David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – bipolarer Bedenkenträger

Toxischer weißer Mann, was nun? Das kontroverse Gendergespräch. Frau Kiss und Herr Wonschewski reden über: Charlie Kaufman – „Ameisig“ (2021)

Nikoletta Kiss und David Wonschewski, Autorin und Autor sehr unterschiedlicher Bücher, lesen gemeinsam Romane – und streiten. Das Konzept ist denkbar einfach: Sie mailen sich hin und her. Der eine reagiert auf die Äußerungen des anderen, Missverständnisse und aneinander Vorbeireden inklusive. Einfach laufen lassen. Schauen wohin es führt. Ob es überhaupt irgendwohin führt.

In der ersten Ausgabe dieses Dialogformats haben sich die beiden dem Roman „Ameisig“ des US-amerikanischen Drehbuchautoren Charlie Kaufman („Being John Malkovich“) gewidmet. Ein dankbarer Stoff, da er geradezu prädestiniert ist, um über Geschlechterverhältnisse zu sinnieren. Zugleich jedoch unsagbar undankbar, da er mit seinen 800 wahrlich spritzigen Seiten im Gespräch kaum zu bändigen ist. Entsprechend ist gleich die erste Folge von „Tanz auf Buchrücken“ eine nicht nur länger als geplante Ausgabe geworden, sondern auch eine sprunghaftere. Womit sich der Dialog letztlich einfach nur dem Roman anpasst, der genauso ist. Kaufman, so wussten Kiss & Wonschewski durch die Vorablektüre anderer Rezensionen, beendet mit „Ameisig“ angeblich den großen amerikanischen Gesellschaftsroman als solchen, macht bewusst den Sargdeckel auf diese „mittelalter weißer Mann erzählt“ -Monolithen, führt bewusst ad absurdum und schafft Platz für was Neues. Kiss & Wonschewski haben sich parallel durch dieses Werk gewuchtet, sich, um das alles zu bändigen, nach wenigen Hundert Seiten immer wieder zusammengefunden und ihre Eindrücke ausgetauscht.

Charlie Kaufman – „Ameisig“ (Carl Hanser Verlag, 864 Seiten)

Zum Inhalt: Der Filmkritiker B. Rosenberger Rosenberg hat gleich ein ganzes Bündel kleinerer Probleme. Die Beziehung zu seiner afroamerikanischen Freundin bröckelt, seine Versuche, sich mit immer spezifischeren cineastischen Artikeln seinen Lebensunterhalt zu verdienen, geraten zunehmend spinnerter – und zu allem Überfluss ist da noch sein Kampf für Gendergerechtigkeit und gegen die Privilegien alter weißer Männer, in dem er sich, selbst eher alt, eher männlich und ziemlich weiß, zunehmend verstrickt, verwirrt und verirrt. Doch Rettung naht durch die zufällige Bekanntschaft mit einem 120-jährigen Regisseur, dessen dreimonatiges (!) Mammutwerk er als erster und einziger Mensch in Gänze sieht, es sich aneignet. Das, so spekuliert er, ist seine große Chance doch noch zu Sinn und Bedeutung zu gelangen, einen erhöhten Rang im Kreise der Menschen zu erhalten. Den er, wie sich zunehmend zeigt, bitternötig hat…

Ein erstes verbales Stelldichein nach 124 Seiten…

David: Hm. Ein weißer Mann gibt gleich zu Beginn zu, dass er neidisch auf seine afroamerikanische Freundin ist. Weil jeder, wie er findet, ihr mittlerweile automatisch wohlgesonnen Respekt entgegenbringt, während er hart für einen solchen kämpfen muss, meistens scheitert, ihm überall Misstrauen und Geringschätzung entgegenschlagen. Jetzt sind Privilegierte also schon neidisch auf das Leben der Nicht-Privilegierten…hm, Nikoletta, wie finden wir denn das?

Nikoletta: Der arme Mann muss mir leidtun, mit seinem schrulligen, ungepflegten Bart, den er als Statement kultiviert, um sich von dem herrschenden Körperkult geleckter Großstadttypen abzugrenzen. Der Kerl ist Harvard-Absolvent, hat mehrere Bücher veröffentlicht und seine schöne, (was er nicht auslässt, ständig zu betonen) afroamerikanische Schauspielerin-Freundin ist, um genau zu sein, seine Ex-Geliebte, für die er sogar seine Ehe aufgegeben hat. Sie fühlt sich offensichtlich stark zu ihm hingezogen, hält sein letztes Buch schlicht für einen „Wahnsinn“. Und was dieser Mann empfindet, ist selbstzerstörerische Wut, Selbsthass, Minderwertigkeitskomplexe, er hält sich für abstoßend und sehnt sich nach Anerkennung. Der muss mir wirklich leidtun, ich weiß nicht, ob ihm zu helfen ist?! 

David: Interessant, Selbsthass und Wut kann ich auf den ersten 120 Seiten kein Stück erkennen. Ich lese hier einen Mann, der zum offenen, toleranten Teil der Gesellschaft gezählt werden darf, der aber merkt, dass dieses ständige, zuvorderst von seinen eigenen, ach wie aufgeklärten Kreisen auferlegte Hinterfragen von wirklichen oder angeblichen Privilegien nicht mehr funktioniert, zum ziellosen Selbstzweck verkommt. Er verhebt sich geradezu daran, auf Teufel komm raus ein moderner, guter, sich selbst reflektierender Mann zu sein. Was zu der abstrusen Situation führt, dass er – je mehr er es versucht – desto heftiger daran scheitert. Wo ist denn da der Selbsthass?

Nikoletta: Du machst diesen Teufelskreis nachvollziehbar, ich glaube dennoch, beim Grund für sein Scheitern spielen Wut und Selbsthass stark eine Rolle. Er sagt es ja selbst gleich zu Beginn und immer wieder, wie ihn die Welt in die Finger bekommen und sich gegen sich selbst gewendet und zu diesem … Ding gemacht hat. Er wünscht sich wieder ganz zu sein, sich nicht zu hassen, hübsch zu sein und will geliebt werden.

David: Sagt er das wirklich wörtlich, dass er sich selbst hasst? Wenn dem so ist, ist es an mir vorbeigerauscht.

