David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – bipolarer Bedenkenträger

Into The Great Wide Open. Soeben ausgelesen: Jocelyne Saucier – „Was dir bleibt“ (2020)

von David Wonschewski

Vorabfazit: 3 von 5 Sternen

Auch wenn ich es wie vermutlich die meisten Menschen bevorzuge recht zu haben und recht zu behalten, einmal einen Standpunkt einzunehmen und diesen Standpunkt dann möglichst lange wacker durchzuboxen – so richtig befriedigend ist das nicht. Vielleicht mag mir hier schon nicht mehr jeder folgen, doch ich genieße es tatsächlich, wenn ich feststelle, dass ich meinen Standpunkt verlasse, nach jahrelangem Eintreten für X zunehmenden Position Y einnehme. Es wird sich ja ganz gerne lustig gemacht über Menschen, die ihre Meinung ändern, Politiker können gerne mal ihre gesamte Karriere knicken deswegen. So ganz verstanden habe ich diese Wertschätzung für das Standhafte und Konstante bei gleichzeitiger Geringschätzung von Flexibilität und Wankelmut nie.

Es muss dabei gar nicht immer gleich um hohe und hehre politische oder menschliche Werte gehen. Oftmals liegt der wahre Genuss der Demaskierung vermeintlicher Wahrheiten auch in der subjektiven Beiläufigkeit. Dem plötzlichen Aufdecken eines Trugschlusses. Ich selbst zum Beispiel träume seit mittlerweile Jahrzehnten von einer langen Reise durch den öden, abgehängten Mittleren Westen der USA. So richtig Wim Wenders-mäßig, so volle Kanone Richard Russo. Mit spackigen Typen in spackigen Holzfellerhemden abhängen vorm Diner, eine urtypische „Westernmill“ über mir, my private Idaho. Dass ich davon träume, liegt allerdings gar nicht einmal an viel zu vielen Roadmovies, die ich mir seit jeher mit Vorliebe reinziehe. Es liegt natürlich an Musikern, die mir, irgendwo zwischen Folk & Rock, dieses Gefühl für die unermessliche Weite des nordamerikanischen Kontintens gleichermaßen erbarmungslos wie romantisierend übermittelt haben: Neil Young, Joni Mitchell, Rush, Steppenwolf, Bachman-Tuner Overdrive, Jeff Healey, durchaus – ja warum denn nicht – auch Shania Twain. Und über allen thronend: Gordon Lightfoot, der Großmeister der wandernden Grand Canyon-Lagerfeuerklampfe.

Nun haben Träume seit jeher das Problem, dass sie nur aus der Ferne betrachtet funktionieren. Bringt man den Mut auf sich Ihnen zu nähern, springen einem die Planungsfehler ins Gesicht. In meinen Träumen bewege ich mich natürlich in einem rostigen Chevrolet Pick Up durchs pittoreske Nichts, gerne auch auf einer Harley. Dummerweise aber bin ich des Führens maschinenbetriebener Vehikel komplett unfähig. Bliebe der Greyhound oder der Zug. Nimmt man dann aber noch hinzu, dass Nordamerika bekanntlich nicht nur aus den USA besteht und von den zuvor genannten Musikern auch kein einziger daher stammt, so komme ich meinem wahren Traum, meinem wahren Ich so langsam auf die Schliche: Es sind nicht die USA. Es ist Kanada. Dieses uns durch die erdrückende Politik- und Kulturmacht seines Nachbarn USA so seltsam unbekannte, vergleichsweise so selten in den Medien begegnende Land. Wie blind muss ich in all den Jahren gewesen sein zu glauben ich wäre ein USA-Typ.

Es kommt Jocelyne Saucier und ihrem neuen Roman „Was dir bleibt“ zugute, dass die Kohle, die ich bereits für einen rostigen USA-Romantik-Trip angespart habe, nun vermutlich zwischen Québec und Toronto verpulvert wird. Und ich vielleicht sogar, so wie Ihre Protagonistin Gladys, in Swastika starte. Ja, liebe Freunde der dunklen alemannischen Vergangenheit, dieser kleine Ort heißt tatsächlich so und es gibt ihn wirklich. Vor einigen Jahrzehnten, das ist eine der interessanten kleinen Geschichten, die Saucier am Rande erzählt, wollte die Regierung von Ontario die Bewohner von Swastika von diesem Namensjoch befreien, den Ort lieber nach einem dicken, glatzköpfigen und pfeiferauchenden Kriegsgewinner benennen, doch die Bewohner sträubten sich erfolgreich dagegen. Hier jedenfalls, in „Swas“, besteigt die 76-jährige Gladys eines Tages den Northlander-Zug, um spurlos aus ihrem kanadischen Dorf zu verschwinden. Und ihre suizidfreudige – man muss es leider exakt so ausdrücken – Tochter Lisana allein zurückzulassen. Nachbarn und Freundinnen sind sofort besorgt: Was mag die zupackende, dem Leben immer positiv gegenüber stehende Gladys dazu bewogen haben? Warum hat sie sich nirgends abgemeldet und was hat sie vor? Derweil ihre Nachbarn und Freude alle Hebel in Bewegung setzen, um Gladys ausfindig zu machen, gondelt die alte Dame in aller Ruhe mit dem Zug durch die Weiten der kanadischen Provinz. Und es macht tuck-tuck, tuck-tuck, tuck-tuck. Schnell wird klar, dass Gladys sich an die Orte Ihrer Kindheit begibt, kleine und kleinste Ortschaften, die sie mit ihrem Vater, einem reisenden Lehrer, vor so vielen Jahrzehnten aufsuchte. Während sogar ihre besten Freundinnen daheim keinen Schimmer haben was los ist, mit dem doppelten schlimmsten rechnen, dass Gladys unfreiwillig etwas zustößt und ihrer Tochter Lisana, nun, freiwillig, sie sich hinter den zugezogenen Vorhängen und neben dem ausgestöpselten Telefon etwas antut. Was, wie der ein oder andere Nachbar findet, vielleicht aber gar nicht einmal das Schlechteste wäre. War es doch kaum zu ertragen, wie diese auf Tod gepolte Tochter der positiven Gladys alle Lebensgeister aussaugte.

