David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – bipolarer Bedenkenträger

Vor lauter Vernunft das Hassen verlernt. Soeben ausgelesen: Lion Feuchtwanger – „Die Geschwister Oppermann“ (1933)

von David Wonschewski

Vorabfazit: 4 von 5 Sternen

So und jetzt mal Butter bei die Fische, Ross und Reiter genannt: Welche rassistischen Sprüche haben Sie schon gebracht, welches antisemitische Gedankengut steckt noch in Ihnen? Na los, nicht so scheu! Sollten Swastika-Freunde und Völkische das hier lesen – ihr seid nicht gemeint, eure Offenheit kennen wir. Genau die ist auch das einzig Vorteilhafte an euch, euch erkennt man auf 1000 Meter. Und weiß daher genau, dass ihr zu wenige und zu aussterbend und überhaupt zu verdreht seid, um auch nur im Ansatz „das Volk“ zu repräsentieren. Nein, gemeint habe ich mit meiner Frage die Mehrheit, alle anderen. Die Sanften, die Gutmütigen, die Weltoffenen. Die, die deswegen so gerne nach den Völkischen schauen, weil das so wunderbar von der Verpflichtung entbindet zu prüfen, ob man nicht vielleicht selbst Teil eines noch viel größeren Problems ist. „Struktureller Rassismus“ wird ja nicht als solcher bezeichnet, weil die harmonisch-friedliebende Mehrheit so herrlich und so eindeutig aus dem Schneider wäre. Ist sie nicht, kein Stück. Im Gegenteil: Sie hängt besonders drin. Sie IST der strukturelle Rassismus. Gegen irgendwelche (sorry, Klischee) „Kevins aus Halle“ vorzugehen ist aller Ehren wert, verdient jede Unterstützung. Man darf in der Folge halt nur nicht dem logischen Fehlschluss unterliegen zu glauben, dass Kevin eins auf die Fresse zu geben irgendwas über den eigenen Rassismus oder Antisemitismus aussagt. Tut es nicht. Da kannst du den Goebbels noch so oft aus dem Kevin rausprügeln.

Ich meine mal ehrlich: Hätte jeder bundesdeutsche Nutzer des so rasend beliebten #blacklivesmatter-Hashtags zugleich auch immer ein Anekdötchen zum besten gegeben, wo sie oder er sich – je unbewusster und ungewollter, desto besser! – schonmal wie ein Volladolf gebärdet hat, die Nummer hätte echt was bewirken können. So aber: Heiße Luft in Reinform, strukturell gewolltes, zahnlos mehrheitsfähiges Auf-der-Stelle-treten. Anständigkeit zum Nulltarif. Vermutlich genau deswegen habe ich diesen Hashtag bisher immer nur in einem gewissen ironischen Kontext genutzt. Nicht, weil ich mich über das Thema lustig mache, sondern weil mir der Umgang der Deutschen damit so peinlich ist. Und da ich selbst nun einmal ein weißer katholischer Deutscher bin, bin ich eben auch Teil dieses so grässlich bigotten Moralgegurkes. Und nur der Pudding hört mein Weinen.

Also, auf auf, Kameraden! Fische in die Butter, der Reiter schultert das Ross! Zwei Nümmerchen eigenen Versagens habe ich euch mitgebracht. Eine ist keine 3 Stunden alt. Ich war heute früh beim Friseur, saß stiekum auf meinem Stuhl, gut ummantelt und maskiert, derweil il Figaro fröhlich schnatternd um mich herumtänzelte. Sein Thema, Überraschung: Corona. Er wundere…schnippel schnippel…sich ja sehr über die Israelis, die ja quasi fertig sind mit Impfen…schnippel schnippel…aber es sei mal wieder typisch für die….schnippel schnippel….sind sonst beim Jammern immer die Lautesten…schnippel….und geben nichts von ihrem Impfzeug mal in die Region….schnippel….kennt man ja. Von denen.