Nikoletta: Klar – nimm die Szene mit der Joggerin. Rosenberg steht da und wünscht sich, dass eine an ihm vorbeijoggende Frau ihn wahrnimmt, ihn zurückgrüßt. Sie ignoriert ihn aber, woraufhin er ihr laut beleidigend hinterher flucht und sich dann, sagt er, für diese Reaktion auf ihre Ignoranz selbst hasst. Er erinnert mich dabei an den Selbstmörder in deiner Kurzgeschichte („Der Tag, an dem ich mir selbst den Garaus machen wollte“), der wahrgenommen werden will, aber stets unsichtbar bleibt. Auch Rosenberg hasst die Joggerin, die an ihm vorbeizieht, ohne ihn wahrzunehmen. Und er hasst sich dafür, sie zu hassen.

David: Hm, stimmt. Dann ist es bei mir offenbar nicht so pathologisch angekommen wie bei dir. Ich lese die Szene eher als humoristische Darstellung von Verzweiflung. Vom weißen Mann wird erwartet, dass er nett ist, dass er Rücksicht nimmt, all das. Ist ja per se auch eine hübsche Idee, dummerweise wird den meisten anderen Bevölkerungsgruppen gerade beigebracht, dass es legitim, ja sogar angebracht ist, sich genau entgegengesetzt zu verhalten. Und genau das schafft diese abstruse Situation, Rosenberg strengt sich an dem Wunsch, den man an seinesgleichen hat, gerecht zu werden: Es gibt aber keinen Lohn, es gibt sogar fast das Gegenteil davon, beschämende Ignoranz. Warum also soll er sich rücksichtsvoll verhalten, wenn man ihm doch genauso gegenübertritt, als wenn er sich nicht rücksichtvoll verhält? Deswegen funktioniert diese Szene für mich so gut – er gehört einer Gruppe an, bei der es aktuell eigentlich egal ist, was sie sagt oder macht. Das Ergebnis ist eh: Buuuh. Und wenn das so ist, na, dann kannste auch pöbeln. Wirkt wenigstens befreiend.

Nikoletta: Ich kann nicht einschätzen, ob es dieses feindselige Verhalten weißen Männern gegenüber objektiv gibt, aber es stimmt, Rosenberg empfindet es so. Der Hass gegen sich selbst, so scheint mir, stammt bei ihm aus tief liegenden Minderwertigkeitskomplexen. Er sagt, als Kind sei er eher durchschnittlich gewesen, nur die Mädchen aus der „zweiten Riege“ hätten sich für ihn interessiert. Sein Vater hätte ihn nicht lieben können, so wie er war.

David: Da es sich um Literatur handelt, unterstelle ich Kaufman eine Überspitzung empfundener Wirklichkeit. Ich selbst nehme in meinem Alltag keine Feindseligkeit wahr, würde aber durchaus sagen, dass Fremde mir entweder mit professionell aufgesetzter Freundlichkeit begegnen – man will ja mein Geld – oder eben deutlichem Anfangsargwohn. Aufgeschlossene Nettigkeit gibt es, ist aber selten. Wobei ich noch den Vorteil habe, dass ich gemeinhin als auf den ersten Blick ungefährlich einsortiert werde. Ich kenne Männer, die können sich duschen, rasieren, anziehen wie sie wollen, die sehen auch für meinen Geschmack immer nach Unruhestifter aus. Ich weiß aber nicht, ob man diese Erfahrung per se einer bestimmten Gruppe zuordnen kann, Migranten beispielsweise berichten ja Ähnliches. Aber ja, Minderwertigkeitskomplexe hat Rosenberg definitiv, ein paar Minderwertigkeitskomplexe gehören aus meiner Sicht zu einem gesunden Eigenbild aber dazu.

Nikoletta: In der Begegnung mit Migranten spielt leider oft Unwissenheit und die Angst vor dem Fremden mit, menschliche Züge, die es denen, die anders sind, schwer machen. Aber Argwohn dir gegenüber? Wenn dir trotz breitem Lächeln und einem Schwätzchen über’s Wetter nicht Freundlichkeit entgegenschlägt, mal vorausgesetzt, du siehst nicht gerade aus wie ein übernächtigter Freak, verliere ich meinen Glauben in die Menschheit. Rosenberg legt es ja mit seinem schrulligen Äußeren und seinem Verhalten geradezu drauf an, dass Mann / Frau einen Bogen um ihn macht. Und was die Unsichtbarkeit angeht, er selbst gibt zu, nur Interesse an den hübschen Mädchen gehabt zu haben, der sogenannten „zweiten Riege“ schenkte er keine Beachtung.

David: Der Zwiespalt, auf den du korrekt hinweist, ist der, dass er versucht, sich über vermeintlich „Bessere“ aufzuwerten – sich dann aber über just dieses Bessersein der Auserwählten beklagt, das er doch selbst angesteuert hat. Weitverbreitete Menschenidiotie, sich über etwas zu ärgern, was man sich letztlich selbst ausgesucht hat, Beruf, Partner, egal. Wobei das für sich genommen auch fast schon übergriffig ist. „Privilegiert“ ist schließlich selten eine Selbst-, fast immer eine untergeschobene Fremdbezeichnung. Wenn ich über jemanden sage, dass sie/er ein einfacheres Leben hat – oder jemand das über mich sagt – ist das immer eine bodenlose Frechheit. Ich behaupte, Kaufman ist da an einem, vielleicht sogar dem wichtigsten Wahrnehmungsproblem angekommen. Uns Männern wird erfolgreich suggeriert, dass Frauen immer und überall automatisch (auch unerwünschte) Aufmerksamkeit bekommen. Wenn sie ein Lokal betreten, werden sie von Frauen und Männern sofort gemustert, egal, was sie wann und wo anziehen, es wird seziert. Wenn sie einen Youtube-Kanal über Physik aufziehen, kommen die (auch) blöden Kommentare von selbst, wenn sie an der Bar stehen, folgt unweigerlich das Ranwanzen anderer. Die Medien unterstreichen dieses Bild mit Nachdruck mittels Überschriften, wie jüngst in der ZEIT, wonach jede Frau mehrmals täglich sexuelle Übergriffe erlebt. Wenn der Artikel dann in den sozialen Netzwerken von haufenweise Frauen geteilt und bestätigt wird, dann muss ich – so viel Rosenberg bin ich auch – ja mal annehmen, dass dem so ist. Kaum in der Öffentlichkeit, werdet ihr gesehen. Erst ab Mitte 40 tauchen Frauen dann in eine Form von Unsichtbarkeit ein, wie ich schon oft las. Also in genau das Lebensgefühl, dass die meisten Männer – insofern sie sich nicht gerade einen Iro auf der Glatze stehen lassen – von Beginn an als einziges kennen. Ich weiß um die vielen Vorteile dieser Unsichtbarkeit, aber doch, ich bin auch regelmäßig neidisch, dass ich per natura zunächst einmal so verdammt egal bin.

