David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – bipolarer Bedenkenträger

Cool wie Bogart. Soeben ausgelesen: Raymond Chandler – „Der lange Abschied“ (1953)

von David Wonschewski

Vorabfazit: 5 von 5 Sternen

Der ganze Missstand der aktuellen Krimi- und Thrillerszene lässt sich an einem einzigen Satz, genau genommen einer einzigen neuerdings immer und immer wiederkehrenden Frage ablesen: „Haben Sie eigentlich Kinder?“. Wird immer der Kommissar oder die Kommissarin gefragt, von einer Zeugin, einem Opfer, einer Beteiligten, vielleicht auch einem Tatverdächtigen. Und der Ermittelnde macht dann immer was? Schaut verdammt blöd aus der Wäsche, weswegen „bei privaten Rückfragen möglichst konsterniert gucken können“ auch Einstellungskriterium für Tatort-Kommissare ist.

Warum ist das so? Ganz einfach: Fiktive ermittelnde Staatsbeamte müssen selbst möglichst heftig einen an der Klatsche haben, komplett ziviluntauglich sein. Isolierte, seelengeschrottete Mentalmongos. Natürlich haben die keine Kinder, wie denn auch, von wem denn auch, wären ja menschliche Bindungen für notwendig, zumindest so ab und an mal, rudimentär. Mir selbst geht das wahnsinnig auf die Nerven. Vielleicht habe ich genau deswegen auch irgendwann Abstand von dem Genre genommen, weil das alles so blöd überzeichnet ist. Weil kein Ermittlerduo mehr ohne internen Zwist auskommt, weil immer der dritte Teil des Teams, zumeist ein Staatsanwalt oder so, der dauergenervte Oberstresser ist. Die Verbrecher wirken im Vergleich dazu eigentlich immer ganz gesund, nicht selten sympathisch.

Keine Ahnung, wann das losging. Vielleicht Anfang der 90er-jahre als Drehbuchautoren merkten, dass es langweilig wurde, immer nur neugierige Journalisten als menschliche Vollspackos zu zeichnen, immer schmierig, immer mit Hang zur Flasche. Wer sich Krimis von vor 30 Jahren anschaut, stößt dort permanent auf diesen widerlichen Reportertyp. Ist mittlerweile fast vollständig durch den nicht minder widerlichen Ermittlertyp ersetzt worden.

Gähn und so.

Ich kam ja auch nur drauf, weil ich nun endlich meinen ersten Chandler-Krimi las, zum ersten Mal dem Kultdetektiv Philip Marlowe begegnen durfte. Und ganz glänzende Leseaugen bekam. Sowie bestätigen darf: Doch, doch – früher war durchaus alles besser. Natürlich hat auch dieser Marlowe irgendein heftiges Emo-Problem. Er lässt es nur einfach nicht so raushängen, kein Stück. Ist cool wie Bogart. Lebt in einem nahezu leeren Haus, hockt den ganzen Tag in einem aussageschwachen Büro herum, wartet auf Kundschaft. Vertreibt sich die Zeit mit ein paar Zigaretten, maßvoll wenigen Drinks und Schachspielen gegen sich selbst. Ab und an kreuzt eine Mieze seinen Weg, dann fragt er, ob es sie nach mehr gelüstet und wenn nicht, na dann eben nicht. Ein Einzelgänger par excellence, bei dem nie ganz klar wird, ob ihm irgendwann einmal etwas Schlimmes widerfuhr im Leben oder aber ob er einfach nur zu einem frühen Zeitpunkt die richtigen existenzphilosophischen Schlüsse zog, wie zu einem zufriedenstellendem Leben zu kommen, das Glück auf kleiner Flamme zu genießen ist. Allein als Stilikone ist der Mann mit den trockenen Kommentaren und der leicht sarkastischen Weltsicht eines aber ganz gewiss: unschlagbar. Derart unschlagbar, dass es fast schon ein wenig egal, was es in „Der lange Abschied“ da zu ermitteln gibt. Das Buch gewinnt allein schon als Protagonistenporträt, der von Chandler gekonnt aufgesetzte Krimiplot gerät fast ein wenig zum Beiwerk. Wäre ich Frau, ich würde Schnappatmung kriegen bei einem Mannsbild wie Marlowe. Ich kriege ja als Mann schon eine solche.