Um, ehm, ein Haar hätte ich dem echt eins gegeigt für den Spruch. Habe ich dann aber nicht. Die Sorge, dass er mir in einem stummen Racheakt dann die Frisur vermiesepampelt war größer. Ich meine, ich bin sehr für Anständigkeit und Menschenrechte und so, es hat aber eben auch alles seine Grenzen. Zumal erwiesen ist, dass kein Jude weltweit etwas davon hat, wenn ich mit Schrottfrisur durchs Münsterland laufe. Bestätigt in gewisser Weise im Übrigen auch Lion Feuchtwanger in seinem Roman „Die Geschwister Oppermann“ (1933), dass falsch verstandenes Märtyrertum schon immer fürs Hinterteil gewesen ist. Aber gut, das war noch etwas lütt, ich habe auch selbst schon mal was Antisemitisches rausgefeuert, klar. Im Hebräisch-Unterricht, Jüdische Studien Universität Potsdam, 2001. O-Ton Wonschewski beim Thema Reichstagsbrand (28. Februar 1933): „Also wäre ich damals Berliner Jude gewesen, ich wäre schon 1930 ab nach Palästina, aber sowas von!“.

Wer sich nun fragt, was denn an dem Satz bitteschön antisemitisch sein soll, hat das, worum es bei Rassismus und Antisemitismus geht, womöglich noch nicht verstanden. So wie ich, ich habe 15 Jahre gebraucht, halbwegs zu raffen, warum sich in einer solchen Aussage unterschwelliger Antisemitismus verbirgt. Die Aussage meines Friseurs war einfach nur platt, ist doof, atmet sich aber schnell weg. Meine Aussage aber verdeutlicht das eigentliche, schwerwiegendere Problem. Denn natürlich meinte ich es gut, ging es mir um Lebensrettung und berechtigte Fluchtinstinkte und hey, mehr als Hebraicum machen und zig Semester der „Jüdischen Studien“ belegen geht ja fast schon nicht. Richtig. Behauptet deswegen ja auch keiner, fordert keiner. Und verdient vielleicht sogar tatsächlich Applaus, so ein wenig. Sagt, wie oben beschrieben, nur alles nichts über mein eigenes Maß an unbewusstem oder unterbewusstem Antisemitismus aus. Dass ich in der Wüstenstadt Arad acht Monate mit KZ-Überlebenden gearbeitet habe ist gleichermaßen toll wie null aussagekräftig bei dem Thema.

Ganz ehrlich: Hätte mich damals an der Uni nicht ein linksgrüner und schon damals bis zum Erbrechen „awarer“ Kommilitone – ja, man muss auch den unwählbaren politischen Gegner mal loben können – auf meinen Fauxpas aufmerksam gemacht, ich hätte es nie kapiert und wäre vermutlich auch zu so einem #blacklivesmatter-Hashtagschreibtischtäter geworden. Wie ich mir auch sicher bin, dass das schnippelnde Gesabbel meines Figaro widerstandslos durch mich hindurchgerauscht wäre, hätte ich nicht gerade gestern diesen Feuchtwanger-Roman beendet, meinen ersten von ihm überhaupt. Tief beeindruckt, heftig erschüttert und vor allem um nunmehr etliche Nuancen kenntnisreicher bin bei einem Thema, das, man muss es für meine Generation leider so doof sagen, doch eigentlich aus- und übererzählt ist. Ist es augenscheinlich nicht, so man denn zu den richtigen Quellen, Schriften, Büchern greift. Feuchtwanger beispielsweise.

Das Buch ist Teil der sogenannten „Wartesaal“-Trilogie, in dem der 1932 erst nach Frankreich, später dann in die USA emigrierte Feuchtwanger jene Jahre in den Blick nimmt, in denen die Nationalsozialisten zwar zunehmend erstarkten, aber noch nicht an der Macht waren, noch nicht alle Instanzen durchdrungen hatten. Zwangsläufig ist es damit eine zentrale Frage, die auch über „Die Geschwister Oppermann“ steht: Wo hätte man dem Wahnsinn noch einen Riegel vorschieben können? Und wer trägt Verantwortung dafür, dass genau das nicht geschah?

