David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – bipolarer Bedenkenträger

Allesamt Lumpen, sogar Mutti. Soeben ausgelesen: Ross Thomas – „Teufels Küche“ (1983)

von David Wonschewski

Vorabfazit: 4 von 5 Sternen

Und noch so ein Autor, an den ich nur gelangt bin, da ich vor einiger Zeit mit unerwarteter Freude die feuilletonistische Textsammlung von Jörg Fauser aus den Jahren 1963 bis 1987 las („Der Klub, in dem wir alle spielen“, zur Buchbesprechung HIER entlang). Und aus ebendieser mit einem dicken Bündel an mir bislang unbekannten Autorennamen hervorging. Mich mit einem Male entflammt für ein Genre sah, das mir bisher den wohlbekannten Buckel runterrutschen konnte: Kriminal- und Thrillerliteratur.

Der 1995 in Santa Monica verstorbene Zweiter Weltkriegsveteran, Wahlkampfberater, Journalist, Gewerkschaftssprecher und natürlich Autor Ross Thomas gilt – und damit geht nicht nur der Alexander Verlag Berlin auf seinem Buchcover hausieren – als bester amerikanischer Thrillerautor aller Zeiten. Nun wollen wir es dahingestellt sein lassen, wie man so etwas messen, wie final beurteilen kann, fest steht jedoch, dass sich gegenteilige Stimmen kaum finden lassen. Auch das deutsche Feuilleton, Fauser war hier bei Weitem nicht der einzige, jubelte in den 80er-Jahren, „Teufels Küche“ wurde 1986 gar mit dem Deutschen Krimi Preis ausgezeichnet (wie immer man das formal seinerzeit auch gerechtfertigt haben mag). Doch sei es drum, verdient erscheint die Ehrung allemal. Was nicht nur an dem Plot und seiner literarischen Aufbereitung liegt – bis zum Ende bleibt es spannend und kaum durchschaubar – sondern auch an den von Ross gewählten Charakteren und Stilmitteln, mit denen er ordentlich gegen den letztlich doch allzu oft gleichgescheitelten Krimistrich anbürstet. Es geht schon los damit, dass es hier genau genommen keinen Mord aufzuklären gibt, keinen Diebstahl, keine Erpressung. Nein, was die Protagonisten in der „Teufels Küche“ zu entschlüsseln versuchen ist ein Geheimnis, dass ein vermeintlich mit seinem Auto verunfallter Mann mit sich trug, ein Wissen, über das nur bekannt ist, dass es einige hohe und allerhöchste Kreise ordentlich in die Bredouille bringen würde, so es denn herauskommen und öffentlich gemacht würde. Doch was mag das sein, worum dreht es sich, wer war beteiligt – und an was überhaupt?

Faszinierend zudem, dass hier kaum Staatsbeamte, Polizisten, ja nicht einmal wirkliche Detektive auftreten. Sondern Personen, die aus unterschiedlichen opportunistischen Gründen handeln, kaum bis gar nicht im Dienst von Wahrheit, Anständigkeit und Tugend. Die Wahrheit muss hier nicht ans Licht, weil es die Gerechtigkeit erfordert, sondern weil sich mit der Wahrheit, ist sie erst einmal hervorgekramt worden, gewiss weitere wunderbare Schweinereien anstellen lassen. Juhu. Ein Setting, das Ross Thomas in die bis zum Ende fulminant durchgespielte Grundsituation versetzt, dem Leser zwar eine ganze Reihe Leute vorzusetzen, jedoch keine davon als durchgängig vertrauenswürdig zu zeichnen. Allesamt Lumpen, sogar Mutti. Gerade die.

Zum Inhalt: Der „Geldbeschaffer“ und geheime Wahlmanager Draper Haere bereitet gerade die Präsidentschaftskandidatur des Gouverneurs von Kalifornien vor, als er bei der Aufdeckung der Machenschaften des politischen Gegners dem Geheimnis eines rechtsorganisierten Putschs auf die Spur kommt. Während seiner lebensgefährlichen Ermittlungen engagiert er den Starreporter Morgan Citron, der vor einiger Zeit aus einem afrikanischen Gefängnis entlassen wurde, in welchem den Gefangenen Menschenfleisch aufgetischt wurde. Gemeinsam stellen sie sich gegen Kokaindealer, lateinamerikanische Generäle, korrupte US- Beamte und eben Citrons kaltherzige Mutter, ihrerseits Chefin eines Skandalblatts.

Als „eine diabolische Analyse unserer politischen Verhältnisse“ klassifizierte der begeisterte Ross Thomas-Leser Jörg Fauser diesen Politthriller dereinst. Der letztlich auch deswegen so blendend funktioniert, weil Thomas genau wusste, worüber er da schrieb. Zwar veröffentlichte er seinen ersten Roman, „Kälter als der kalte Krieg“, einen Spionage-Bericht aus Bonn erst mit 40 Jahren. Hatte zuvor beruflich jedoch genug für gleich ein paar Dutzend Bücher erlebt. Er war im Zweiten Weltkrieg auf den Philippinen stationiert, danach Reporter in Louisiana, er baute in Bonn das Büro des Radiosenders American Forces Networks auf, er war Politikberater in Colorado, auch in Nigeria, er war Ghostwriter und arbeitete für Lyndon B. Johnson. Eine Vita, die nicht zufällig an die eines anderen großen Politthrillerautoren erinnert: Frederick Forsyth. Nachvollziehbar also, dass ein lupenreiner Detektivroman nicht in Thomas Interesse war, er einen solchen vielleicht auch nie so gut hätte schreiben können wie diese Grauzone zwischen Legalität und Illegalität, diese in den Lücken, welche das Gesetz lässt und in den Hinterzimmern der Macht spielende „Teufels Küche“.

Das Besondere an Thomas Plots ist, dass sie sich schon nach wenigen Seiten als Labyrinthe präsentieren, in denen man sich nach anfänglicher Irritation gut zurechtzufinden glaubt, bis, tja, bis man wieder vor einer Wand steht, der rote Faden einem in der begierig umblätternden Hand zerbröselt. Die gedankliche Tiefe ergibt sich dadurch, dass sie nicht sinnlos kompliziert sind, mit dem Aufbau von Orientierungslosigkeit und Spannung als gleichermaßen Weg wie Ziel, sondern angemessen komplex. Eben weil die Vielfalt kollidierender Intrigen und Interessen – in „Teufels Küche“ haben CIA, FBI, ein mittelamerikanischer Diktator, ein Drogenbaron aus Florida und Draper Haere sehr verschiedene Auffassungen über adäquates Handeln – einfache Szenarien unmöglich macht. Und es sind auch nicht simple Durchstechereien, die für erzählerische Dynamik sorgen, nein, es ist ein ausgefeiltes System wechselseitiger Gefälligkeiten und Gehässigkeiten, in dem Kategorien wie gut und böse, schuldig und unschuldig keine sonderliche Trennschärfe erreichen. Es wird geredet, geschossen, gestorben. Wer handelt, verstrickt sich nicht nur, er wird meist auch von anderen Interessen gelenkt, und wenn er es merkt, kann es schon zu spät sein.

„Nichts ist wahr in allen meinen Romanen. Man nimmt einen kleinen Zwischenfall und vergrößert ihn tausendfach“, hat Ross Thomas in einem Interview gesagt. Das ist eine sehr brauchbare Lesehilfe, denn – auch wenn es sich zunächst ein wenig paradox liest – gerade weil nichts wahr ist, ist alles realistisch. Ross Thomas weiß, wie es im Maschinenraum der Politik zugeht.

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