David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – bipolarer Bedenkenträger

Kiss & Wonschewski: Männer, die auf Frauenfragen starren

Schenkelklopferartige Bücher und Comedy-Programme, in denen sich Frauen über Männer und Männer über Frauen lustig machen, gibt es zuhauf. Die ganz dicken psychologischen Erklärwerke über den Unterschied der Geschlechter auch. Von durch die sozialen Netzwerke rasenden Zorneswellen ganz zu schweigen. Alles in Ordnung, mitunter berechtigt. Aber halt doch zumeist sehr fokussiert darauf, das Trennende hervorzukehren.

In ihrer Lesereihe „Tanz auf Buchrücken“ wagen die kopfgesteuerte Autorin Nikoletta Kiss und der zur Selbstzerfleischung neigende Schriftsteller David Wonschewski ein ungeheuerliches Experiment: aufeinander zugehen, sich verstehen, Gräben erkennen und zuschütten.

Nachdem das toxische Weißer Mann-Buch „Ameisig“ von Charlie Kaufman von den beiden zuletzt sehr kontrovers besprochen wurde (HIER nachlesen) und der Nachfolger bereits feststeht und in den nächsten Tagen bekannt gegeben wird, haben sich die beiden für ein kurzes Frisch-Stelldichein zusammengefunden. Der legendäre Fragenkatalog des nicht minder legendären eidgenössischen Schriftstellers Max Frisch ist vielen gewiss bekannt. Nikoletta hat, als Zwischenhapperl, bevor es mit der nächsten Literaturbesprechung weitergeht, vier Fragen herausgesucht, denen sich beide stellen.

Kiss & Wonschewski
  1. Warum müssen wir Frauen / Männer nicht verstehen?

David: Nachdem ich jetzt 10 Minuten auf diese paar Wörter gestarrt habe, gebe ich mich der zermürbenden Erkenntnis hin, dass ich entweder zu blöde bin, diese Frage zu verstehen oder aber zu komplex. Wünschenswert wäre ja Letzteres, wobei ein zu viel an Letzterem ein zeitgleiches Übergewicht von Ersterem ja leider nie ganz ausschließt.

Wie ist das gemeint bzw. wie wollen wir beide diese Frage meinen? Folgende Möglichkeiten, wie die Frage gemeint ist, fallen mongolenhaft-galoppierend zeitgleich in mein Hirngebiet ein:

a) Warum ist es nicht wichtig, dass die Frauen versuchen, die Männer zu verstehen?

b) Aus Frauensicht: Warum muss man Frauen nicht verstehen UND warum muss man Männer nicht verstehen? Und nun aus Männersicht: Warum muss man Frauen nicht verstehen UND warum muss man Männer nicht verstehen? Muss man beide aus den gleichen Gründen nicht verstehen?

c) Müssen im Sinne von Können – warum verstehen Frauen und Männer einander nicht? Und ist das überhaupt wichtig?

d) Jeder „diagonal“ – Du als Frau, warum ist es nicht wichtig, dass du Männer versteht? Und du als Mann, warum ist das von Belang, ob du Frauen verstehst? Lass es doch einfach sein, wäre das nicht vielleicht sogar besser?

e) Mal philosophisch nachgedacht – wohin schlenderte die Menschheit, wenn ein jeder eine jede und eine jede einen jeden verstünde …? Ich meine die Eloi im H.G. Wells Zukunftsklassiker „Die Zeitmaschine“ haben einander auch prächtig verstanden. Das war ja das Problem, zu viel Harmonie ist tödlich wie sonst was.

Nikoletta: Zur Auflösung: „d“ ist fast richtig. Max Frisch stellte ursprünglich die Frage: Warum müssen wir Frauen nicht verstehen? Ich hatte mir erlaubt, die Frage diagonal zu erweitern. Warum also muss ich als Frau Männer nicht verstehen? (Ich als Mann funktioniert nicht so gut.)

