David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – bipolarer Bedenkenträger

Keine Suizide mehr. Oder: I prefer not to. Vorabauszug aus meinem neuen Romanmanuskript.

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Du verlässt deine Wohnung nicht mehr. Hockst mit angezogenen Knien auf deiner Matratze, entscheidest dich gegen eine Zigarette, entscheidest dich gegen einen Kaffee, entscheidest dich gegen ein Buch. Entscheidest dich dazu, keine Entscheidungen mehr zu treffen. Zu einem entscheidungslosen Menschen zu werden. Aufzubegehren gegen diesen allgegenwärtigen Aufruf zur Entschiedenheit, diese allgegenwärtig propagierte Entschlussfreude. Feste treten sollte man alle die, die fest etwas vertreten, beständig für etwas eintreten. Sie sind die wahren Zerstörer, die wirklichen Zersetzer. Die Welt krankt an plakativem Anstand. Und sie verreckt an polarisierender Aufrichtigkeit.

I prefer not to, sagte Melvilles Bartleby, der Schreiber. Und wie richtig er doch lag damit.

Denn auch Du magst kein Aufhebens mehr machen. Nicht um andere. Und schon gar nicht um dich selbst, deine viel zu vielen Worte, deine viel zu langen Sätze. Deine Adjektive, deine Prädikate, das unweigerliche Subjekt – du möchtest das alles loswerden, es ein für alle Mal streichen aus deiner Grammatik. Willst niemand mehr sein und nichts mehr tun. Nicht mehr teilnehmen an deinem eigenen Leben. Sterben willst du nicht, nein, das hattest du schon. Der Wunsch zu sterben, der war gestern. Längst erscheint er dir pubertär. Was du anstrebst ist: Gedankenlosigkeit. Wonach du dich sehnst ist: Stumpfheit. Ist: beglückende Lethargie.

So, überlegst du, könnte es gehen. So, denkst du, könnte es sich leben lassen. Nein, du solltest nicht mehr unter Menschen gehen. Solltest aufhören dich beständig mit wem zu treffen, dich mit wem zu beschäftigen, mit diesem und jenem zu reden. Um nur diesem menschlichen Urzustand, der Langeweile entgehen, fortwährende Zerstreuung finden zu können. Unehrlich erscheinen dir jene, die permanent Gesellschaft suchen mit einem Mal. Unaufrichtig. Heuchlerisch. Betrügerisch.

Wem der Sinn nach ähnlichen frohlockigen Gedanken steht, dem seien meine Romane „Schwarzer Frost“ und „Zerteiltes Leid“ ans wankende Gemüt gelegt. Mehr Informationen gibt es: HIER.

3 Kommentare zu “Keine Suizide mehr. Oder: I prefer not to. Vorabauszug aus meinem neuen Romanmanuskript.

  1. hannahbuchholz
    2. August 2015

    Lieber David,
    nun möchte ich aber doch hinzufügen, daß es mitunter zwar gut und richtig sein kann, alleine vor sich hinzuschmoren, daß es aber immer wieder auch wichtig sein kann, dann doch wieder jemanden zu treffen, da der Dialog mit anderen einem wieder vor Augen führt, was man zwar theoretisch wohl weiß, aber immer wieder vergißt: daß nämlich die eigene Perspektive (und die eigene Sicht auf sich selbst und auf andere) doch stets eine sehr begrenzte ist. – Und diese Erkenntnis kann nicht nur frustrierend, sondern auch hilfreich sein, da sie negative Denk- und Grübel-Schleifen – und -Spiralen aprupt unterbrechen und den Horizont wieder weiten und für andere Perspektiven (und Lebenseinstellungen und Schicksale und Sichtweisen) öffnen kann… All dies weißt Du natürlich, aber weiß Dein Protagonist das auch?
    Lieben Gruß, Hannah

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  2. hannahbuchholz
    2. August 2015

    Alleine zu Hause sitzen, ohne Gesellschaft, ja, das kann immer wieder heilsam sein.
    Aber ohne Kaffee, Zigaretten und die ohne eigenen Worte und Sätze aufs Papier zu bringen (und seien sie auch noch so lang!) würde ich durchdrehen… ! Wenn jemand das aushält, dann kann ich nur sagen: Hut ab!
    Übrigens gefallen mir die Sätze: „Sterben willst du nicht, nein, das hattest du schon.
    Der Wunsch zu sterben, der war gestern. Längst erscheint er dir pubertär.“ –
    Sehr schön… !! – Ich wünschte, das wäre von mir… ! ; )
    Herzliche Grüße, Hannah
    P.S. Ich danke Dir für Deinen komplexen Kommentar von vorhin zum Thema Kritik! – Ich muss nun noch ein Weilchen über eine Antwort nachdenken…

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  3. Sanguine
    2. August 2015

    So wenige, und doch so einschneidende Zeilen wieder.

    Da melden sich gleich drei meiner Ich’s. Eines sagt „Wer so wirklich permanent denkt, der muss schon recht depressiv sein.“ Einem weiteren fällt auf, wie sehr ihm hier und da der Spiegel vorgehalten wird. Und das dritte würde zum Sargnagel doch nicht nein sagen.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 26. Mai 2021 von in Nachrichten und getaggt mit , , , , .
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