David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – bipolarer Bedenkenträger

Schundroman mit Hintergründen. Soeben ausgelesen: Friedrich Glauser – „Der Tee der drei alten Damen“ (1934)

von David Wonschewski

Vorabfazit: 3 von 5 Sternen

Lange nicht mehr so intensiv inspiriert worden wie von Jörg Fauser. Und dem jüngst im Diogenes-Verlag erschienen, nun, Textband „Der Klub, in dem wir alle spielen“ (Rezension: HIER). Ich bin ja nicht so der Krimi- und Thrillerfreund. Der Schriftsteller und Journalist Fauser schafft es aber mit seinem an Freak grenzendem Enthusiasmus und seiner Vorliebe für kaputte und gestrandete Protagonisten, für Handlungen, in denen die Täter, Opfer und Ermittler moralisch mitunter kaum voneinander zu unterscheiden sind, mich frisch zu entflammen. Zumindest für einige vermeintliche Klassiker des Genres. Friedrich Glauser zum Beispiel, auf den ich ohne Fausers Textband nie gekommen wäre. Dabei ist doch schon die Vita des gebürtigen Wieners, der sich noch „Österreich-Ungar“ nennen durfte, literaturverdächtig. Denn als Friedrich Glauser (1896–1938) seinen „Tee der drei alten Damen“ schrieb, war er – ähnlich wie das von ihm favorisierte Kriminalgenre, das im deutschsprachigen Raum noch als Schund galt – ganz unten. Aber so richtig. Morphiumsüchtig und aufgrund diverser psychotischer Schräglagen zeitweilig sogar entmündigt, schlug er sich mit Aushilfsjobs durch, fasste nirgends richtig Fuß, fand nirgends richtig Heimat. Nachdem er ein erstes Buch über seine Zeit in der Fremdenlegion bereits mächtig in den Sand gesetzt hatte – niemand wollte es drucken – schienen die guten Verkaufszahlen zuvorderst ausländischer Kriminalromane ihn dann aber zu ermutigen, sich selbst einmal an einem solchen Stoff zu versuchen. Und so meldete er am 20. Oktober 1931 seinem Vormund Walter Schiller: «Augenblicklich arbeite ich an einem Kriminalroman, denn ich brauche Geld. Er gedeiht so ziemlich.» Der „Tee der drei alten Damen“ stellte für Glauser somit einen komplett neuen Lebensanlauf dar, für den es nur einen Beweggrund gab: sich mit Mitte dreißig endlich eine regelmäßige Finanzquelle zu erschließen. Man mag das doof finden, wenig romantisch. In seiner brachialen Offenheit hat es jedoch, wie ich finde, auch etwas Befreiendes, wenn Künstler zugeben, dass es natürlich auch ums Kohle machen geht, je mehr, desto besser. Den Schmonz von wegen „ich will die Herzen meiner Leser erreichen“ oder „ich möchte die Gesellschaft verändern“ glaubt doch eh keine Sau. Geld und Frauen sind der Hauptantrieb männlicher Künstler, Geld und Eigenständigkeit Hauptantrieb der weiblichen. Wer das, so wie Glauser, unumwunden zugibt, hat mich zumindest charakterlich schon auf seiner Seite. Leider schreibt Aufrichtigkeit nicht per se gute Romane, was zumindest bei dem „Tee“ bei aller Sympathie für den Menschen Glauser – die späteren Romane stehen bereits in meinem Regal, werden bald gelesen – mitunter leider sehr deutlich wird.

Dass Glauser für den Roman auf Genf als Handlungsort kam lag nahe, er lebte einige Jahre hier, besser gesagt in den Heilanstalten und Irrenhäusern dieser Stadt. Und auch wenn man sich das Leben eines Anstaltsinsassen als sehr separiert vorstellen darf, so war Glauser ein nichtsdestotrotz sehr aufnahmefähiger Mensch, kannte das Stadtgespräch, die Politik und die Kulturszene. Und so mischte er unter dem Eindruck des Völkerbundes, der nach dem Ersten Weltkrieg seinen Hauptsitz in Genf hatte, in diesem ersten deutschen Kriminalroman sein ganz eigenes Giftsüppchen aus Spionage, Parapsychologie, Geldgier, Okkultismus und Kräuterkunde. Wie bereits angedeutet: Freakig, freakig.