Nikoletta: Mit täglichen sexuellen Übergriffen meinst du vermutlich das „Hinterherpfeifen“ auf der Straße, und wie du schon sagst, so beneidenswert ist das nun nicht. Ich glaube, du überschätzt die Vorteile des Frauseins. Hübsche Mädchen werden einen gewissen Vorteil im Leben haben, genau wie gut aussehende Jungs, alle anderen müssen sich erst mal bemerkbar machen. Zudem müssen hübsche Mädchen erst beweisen, dass sie mehr können, als nur niedlich auszusehen, wollen sie ernstgenommen werden.

David: In so Artikeln steht leider selten, was konkret unter „übergriffig“ fällt, das ist ja das Üble daran, es wird so hingeschmiert und nützt in seiner Verwischtheit daher keinem so richtig. Auch das Thema an sich bleibt wabbelig wie Wackelpudding. Ich persönlich vermeide zum Beispiel seit Jahren Komplimente oder plakativ zuvorkommendes Verhalten, so gut es geht. Obschon ich weiß, dass sich viele noch immer über manches freuen würden. Ist mir aber zu riskant, die wenigen, die alles ätzend finden, haben so gesehen gewonnen, ihre Stimmen waren die Lautesten, sie wurden gehört. Ich verstehe es sehr gut, dass Frauen es hassen, auch darauf spielt Kaufman ja an, als „niedlich“ wahrgenommen zu werden, ständig über irgendwelche optischen Dinge auf- oder abqualifiziert zu werden. Als Mann aber macht einen genau das, manchmal, neidisch. Es gibt so feministische Fragebögen, da wird Mann gefragt, ob man überhaupt wisse, wie das ist, wenn man nicht wegen der Qualifikationen, sondern auch oder nur aufgrund von Äußerlichkeiten eingestellt wird. Ich denke mir dann immer: Nein, leider weiß ich das nicht. Bei mir Unglücklichem geht es immer nur brutal um Leistung, Leistung, Leistung. Und das empfinde ich als ungerecht, ich hätte das gerne ab und an mal, so ein bisschen. Klar, dass einem – mir – die Vorteile dabei heftiger ins Auge fallen als die Nachteile. Das ist ja leider menschlich und gilt andersherum auch. Die Vorteile des Mannseins werden ebenfalls kolossal überschätzt. Würden Frauen nur einen Monat das Leben eines Mannes führen, sie würden danach gewiss 50% des feministischen Forderungskatalogs selbst streichen. Die übrigen 50% würden sich dann schnell realisieren lassen, weil eben Männer nach einem Monat als Frau merkten, dass das wirklich gut und berechtigt ist. Wir wollen alle empathisch sein, aber offenbar übersteigt das Leben der anderen unsere Vorstellungskraft oder wird von anderen Menschlichkeiten (Angst, Wut, Verzweiflung, Strebsamkeit etc.) überlagert.

Nikoletta: Es geht ja auch darum, dieses Mann-Frau-Rollendenken aufzubrechen. Wer sagt denn, wie Frau/Mann zu sein und zu leben hat? Ich verstehe gut, dass Männer in diesem Prozess zunehmend verunsichern, von ihnen wird heutzutage eine kontextbezogene Subtilität gefordert, die viele überfordert. Was am Arbeitsplatz tabu ist, geht durchaus in der Bar, aber auch mit der Kollegin? Es gibt genug Grauzonen, Unsicherheiten, Frauen, die das ausnutzen, wieder andere, die aufgrund von schlechten Erfahrungen hoch sensitiv reagieren. Ich gebe zu, es muss als Mann nicht leicht sein, damit umzugehen. Ich halte es aber für wichtig und richtig, dass „Übergriffe“, in denen sich eine Frau aufgrund ihrer physischen Unterlegenheit von einem Mann bedroht fühlt oder aufgrund ihres Abhängigkeitsverhältnisses nicht Nein sagen kann (was übrigens genauso für Männer gilt) heute nicht mehr als Kavaliersdelikte durchgehen, ja geahndet werden. Mit diesen „neuen“ Umgangsformen müssen wir lernen umzugehen.

David:  Diesen ganzen Absatz von dir bitte einrahmen und an Redaktionen und Schulen schicken. Damit Bewusstseinsbildung nicht noch weiter zum hanebüchenen Luftgefecht mutiert. Und ja, Männer tragen natürlich zumindest mal eine heftige Mitschuld daran: Warum kann eine Frau, wie bei Kaufman, total verschwitzt und gar nicht mal so hübsch da langjoggen und er nimmt sie intensiv wahr? Die versucht nicht mal wem aufzufallen, ihm schon mal gar nicht, tut es aber. Muss denn das sein? Zumindest einmal ist es, irgendwie und offenbar unausweichlich. Und er? Er sieht nach einer OP qua Verband urig aus, steht der Joggerin sogar im Weg, ist durch den Zottelbart sowieso auffällig und brüllt in seiner Notlage dann sogar noch ein Schimpfwort hinterher: nichts, null Reaktion. Ich kann das gut nachvollziehen, dass er im Lauf des Romans diesen dämlichen Traum hat via Filmschatzhebung den Respekt und die Wahrnehmung zu erhalten, von der alle Welt irgendwie ausgeht seinesgleichen würde sie von Geburt an automatisch erhalten. Denn wenn alle Welt sagt „eigentlich müsste einer wie du“, dann entfacht das natürlich das Gefühl, dass einem doch was zusteht. Diese entsetzliche Lücke zwischen dem, was andere mir zuschreiben und dem, was ich gar nicht habe – oder glaube nicht zu haben – will gefüllt werden.

