David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – bipolarer Bedenkenträger

Das perfekte weich. Soeben ausgelesen: Salih Jamal – „Das perfekte Grau ( 2021)

von David Wonschewski

Vorabfazit: 5 von 5 Sternen

Sie sind selten geworden, doch es gibt sie noch: Milchglasscheibenromane. Bücher, die an der Oberfläche wirken wie vom cineastischen Weichzeichner-Papst David Hamilton, gerne auch Terrence Malick („The Tree of Life“, 2008) in Szene gesetzt, sanft, poetisch, verträumt. Oder wer es lieber musikalisch hat: Dreampop at it’s best, angesiedelt im federgebetteten Niemandsland zwischen Slowdive, Lush, den Cocteau Twins und Beach House, gerne auch Sigur Rós.

Eine faszinierende künstlerische Ausrichtung, nicht zuletzt, weil sie stets ein wenig damit kokettiert, seicht zu sein, obschon sie das genaue Gegenteil ist: hart, nicht selten gar brutal. Dass Hamiltons „Bilitis“ (1977) bei aller sentimentalen Weichzeichnerei zu einem der größten Skandalfilme mutierte hat seinen heftigen und berechtigten Grund, wie auch der hässliche Genre-Bruder von Dreampop, der Shoegaze, nur einen Steinwurf von aller Klangschönheit entfernt wohnt, verzerrte Gitarren und verstörende Krachwände á la The Jesus and Mary Chain zum kontrastierenden Entlarvungsmittel erhebt. Fragil, fragil. Wohl jenen wenigen Künstlern, die auf dieser Klaviatur zu spielen wissen.

„Das perfekte Grau“ von Salih Jamal gliedert sich perfekt in diese Phalanx ein, ein Roman von derart federleichter Schönheit und wohltuender Weisheit, dass es dem Leser selbst überlassen ist, ob er sich durch das titelgebende perfekte Grau zum brutalen Grund allen Leids hinabtauchen möchte – oder ob er lieber sanft gebettet dahin-dreampop-en möchte, ohne allzu bohrende Fragen zu stellen, zu graben und zu kratzen an der Oberfläche der vier von Jamal in die Spur gesetzten Protagonisten.

Novelle, Rofu, Mimi und der Erzähler, Ante, lernen sich nach und nach in einem kleinen Hotel kennen, in dem sie anheuern, um dort verschiedene Jobs zu übernehmen. Gekommen um zu bleiben ist eigentlich keiner von ihnen, alle wurden sie aus unterschiedlichen Gründen dort wahrlich angespült, ausgestattet mit dem festen Vorsatz, sich kurz zu sortieren, ein wenig Geld zu verdienen, einfach nur eine Bleibe zu haben, einen Ort, an den man kurzfristig gehören kann und möchte. Um dann möglichst schnell wieder zu verschwinden, aufzubrechen in das, was wir sehnsuchtsvoll das echte, das wirkliche Leben nennen. Und von dem viele von uns ein Leben lang nicht wissen, wo es zu finden, ja wie es auch nur zu definieren ist.

Jamal beschreibt den Arbeitsalltag der vier, nun, Saisonkräfte, bei denen von Anbeginn an nie ganz klar ist was genau sie in das kleine Hotel geführt hat, in diese idyllische Gegend, in der aufgrund mangelnder Feriengäste nie so wahnsinnig viel zu tun ist, die Zeit per se beständig still zu stehen scheint. Auch die Berührungspunkte der vier Personen sind zunächst eher gering, jeder geht zuvorderst seine eigenen Wege, denkt sich seinen Teil über das Tun und Treiben der anderen drei. Man ist halt zufällig für kurze Zeit am gleichen Ort, mehr Gemeinsamkeiten gibt es nicht zwischen dem Afrikaner Rofu mit seiner Kriegserfahrung, der Engländerin Mimi mit ihrer seltsamen Vorliebe für Perücken und dunkle Sonnenbrillen, der ein wenig unbestimmt zwischen bipolar und Borderline changierenden Novelle, sowie Erzähler Ante, der – ja was eigentlich?

Die große Kunst von Jamal besteht darin, uns diesen Alltag – das ist gewissermaßen der Weichzeichner – als beruhigend isoliert zu zeigen, entspannt und entspannend beinahe, den Charakteren gerade dadurch ihre Würde zu lassen, indem er ihnen nie zu nah auf die Pelle rückt. Den Leser zwar ahnen lässt, dass da was brodelt in den mitunter geschundenen Körpern, den verdreht-verkorksten Seelen und – ganz wichtig – hinter den Gesichtern, die zu keinem Zeitpunkt Fassaden sind. Deren Träger bei allen zu ahnenden dunklen Flecken in der eigenen Vita vielleicht auch deswegen so unbeschwert, beinahe frei wirken, weil sie sich an diesem entrückten Ort und in dieser Gesellschaft erstmalig keine Mühe geben müssen, irgendwem zu gefallen, irgendwas zu sein, sonst einer gesellschaftlichen Vorgabe zu gehorchen. Die Geschichte, die sich hier langsam herausschält ist die von vier einander Fremden, kaum unter einen Hut zu bringenden Menschen, deren einziger gemeinsamer Nenner der vielleicht unvereinbarste aller gemeinsamen Nenner ist, in seiner Anmutung und Prägung zugleich aber der vielleicht tiefste und am meisten verbindende, den die Menschheit kennt: Alle vier sind Geflüchtete, noch immer Flüchtende.

