David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – bipolarer Bedenkenträger

Lagerkoller auf doppelbödigem Doppelboden. Soeben ausgelesen: Philip K. Dick – „Irrgarten des Todes“ (1970)

von David Wonschewski

Vorabfazit: 4 von 5 Sternen

Man mag es mir kaum zutrauen, aber ich gehöre noch der Männergeneration an, die auf die schnittige Frage „Ham se jedient?!“ Mit einem zackigen „Jawohl!“ antworten können. Okay, waren schon nur noch zehn Monate und es wurde mehr geputzt, gefegt und poliert als denn gebiwakt, geschossen oder strammgestanden, aber das ist ja in der Rückschau egal. Meine Generation musste jedenfalls noch so richtig was leisten für die Gemeinschaft. Und bevor nun das komplett berechtige Gelächter allerorten einsetzt – die Zeit war wirklich unglaublich für die Katz‘ – will ich darauf verweisen, dass ich zwei mich sehr positiv prägende Negativerlebnisse aus meiner Bundeswehrzeit mitnehmen durfte, die psychologisch betrachtet vielleicht sogar ein wenig zusammenhängen. Denn ich leistete meinen Wehrdienst 1997 ab, mancher erinnert sich gewiss noch an das üble Oder-Hochwasser seinerzeit. Ja, genau, ich war auch die Generation Sandsackschlepper, eingesetzt mit vielen Tausend Kameraden von Papa Staat, um Brandenburg vorm realen Absaufen zu bewahren. Das klingt gewiss pathetisch, aber diese Aufgabe war derart ätzend, die klimatischen Verhältnisse so zermürbend, die Attacken der Stechmückenschwärme so unfassbar nervenzerfetzend, dass sich die Plackerei erst nur sinnvoll, dann aber schnell, tja, heroisch anfühlte. Als einem bei der dümmlichen Sandsackschichterei dann auch noch auffiel, dass hinter einem in der Kette einer aus Bayern steht und vor einem in der Kette einer aus Sachsen, tja, da wurde es auch ein wenig gefühslduselig, symbolträchtig überladen. So viel unbändigen Vaterlandsstolz wie in jenen Hochwasserwochen habe ich nie wieder spüren dürfen, können, vielleicht auch wollen.

Ich vermute mittlerweile, dass dieses Wissen um etwas abstrakt Höheres es auch war, das den ganzen Laden zusammenhielt. Denn damals, 1997, hielt ich es noch für eine Selbstverständlichkeit, dass ein Haufen junger Männer, allesamt Abiturienten, es hinbekommt, sich über einige Wochen hinweg auf engstem Raum und unter mitunter unwürdigen Bedingungen zusammenpferchen zu lassen und dabei dennoch zivilisiert und respektvoll miteinander umzugehen. Dass dem keinesfalls so ist, merkte ich kurz vor Ende meiner Dienstzeit bei einem Manöver, dass sich über viele Tage erstreckte. Der höhere Sinn fehlte hier, alle wollten nur noch weg, raus, endlich ins echte Leben starten, nicht länger wie Hanswurst oder Karlarsch in der Pampa hocken, sich anbrüllen lassen, auf Goldland oder Blauland zielen, im Ernstfall einfach nur qua Geschlecht zum nationalen Kanonenfutter degradiert (heute nennt man das diskriminiert) zu werden. Ich erspare mir die Details, aber das Militär weiß schon, warum es vollkommen zurecht auf Disziplin und Drill setzt. Denn ohne diese halbwegs harte Hand, ich bin mir sicher, wir hätten uns schnell gegenseitig erwürgt, es hätte ein Hauen und Stechen gegeben. Die Aggressionen unter uns nahmen täglich zu, ich selbst erlebte, wie ich die Fresse des einen, den Tonfall des anderen einfach nicht mehr ertrug, selber immer öfter laut und ausfallend wurde. Doch erst Jahre später hörte ich das erste Mal den Begriff „Lagerkoller“ und verstand, dass ich in meinen zehn Monaten immerhin das Privileg hatte, die ganze faszinierend widerliche Bandbreite dieses Wortes mit voller Wucht am eigenen Leibe zu erfahren.