Nikoletta: Diese Fehleinschätzung, ihm würde automatisch etwas zustehen, ist ja genau sein Problem. Und das reicht noch nicht. Er hält sich für etwas Besseres, für ein Genie (!), ein unerkanntes. Dass er bisher nicht sonderlich erfolgreich ist mit seinem Filmwissen, ist in seiner Wahrnehmung schlichtes Pech, womöglich eine Verschwörung gegen ihn, weil er immer unbequem gewesen sei, nie ein Blatt vor den Mund genommen hätte, all so etwas. Diese Kombination aus Minderwertigkeitskomplex und großer Klappe macht ihn für mich und offenbar auch für seine Umgebung ziemlich unsympathisch. Wir merken auch am Ton seines Lektors, dem er von seinem Vorhaben erzählt, dass sogar der ihn für einen Spinner hält.

David: Lass mich aus eigener entsprechender Berufserfahrung bekennen, Nikoletta, Musik- und Filmjournalismus sind wenig einträgliche Berufe, in die Sparte gehen nur Freaks, verschrobene Pseudo-Rockstars, verhinderte Beinahe-Kultregisseure. Und seien wir mal ehrlich, Schriftsteller sind gar nicht so anders, wenn Verleger dir mal aus ihren Gesprächen mit ihren Autoren erzählen, dann kommt das dem von Kaufman geschilderten Telefonat sehr nahe. Das Berufsbild der Verlegerin liegt überraschend nah an dem einer Psychotherapeutin, ha.

Aber das ist interessant, auf diesen ersten Seiten sind wir beide durchaus fasziniert von dem Stoff, nehmen den Protagonisten aber unterschiedlich wahr. Ich lese bisher die Gedanken eines verzweifelten und letztlich desorientierten Mannes, dessen Rucksack so vollgepackt mit positiven Ideen und Konstrukten ist, dass er schon ganz gebückt daherkommt. All das Positive in seiner Lebenseinstellung beginnt sich als Negatives gegen ihn zu wenden. Gerade weil er immer wieder betont, dass er über afroamerikanische Filmemacher Bücher geschrieben, eine afroamerikanische Freundin hat, Afroamerikaner auch deswegen so sehr schätzt, weil er ihren Kampf versteht und nachvollziehen kann – wird es verquer, hirnrissig, ja fast rassistisch. Das ist für mich gleichermaßen lustig wie befreiend zu lesen. Ein wenig wie eine Katze, die ständig um sich selbst wirbelt, immer nur den eigenen Schwanz zu fassen kriegt. Man merkt aber, da stimme ich dir zu, dass das irgendwie nicht gut gehen kann, dass da einer verrückt wird am Erwartungsdruck einer sich selbst als „woke“ begreifenden Gesellschaft. Man(n) möchte ihm das raten, was man auch anderen Menschen rät: Sei wie du bist und nicht wie andere dich eventuell haben wollen. Versuche, so gut zu sein wie möglich und wenn jemand meint dir einen Satz oder eine Tat dennoch als rassistisch oder frauen-, respektive judenfeindlich auslegen zu müssen, obschon du selbst weißt, dass du das alles nicht bist: Mittelfinger. Es permanent anderen Menschen recht machen zu wollen war schon immer ein mieser Lebensratgeber.

Nikoletta: Ich glaube, darauf können wir uns einigen.

Wie steht’s denn mit dem zweiten Standbein, den cineastischen Ausritten, den Vorträgen über Filmanalyse, Filmnacherzählung bei dir? Hop oder Top? Ich muss gestehen, nach Mitternacht schafft Kaufman es nicht mehr, mich damit noch wach zu halten.

David: Ja, diese Filmnacherzählung ist mitunter recht ermüdend. Ansonsten erfreue ich mich an dieser Melange aus Namedropping und kunstphilosophischen Begriffen, wo nie ganz klar ist, ob Kaufman das erfunden hat oder ob es das, den, die echt gab. Ich setze mich alle vier Seiten hin und google diverse Sachen nach. Sehr lehrreich, ich kenne nun den Erfinder der „versteckten Kamera“, kenne Komiker, die echt live und in Farbe auf der Bühne gestorben sind und das Publikum hat gebrüllt vor Lachen und weiß nun auch, dass der Truffaut-Klassiker „Schießen Sie auf den Pianisten“ eine literarische Vorlage hat. Wobei ich Kaufman eine böse Mail schreiben muss, da er diesen Film als den einzig guten und ergo besten Truffaut-Film benennt. So ein Dämlack! Der Beste ist „Jules et Jim“, hätte dieser Kaufman Geschmack oder wenigstens ein paar funktionierende Augen, er wäre von selbst drauf gekommen….huch, jetzt rosenberge ich aber….ich weiß zwar nicht, wie es ist Michael J. Fox-mäßig zum Werwolf zu mutieren, aber wie das ist, wenn der brüllend-wütende Kulturfaschist aus mir herausbricht, das weiß ich dafür sehr gut…

Nikoletta: Oh, ich sehe schon, ich sage dann mal Schluss für heute, lieber David, bevor du noch richtig in Fahrt kommst. Die Unterhaltung war mir eine Freude mit dir! Wir treffen uns wieder in 200 Seiten!

David: Auch mir war es ein Fest. Auch wenn du und Kaufman mich gut ins Jaktieren gebracht habt, was ich gestern noch nicht hätte behaupten können. Schon da ich ein Wort wie „Jaktation“ da noch nicht kannte.

Und es verging eine Nacht, ein Tag und noch eine Nacht. Und Reckin und Recke trafen sich erneut, kurz, nach S. 303 und dann gleich nochmal bei S.500

Nikoletta: Hier bin ich, vom Lesen ausgemergelt, das Buch auf Seite 303 zugeklappt, vom Lachen geschüttelt und wuterzürnt. Ich muss sagen, nach der etwas zähen Filmnacherzählung hat der Roman fulminant an Fahrt aufgenommen. Was der Kaufman sich leistet! Ich kann es eigentlich gar nicht leiden, in einem realistischen Roman Unlogisches, Unschlüssiges zu finden. Doch hier! Alle paar Seiten hört man mich ausrufen: Loch im Plot! Das gibt es doch nicht! So erstaunlich es ist, es stört mich nicht, weil alles in diesem Roman genau so wie es ist, stimmig ist. Wir befinden uns im Kopf dieses Rosenberg und sehen die Welt, wie er sie wahrnimmt. Da kann es schon passieren, dass ein LKW mit abgeschaltetem Motor in Flammen aufgeht, dass er drei Monate im Koma liegt und kein Mensch, keine Mutter, kein Freund und schon gar nicht die Freundin auf die Idee kommt, sich nach ihm zu erkundigen. Naiv sinniert er über die Wiedervereinigung mit ihr und ihrer geübten Beckenbodenmuskulatur. Dann kommt sie und haut ihm vor den Latz, dass sie doch lieber mit einem Afroamerikaner zusammen ist als mit einem Juden! Ich habe mich so köstlich amüsiert. Und diese Szene mit dem vor sich hinsiechenden Hund, der drei Monate lang nichts zu fressen bekommt? Kaufman pfeift auf realistische Standards, wenn man sich darauf einlässt, ist dieser Roman hoch amüsant. Ich würde mich nicht wundern, wenn sich herausstellt, dass es den Film wie auch seinen Erschaffer, diesen Ingo, niemals gegeben hat, das alles nur im Kopf unseres Helden entstanden ist. Dann würde der Roman sogar zum Realismus zurückkehren.

