David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – bipolarer Bedenkenträger

Brutale Poesie. Soeben ausgelesen: Szczepan Twardoch – „Drach“ (2014)

von David Wonschewski

Vorabfazit: 5 von 5 Sternen

Doch, doch, natürlich kenne sogar ich diese angeblich so fiese Frage. Woher ich denn stamme. Also eigentlich eigentlich. Und wirklich wirklich. „Deutschland“ sage ich dann, was auch sonst, woraufhin nicht selten die Antwort folgt, dass das ja klaaar sei, man aber interessiert sei zu erfahren, von wo ich, also meine Familie, „ursprünglich wech kommt“. Denn irgendwo außerhalb Deutschlands wird er ja nun herkommen, dieser Nachname: Wonschewski. Es liegt mir fern, Menschen zu diskreditieren, die bei derlei Nachfragen zur Herkunft eine große Seelenpein verspüren, mich persönlich schmerzt daran gar nichts. Im Gegenteil, ich freue mich jedes Mal, wenn man mir zu erkennen gibt, dass ich so lupenrein germanisch doch nicht sein kann. Kam sogar schon vor, dass ich mich bedankt habe für die Frage und die damit verbundene Chance mich als nicht so richtig deutsch fühlen, mich als kleines Gen-Mirakel darstellen zu dürfen. Schließlich bin ich letztlich genau das. Denn die glasklar-ehrliche Antwort auf die Frage nach meiner Herkunft lautet: Was weiß denn ich, die einen sagen so, die anderen so. Nichts Genaues weiß man nicht.

Die Eltern meiner Mutter wanderten aus Rumänien ein, davon kündet mein Nachname aber natürlich nullkommanull. Und väterlicherseits, nun, da wird es eben geschichtsträchtig verschwurbelt bis mysteriös. Denn die Erzeuger meines Großvaters und Nachnamensgebers – er war das Ergebnis eines unmoralischen Stelldicheins eines ostpreußischen Großgrundbesitzers mit einer Magd – hießen beide nicht Wonschewski. Erst ihr unehelich gezeugter Sohn, mein Opa, hieß so. Wir haben nie herausfinden können, warum er so anders hieß als seine Eltern, wo er den Namen her hatte, ab wann er ihn nutzte und wie das verwaltungstechnisch überhaupt ging. Ostpreußen ist in Sachen regionaler Herkunft aber doch zumindest schon einmal ein Fingerzeig, könnte man nun denken. Stimmt, regional schon. National eher nicht, denn da ist diese verdammte europäische Regionalkonflikt- und Kriegsgeschichte des 20. Jahrhunderts, die sich vehement zwischen mich und ein jegliches Landeszugehörigkeitsgefühl schiebt. Und mittendrin im Wirrwarr aus Überfall und Vertreibung, Abspaltung und Angliederung: Ostpreußen und – wie in Szczepan Twardochs Roman „Drach“ – Schlesier.

Ich erspare mir und Ihnen nun den historischen Aufriss, fasse lediglich zusammen, dass die Frage, ob meine Vorfahren nun Polen oder vielleicht doch eher Deutsche waren, sich nicht beantworten lässt. Denn sie lebten und flüchteten aus einem Landstrich, der, was Zugehörigkeit zu irgendwas und irgendwem betrifft, so viele Verwerfungen zu verzeichnen hat wie vermutlich keine andere Region Europas. Tja. Und wer es nun doch gerne ein wenig konkreter hätte, ist herzlich aufgefordert Twardochs unglaublich guten, unfassbar heftigen Roman „Drach“ zu lesen. Bei Veröffentlichung 2014 sein Zweitling, der dritte von mittlerweile vieren, den ich (nach „Der Boxer“ und „Das Schwarze Königreich“) von ihm gelesen habe.

