David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – bipolarer Bedenkenträger

Drecksgrützenbeziehungen. Soeben ausgelesen: Jonathan Franzen – „Unschuld“ (2015)

von David Wonschewski

Vorabfazit: 4 von 5 Sternen

Erinnern Sie sich noch daran, wie Drecksgrützenbeziehungen genannt wurden, bevor es total en vogue wurde, mit schmerzbebenden Lippen beständig von „toxischen Partnerschaften“ zu fabulieren? Man nannte es Drecksgrützenbeziehungen, ganz einfach. Und wissen Sie noch, wie man den fiesen einengenden Ego-Shooter-Partner nannte, bevor 80 Prozent der Deutschen gleichsam über Nacht das hübsche Modeprädikat „Narzisst“ angeheftet bekamen? Vollhorst nannte man die oder Obertriene. Und wenn es daran ging zu erklären, warum eine Beziehung auseinanderbrach, dann wäre damals, in den guten alten Zeiten, auch niemand auf die Idee gekommen, was von „ich war nur Projektionsfläche“ daherzuquatschen. Man machte einfach Schluss, weil, naja, lief nicht mehr so dolle zwischen Stefan und mir, hatte ich mich einfach auseinandergelebt mit Angelika. Selbst ein veritabel-tradioneller Schlussmachgrund wie „Eifersucht“ ist ja mittlerweile stark aus der Mode gekommen. Vermutlich zu plump, um damit hausieren gehen zu wollen. Projektionsfläche klingt einfach wesentlich steiler. Man hat ja studiert. Beziehungsweise war mal an der Uni. Oder wohnt zumindest in einer Stadt mit Uni. Oder kennt wen, der in einer Stadt wohnt, wo eine Uni ist.

Manchmal, wenn ich mich nach der guten alten Zeit sehne, murmel ich so Sätze vor mich hin wie „Vollhorst Stefan und Obertriene Angelika haben ihre Drecksgrützenbeziehung beendet, weil, naja lief nicht mehr so gut in letzter Zeit.“ Das hat so herrlich wenig von diesen zeitgemäßen Pseudopsychologismen, dass es mich regelrecht befreit, kopfentlastet. Dabei bin ich kein Stück anders, ich will mal nicht so tun. Wie wir alle bin auch ich ein kleiner Freud, es genügt mir nicht jemandem gesteigertes seelisches Asitum vorzuhalten, ich will das Ganze auch schön ausformulieren, je mehr Fachbegriffe und Psychologenchinesisch drin sind, umso besser. Woher diese weitverbreitete Leidenschaft kommt sich zu gebärden als hätte man diverse Universitätsabschlüsse in Psychologie in der guten alten „Täsch“, keine Ahnung. Jedenfalls greift es um sich. Wer neuerdings nicht alles Depressionen hat, wer neuerdings nicht alles hochsensibel ist.

Ich zum Beispiel. Ha.

Die Fallzahlen gehen auch deswegen so hoch, weil man sich neurdings nicht mehr die Mühe macht, sich das in raumgreifenden Untersuchungen an der Charité oder sonstwo fundiert bestätigen zu lassen. Gut, für eine der oben genannten Mentalschieflagen habe ich sogar so einen Wisch von dort. Hängt eingerahmt über meinem Bett, des Morgens fällt mein erster Blick darauf und gibt mir ein grundgutes Gefühl. Narzissmus wollte man mir noch nicht bescheinigen, ignorante Medizinerbande, aber, hüstel, ich arbeite dran. Zertifizierte Schwachsinnszeugnisse sind ja letztlich das Gütesiegel des Romanschriftstellers. Wobei richtige Literatur natürlich anders geht, ohne dieses ganze Psycho-Fachgespacke. Auf Weltniveau gibt es das sogar. Es gibt Autoren die es schaffen das toxische, narzisstische, hochsensibel-depressive Gehabe verletzter Verliebter vorzuführen – ohne diese Plakatbegriffe auch nur ein einziges Mal zu nennen.