Aber den Gefallen wird uns Kaufman nicht tun. Wie er diesen armen Mann demontiert, ihn förmlich Stück für Stück auseinandernimmt, erniedrigt und zerstört. Und Gott, diese Frau namens Tsai, der er hoffnungslos verfällt. Männerfantasie oder Männerschrecken? So unsympathisch mir Rosenberg zu Beginn erschienen ist, nach all dem, was der durchmacht, habe ich ihn tatsächlich aus lauter Mitleid lieb gewonnen. Ich frage mich, ob wir bereits auf der Nulllinie angekommen sind, von der Kaufman seinen Helden dann hoffentlich Stück für Stück wieder zusammensetzt. Immerhin stehen uns noch 500 Seiten bevor, vieles kann noch geschehen.

Wie ist es dir denn ergangen, David?   

David: Hm, also bedeutend weniger emotional. Wütend bin ich nie, wüsste gar nicht wegen was. Punktuell kurz auflachen muss ich bei Kaufman dafür sehr oft. Im Grunde bekommt man in „Ameisig“ exakt das, wofür Kaufman als TV- und Filmschaffender schon seit jeher steht: Einen Trip auf der Grenze zwischen Realität und Traumwelt, das Ganze geradezu durchsiebt mit Sitcom-haften, bei mir zumeist zündenden Knallpointen. Wer das literarische Schaffen von Woody Allen kennt, der kommt hier voll auf seine Kosten, gerade dieses Bekenntnis zum – schöner Begriff, Nikoletta – Loch im Plot ist hier tragendes Stilmittel. Mich als Autor machte das schon bei Allen neidisch, hier erneut, denn das ist echt schwierig so zu schreiben. Als Autor hat man immer diese elende Kausalität im Hirn, denkt sich, das alles einen logisch nachvollziehbaren Aufbau haben muss, sonst stürzt es zusammen. Was habe ich bei meinen eigenen Büchern schon relativ gelungene Szenen streichen müssen, einfach weil mir kein Grund einfiel, warum A plausibel zu B führen kann. Für mich hat das fast schon was von Buddhismus, das muss die absolute innere Freiheit sein, die man erreicht hat, wenn man so schreiben kann wie Kaufman. Und es unterfüttert ja sogar das Sujet, denn sich von der Vernunft zu emanzipieren hat aktuell zwar Hochsaison, gibt aber moralisch noch immer einen auf den Deckel für, ha.

Nikoletta: Wie schön du das beschreibst, David. Mir geht es ähnlich, ja in Hinsicht auf mein eigenes Schreiben empfinde ich die Lockerheit, mit der dieser Text daher kommt, nahezu einschüchternd. Man braucht eine feste Hand, um so frei schreiben zu können. Und ich merke ein weiteres Defizit, eine Bildungslücke klafft bei mir in Bezug auf mein Filmwissen. Nenne mir doch deine Top drei Woody Allen Filme! Und was muss ich von Charlie Kaufman eigentlich noch so kennen, außer: Being John Malkovich?

Was denkst du eigentlich über den Verfall unseres Helden?

David: Wie Rosenberg führe ich Listen für alles, meine 3 Top-Allen-Filme könnte ich dir nennen. Brächte nur nichts, da ich, wie erwähnt, von seinen Kurzgeschichten spreche. Ich glaube, drei Erzählbände gibt es. Kaufman lehnt sich auch ansonsten nah an Allen an, der paranoiahafte Umgang mit dem eigenen Jüdischsein ist typisch Allen, aber auch der heftige Zwist, den Rosenberg mit seiner Tochter hat, die ihm irgendwas nahe an Missbrauch vorwirft, weist klar auf Allen. Schließlich taucht der Nachname „Farrow“ zwar scheinbar zusammenhangs-, aber eben nicht grundlos plötzlich auf. Farrow-Allen ist ja ein öffentlichkeitswirksam ausgetragener aktueller Rechtsstreit. Dass Kaufman in „Ameisig“ die Selbstdekonstruktion eines Mannes schildert, muss mir natürlich gefallen, schließlich war das zwei Romane und einige Kurzgeschichten lang auch mein Thema. Dadurch ist mir die mitunter schwer erträgliche Gefühlswelt eines Menschen, der letztlich zu verkorkst ist, um gut zu sein, sehr geläufig. Vielleicht kommt genau deswegen auch kaum Wut bei mir auf, weil ich diese ganzen geistigen Grenzübertritte lese und denke: ja, normal, ne? Das ist vermutlich auch das wirklich Erschreckende, dass ich diesen überspitzt-absurd gezeichneten Rosenberg so unglaublich nachvollziehbar bis plausibel finde. Speziell Berlin mit seinen vielen Kreativengettos ist knallevoll mit derlei Rosenberg-Freaks.

Nikoletta:  … bitte sag mir nicht, dass man ein Freak sein muss, um kreativ zu sein!

David: Hm.Man muss ein Freak sein, um sich mit voller Inbrunst wenig aussichtsreichen Unterfangen zu widmen, die die Welt genau genommen gar nicht braucht. Freak ist für mich aber auch kein Schimpfwort, es ist eine wunderbare Lebensform, die zuvorderst, das glaube ich wirklich, von weißen privilegierten Mittelschichtsbubis gewählt wird. Freak wird man nur, wenn man kaum Aufstiegschancen hat, aber gerne ein wenig mit dem eigenen sozialen Abstieg kokettiert. Hat auch seinen berechtigten Grund, warum man das Wort weiterhin nicht gendert.