Warum also: Mir wurde einmal gesagt, es sei besser, wenn ich nicht wüsste, was Männer denken. Ich dachte immer, das sei, weil mich die Eindimensionalität männlicher Gedanken schockieren würde. Wenn ich mir aber anschaue, was in dir so vorgeht und wir davon ausgehen, dass du ein repräsentatives Exemplar Mann bist (was ich fragwürdig finde), dann ist es vermutlich wirklich besser, nicht darüber nachzudenken, es wäre schlicht zu kompliziert.

2. Was ertragen Sie nur mit Humor? 

Nikoletta: Wenn die Kinder gleichzeitig Mama rufen und mein Mann sich darüber beschwert, dass ich mal wieder unserer Konversation nicht folge, ertrage ich das nur mit Humor. Manchmal aber gelingt mir nicht mal das, dann schreie ich.

David: Interessanterweise ertrage ich nicht nur eine Sache, sondern alle Dinge, die mir in kleinerem oder auch größerem Maße gegen den Strich gehen, einzig mit Humor. Alles was ich doof oder dämlich finde, finde ich auch lustig. Habe schon überlegt, ob nicht genau darin mein Hauptproblem liegt. Mal aufhören, gewisse Dinge immer mit Humor zu nehmen könnte durchaus eine Reihe Vorteile mit sich bringen. Humor ist wichtig, aber eben auch nur einer dieser fürchterlich überschätzten Menschenbegriffe. Kein Wunder, nachdem klargestellt worden ist, dass Beten nicht ein einziges Problem löst und Saufen nur ein paar wenige und diese auch bestenfalls temporär, bleibt halt nur noch der Humor als Universallösungsmittel. Wenn du mich fragst: Eine richtig arme Sau ist der Humor. Irgendwie aber auch ganz lustig, dieser allgegenwärtige Humormissbrauch.

3. Welche Hoffnung haben Sie aufgegeben? 

David: Meinen Humor zu verlieren. Wenn ich die Tagesschau ansehe oder Spiegel Online lese oder auch mir genehmere Publikationen wie die NZZ, ich muss dauernd grinsen. Thema egal. Bin da echt nicht stolz drauf, muss irgend so eine verkappte misanthropisch-nihilistische Fehlbildung im Hirn sein. Lachen wenn’s zum Weinen nicht reicht. 

Nikoletta: Keine. Meine Hoffnungen und Träume verändern sich, wachsen mit mir. Hätte ich als Kind davon geträumt, eines Tages eine berühmte Schriftstellerin zu sein, wäre ich vermutlich heute todunglücklich. Wer Großes träumt, kann tief fallen, wobei ich Menschen, die in großen Dimensionen träumen, schon sehr bewundere.

4. Gesetz den Fall, Sie haben nie einen Menschen umgebracht: wie erklären Sie es sich, dass es nie dazu gekommen ist? 

Nikoletta: Ich habe gewisse Menschen schon öfter mal treten wollen, töten irgendwie noch nie. Vielleicht sollte ich das Treten wirklich mal ausprobieren?!

David: Ist mir selbst unerklärlich. Liegt vielleicht an meiner Wackeldackelmentalität. Immer wenn ich das Gefühl habe, jetzt wäre es aber mal an der Zeit, jetzt wäre es moralisch fast etwas berechtigt, schreite ich nicht zur Tat, sondern wäge zuerst immer ellenlange Pro- und Kontralisten gegeneinander ab. Wenn ich dann endlich so weit bin, bereit den Mord zu begehen – ist der zu Meuchelnde schon längst mit dem Bus weggefahren. Mord begünstigt spontane und entschlussfreudige Menschen. Ich bin weder das eine noch das andere. Ist aber nicht schlimm, das Schöne am Mordgedanken ist ja, dass er verlässlich wiederkehrt. Wieder und immer wieder. Sprach’s und wackeldackelte noch eine Runde auf diesem Gedanken herum.

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: