass jene, die auf Demonstrationen dennoch weiterhin entsprechende Plakate hochhalten, das auch gerne tun können – aber eben nicht ihre Alu-Hütchen vergessen sollten, bevor sie losmarschieren (der Gender Pay Gap liegt bei unter 3 Prozent, und auch selbst die lassen sich nur dann mit Sexismus erklären, wenn man das andere halbe Dutzend plausibler Gründe denn unbedingt ignorieren will). Noch was? Ach ja: Dass die Gendersprache von über 70 Prozent der Deutschen abgelehnt wird, also das Projekt eines letztlich kleineren und auffallend homogenen Zirkels ist, dass sich zwischen SPIEGEL, ZDF und Deutschlandfunk mittlerweile allzu viele Journalisten positioniert haben, die ihren Job zuvorderst pädagogisch auffassen, was zwar nicht gleich „Fake News“ ergibt, aber zumindest einmal ein enorm fragwürdiges Berufsethos. Dass nichts weiblicher Gleichstellung so sehr im Wege steht wie das Beharren auf und Zementieren des eigenen Opferstatus. Und, gerade in diesen Tagen nicht zu vergessen, dass anti-semitische Tendenzen gerade in diesen „woke“-Kreisen, das habe ich schon während meines eigenen Islamwissenschaftsstudiums vor 20 Jahren erlebt, zumindest mal sehr salonfähig sind. Ja, man muss es so hart sagen, es gibt in diesem Land viele sich als tolerant und diskriminierungssensibel begreifende Menschen, die Juden absprechen je (je!) diskriminierende Erfahrungen gemacht zu haben. Begründung: Zu gut integriert, beruflich zu erfolgreich, zu weiß. Da wird es so düster, dass mir sogar das Rama Lama im Hirnhalse stecken bleibt.

Zu weiß – ein Punkt, den auch Judith Sevinç Basad persönlich kennt. Man könnte ja meinen, man würde gerade ihr in Sachen Rassismus Gehör schenken, dem ist aber nicht so. Topbegründung von Anti-Rassisten, warum sie sich dazu gar nicht äußern darf: Ihre Hautfarbe. Und es stimmt ja, ganz schön hell geraten für eine Türkin, die gute Judith. So richtig, öhm, ausländisch sieht das jetzt nicht aus. Da ist den antirassistischen Ramalamadingdongisten kaum zu widersprechen. Hm. Also ich fand die „verrückte halbe Stunde“ in der Diskothek ja seinerzeit immer etwas kurz, hätte das gerne länger gehabt. Der Nonsens und die Engstirnigkeit, die sich in „woke“-Verkleidung Bahn brechen, dauert mir mittlerweile aber doch zu lang. Denn wir lernen: Es darf zwar heutzutage jeder alles sein, aber eine hellhäutige Judith mit türkischen Wurzeln und eigenen Erfahrungen, eigenem Leben, also nein, das geht denn doch zu weit. Schon einmal versucht eine Schublade aufzureißen, während ihr sie schließt, sie zu schließen, während ihr sie aufreißt? Genau das ist, leider und mittlerweile, „woke“.

Kommen wir abschließend zu dem Punkt „Mehrwert“. Hat „Schäm dich!“ einen solchen? Absolut, hintenraus fährt die Autorin noch zwei Geschütze auf, die beweisen, dass – da sind wir aber allesamt erleichtert – einfach nur jung, weiblich, irgendwie Migrantin nun auch nicht reicht, um ein Buch von Belang zu schreiben. Denn sie widmet sich auf den letzten Seiten auch einer umfangreicheren Analyse der Fragestellung, die bisher unzureichend beantwortet wurde: Warum? Warum entzieht sich eine Bevölkerungsschicht, die sich absolut zurecht „Bildungselite“, oftmals zugleich auch „Wohlstandselite“ nennen darf, so bewusst der Logik, pfeift auf Nachvollziehbarkeit, nutzt genau die Mittel, die sie doch zu verdammen vorgibt? Wenn es Doofheit nicht sein kann, was diese enorme Lust an Absurdität hervorruft, was ist es dann? Ihr Ergebnis hier nun aufzuführen, liefe unter Spoilern, daher verweise ich zusammenfassend lediglich auf einen Begriff, den sie selbst gar nicht nennt im Buch: Sehnsucht. Nicht die nach einer besseren Welt, dass es darum kaum geht, ist offensichtlich, die plumpe Einteilung in Gute und Böse, Täter und Opfer wird aktuell zu vehement betrieben, die Polarisierung und das Einsetzen von Hetze, Hass, Mobbing und mittlerweile auch Gewalt längst zu sehr Hauptstilmittel. Nein, da bin ich ganz bei Judith Sevinç Basad, es ist eine andere Sehnsucht, die da antreibt. Eine generelle Menschheitssehnsucht, die, das fiel mir bei der Lektüre von „Schäm Dich!“ auf, schon Yuval Noah Harari in seinem Bestseller „Eine kurze Geschichte der Menschheit“ mit beeindruckender Klarsicht erläutert hat. Oder die Band Tocotronic dereinst als ein frühes Motto auf T-Shirts drucken ließ. David Fincher seinen mittlerweile als Klassiker bezeichneten Film „Fight Club“ (1999) drehen ließ. Da ist etwas in uns, dass nur in seiner betonten Unlogik logisch und seiner zur Schau gestellten Pervertierung den Anschein von Vernunft erhält.

Lesen Sie auch auf diesen Seiten: „Tanz auf Buchrücken“, der nur bedingt feministische, dafür halbwegs geschlechtergerechte Genderaustauch. HIER.

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Lesen Sie „Schwarzer Frost“, den Debütroman von David Wonschewski. Mehr Informationen: HIER.

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