Und wild, oh so wild der Plot: In den Straßen von Genf wird der vergiftete Sekretär eines englischen Diplomaten aufgefunden. Schon bald stellt sich heraus: Der Mann hatte wichtige Staatspapiere bei sich, und diese sind nun natürlichverschwunden. Als der Vergiftete kurz darauf unter ominösen Umständen im Spital verstirbt, sind die in der Rhonestadt tätigen Agenten plötzlich hellwach. Amerikaner, Engländer, Russen, Inder – alle sind bestrebt, an Informationen zu gelangen. Und mittendrin die überforderte Genfer Polizei. Und wer hat hier nicht alles seine Finger im Spiel? Da ist zum einen der morphiumsüchtige Professor Dominicé, ein Fachmann für Gifte, der zufällig am Tatort war. Da ist zum anderen seine Haushälterin Madame Pochon, Medium und Zimmervermieterin, die bereits den zweiten ihrer Untermieter mit Wahnvorstellungen ins Spital einweisen lassen musste. Nicht zu vergessen die drei elitären Knaben, die elternlos in einer Stadtrandvilla leben. Die Lage spitzt sich zu, als ein weiteres Opfer einer Vergiftung erliegt: der Apotheker Eltester, ein Hersteller von Hexensalben …

Friedrich Glauser versuchte sich bei seinem Kriminaldebüt, das zwischen 1931 und 1934 unter anderem in der psychiatrischen Anstalt Münsingen entstand und erst nach seinem Tod veröffentlicht wurde, an einem wahrlich eigenwilligen Agentenkrimi. Es ist ein buntes Setting: Maharadschas, Kommunisten, Apotheker, Satanisten und ein Trüppchen von teetrinkenden alten Damen bevölkern die undurchsichtige, punktuell aber gerade dadurch besonders reizvolle Geschichte. Das Handlungsspektrum reicht dabei von spiritistischen Séancen und parapsychologischen Phänomenen bis zu einer Spionage-Affäre in Genfer Diplomatenkreisen. An der überfrachteten Handlung und der reichlich verworrenen Erzähldramaturgie gibt es einiges zu kritisieren, man kann es jedoch auch für das überbordende Kopfkino eines überbordenden Geistes nehmen, der das abgeschmackte Lebensmotto „der Weg ist das Ziel“ auch literarisch umzusetzen weiß. Mir selbst war jedenfalls schon ab Seite 80 etwa egal, wer in dem Wirrwarr nun wohl der Täter ist. Darauf hatte auch Fauser in seinem Text über Glauser schon hingewiesen, dass Glauser nicht unbedingt was für Krimifreunde ist, sondern mehr was für, nun, Soziologen, Psychologen, Historiker. Und tatsächlich: Mir scheint Glausers wahre Stärke lag nicht darin, einen in sich geschlossenen Plot zu ersinnen, sondern Stimmungen zu beschreiben, Atmosphäre entstehen zu lassen oder Schicksale treffend und mitfühlend zu schildern. Ja, Glauser lässt hier viel zu viele Figuren (beinahe 30 Personen) auftreten, überfrachtet die komplizierte Handlung mitunter derart, dass es auf Kosten der Spannung geht. Zu viele Themen werden angeschnitten, einiges erscheint unlogisch und unwahrscheinlich; manches bleibt unaufgeklärt, wunderliche „Zufälle“ führen zur Klärung von offenen Handlungssträngen und etliche Klischees lassen den „Tee der drei alten Damen“ wie einen Kolportageroman erscheinen. Glauser war sich dessen allerdings offenbar bewusst und nahm möglichen Kritikern den Wind vorweg aus den Segeln, indem er den vermeintlichen Journalisten O’Key gegen Ende des Romans den Staatsrat Martinet fragen lässt: „Aber Herr Staatsrat, ich bitte Sie, erklären Sie mir, wie Sie indische Petroleumquellen, amerikanische Missionare als Delegierte der Standard-Oil, Geheimagenten der Sowjets, Giftpflanzen, Hexenrezepte, indische Maharajas, an lebendem Material experimentierende Psychologen, verschwundene Psychiaterinnen, als irrsinnig eingelieferte harmlose Menschen, den Meister der goldenen Himmel mit dem Holzgesicht, gestohlene und wieder aufgetauchte Mappen und zum Schluss noch teetrinkende alte Damen unter einen Hut bringen wollen?“

Wie gesagt: ehrliche Haut, dieser Glauser.

