David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – bipolarer Bedenkenträger

Und dann der Kaktusgarten, konnten sie nicht warten? Soeben ausgelesen: Philip Roth – „Amerikanisches Idyll“ (1997)

von David Wonschewski

Vorabfazit: 5 von 5 Sternen

Gegen Ende, als „der Schwede“ mit seiner Frau, seinen jüdischen Eltern und einigen Nachbarn in seinem Wohnzimmer sitzt, sieht, wie sich alle mit Sektgläsern zuprosten und um redliche Kommunikation und intelligentes Palaver bemüht sind, da gibt es das, was ich einen „Thomas Bernhard-Moment“ zu nennen pflege: Der Schwede sitzt da, schaut und hört sich das Ganze unverbindlich lächelnd an. Und denkt sich seinen Teil. Der allerdings fällt hasserfüllt, brutal aus. Er stellt sich vor, wie er William Orcutt III auf der Terrasse zu Boden schlägt und seinen Schädel wieder und wieder auf die Fliesen donnert. Sein Vater an einer plötzlichen Herzattacke verreckt. Und so. Was man sich halt wünscht, was man halt herbeisehnt, wenn man eingepfercht ist in Konventionen, wenn man der Einzige ist, der den sauberen Laden zusammenhält. Wenn man der letzte Neuengländer mit Anstand ist. Genau der, also der Laden, einem aber zunehmend um die Ohren fliegt.

Ja, der wohlhabende, der gut aussehende, der gesittete und prinzipientreue Seymour Levov, der Schwede, steht kurz vor Amoklauf. Und gemäß einem Indie-Hit der Band Die Sterne ist man geneigt zu fragen: Was hat dich bloß so ruiniert? Nun, es ist hinreichend klar geworden auf den knapp 600 vorhergehenden Seiten.

Damit ein Roman von mir die Höchstbewertung, 5 von 5 Sternen, erhält,  sind gewisse Dinge nötig. Natürlich eine (subjektiv empfundene) hohe literarische Qualität. Die unbändige Lust, weiter und immer weiterzulesen. Tiefgründige gesellschaftlich-pyschologische Auseinandersetzungen, die, egal aus welchem Jahr das Buch stammt, noch immer zutreffen. Momente, die mich erschüttern, wütend werden lassen, gepaart mit Situationen, die vor lauter Wut und Erschütterung in Humor resultieren. Und dann: Dass das Buch mir etwas über mich erzählt, es ein Gefühl in Worte fasst, dass auch ich habe, jedoch nicht so richtig „auf Kette“ kriege. Philip Roth hat das mit jedem seiner sechs Romane, die ich vor „Amerikanisches Idyll“ gelesen habe, geschafft. Dieser Schriftsteller, der alle Charakteristika eines lupenreinen Misanthropen besaß, der einen Großteil seines Lebens abgeschieden lebte, der mit allen und jedem abrechnete – vor allem aber mit seinesgleichen und somit auch sich selbst. Vor allem sich selbst, mir ist kein Schriftsteller bekannt, der sich selbst dermaßen psychologisch zerfleddert wie Roth. Das ist einerseits ehrenhaft, immer nur mit dem Zeigefinger auf andere zeigen war bekanntlich nie eine Kunst. Andererseits ist es im „echten Leben“ aber auch ein Fluch. Man hockt da wie eingerostet, wäre gerne ein engagierter Mensch. Kann es aber nicht sein, weil alle, aber wirklich alle Seiten, egal in welchem Konflikt, Idioten sind. Niemand recht hat. So wird man fast zwangsläufig zur Levov’schen Luftpumpe, allen nett zulächelnd. aber insgeheim von Mord und Totschlag träumend, Armageddon herbeisehnend.