Dieser phänomenale Widerspruch, dass der Mensch für sich zwar ein soziales Wesen ist, zugleich jedoch unfähig, das gedeihliche Zusammenleben in einer Gruppe zu gewährleisten, so er keinen gemeinschaftlich anerkannten höheren Sinn findet. Dieser höhere Sinn kann eine gemeinsame Religion, auch wirtschaftliche Beziehungen und Geld sein. Es geht aber natürlich auch diverse Nummern kleiner, zwischenmenschlicher: Lebe mal mit wem zusammen, wenn weder abstraktes Vertrauen oder noch abstraktere Liebe im Spiel sind. Büro- und Wohngemeinschaften wissen da ein Lied von zu singen Unterformen von „Lagerkoller“ fast schon der Standard.

Dementsprechend war ich vor einigen Wochen auch nur kurz verblüfft, als ich in einer Dokumentation erfuhr, dass die meisten Astronauten-Kandidaten, die den heftigen körperlichen Test bestehen, dafür beim hübschen Mentaltest komplett versagen. In dem es letztlich auch darum geht sicherzustellen, dass die Leute „da oben“ nicht irre werden an sich, den anderen, der unermesslichen Weites des Alls. Und sich gegenseitig aufessen. Womit wir bei Philip K. Dick und seinem „Irrgarten des Todes“ wären. Einem Titel, der zwar ziemlich genau aus dem Original übertragen wurde („A Maze Of Death“) und doch eindrucksvoll die Schwäche der deutschen Sprache aufzeigt, die das vielschichtig-philosophische Buch sogleich unter Kitschverdacht stellt. Ein Verdacht, der – wie immer bei Dick – natürlich keine zwei Seiten Bestand hat.

Im „Irrgarten des Todes“ – wir befinden uns diesmal einige hundert Jahre weit in der Zukunft – werden vierzehn Personen von unterschiedlichen Welten aus gleichzeitig auf den Planeten Delmak-O geschickt. Alle haben sich freiwillig zur Besiedlung dieser fremden, scheinbar noch unbewohnten Welt gemeldet und jeder Siedler ist seines alten Lebens und seiner vorherigen Routineaufgaben überdrüssig geworden. Doch kaum auf dem fremden Planeten angekommen, stellen die vermeintlichen Siedler fest, dass sie hier festsitzen, keiner ein rückflugtaugliches Raumfahrzeug mitgebracht hat. Eine erste Ratlosigkeit macht sich breit, gleich gefolgt von einer zweiten als auch die aufgezeichneten Anweisungen der vorgesetzten Behörde durch ein scheinbares Versehen gelöscht werden. Und während die neuen Siedler eine beunruhigende Entdeckung nach der anderen machen (so existieren auf Delmak-O winzige Maschinen, die scheinbar jeden Schritt der neuen Siedler überwachen, und ein großes Gebäude scheint unter einer Art Tarnschirm verborgen zu sein), wird der erste Mord an einem der Siedler begangen, dem noch andere folgen.

Wer ist der Mörder? Gibt es vielleicht mehrere Täter? Warum hat man die erwählten Personen überhaupt zeitgleich an diesen mysteriösen Ort geschickt? Handelt es sich bei den Siedlern gar um Geisteskranke, die einem monströsen Experiment unterzogen werden sollen? Oder ist dies eine neue Art einer Heiltherapie?

Auch wenn ich „Irrgarten des Todes“ in Summe für ein für Dick’sche Verhältnisse vernachlässigbares Buch halte – was einzig daran liegt, dass er mit anderen Werken noch viel dickere Geistes- und Schallmauern eingerissen hat – so ist der Roman als gleichermaßen spannende Krimigeschichte, soziale Verhaltensstudie und philosophischer Empirismustrigger enorm zu empfehlen. Wie verzweifelt Dick seine Mannschaft hier nach einem höheren Sinn ihres Aufenthalts suchen und wie sehr er sie daran scheitern lässt, wie fein er die Trennlinie zwischen einer als Team funktionierenden Gruppe und einem Haufen auf Krawall gebürsteter und uneinsichtiger Egomanen zieht, das ist faszinierend, lehrreich, beeindruckend. Die für Dick üblichen, gewiss wieder einmal im LSD-Rausch ersonnenen technischen Frickeleien und extraterrestrischen Organismen gibt es natürlich noch obendrauf.

Dass ich dem Roman um ein Haar doch 5 Sterne gegeben hätte liegt an Dicks unheimlichen Talent,, seinem Plot hintenraus gleich mehrmals komplett den Boden unter den Füßen wegzuziehen. Immer dann, wenn der Leser glaubt, zusammen mit Dicks Protagonisten nun endlich verstanden zu haben, worum es geht, lässt der Meister einen weiteren Vorhang fallen, ordnet alles noch einmal um, neu ein.

Welch‘ doppelbödiger Doppelboden.

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