Nikoletta: Wenn nicht aus Unsicherheit heraus, woher kommt dann Rosenbergs übertriebene Sensibilität im Umgang mit Rassismus? Ich meine, wenn jemand sich in einem Milieu wie er auskennt, dann bewegt man sich in diesem ganz selbstverständlich, oder nicht? Nimm nur seine Gereiztheit als Beispiel, wenn er seines Namens wegen für einen Juden gehalten wird.

David: Gute Frage. Mein Tipp: Er wurde zu oft Opfer wiederkehrender Vorwürfe unkonkret-blödsinniger Art. Wir kennen mittlerweile die Lebensrealität von Migranten, die sich abmühen, gute deutsche Staatsbürger sein, es auch sind – kaum sitzt der biodeutschen Mehrheitsgesellschaft aber irgendwas quer, wuuumms, fällt jedem plötzlich auf, dass da ja ein Koran im Regal steht und dass jemand, der seinen Sohn Mustafa nennt, so integriert ja nicht sein kann. Als Mann kannst du ähnliche Erfahrungen im Feminismus machen. Du kannst dich abmühen wie du willst, dich dreifach feministisch verhalten, am Ende wirst du, wenn es hart auf hart kommt, von Feministen auf dein Mannsein reduziert. Diese übersteigerte Sensibilität ist die logische Folge. Wenn dir bei jeder Gesprächsrunde irgendwann das Totschlagargument entgegengesetzt wird, dass einer wie du das eben nicht verstehen und auch nicht wirklich mitreden kann, tja, dann läufst du irgendwann durch die Gegend wie ein geprügelter Hund, der zwar nicht weiß, aus welcher Richtung der nächste Tritt kommt, aber weiß, dass er kommt. Rosenberg kennt halt seine Pappenheimer. Manche Männer werden dann bücklingshaft und neigen zu dieser rosenbergschen Form von „vorauseilender Rechtfertigung“, andere missraten zu Wutbürgern. Weder das eine, noch das andere zu werden braucht übermenschlich viel Gelassenheit und eine gute Portion meditatives Ohmmmm.  

Nikoletta: Die Lebensrealität von Migranten mit der von weißen Männern gegenüber Frauen würde ich ungern vergleichen. Sich in einer Gesellschaft zu integrieren, ist unendlich schwerer, wenn man nicht hier geboren und sozialisiert worden ist und vielleicht noch eine Religion ausübt, die in der Minderheit ist. Natürlich wird ein Mann nie nachempfinden können, wie es ist, ein Kind zu gebären, ich werde als junge Frau nicht nachempfinden können, wie es ist, alt zu sein, oder wie es ist eine Afroamerikanerin zu sein, oder ein Mann. Ich kann aber zuhören, mein eigenes Verhalten reflektieren und Respekt zeigen. Ich glaube, das ist alles, was von mir erwartet wird.   

David: Die Lebensrealitäten als solche sind in der Tat kaum vergleichbar, aber ich denke gewisse psychologische Schräglagen durchaus. Du kannst die Migranten auch durch wen anderes ersetzen, die Auswahl ist riesig. Das Gefühl, sich dreifach anstrengen zu müssen, um in einem Club dabei sein zu dürfen, derweil andere sich sogar Fehltritte erlauben können und dennoch nie hinterfragt werden, kennt wohl jeder.

Nikoletta: Stimmt schon, gerade wenn man dann auch noch einen Stempel auf der Stirn trägt und auf den ersten Blick als anders und fremd eingestuft wird. Dann schlagen einem gleich die Stereotypen entgegen, wie dem Rosenberg, der wegen seines Namens und seiner Nase auch noch für einen Juden gehalten wird.

David: Ich selbst kenne sogar dieses für andere womöglich seltsam anmutende Detail aus dem Roman, wie Rosenberg werde auch ich sehr oft wie selbstverständlich für einen Juden gehalten. Als ich in Israel lebte, da war das besonders heftig. Dass ich für viele, die mich nicht kennen, offenbar als Jude durchgehe, liegt an der Kombination aus Vornamen und Nachnamen plus Erscheinungsbild plus Studienrichtung. Mir ist das auch schon passiert, dass ich mit leicht genervter Stimmlage einem Gegenüber zu verstehen gab, dass ich kein Jude bin (verdammt nochmal!) und man doch bitte aufhören soll das immer als gesichert anzunehmen (Herrgottszeiten!). Und da ist man genau an diesem latent wahnsinnigen Punkt, an dem Rosenberg ist: Ich meine, ich habe Hebraicum gemacht, moderne israelische Literatur studiert, monatelang mit KZ-Überlebenden gearbeitet. Mehr geht nicht. Hat nun dieser eine entnervte Aufschrei – „ich bin kein Jude!!“ – mich als heimlichen Antisemiten demaskiert? Irgendwann hältst du diesen aktuell so munter betriebenen Logiknonsens im Kopf nicht mehr aus und brauchst Konzepte, um da gegenzusteuern. Weil sonst wirklich nur Amok die Folge sein kann.

Aber wo wir beide mittlerweile die 500 Seitenmarke geknackt haben …es gibt da einen langen Teil, da stellt er sich vor ein Präsident namens „Trunk“ zu sein. Klar, wen er hier durch den Kakao zieht. Wobei – tut er das? Hast du eine Idee, warum er diesen längeren, auch wieder bewusst ungelenk eingepfropften Mentalausritt wagt?

Nikoletta: Na klar, er konnte gar nicht anders! Wie könnte ein Autor mit dem Anspruch, den großen amerikanischen Gesellschaftsroman der Zeit zu erschaffen, diese Episode amerikanischer Entgleisung unerwähnt zu lassen? In seiner Skurrilität und als Beispiel für Rosenbergs Kampf, sich von eben dieser Art altem weißem Macho abzugrenzen, passt die Figur „Trunk“ ja so perfekt in den Roman, als hätte ihn Kaufman sich ausgedacht. Ich fürchte nur, nicht viel ist fiktiv an ihr. Die animierte Disney-Trump-Puppe gibt es tatsächlich und ebenso Gerüchte um Trumps „kindische Freude“ an ihr. Ob und was genau der Präsident mit ihr angestellt hat, werden wir nie erfahren, dürfen es uns aber lebhaft vorstellen. Das fand ich köstlich. Konstruiert wirkt dieser Teil dennoch, als hätte sich Kaufman im Nachhinein entschieden, die Episode einzubauen. Wenn, wie du sagst, dieses Ungelenke bewusst gewählt ist, welche Funktion hat sie?