Die vier Geschwister Gustav, Martin, Edgar und Klara Oppermann sind gemeinsame Besitzer des traditionsreichen Möbelhauses Oppermann in Berlin. Gustav, 50, ist Seniorchef und ein Privatgelehrter, der über Lessing forscht. Martin, 48, ist Geschäftsführer und mit der Tochter eines hohen preußischen Ministerialbeamten verheiratet. Ihr Sohn Berthold ist siebzehn Jahre alt und Gymnasiast. Der wachsende Antisemitismus um 1932/33 und dessen Wirkung auf das Familiengeschäft führt zu der Überlegung, mit einem arischen Konkurrenten zu fusionieren. Das Vorhaben misslingt jedoch. Als Bertholds Lieblingslehrer Dr. Heinzius stirbt und durch den Nazi Bernd Vogelsang ersetzt wird, lässt dieser Berthold zum Thema „Was bedeutet uns Heutigen Hermann der Deutsche?“ einen Vortrag vorbereiten und lockt ihn in eine Falle. Zwar steht der Rektor Francois auf Bertholds Seite, wagt aber nicht, öffentlich Position zu beziehen. Die folgende Hetze gegen Berthold führt dazu, dass er seine Freunde verliert und in eine ausweglose Lage gerät.

Der Arzt Edgar ist Chef der laryngologischen Station der Städtischen Kliniken und arbeitet an einer neuen Behandlung für Kehlkopferkrankungen. Einige der als unheilbar geltenden Patienten kann er retten. Die gestorbenen Patienten werden von den Medien als arische Opfer bezeichnet. Edgar wird aus dem Krankenhaus entlassen. Seine Tochter Ruth ist Zionistin, lernt hebräisch und will nach Palästina auswandern.

Klara ist mit dem osteuropäischen Juden Jacques Lavendel verheiratet. Die Brüder mögen den „geschäftstüchtigen Ostjuden“ und amerikanischen Staatsbürger nicht besonders. Das Ehepaar hat einen Sohn, Heinrich, der ein Schulkamerad Bertholds ist. Markus Wolfssohn ist Familienvater und Verkäufer bei den Oppermanns. Nachbar Zarnke will Markus‘ Wohnung für seinen Schwager. Damit dieses Vorhaben gelingt, denunziert er den gesetzestreuen Bürger als einen der Urheber des Reichstagsbrands.

Es darf vermutet werden, dass Lion Feuchtwanger sich in der Figur des Gustav selbst charakterisiert hat, hatte er doch ähnlich wie sein Protagonist ausnehmende Schwierigkeiten anzuerkennen, wie sehr sein Deutschland politisch, moralisch, sittlich vor die Hunde geht. Und genau das macht diesen Roman tatsächlich so speziell, lesen wir hier doch nicht einfach nur die 850. Version von „Wir Armen“, sondern die vielleicht erst 20. und womöglich beste Version von „Wir Blinden, wir Eitlen, wir Selbstverliebten“. Ja, diese jüdische Familie Oppermann ist im allerbesten Sinne privilegiert, sie ist das aufgeklärte und wohlhabende Establishment, absolute Berliner Oberschicht. Was dazu führt, dass sie die intellektuell unterbelichteten und braunbehemdeten Rumpelbrüder schlichtweg nicht ernst nehmen und sich mit eigenem Verweis auf die Überlegenheit des deutschen Verstandes bis zum Schluss regelrecht suhlt in dem Wissen, dass ihr hochzivilisiertes Land mit diesem besten aller Rechtssysteme nicht von einer Handvoll Psychopathen, die – inklusive ihres selbst ernannten Führers – ja nicht einmal der deutschen Grammatik richtig mächtig sind, ausgehebelt werden kann.