Obwohl Glauser seine Geschichte gemäß diverser mit potenzieller Veröffentlichung lockenden Redaktionswünschen mehrfach umschrieb, wollte sie niemand drucken. Er verlor das Interesse an seinem misslungenen Erstlingswerk und begann kurz darauf mit dem ersten Studer-Roman „Schlumpf Erwin Mord“, mit dem ihm schließlich der Durchbruch gelingen und er zum ernst zu nehmenden Buchautor avancieren sollte. Nicht unerwähnt bleiben darf hier jedoch ein weiter großer Kritikpunkt, mit dem sich Glausers Literaturagentin Ella Picard bereits 1937 konfrontiert sah, damals, natürlich und leider, weniger im deutschsprachigen Raum, umso mehr dafür im Ausland: Antisemitismus und Rassismus. Tatsächlich tauchen im „Tee der drei alten Damen“ vereinzelt rassistische Beschreibungen auf, die einen Leser knappe 90 Jahre später aufheulen lassen. Glauser bediente sich, auch wenn dies in seinem Gesamtschaffen eine klare Minorität darstellt, in seinen Beschreibungen und Charakterisierungen gerne an damals gängigen Klischees und Stereotypen über Juden. Potenziell antisemitische Sätze tauchen im „Tee“ zum Beispiel wie folgt auf: „Reden Sie, Rosenstock! Vergessen sie Ihre Abstammung!“ oder „Sie Schwätzer! Man merkt, dass Sie von Talmudisten abstammen.“ Und bei der Beschreibung des Bösewichtes Baranoff schreibt Glauser gar: „Ein Mann mit Wulstlippen war dies, die Poren der Gesichtshaut waren auffallend gross, und dadurch wirkte die Haut irgendwie unsauber.“

Glauser war nachweislich kein Antisemit, sondern schrieb teilweise unreflektiert im Stil des damaligen Zeitgeistes der Weimarer Republik, in der eine antisemitische Haltung sehr verbreitet war. Demgegenüber, und auch das muss erwähnt werden, finden sich in seinen Texten viele Passagen gegen Antisemitismus und dem damit verbundenen Nationalsozialismus. Beim „Tee der drei alten Damen“ sollte zudem nicht ausgeblendet werden, dass die beiden Brüder von Wladimir, Isaak und Jakob, positiv beschrieben werden und dass Glauser im Kapitel fünf eine ganze Seite verwendet, um eine positiv humoristische Rabbiner-Anekdote einzuflechten.

Wie so oft geht die Wertung hier jedoch mit der Brille des Lesers einher. Wenn ich einen Roman aus einer gewissen Zeit und einer gewissen Gegend lese, dann möchte ich auch die Sprache dieser Zeit und dieser Gegend erleben. Und nicht die Sprache, die ich zig Jahre später gerne von den Leuten damals hören würde. Ein Lob also an Übersetzer, Lektoren und Verlage, die sich der Versuchung verweigern, einer vermeintlichen political correctness zuliebe in Originalmanuskripten herumzupfuschen.

Durchaus lesenswertes Buch, wenn auch nur bedingt aus kriminalistischer Sicht.

Weitere andere Rezensionen lesen? Zur Auswahl geht es: HIER.

Ein Kommentar zu “Schundroman mit Hintergründen. Soeben ausgelesen: Friedrich Glauser – „Der Tee der drei alten Damen“ (1934)

  1. PS 60+ alias Bipo
    21. Juni 2021

    Könnte ein Roman ganz nach meinem Geschmack sein. Danke für den Tipp.
    Aber ich frage mich: wie machst du das bloss, dass du in so kurzer Zeit so viele Rezensionen schreiben kannst? – Liest du 24/7? Ich komme nicht einmal mit dem Lesen nach, und du hast sogar noch Zeit, um die Rezensionen zu schreiben … Krass.

    Gefällt 1 Person

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