David: Ich fürchte, es gibt keine Funktion. Was, so ab Seite 300 etwa, auf alles in diesem Roman zutrifft. Ja, der Beginn war furios, lustig, befreiend, in gewisser Hinsicht auch hervorragend radikal. Leider bleibt Kaufman aber zunehmend die Auskunft schuldig, warum der Roman weiter und immer weitergeht. Die Pointen zünden immer seltener – schon weil das Absurde, wird es inflationär genutzt, seine Strahlkraft verliert – und zunehmend geht sogar mir dieses ganze maskuline Geschwafel rund um die eigene Genialität und die zwar weiterhin korrekte, dennoch überspitzte Entlarvung von Gendernonsens, mit Verlaub, richtig auf die Eier. Kaufman ist ja Drehbuchautor im Hauptjob und ich hörte mal, dass Regisseure und Dramaturgen unglaublich viele Szenen in der Schublade haben, die nie Verwendung fanden, im finalen Skriptentwurf der Schere zum Opfer fielen etc. Mir erscheint der Roman zunehmend wie ein Paradebeispiel für Resteverwertung. Vermutlich hat Kaufman mal an einer Satireserie über Trump gearbeitet, erreichte dann aber nie Produktionsreife. Müssen wir jetzt ausbaden.

Nikoletta: Die letzten zweihundert Seiten haben mich auch echt ermüdet. Ich hatte das Gefühl, der Höhepunkt (oder Tiefpunkt) sei überschritten, aber der große Knall war ausgeblieben. Wir segeln weiter auf etwas zu, von dem ich nicht weiß, was es ist. Selbst das Schreckgespenst Tsai ist nun gezähmt und domestiziert, Rosenberg einsam, mit ihm geschieht, außer in seinen Träumen, nicht viel. Vielleicht hat sich bei mir auch ein Gewöhnungseffekt eingestellt, Kaufman schockiert selbst mich nicht mehr so leicht, aber amüsiert eben auch nicht so sehr. Oder ist es die Stimmung? In Rosenbergs Traum-Episoden über den Film kristallisiert sich inzwischen eine Geschichte heraus – die Idee, das im Roman so zu machen, ist toll –  aber ich fand die Episoden über das Komiker-Duo Mudd & Molloy bisher eher uninteressant, ich verstehe noch nicht den Zusammenhang zum Ganzen. Wie ist es dir damit ergangen?

David:  Schlecht. Ich habe das selten erlebt, dass ein Roman, der so aufregend polarisierend in die Spur kam, mich ab Seite 550 etwa nur noch anödet. Ich rolle mittlerweile nur noch genervt mit den Augen. Das einzige Positive, das ich dem Buch mittlerweile noch abgewinnen kann, ist, dass Kaufman – vermutlich unbewusst – etwas andere,s sehr Maskulines entlarvt. Wir Kerle halten uns ja tatsächlich für relativ witzig, unser Fundus an blöden Pointen ist unbegrenzt. Geht sogar mir als eher ernstem Autoren so, die meisten Leute denken ja meinen Misanthropenroman „Schwarzer Frost“ hätte ich in einem Zustand depressiver Umnachtung geschrieben. Stimmt nicht, ich habe mich totgelacht beim Schreiben. Geht mir bis heute so, manchmal ziehe ich das Ding aus dem Regal, schlage irgendwo auf, lese einen Absatz und giggel mir einen. Nun ist an Humor – auch an dem, der nur für einen selbst ersichtlich ist – ja nichts auszusetzen. Gerade in der öffentlichen Diskussion ist das aber natürlich sehr problematisch, die Grünen mit ihrem Herrn Palmer wissen da gerade ein Lied von zu singen. Umso heftiger man dem Drang erliegt, regelmäßig oder permanent die eigene Witzigkeit hervorkehren zu müssen, desto deutlicher fällt man auf die Schnauze damit. Ich habe was das angeht eine verdammt lange Lunte, aber ab Seite 500 etwa entdecke sogar ich eine mir bisher unbekannte Sehnsucht in mir: Kann der Kaufman mal bitte das Blödeln einstellen und sich seinen Themen und seiner ja durchaus berechtigten Meinung mit etwas mehr Ernsthaftigkeit widmen? Nun, aktueller Eindruck: Er kann es nicht.

– ca. 70 weitere Seiten später –

Nikoletta: David, ich habe ein unmoralisches aber höchst verlockendes Angebot für dich. 

David: Ich höre zu, Nikoletta. 

Nikoletta: Es könnte uns unsere Glaubwürdigkeit kosten. 

David: Na super, bis gerade eben wusste ich nicht einmal, dass ich eine solche überhaupt besitze. Und kaum weiß ich es, willst du sie mir schon wieder nehmen? Hm. Ich bin selbstzerstörerisch genug veranlagt, um freudig dabei zu sein…

Nikoletta: Eigentlich hat das Buch auf Seite 572 bereits geendet, zumindest hatte ich stark das Gefühl, Kaufman wollte den Roman hier beenden. Es war auch wirklich ein gutes Ende. Nachdem Rosenberg sich immer weiter selbst zerlegt hatte, inzwischen regelmäßig in offene Kanalschächte fiel und Fäkalien besudelt mit seiner Tochter Hasstiraden über ihre Blogs austauschte, seinen Job verlor, sich von seinem messerfuchtelnden Mitbewohner aus der eigenen Wohnung hat vertreiben lassen, und schließlich in der Sockenschublade seines Hypnotiseurs vor sich hindämmerte, da hatten wir tatsächlichen den erwarteten Tiefpunkt erreicht. Rosenberg gerät in eine Art seligen Transzustand, in dem ihm seine bisherigen Prüfungen und Beschwernisse unwichtig erscheinen. Endlich ist er glücklich. Wie ich finde, ein großartiges Ende. 

David: Klingt nicht schlecht. 

Nikoletta: Nur, es gibt ein Problem.

David: Und das wäre?

Nikoletta: Das Buch hat noch immer 287 Seiten. Schuld ist eine Taube, die Rosenberg (oder war es Kaufman?) auf den Kopf kackt, ihn aus dem seligen Zustand reißt und alles dreht sich weiter… Ich ertrage das nicht mehr! 

David: Und was ist dein Angebot? 