Da der Begriff „Roadbook“ offenbar anderweitig belegt ist, möchte ich „Was dir bleibt“ als Roadmovie in Buchform benennen. Denn nur in diesem Aspekt läuft die kanadische Bestseller-Autorin Saucier hier zu Bestform auf. Wann immer es darum geht, die eigenwillige Schönheit der kanadischen Provinz zu schildern, hinterwäldlerische Einsamkeit zu verklären, das Faszinosum des Reisens um des Reisens willen zu verschriftlichen, trägt uns der Roman wie auf Schienen. Sanft rollen wir dahin, beruhigen uns und werden beruhigt, erreichen in den gelungensten Abschnitten gar einen Zustand von Meditation. Wie ein in weichen Kissen verbrachter Aufenthalt in einem Nachtabteil wirkt „Was dir bleibt“ dann, denn im Takt holperig verschweißter Schienenteile macht es tuck-tuck, tuck-tuck, tuck-tuck. Und mit Gladys dämmern wir dahin.

Womit wir automatisch beim großen Problem von „Was dir bleibt“ sind. Saucier versucht sich an dem komplizierten Balanceakt den heilenden Aspekt des Reisens zu beschreiben und zugleich einzuweben, was es denn hier überhaupt zu heilen gibt. Einfach nur zu beschreiben, dass hier eine sehr alte Frau ein letztes Mal Kontakt zu ihrer Kindheit herstellen will, das genügt Saucier nicht. Und so sehr ich auch für hohe literarische Ambitionen bin, ich wünsche mir sie hätte es dabei belassen, hätte einfach nur gezeigt, wie Gladys die letzten Momente, in denen der Kopf noch klar ist, Augen und Beine noch mitmachen, nutzt, sie sich auf die prä-finale Lebensreise begibt. Einen feuchten Kehricht auf die Mühen der Vergangenheit gibt, nur noch den Moment genießt, erlebt. Leider aber verhebt sich Saucier daran, dem Ganzen eine sehr unnötige tragisch-intensive Note zu verleihen, indem sie etwas hölzern auch die Geschichte einer Tochter, Lisana, in die Luft wirft, die immer gut gelaunt war, dann aber irgendwann halt nicht mehr, in dunkle Sphären abrutschte. Klar gibt es sowas, je älter der Mensch wird, desto mehr plausible Gründe depressiv zu werden sammeln sich an. Dummerweise wirkt das Schicksal von Lisana bei Saucier – vor allem im Vergleich zu den Episoden von Gladys auf Tour – immer unterkühlt, kastenförmig, erkenntnisarm. Ich kenne nun die anderen Werke von Jocelyne Saucier nicht, gut möglich, dass ich der Autorin sehr unrecht tue. Doch wann immer Lisana auftaucht wird dieser Roman wie das Buch einer hochtalentierten Schriftstellerin, die auf Zwang versucht ein für sie untypisches Genre zu bedienen, literarisches Neuland zu betreten. Mal was zu wagen, mal richtig einen rauszuhauen. Selbstmord und so. Genau dieser Versuch aber misslingt, ist Jocelyne Saucier mit ihrem ihr eigenen, gleichermaßen souveränen wie wunderbarem Stil doch in der hervorragenden Situation gar nicht auf psychologische Tiefe angewiesen zu sein, gar nicht graben zu müssen, einfach laufen lassen zu können.

Das Wunderbare an einer Bahnfahrt ist doch, dass es Schlaglöcher selten bis gar nicht gibt, die Störgeräusche der Schienen zum sanften Mantra werden. Warum Saucier sich dazu entschlossen hat, sich auf ihrer Bahnfahrt diese Schlaglöcher selbst zu graben, nun, wir werden es wohl nie erfahren. Und so bleibt unterm Strich ein Buch, das uns prima hätte zeigen können wie gut es tut sich ab und an gedankenlos einfach nur auf der Oberfläche zu bewegen. Gar nicht mehr anzustreben als ein stetes tuck-tuck, tuck-tuck, tuck-tuck.

P.S.: Falls jemand mir nahelegen möchte, dass aber doch die Zeile „Into The Great Wide Open“ aus dem Titel durchaus von einem US-amerikanischen Musiker stammt – ja, stimmt. Wie man es dreht und wendet, ich bleibe einfach ein zerrissener Typ.

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