Als ich vor einigen Monaten „Mein Leben als Mann“ (1974) von Philip Roth las, begegnete ich zum ersten Mal so einem toxischen Beziehungsbuch (Rezension: HIER). Ein Buch wie Albees Drama „Wer hat Angst vor Virgnia Woolf?“ (1966), Hassliebe derart intensiv serviert, dass man den Mund nicht zubekommt, körperlich geschafft ist nach einigen Seiten der Lektüre. „Mein Leben als Mann“ ist das einzige Buch, das mich dazu brachte laut auszuschreien wegen dem, was sich Liebende da an Psychokrieg antun. Man muss dazu allerdings auch sagen, dass ich enorm hochsensibel bin (Dokument reiche ich nach). Und nun „Unschuld“ von Jonathan Franzen. Ein Roman, der nicht ganz an seine Bücher „Die Korrekturen“ (2001) oder „Die 27ste Stadt“ (1988) herankommt. Der aber einen Beziehungssubplot bereithält, der mir als verbalisiertes Dornengestrüpp so weh getan hat, dass ich ganz verschorft daraus hervorgetaucht bin.

Zum Inhalt: Die Amerikanerin Pip Tyler ist Mitte 20, hat mehrere Zehntausend Dollar Collegeschulden, ist auf Gedeih und Verderb an ihre depressive Mutter gebunden und hat ihren Vater nie kennengelernt. Was sie dadurch kompensiert, dass sie – Überraschung – auf ältere Männer steht, allerdings auch nur die, die – wieder Überraschung – nun wirklich unerreichbar sind, klar. Pip hat einen für ihre Qualifikationen entwürdigenden Callcenter Job in dem sie den ganzen Tag in einem Großraumbüro hockt, widerliche Kaltakquise betreibt und sich vom natürlich verheirateten Chef belästigen lässt. Habe ich was vergessen? Achso, ja, Pip heißt natürlich nicht „Pip“, ihr wirklicher Vorname ist „Purity“. Wer will es ihr verdenken, dass sie den lieber verschweigt.

Besser wird ihr Leben erst, als sie die Deutsche Annagret kennenlernt. Die mit seltsamer Inbrunst versucht Pip in den bolivianischen Urwald zu locken. Wo ein weltberühmter charismatischer Whistleblower total undercover seine Internetjünger um sich schart. Gut, es sind vor allem Internetjüngerinnen, die ihn dort umschmeicheln, alle jung, alle privilegiert aufgewachsen, hochgebildet und natürlich hübsch. Pip passt da mal so gar nicht rein, findet sie. Und auch ihrer Mutter ist klar, dass dieser Whistleblower in seinem sektenähnlichen Sozialgebilde im Busch mit Sicherheit so einiges vorhat – die Welt retten aber vermutlich eher nicht.

Pip geht dennoch, widerstrebend zwar, aber sie folgt dem Ruf des wesentlich älteren Mannes. Andreas Wolf heißt er im Übrigen, ist in der DDR aufgewachsen und hat sich dort bereits mit der Stasi angelegt, konnte sich über die Wende 1989 dann aber nicht so richtig freuen, musste mit der deutschen Einheit sofort untertauchen. Aus…Gründen. Jetzt, im bolivianischen Urwald hat er aber einige gute Argumente in petto, warum Pip seinem Lockruf folgen soll: Er tilgt ihre Schulden und er hilft ihr, ihren Vater zu finden. Dessen Existenz ihre Mutter hartnäckig verschweigt. Und so macht Pip sich auf nach Bolivien…