Das Problem von Seymour Levov ist, dass er eigentlich keine Probleme hat. Sein mittelloser jüdischer Großvater wanderte dereinst in die USA aus, sein Vater baute an der Ostküste eine Firma für Damenhandschuhe auf. In den ersten Jahren malochte er sich den Buckel krumm, brachte kaum die Familie durch. Dann, nach dem Zweiten Weltkrieg, ging es nach und nach aufwärts. Als sein Sohn, Seymour, ein Teenager ist, kann es sich die Familie leisten, aus einer beengten und armseligen Hütte in Newark in ein richtiges Haus in einem besseren Viertel zu ziehen. Und überhaupt, Seymour: Intelligent, enorm gut aussehend und so blond, dass er früh seinen Spitznamen erhält, „Schwede“. Er wächst zu einem jungen Mann von knapp 1,90 Metern heran, der in gleich drei Sportarten – Baseball, Basketball, Football – derart brilliert, dass er es überall in die Landesauswahl schafft. Dazu ist er auch noch bescheiden, nett, grenzt niemanden aus, behandelt nie wen von oben herab. Die Mädchen wollen ihn als Freund, die Jungen auch. Er ist der personifizierte amerikanische Traum, nicht zuletzt für seinen um Assimilation bemühten liberalen Vater, der in seinem Sohn das sieht, was für Juden seit jeher ein Traum ist: angekommen zu sein. Das jüdische Stigma loszuwerden.

Seinen Schulabschluss macht Seymour kurz vor Ende des Kriegs, diverse Profivereine strecken bereits ihre Hände nach ihm aus. Er aber entscheidet sich, zu den Marines zu gehen. Er will ein wenig sein Land, ganz sicher aber die Freiheit verteidigen. Unterdrückten helfen. Seine Kraft für eine gute Sache nutzen. Und sei es am hinterletzten Ende der Welt. Es kommt nicht dazu, Seymour ist knapp zu spät geboren, nach zwei Jahren Ausbildung bei der Elitetruppe kehrt er heim nach Newark, macht eine Ausbildung in der Firma seines Vaters, tritt in dessen Fußstapfen. Und heiratet „Miss New Jersey 1949“, Dawn Dwyer. Eine Katholikin. Schnell bekommen Sie ihr einziges Kind, eine Tochter, Merry. Sie kaufen sich ein großes Landhaus, ein paar Meilen vor der Stadt. Bilderbuch.

Aber dann, tja, aber dann. Wenn das mal so klar wäre, was dann passiert, was dann ist. Es ändern sich die Zeiten, dreht sich der Wind. Bröckelt die Welt. Ende der 1960er-Jahre ist Merry ein Teenager, der mit der FlowerPower-Generation eine erste Distanz zu den eigenen Eltern aufbaut. Vietnam, Watergate – das Töchterchen entzieht sich erst, türmt dann, gerade sechszehn Jahre alt, immer wieder nach New York. Mit ihrer Mutter, dem laufenden Kleiderständer mit dem bildschönen Puppengesicht, ist gar keine Kommunikation mehr möglich. Die Tochter nimmt die Mutter schlichtweg nicht für voll, die Mutter gerät angesichts der vielen sozialromantischen Plattitüden der Tochter schnell in Rage. Es ist Seymour, der immer wieder besonnen zugeht auf Merry. Versucht ein wenig tiefgründiger mit ihr über Gerechtigkeit und Freiheit, Marx und Kuba zu sprechen. Doch es ist zwecklos. Längst steht er in den Augen seiner Tochter und ihrer Generation für etwas Verkrustetes, etwas Hinderliches, etwas, was abgeschafft, beseitigt werden muss. Wenig später wird Merry ihren ersten Bombenanschlag ausführen, ein Toter. Weitere folgen. Sie taucht ab, verschwindet im Untergrund. Miss New Jersey 1949 verkraftet das nicht, wird depressiv. Es ist an Seymour als einziger nicht durchzudrehen. Familie zu sein.

Und die Firma? Anfang der 1970er-Jahre befindet sich Newark im Niedergang, viele Firmen verlagern ihre Produktionen in andere Länder. Seymours Vater drängt ihn, das auch zu tun, sonst hält die Handschuhfirma nicht lange durch. Seymour aber beschließt zu kämpfen, Einbußen in Kauf zu nehmen. Für den Wirtschaftsstandort Ostküste, für seine überwiegend schwarze Belegschaft. Doch dann kommt es zu dem, was man dereinst noch „Rassenunruhen“ nannte. Ein durchaus gewaltbereiter Mob aus Schwarzen und vielen jungen Weißen formiert sich, zieht auch durch Newark. Demonstriert mal friedlich, hinterlässt mal Zerstörung. Gegen die Ungerechtigkeit gehen sie vor, gegen die Borniertheit der Privilegierten im Land. Plötzlich ist Seymour Zielscheibe. Geht er mit seiner Firma ins Ausland, erweist er sich als das kapitalistische Dreckschwein, das seine farbigen Arbeiter ins Nichts stürzt, nur um selbst noch reicher zu werden. Bleibt er in Newark, so nutzt ihn der Mob. Als Gesicht für den prototypischen lokalen Ausbeuter.