Dass und warum der 1979 geborene Twardoch einen Ruf als konservativer Exzentriker genießt und pflegt, lässt sich in allen seinen Büchern problemlos nachvollziehen, pflegt der Autor in ihnen doch ein Verhältnis zu Krieg, Gewalt, Soldatentum, Waffen und Brutalität, dass einem jeden friedensbewegten Bessereweltler wahrlich Hören und Sehen vergeht. Und das ist wörtlich so zu nehmen, Twardoch führt den Leser in seinen mitunter erschreckend nüchternen Schilderungen von menschlicher Erbarmungslosigkeit und daraus resultierendem menschlichem Leid derart heftig an und über die Grenze des Erträglichen, dass es schwer vorstellbar ist, dass er jemals wirklich gemocht, geschweige denn geliebt werden wird. Und man sich zwangsläufig fragt, ob jemand, der so schreibt, letztlich nicht selbst ein wenig gewaltaffin ist. Twardoch ist nach Philip Roth der erste Schriftsteller, dem – wenn auch mit anderen Mitteln – das Kunststück gelingt, dass ich seine Bücher mit offenem Mund und erhöhtem Pulsschlag durchsuchte und jedes Mal sprachlos und tief erschüttert beende. Dass er mit seinen brachialen, aber stets hochliterarischen Mitteln damit weitaus mehr erreicht als manch plakativ friedensbewegter Autor macht Twardoch, hier lehne ich mich subjektiv urteilend gerne weit aus dem Fenster, zum faszinierendsten und besten europäischen Autor unserer Zeit. Mut zum Risiko dürfte schwerlich eindeutiger zu finden sein als bei ihm. Und Twardoch ist und macht, man verzeihe mir die saloppe Sprache: so richtig Aua.

In „Drach“ beschreibt Twardoch auf knapp 400 Seiten das Schicksal Oberschlesiens vom Mittelalter bis ins Jahr 2014, anhand des weitverzeigten Stammbaums der Familie Magnor das Ganze. Und man darf getrost annehmen, dass der überzeugte und bekennende – und genau darum selbst in Polen nicht sonderlich beliebte – Schlesier Twardoch hier auch ein Stück weit eine eigene Familienchronik einflechtet. Der Inhalt: Im Jahr 2014 steckt der preisgekrönte Architekt Nikodem Gemander in einer Lebenskrise, nachdem Ehefrau und Geliebte ihn verlassen haben. Nikodem ist bei allem beruflichen Erfolg ein Zweifler und Nihilist, seine düster-skeptische Weltsicht steckt ihm gewissermaßen in den Genen. Bei der Beantwortung der Frage, wie es dazu kommen konnte, dass Nikodem so wurde, führt uns Twardoch zeitlich zurück zum eigentlichen Protagonisten des Romans: Josef Magnor, Nikodems Urgroßvater, Jahrgang 1898. Der erlebt als kleiner Junge 1906 wie ein Schwein geschlachtet wird: „Da ist also, menschlich gesehen, das Dorf Deutsch Zernitz, darin stehen eine alte Holzkirche und dazu der weniger alte Pforrer Stawinoga (der ein begeisterter Deutscher ist, aber anständig, wie es im Dorf heißt), es gibt Gleiwitz mit dem Gericht, dem Landrat, der Ulanenkaserne und der Infanteriekaserne, es gibt das Bergwerk, wo man arbeitet, und es gibt Berlin, dort wohnt der Kaiser. Sie wissen zu viel, um zu verstehen. Das Schwein weiß weniger, deshalb versteht es besser, es versteht die Wahrheit des schlagenden Herzens und die Wahrheit des Beils.“

Inspiriert zu seiner gleichermaßen nüchternen wie fast schon frivolen (ja, Twardoch kann das, gleichzeitig) Erzählweise, die munter und nahezu ohne Vorankündigung inmitten eines Satzes oder Abschnitts durch die Jahrhunderte springt – gerade auf den ersten 150 Seiten für den Leser bewusst verwirrend und dadurch nicht selten an die die stilistisch anspruchsollen ersten Vargas Llosa-Romane erinnernd – hat den Autor nach eigenen Angaben das Schicksal seiner Urgroßväter. Ob polnisch- oder deutschsprachig: Sie dienten in der preußischen und später deutschen Armee und wurden vor allem durch die Verheerungen des Ersten Weltkriegs in ihrem Weltbild erschüttert. Als Hüterin dieses bitteren Erfahrungsschatzes und als ungewöhnliche Erzählinstanz für seinen Roman wählt sich Szczepan Twardoch dabei die schlesische Erde. Sie verkörpert „Drach“, das von Bergbau und Weltkriegen geschundene oberschlesische Erdreich. Es spürt den leichten, vergänglichen Schritt der Tiere – besonders der Rehe – das ausbeuterische Graben nach Bodenschätzen. Die Erde wird zum Drachen, der die Jahrhunderte mitleidlos überblickt. Dadurch entsteht ein Eindruck von Gleichzeitigkeit, den die aneinandergereihten Jahreszahlen an den Kapiteln verstärken: Das Leben des Einzelnen ist für diese Erzählerin im Grunde bedeutungslos, auch wenn sie sich an Josefs Ähnlichkeit mit Clark Gable erfreut oder sich über Modeerscheinungen wie die modernen „Panzerchen“ (Autos) amüsiert.

