David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – bipolarer Bedenkenträger

Tanz auf Buchrücken. Kiss & Wonschewski – bitte was?

Tanz auf Buchrücken.

Kiss und Wonschewski reden über…

Nikoletta Kiss und David Wonschewski, Autorin und Autor sehr unterschiedlicher Bücher, lesen gemeinsam Romane – und streiten. Das Konzept ist denkbar einfach: Sie mailen sich hin und her. Der eine reagiert auf die Äußerungen des anderen, Missverständnisse und aneinander Vorbeireden inklusive. Einfach laufen lassen. Schauen wohin es führt. Ob es überhaupt irgendwohin führt.

Nikoletta: David, ich glaube, wir müssen erklären, warum wir das hier machen. 

David: Einverstanden. Warum machen wir das? 

Nikoletta: Ich glaube, wir spüren einen tiefsitzenden Groll in der Gesellschaft zwischen Männern und Frauen. Es geht nur noch um das IHR gegen UNS und umgekehrt. Als wir uns kürzlich so herrlich über entmannte Männer und vergangenes Heldentum stritten – das aktuelle Buch von Monika Maron war der Anlass -, war ich erstaunt, wie meinem mir so selbstverständlich feministischen Weltbild deine so diametral entgegengesetzte Perspektive entgegenkam. 

David: Ob die wirklich so diametral entgegengesetzt ist, das weiß ich gar nicht einmal. Ich meine, wir sind fast der gleiche Jahrgang, machen das gleiche, mit viel Mühe kann man uns sogar einen gemeinsamen osteuropäischen Hintergrund andichten. Aber es stimmt, die eigene Lebensbrille prägt enorm, das ist wohl unausweichlich. Und es ist schon seltsam, dass zwar alle mehr Empathie einfordern, aber dennoch so schwierig ist einzusehen, dass der jeweilige Gegenpart punktuell und subjektiv betrachtet durchaus auch mal richtigliegt. Wie die Sache mit der Buchbranche. Mir ist weiterhin schleierhaft wie du die ernsthaft als männerdominiert bezeichnen kannst. Ich meine, dafür müssten ja zumindest so ab und an mal Männer anzutreffen sein in den Verlagen, in der PR-Branche, im Buchladen, als Leserschaft, unter Bloggenden. Sind aber überwiegend weiblich, Männer als eindeutige Ausnahme. Aber ich habe akzeptiert, dass es wohl irgendeinen subjektiven Zugang zum Buchmarkt gibt, der es einem erlaubt diese Branche als „männerdominiert“ zu bezeichnen. Glaube aber nicht, dass ich den noch finde.

Nikoletta: Oh, da könnten ich dir über die Unterrepräsentanz von Autorinnen im Feuilleton (Studie #frauenzählen 2018) erzählen, über das Verhältnis von Frauen und Männern in Verlagsvorschauen (#vorschauzählen 2020), über Untersuchen, die zeigen, dass Frauen anders besprochen werden als ihre männlichen Kollegen, es geht häufiger um ihre Person statt um den Text, etc.

David: Gutes Argument, zu dem ich nun aber auch wieder ein Bündel an Gegenargumenten hätte. Bevor sich das nun aber bis zum großen Erdenknall zurückzieht, brechen wir das direkt ab, ging ja nur um ein Beispiel. Nach dem Urgrund aller Schuld haben schon ganz andere Geister vergeblich gesucht, ha!

Nikoletta: Das weiß ich zu schätzen. Ich bin für Dialog und Empathie. Wir Frauen wollen Euch Männer ja nicht abschaffen, das wäre schrecklich langweilig. Es geht um Augenhöhe!

Und das wollen wir hier üben, uns aus unseren Bubbles aufeinander zubewegen und Bücher gemeinsam lesen, die wir jeweils vielleicht nie gelesen hätten. Fremdlesen gewissermaßen. 

David: Die Augenhöhe ist ja längst da, sie bringt nur nichts ein, solange jeder dann doch wieder nur dem eigenen Blickwinkel folgt. Aber dafür gibt es ja den Zoff, der bringt voran.

Nikoletta: Zoffen, aber freundlich, mehr wie tanzen. Eine gewisse Grundspannung besteht, Druck erzeugt Gegendruck, aber wir gehen aufeinander ein, kommunizieren, und treten uns gegenseitig nicht auf die Zehen. Was meinst du?

David: Tanzen auf Buchrücken? 

Nikoletta: Das hast du schön gesagt. Und weil du vorhin so großzügig warst, darfst du das erste Buch aussuchen.

David: Ich habe hier eines liegen. Charlie Kaufman „Ameisig“. Klingt auf seine Art faszinierend, wurde bereits kontrovers besprochen, stilistisch wohl hochspannend. Kaufmann, sagte ein Rezensent, beendet den großen amerikanischen Gesellschaftsroman als solchen damit, macht bewusst den Sargdeckel auf diese „mittelalter weißer Mann erzählt“ -Monolithen, führt es bewusst ad absurdum und schafft Platz für was Neues.

Nikoletta: Ich habe davon gehört, gescheiterter New Yorker Filmkritiker, skurriler Typ, vermutlich eine Karikatur, die mich über 800 Seiten an die Decke gehen lassen wird. Aber klingt faszinierend. Auf genau so etwas wollte ich mich ja einlassen. Ich frage mich nur wie viel Männer-Kult-Film-Wissen vorausgesetzt wird. Also gut, ich bin dabei, wir lesen Charlie Kaufman „Ameisig“.

David: Dann bitte ich zum Tanz, Nikoletta!

Teil 1: Kiss & Wonschewski reden über Charlie Kaufman – „Ameisig“ (2021) – jetzt HIER.

Ein Kommentar zu “Tanz auf Buchrücken. Kiss & Wonschewski – bitte was?

  1. tala2019
    17. Mai 2021

    Das E-Mail-Gespräch, der Büchertanz, finde ich ein prima Konzept, das ich gern weiter mitverfolgen möchte! Viele Grüße, Tala

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 9. Juli 2021 von in Kiss & Wonschewski und getaggt mit , , .
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