Nikoletta: Du liest weiter bis S. 717, ich von 718 bis Ende oder umgekehrt (das ist wirklich fair aufgeteilt!) und anschließend erzählen wir uns, was wir verpasst oder nicht verpasst haben. Wir verraten es niemandem!

David: Du meinst, wir sollen ein Buch besprechen, das wir gar nicht vollständig gelesen haben? Das wäre in der Tat unmoralisch, aber eine BOMBENIDEE! Die verlorene Glaubwürdigkeit ließe sich ja eventuell dadurch wiederherstellen, dass wir es offen zugeben, dass wir so vorgehen. Dann wäre es nicht Glaubwürdigkeitssuizid, sondern nur, ehm, Disziplinlosigkeit. Ich mag auch nicht mehr, herrjemineh, es hätte echt einfach aufhören können und müssen nach knapp 600 Seiten. Wenn ich alleine Bücher bespreche, haue ich da ja immer so eine etwas müßige 1-5 Sternewertung dazu. „Ameisig“ wäre, rechtzeitig beendet, für mich noch ein schwacher Vierer gewesen, aber dadurch, dass sich das noch so zieht mit allerlei unnötigen Verrenkungen aus der Resteverwertungsschublade, das alles irgendwann auch nicht mehr lustig ist …so wird es denn wohl sogar nur ein Zweier in meiner Welt.

– Am Ende der Lektüre, auch der Lust, der Laune –

David: Tja, Nikoletta. Nun bin ich mit meinem Teil durch und darf dir sagen: In Blödelland nichts Neues mehr. Kaufman hangelt sich von Therapiesitzung zu Jobsuche zu Traumsequenz, erlebt Komikerduos beim Scheitern, scheitert selbst, haut uns weitere Absurditäten um die Ohren, die allesamt nicht mehr so schimmern wollen wie noch zu Beginn und, tja, nichts. Und bei dir?

Neulich, bei Instagram

Nikoletta:  Du glaubst es nicht, es geht noch skurriler weiter, Trunk taucht wieder auf, mit seinen Trunk-Robotern setzt er die Welt in Brand, Krieg, Auslöschung total. Die Generation der Rosenberge mit einer Armee ihrer tausend Klone ruft die Revolution aus. Sie stehen für Inklusion, Diversität, sexuelle Auflehnung – schlicht für die totale Gleichschaltung frei nach dem Motto: Wer nicht mit uns ist, ist gegen uns. Die große Säuberung beginnt. Ihr Anführer ist der kleinste und reinste Rosenberg unter ihnen. Die Welt spielt sich in einer Höhle-Hölle ab. Unser B. Rosenberg wandelt als Kriegschronist durch die Höhle, stirbt tausend Tode und reinkarniert stets als die nächste Version seiner selbst, findet seinen Film unversehrt wieder, stellt fest, Kunst existiere nicht ohne ihre Rezeption, alles liege im Auge des Betrachters. Trommelfeuer, der Raum voller Trunks, Rosenberge, Rauch und schlechter, unsinniger Ideen, wir befinden uns eine Million Jahre in der Zukunft … Jesus erscheint! Hier stoppe ich mal, obwohl zum Spoilern findet sich auch auf den verbleibenden fünfzig Seiten wenig, das abstruse Inferno verzehrt alles, auch Raum und Zeit, alles dreht sich ewig weiter. Ich bin erschöpft und froh, dass es vorbei ist. Willst du zusammenfassen? 

David: Okay, komme ich zu meinem Abschlussfazit – „Ameisig“ ist kein großer Wurf, es ist bestenfalls ein mitunter radikaler Roman, der – ob nun bezweckt oder nicht – mit zunehmender Dauer seine eigenen Waffen schrottet. Kaufman erhängt sich literarisch gewissermaßen schlussendlich selbst und mir fehlt der Glaube daran, dass das hier Teil einer Botschaft ist. Ich bleibe bei meiner Resteverwertungstheorie und bleibe auch dabei, dass Kaufman zwar gut darin ist, die grenzdebile Befindlichkeitswelt eines modernen Mannes Marke „woke“ darzustellen, auch den Blödsinn, den eine „woke“-Gesellschaft zwangsläufig verzapft – dass ihm, Kaufman, aber eben schnell der Sprit ausgeht. Ich würde sogar sagen: Woke-Gesellschaft 1, Kaufman 0. Himmel, es tut weh das zuzugeben.

Nikoletta: Dem kann ich nichts hinzufügen. Wir sind uns wohlig einig. Seit ca. 300 Seiten berührt mich hier nichts mehr. Der Roman ist komplett in das Fantasy-Genre abgedriftet. Was ich wirklich schade finde, denn im ersten Drittel schaffte es Kaufman, mich auf geniale Weise aus der Reserve zu locken. Ich behaupte aber, mit einem strengen Lektor hätte es der große Wurf werden können.

Trotzdem, es war mit dir ein Heidenspaß! Ich würde sagen, auf zum nächsten Experiment!

3 Kommentare zu “Toxischer weißer Mann, was nun? Das kontroverse Gendergespräch. Frau Kiss und Herr Wonschewski reden über: Charlie Kaufman – „Ameisig“ (2021)

  1. Xeniana
    23. Mai 2021

    Die Idee des Mailaustausches finde ich Klasse. Interessant wie deutlich hier noch einmal wird, das jeder Leser letztlich immer Leser seiner selbst ist .

    Gefällt 1 Person

  2. davidwonschewski
    19. Mai 2021

    Hallo, Bookster,

    Danke für den Kommentar und den positiven Inhalt genau desselbigen!;-) Ja, in Sachen Einfallsreichtum und eben „kreativer Freiheit“ ist das fraglos enorm, was der Mann abliefert. Entfesseltes Schreiben im wahrsten Sinne des Wortes.
    Viele Grüße nach Rostock!

    Gefällt 1 Person

  3. Bookster HRO
    19. Mai 2021

    Schönes Pink-Pong! Ich finde AMEISIG grandios und habe die Lektüre bis zum Schluss sehr genossen. Gegen Ende wird es wirklich sehr kryptisch, das ist bei seinen letzten Filmen auch immer so gewesen. Das stört mich aber nicht so sehr, ich muss nicht immer alles entschlüsseln und verstehen, ich erfreue mich lieber an den Bildern und dem Einfallsreichtum dieses Mannes. Für mich jetzt schon einer der Romane des Jahres.
    Beste Grüße aus Rostock

    Gefällt 2 Personen

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