Salih Jamals Erzählung besticht dadurch, dass er sich geradezu verweigert, die diversen Schicksale konkrete auszuleuchten. Das ist auch gar nicht nötig, zu bekannt sind diese Schicksale, auch oft genug verbal durchdekliniert. Ein sehr überzeugender literarischer Ansatz, den eigenen Figuren gerade dadurch mehr Raum zur Entfaltung zu geben, in dem man weniger über sie erzählt, sie nicht immer nur auf das große üble xy in ihrer Vita reduziert. Und es stimmt ja auch, wir wissen genug darüber, was Frauen dazu bringt, sich selbst zu verletzen oder ihren Mann umzubringen, was ein Kriegskonflikt gerade auf dem afrikanischen Kontinent für Männer bedeutet, dass auch das Gemetzel im ehemaligen Jugoslawien 25 Jahre später psychologische Spätfolgen kaum für möglich gehaltener Art in petto hat.

Als zwei vermutliche Polizisten sich undercover im Hotel einnisten, bekommt Mimi kalte Füße, beschließt weiterzuziehen, die anderen drei schließen sich ihr semi-freiwillig an. Wodurch der Autor uns in die illustre und psychologisch tief blickende Situation versetzt, vier Geflüchtete zu erleben, die aus diversen Handlungsoptionen ausgerechnet die wählen, weiterhin Geflüchtete zu sein. Den Plot von „Das perfekte Grau“ hier weiterzuerzählen ist schlicht unnötig, ist wie bei allen multipel geschichteten Weichzeichner- (oder auch on-the-Road-) Romanen der Weg das Ziel. Und so sind es die vielen Reflexionen und Einsichten rund ums menschliche Suchen und Finden, ums Ankommen und sich verlieren, die dieses Buch erstrahlen lassen. Zwei Beispiele? Gerne:

„Wer das Glück verlangt, betrügt sich um das Leben.“

„Das Leben ist das, was zwischen der Suche nach Glück und der Flucht vor Problemen noch übrig bleibt.“

Der Roman ist voll mit derlei Sätzen, die es anzumarkern, auch herauszuschreiben, herauszulösen und isoliert von Geschichte und Charakteren zu betrachten lohnt. Jamal scheint ein unerschöpfliches Reservoir an derlei weiser Poesie zu besitzen, eine Stärke, die zu der einzigen kleinen Schwäche des Buches führt. Denn so reflektieren, formulieren, reden können nur ganz wenige Menschen. Das ist ein derart seltenes Talent, dass es einen schon stutzig macht, dass wir hier gleich vier Personen auf engstem Raum haben, die sich solche Verbaldiamanten permanent um die Ohren hauen können. Nun mag man einwenden, dass Flucht und Leid zwangsläufig weise machen und genau das das einigende Band darstellt, dass man derlei hochwertige Sentenzen en masse aussprudeln kann. Ich selber musste gerade bei Rofu, dessen Sprachprobleme Jamal zuvor sehr gut und auch humorvoll schildert, um ihn dann Dinge sagen zu lassen, für die ein Schiller und ein Goethe getötet hätten, dennoch jedes Mal denken, dass hier eindeutig der Autor aus vier Mündern zu uns spricht und nicht vier unterschiedliche Personen uns ihre individuellen Lebenslehren mitteilen. Das tut dem Buch aber offen gesagt keinen Abbruch, gehört unterm Strich vielleicht sogar zu dem, was hervorragenden Weichzeichnerkunst ausmacht, ein perfektes Grau erst ermöglicht. Die Möglichkeit, mittels Wischtechnik vordergründig zu kaschieren, hintergründig genau dadurch jedoch ganz neue, kein Stück abgestandene Einsichten erstehen zu lassen.

Dass wir Menschen doch alle – irgendwie und eigentlich – eins sind, ist ein zwar schöner, letztlich aber verdammt ausgelatschter Spruch, derart überfrachtet mit Kitsch, dass man ihn schon gar nicht mehr denken, geschweige denn Kultur daraus machen möchte. Von 100 Kunstwerken, die mir das erzählen wollen, sind 99 für die Tonne, unglaubwürdig und gewollt. Dass „Das perfekte Grau“ das eine andere Werk ist, liegt am Verwischten, am Milchglas. Am Hinschauen durch Wegschauen.

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Ein Kommentar zu “Das perfekte weich. Soeben ausgelesen: Salih Jamal – „Das perfekte Grau ( 2021)

  1. Bludgeon
    13. August 2021

    Hm. Wieso musste ich hier dauernd an Kruso denken? Die überdrehte und überschätzte Hiddensee-Saga gefiel mir überhaupt nicht. Die Rezi hier macht aber neugierig auf die vier Glücksucher.

    Gefällt 1 Person

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 13. August 2021 von in 2021, 5 Sterne, Jamal, Salih, Nachrichten, Soeben ausgelesen und getaggt mit , , , , , , .
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