Ja, die Geschichten, die wir schon kennen, verleihen dem Roman Brisanz. Vor allem die Person des Nazi-Lehrers Vogelsang, dem es gelingt, eine ursprünglich mal an Voltaire angelehnte Lehranstalt einzunehmen und stramm auf rechts zu bügeln, befriedigt auf das Beste alle Hassgelüste gegen rechte Vollspackos, die wir in uns tragen. Das ist gut aufgesetzt, sehr souverän erzählt, macht aber eben nicht den Mehrwert dieses Romans aus. Der ergibt sich vielmehr aus den eben noch nicht so oft beleuchteten Geschichten. Die Blindheit der jüdischen Elite zu Beginn ist das eine, die Blindheit einer anderen jüdischen Elite als das innerdeutsche sadistische Gemetzel längst in vollem Gange ist etwas anderes. Man mag es sich heute kaum vorstellen, bringen wir mit dem Begriff „Appeasement“ doch vor allem sich fahrlässig abduckende Politiker anderer Länder in Verbindung. Dass es im Ausland jedoch auch viele einflussreiche Juden gab, die sich schlichtweg weigerten, den Berichten ihrer Glaubensbrüder zu glauben, dass Deutschland ein großes Abschlachten veranstaltet, die das alles ein wenig übertrieben fanden, ist eine Facette, die selten hervorgebracht wird, die zu erzählen Feuchtwanger jedoch ein großes Anliegen ist.

Das größte Pfund aber ist Feuchtwangers Beleuchtung einer Frage, die uns Nachgeborene noch heute umtreibt: Wenn uns unsere Großeltern erzählten, dass sie ja von nichts wussten, erst nach dem Krieg mitbekamen, was die Nazis Schreckliches taten – ist das dann nicht eine feige Lüge? Das Land ist zugepflastert mit Konzentrationslagern, überall werden jüdische Mitbürger aus ihren Wohnungen geholt, durch die Straßen getrieben, geprügelt, gedemütigt – und keiner hat was mitgekriegt??! Dafür reicht nicht blind und taub sein, nein, dafür muss man auch noch doof und Nazi sein, um das nicht mitgekriegt zu haben…ja oder nicht?

Zu lesen, wie Feuchtwanger allein diesen Aspekt aufarbeitet und immer wieder einwebt, warum er – Gustav – eben nicht schon 1930 nach Palästina gegangen ist, damit auch erklärt, warum das in der Tat die falscheste aller Fragen ist, die ein katholischer Deutscher 70 Jahre später stellen kann, macht das gesamte Buch zu einer Pflichtlektüre. Man ist das gut. Also schreiben können se ja, diese….Deutschen.

Hm. Schon nicht schlecht, geht aber noch besser: Also schreiben können se ja, diese Deutschen. Punkt.

Im kleinen Nachwort meiner Ausgabe erfahre ich im Übrigen, dass der Roman für Feuchtwanger-Verhältnisse vielfach als eher mittelmäßig bewertet wird. Echt jetzt? Na gut, dann gebe ich nur 4 von 5 Sternen. Damit für die anderen soeben bestellten Großwerke aus seiner Feder noch ein wenig Luft nach oben bleibt.

Weitere andere Rezensionen lesen? Zur Auswahl geht es: HIER.

Lesen Sie „Schwarzer Frost“, den Debütroman von David Wonschewski. Mehr Informationen: HIER.

2 Kommentare zu “Vor lauter Vernunft das Hassen verlernt. Soeben ausgelesen: Lion Feuchtwanger – „Die Geschwister Oppermann“ (1933)

  1. davidwonschewski
    22. März 2021

    Wie passend, hirne seit Monaten daran herum, ob und wenn ja welchen Zweig ich mir denn mal gebe. Bin was den Autor betrifft auch noch komplett unbefleckt. Stimmt, der Karkaturist, ich entsinne mich schwach….

    Gefällt mir

  2. Bludgeon
    21. März 2021

    Hm. Ich bin mit 20 an der „Jüdin von Toledo“ gescheitert. Viiiiel zu langweilig, Jedenfalls der Anfang von vllt 50-70 Seiten. Vielleicht waren es auch nur 20; ich weiß es nicht mehr. Das war’s dann mit Feuchtwanger bisher bei mir. Aber Stefan Zweig ist ein ganz großer Autor! „Die Welt von gestern“ bringt allerhand alte Weltsicht privilegierter Juden rüber.

    Ja, bei DEM Thema ist sie ganz schnell da, die Schere im Kopf. Das erwischt ja dann auch ganz schnell mal einen Roger Waters oder einen langjährigen Karrikaturisten der SZ. In diesen moralinsauren Zeiten vakneifma uns ma jedn Kommentaa!

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