Seymours Glaube an Anstand und Besonnenheit bekommt erste Risse. Sein hitzköpfiger Bruder wird ihn später fragen, warum er seiner kaputten Tochter nicht einfach beizeiten einige Ohrfeigen verpasst und sie ins Zimmer gesperrt hat, damals, als das noch ging. Weil Gewalt nie eine Lösung ist, denkt Seymour. Und anständiger Gedanke. Nur ein wenig absurd angesichts einer Tochter, die gerade einen Menschen getötet hat.

Auch seine Frau Dawn, mittlerweile in ihren Vierzigern und nach einem Facelifting zumindest wieder lebenstüchtig und vorwärtsgewandt, muckt auf. Sie wollte nie Schönheitskönigin werden, sie wollte nie an derlei Wahlen teilnehmen. Sie musste es tun, da nur so das Stipendium ihres Bruders finanziert werden konnte. Und kaum Schönheitskönigin, noch blutjung, stand er schon da, Seymour. Der große, erfolgreiche, attraktive Mann, bereit zur Heirat. Nie ging es um sie, sie wollte Musiklehrerin werden, hat sogar einen entsprechenden Studienabschluss. Aber Grütze war, interessiert sich keine Sau für. Was sie auch versuchte, sie war immer nur die ehemalige Schönheitskönigin oder die Frau mit dem schönsten aller Gesichter oder eben die Frau eines strahlenden Helden. 15 Jahre lang hat sie da draußen, am Landhaus, eine sogar preisgekrönter Rinderzucht betrieben. Ist jeden Morgen um 5 Uhr aufgestanden, mit Stiefeln in den Stall, hat gemacht und getan, Tag für Tag. Mit welchem Ergebnis? Süffisantes Lächeln allerorten. Die schöne, die wohlhabende, die privilegierte Frau Levov hat sich ein Hobby gesucht. Um zu beweisen, dass sie arbeiten kann, sich für nichts zu schade ist. How funny! Gut, Seymour hat da andere Erinnerungen, entsinnt sich noch ihrer Begeisterung als Vertreterin New Jerseys an den Miss America-Wahlen teilnehmen zu dürfen, weiß noch gut wie ausgeflippt vor Freude ist, wann immer sie ihr Bild in der Zeitung entdeckte, wie gerne sie sich eine Zeit lang herumreichen ließ, es genoss, überall wie eine Prinzessin behandelt zu werden. Und wie sie ihn, Seymour, genauso umwarb wie er sie, die Ehe die logische Folge des klar artikulierten Herzenswunsches zweier erwachsener Menschen war. Aber nun, war halt gestern. Einen Dreck wert ist gestern.