Autor Jonathan Franzen äußerte während der zwei Jahre, in denen er an dem Buch arbeitete den zutreffenden Selbstvorwurf, er habe nunmehr die Illusion aufgegeben, jemals einen Roman von unter 200 Seiten schreiben zu können. Und in der Tat, fast 830 Seiten fett ist das Buch mal wieder, semmelt sich wie immer bei Franzen aber flockig weg, als wären es, tja, 400. Warum Franzen ein Literaturstar ist, wird auch bei dieser „Unschuld“ überdeutlich. Eine gekonnte Melange aus Psychologie, Politik, Geschichte und, tja, Gesellschaftskunde, kein Stück anstrengend, Vorwissen muss man im Grunde auch keines mitbringen, Franzen kann jeder und schafft auch jeder. Das Ganze erinnert in seiner breiterzählten amerikanischen Wuchtigkeit mitunter an Richard Russo, wenngleich Franzen, man muss es ja heutzutage erwähnen, deutlich feministischere Züge aufweist ohne sich – und das erfreut den Russo-Fan – diesem ach wie hippen Zeitgeistthema allzu billig anzudienen. Er erzählt uns eine Geschichte von einer zutiefst verletzten Frau, die in einer patriarchalen Welt aus Ego-Shootern ihren eigenen Weg zu gehen versuchte, scheiterte und sich auf die vielleicht einzige mögliche Weise zur Wehr setze – indem sie sich allen Perspektiven und Chancen, allen Menschen entzog. Nur ihrer Tochter nicht, die sie – und hier fängt der blendend eingefangene Konflikt an – mit der Wucht einer liebenden Mutter gleich mitentzog. Und sich hartnäckig weigert, ein Unrecht darin zu sehen, ist doch sie das Opfer ihres Vaters, ihres Ex-Mannes, einer männlich geprägten Welt.

Franzens großes Plus ist sein gekonntes Spiel mit der vermaledeiten Täter-Opfer-Umkehr. Kaum hat er den Leser für die Position eines Charakters eingenommen, stellt er uns die Position eines anderen vor und man kommt kaum umhin, sich einzugestehen: ist auch was dran. Ich bin mir zwar nicht sicher, ob Franzen ein großes Lob ausgerechnet von mir noch braucht, kriegt er aber dennoch auch für seinen Spannungsaufbau. Franzen erzählt den Roman aus wechselnden Perspektiven, arbeitet dabei gekonnt mit Zeitsprüngen und lässt den Leser Kapitel für Kapitel immer wieder neue Aha-Erlebnisse erfahren.

„Unschuld“ ist schlichtweg Weltliteratur, etwas anderes zu behaupten wäre grotesk. Dass das Buch von mir „nur“ 4 Sterne bekommt anstatt 5 ist dem Umstand, dass ich drum weiß, dass Franzen seine Plots meisterhaft komponeren kann. Das hier aber eher meisterhaft konstruiert ist, was ab und an zu deutlich hervorsticht.

Weitere andere Rezensionen lesen? Zur Auswahl geht es: HIER.

3 Kommentare zu “Drecksgrützenbeziehungen. Soeben ausgelesen: Jonathan Franzen – „Unschuld“ (2015)

  1. Bludgeon
    27. August 2021

    Lobend. Sehr lobend erwähnt. Aber kein Scheiß: Von dir würde auch ein Verriss fetzen.

    Gefällt 1 Person

  2. davidwonschewski
    27. August 2021

    Hab‘ Dank für die warmen und dadurch wärmenden Worte, Bludg. Keine Ahnung ob die Kurzfrm deines Nicknames zulässig ist, habe aber gerade mal nachgeschaut was das eigentlich heißen könnte, fabuoiere zwar den halben Tag auf English, das Wort aber war mir neu. Wieder was gelernt.
    So, du hast es geschafft, den Casey habe ich mir plump bestellt, obschon ich nicht recht weiß, ob du ihn in deinem Kommentar lobend oder missbilligend erwäht wissen wolltest…. In neu gar nicht mehr zu haben, nur gebraucht. jaja, der Zahn der Zeit, dabei ist der sooo alt auch wieder nicht…

    Gefällt 1 Person

  3. Bludgeon
    26. August 2021

    MannMannMann wat ne starke Einleitung mal wieder!
    Was würde einer wie du für eine Rezi über den “ Traum des Dick Pierce“ verzapfen? Is von John Casey. Auch so ein Angebot für Hobby-Freuds.
    Was nun dieses Werk der Unschuld hier angeht: Da bleibt das Interesse auf Sparflamme. Eben wegen diesem Feminismus Ding. Das ist mittlerweile inflationäre Seuche. Und es schreiben doch schon übergenug Frauen für Frauen.
    Frauenschicksale in Buchform nur noch von Heyse und Spielhagen.

    Gefällt 1 Person

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 31. August 2021 von in 2000 - 2018, 4 Sterne, Franzen, Jonathan, Nachrichten, Soeben ausgelesen und getaggt mit , , , , , , , .
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