„Ihnen wäre sowas sicher nie passiert, keine Frau hat je in Marlowe’s Drink gerührt, leih‘ mir deinen Mantel Marlowe, nur für eine Nacht“ sang Heinz Rudolf Kunze in den 80er-Jahren in seinem Hit „Finden Sie Mabel“, der auf eine kleine Nebenepisode in „Der lange Abschied“ zurückgeht. Besser kann maskuline Faszination für diesen Privatdetektiv schlichtweg nicht in Klang gegossen werden.

Der Plot des 400-Seiten-Romans ist schnell zusammengefasst: Ein Freund Marlowes, der Säufer und Lebemann Terry Lennox, soll einen grässlichen Mord verübt haben – den an seiner Gattin, einer verzogenen schwerreichen Millionärstochter mit Hang zu außerehelichen Vergnügungen. Lennox gesteht Marlowe den Mord, der aber zweifelt stark daran und verhilft ihm daher zur Flucht über die Grenze, nach Mexiko. Wenig später erreicht ihn die Nachricht, dass Lennox sich dort das Leben genommen hat, zuvor aber sein Schuldbekenntnis noch schriftlich festhielt. Marlowe stößt auf einige Ungereimtheiten und beschließt dem Fall nachzugehen, doch vonseiten des übelst wohlhabenden Schwiegervaters seines Freundes und von den Gesetzeswächtern kommen Drohungen. Stattdessen wird Marlowe mit einem neuen Fall beladen: Er soll den verschwundenen Schriftsteller Wade suchen. Plötzlich bilden sich Parallelen zwischen den beiden Fällen…

Der Roman, der zuerst „Summer in Idle Valley“ heißen sollte, entstand zwischen 1951 und 1953 und sollte die letzte große Prosaarbeit von Raymond Chandler darstellen. Es wurde nicht nur sein längster Roman, sondern nach eigener Ansicht auch sein entschieden bester. Das mag daran liegen, dass es hier, wie erwähnt, gar nicht so sehr um den Krimi geht, sondern um eine literarische Betrachtung sozialer, psychologischer und politischer Aspekte. Chandler seziert allem voran den Begriff der Freundschaft, genau darüber aber auch die US-Gesellschaft, Geld und Macht, Ehre und Moral. Besonderes Augenmerk legt er zusätzlich auf die Literaturszene. Da ist der Verlagsmitarbeiter Spencer, der Manuskripte, ohne sie gelesen zu haben, ablehnt, wenn sie persönlich und nicht von einem New Yorker Agenten übergeben werden. Aber auch der Schriftsteller Wade, der „Quatsch“ schreibt, weil er damit viel Geld verdient, entgeht nicht der Kritik. Und natürlich sind die von ihm verhassten Reichen Zielscheibe seiner Kritik. Harlan Potter, der Schwiegervater seines Kumpels und ein allmächtiger Zeitungstycoon, hat gar nichts mehr nötig, nicht mal mehr Bestechung. Der Lennox-Fall, ein saftiger Skandal, in den seine ermordete Tochter involviert ist, stirbt nach kurzer Erwähnung in der Presse. Die einzige Zeitung, die das Geständnis des wahren Täters druckt, ist unabhängig.

„Der lange Abschied“ ist ein sentimentaler Stoff aus der Nachkriegs-Boom-Zeit in Los Angeles mit scharfen Einsichten in die Leere, Sehnsucht, Brutalität dieser Gesellschaft der Schönen und Reichen, ein Buch, das seine Welt in sarkastischen Sprachbildern festhält, man möchte gar sagen eine filmisch-realistische Prosa von großer Prägnanz. Mit – und das macht einen großen literarischen Wurf aus – Sätzen, die man sich am liebsten einrahmen und an die Wand hängen möchte. So erklärt beispielsweise der den Los Angeles-Strip beherrschende Gangster Menendez sein Überlebenskonzept: „Ich bin ein großer böser Mann. Ich verdiene haufenweise Geld. Ich muss haufenweise Geld verdienen, um die Kerle zu schmieren, die ich schmieren muss, um haufenweise Geld zu verdienen, um die Kerle zu schmieren, die ich schmieren muss.“ Dialoge wie Chandler kann sonst nur Hemingway schreiben. Und dass Marlowes Lieblingsgetränk Gimlet heißt und wie man ihn mixt, steht auch im „Langen Abschied“.

Vielleicht ist auch das der große Unterschied zu heutigen Ermittlern. Aktuell saufen die einfach nur. Früher hatten die alle einen stilsicheren Lieblingsdrink. an Fleming lässt grüßen.

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Ein Kommentar zu “Cool wie Bogart. Soeben ausgelesen: Raymond Chandler – „Der lange Abschied“ (1953)

  1. Maccabros
    2. Juni 2021

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