Es ist faszinierend, wie Roth sein Beziehungsgeflecht aufzieht und wie es ihm erneut gelingt seinen Personen so darzustellen, dass es schlussendlich weder Sieger noch Besiegte gibt. Merry ist nicht nur verzogen, nein, Merry hat auch recht. Der Aufstand der Farbigen von Newark – gleichermaßen aus dem Ruder gelaufen wie überfällig. Che Guevara, Marx, Castro, die Idole der jungen Endsechziger-Generation, dazu all diese so schön klingenden, aber plakativen Rufe nach Gleichheit, Freiheit, Gerechtigkeit, Teilhabe – alles Postergehabe in sich selbst verlorener Individuen. Roth ist ein Meister der Selbstentlarvung. Da ist wunderbar gezeichnete linksfeministische Literaturprofessorin, eine Frau, mit der man besser nicht diskutiert. So sehr die Dame recht hat mit dem, was sie sagt, so sehr wird auch deutlich, was das Problem ist. Sie wird immer weiß sein, immer wohlhabend, immer Oberschicht. Da kann sie durch die Gegend latschen, wie sie will, beispielsweise Dawn ironisch abkanzeln, wie sie lustig ist. Geheiratet hat sie William Orcutt III, Spross protestantischer Früheinwanderer, gewissermaßen also Ostküsten-Aristokratie (die einen wie Seymour als Neureichen sieht, der unter ihnen steht). Alles, was Madame Linksfeministin pointiert vom Stapel lässt, zerbröckelt so von selbst, wird zu Elfenbeinturmgequatsche. Unerträglich, wer sich so alles für aufrecht hält.  Nur weil ersie zur richtigen Zeit die richtigen Plakate hochhält, die richtigen Phrasen drescht. Und auch das ist ein typischer Roth-Dreh: Die vielen Radikalen und Aufrechten kämpfen für mehr Anstand in der Welt. Der einzige sich wirklich daran versuchende Mensch, Seymour, geht aber genau damit kräftig baden, muss sich seinen Anstand sogar von allen Seiten und in allen Facetten um die Ohren hauen lassen.

Um schlussendlich darüber zu sinnieren wie hilfreich es wäre, mit seinen durch die Bank selbstgerechten Gästen ein klein wenig Horrorshow auf der Terrasse zu veranstalten. Dass sich damit auch ein Kreis schließt, dass er in diesem Moment zum ersten Mal das Gefühl, seine radikalisierte Tochter zu verstehen, ja ihr sogar ein wenig recht zu geben, sie fast zu bewundern – macht diesen Roman zu einem Roman, der von mir fünf von fünf Sternen erhält.

Wer mit dieser hochimposanten Auszeichnung nichts anfangen kann, nun, dem sei gesagt, dass „Amerikanisches Idyll“ 1998 mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet wurde.

Was das mit mir persönlich macht? Nun, es erklärt mir, warum es mir die Fußnägel hochkrempelt, wenn Verschwörungstheoretiker wie aktuell wieder Hochkonjunktur haben. Zeitgleich einen auf radikal und anständig machen. Und mit Luftbegriffen, um sich werfen. Worten, die wie leere schwarze Boxen sind, in die jeder seine Birne quetschen und was plärren kann. Um sich dann am Hall der eigenen Stimme zu begeistern. Wer heutzutage „das System“, „die da oben“, „die Konzerne“, „die Politiker“ oder „das Patriarchat“, „die Privilegierten“ kritisiert, kann das gerne tun. Irgendein Seymour-Gesicht lässt sich gewiss für alles finden. Ich persönlich finde es effektiver, meinen Kopf so selten wie möglich in diese schwarzen Verschwörungsboxen zu stecken. Und mich stattdessen hübsch regelmäßig über mich selbst zu ärgern. Gerne auch vor dem Spiegel, verbale Selbstkasteiung, Eigenbeschimpfung. Wesentlich ergiebiger als durch die Gegend zu stromern und mir zu überlegen, welche mir kaum bekannten Leuten denn so an allem Möglichen schuld sein könnten, derart absurd meine Lebenszeit zu verheizen.

Schon klar, auf diese Weise lässt sich jedes Engagement blödreden. Auch ein Privileg, sich eine solche Weltsicht leisten zu können. Tja, kann man nichts machen. Ein bisschen Seymour bin ich halt auch. Und stolz nur darauf, nie etwas anderes behauptet zu haben.

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2 Kommentare zu “Und dann der Kaktusgarten, konnten sie nicht warten? Soeben ausgelesen: Philip Roth – „Amerikanisches Idyll“ (1997)

  1. davidwonschewski
    3. September 2020

    Das nehem ich mal als „dunkles Kompliment“. Und die sind die besten;-) Viele Grüße, wird dir gefallen, das Buch.

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  2. Katja Kubiak
    3. September 2020

    Diese Rezension liest sich irgendwie wie das, was in meinem Kopf vorgeht.. nachdem und bevor ich meinen „MenschenHass“wieder übertüncht, hinausgebloggt habe .. hach ja…🙃

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