„Er ist voll von Schwärze“, heißt es über Josef Magnor, der sich weder als Pole noch als Deutscher fühlt: „Josef mag die großen Deutschen nicht, und er mag die großen Polen nicht.“ Im Juni 1918 begegnet der proletarische Kriegsheimkehrer auf der Gleiwitzer Kirmes der frühreifen Caroline Ebersbach. Die 14-Jährige aus besseren Kreisen ist da bereits von ihrem ruchlosen Zeichenlehrer entjungfert worden, wovon ihre Eltern nichts ahnen. Zwischen Josef und Caroline nimmt eine schicksalshafte verbotene Liebe ihren Lauf, an deren Ende ein Mord steht. Doch auch die sterblichen Überreste dieses Liebespaares wird die Erde mitleidlos verschlingen und verstofflichen – ein fatalistischer Kreislauf, der das ganze Buch grundiert und ihm eine gewisse mantrahafte Redundanz verleiht: Nicht umsonst wird das Element Erde mit dem Phlegma assoziiert: „Ich spüre die Füße von Josef Magnor. Ich spüre die Füße und Hände des Sohnes von Josef Magnor, wie sie mich kratzen und reizen und wie sie heranwachsen, aufquellen, ich spüre die Füße des Enkels von Josef Magnor und des Urenkels von Josef Magnor, die Füße des Ururenkels von Josef Magnor in Lederschuhen, entpanzert, an der Cafétheke in Gleiwitz. Etwas verbindet sie, ein Faden, der durch mich hindurchläuft, in mir ist er, der ich bin.“

Twardoch, so ist zu erfahren, wollte mit „Drach“ keine „gemütliche“ Geschichte über das multinationale Schlesien erzählen, sondern davon, wie gerade die Klassenunterschiede das Land spalteten: Den deutschsprachigen Oberschlesiern gehörten die Minen, in denen die slawischsprachigen malochten. Vor dem Hintergrund der tragischen Geschichte erscheint es Gelas Enkel Nikodem unpassend, heutzutage unglücklich zu sein. Mit dieser Figur des ebenso bedrückten wie selbstgefälligen Stararchitekten und PS-Liebhabers hat sich der Autor augenzwinkernd ein Alter Ego erschaffen: „Wenn all die Schmeichler ringsum wüssten, welches Vergnügen sie ihm bereiten könnten, indem sie ihn nach dem Motor des silbernen Discovery fragen, dann würden sie von nichts anderem mehr reden und ihn ganz ungezwungen von dem Vergnügen erzählen lassen, ein Potenzial von dreihundertfünfundsiebzig PS unter dem rechten Fuß zu haben.“

Auch wenn „Der Boxer“ und „Das Schwarze Königreich“ mich im positiven Sinne noch mehr zu schockieren wussten, stellt „Drach“ in literarischer Hinsicht definitiv einen noch höhere literarische Güteklasse dar. Allein wie es Twardoch gelingt gewißermaßen aus Sicht der geschundenen schlesischen Erde zu erzählen ohne pathetisch zu werden, wie er es schafft inmitten von Sätzen die Jahrzehnte unfd Protagonisten zu wechseln durch das Erschaffen einer Gleichzeitigkeit, die de facto keine ist, philosophisch aber durchaus als eine solche erachtet werden kann ist, tja, Poesie. Eine brutale Poesie, durchaus, aber so virtuos orchestriert, dass mich, der ich selbst Romane schreibe, der blanke Neid packt.

Eine interessante Frage, die Twardoch bisher nicht zu beantworten wusste, die in „Drach“ jedoch gelegentlich anklingt ist die, ob er auch imstande ist Gegenwartsromane zu schreiben. Oder ob er – auch sein von mir noch nicht gelesenes Debüt „Morphin“ spielt zu Beginnndes 20. Jahrhunderts – nur Pickelhaube und Warschauer Ghetto kann.

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Ein Kommentar zu “Brutale Poesie. Soeben ausgelesen: Szczepan Twardoch – „Drach“ (2014)

  1. PS 60+ alias Bipo
    2. Juli 2021

    Den ‚Abschiedsbrief‘ habe ich vor einiger Zeit gelesen, und vor vermutlich ungefähr einer Woche schliesslich auch gesehen und gehört. Die Stimme und das Video verleihen dem ‚Brief‘ eine zusätzliche Note, verändern seine Wirkung und meine Empfindungen aber nicht.

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