David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – bipolarer Bedenkenträger

Der Wolf, das Lamm – Hurz! Soeben ausgelesen: Dietmar Dath – „Die Abschaffung der Arten“ (2008)

von David Wonschewski

Vorabfazit: 5 von 5 Sternen

Wie die meisten Menschen, die sich in den sozialen Netzwerken tummeln, halte auch ich mich für ziemlich intelligent, unsagbar vielwissend, weltweise geradezu. Ich fürchte das ist normal unter uns Senfdazugebern. Dass es aber auch in meinem Hirn noch einige für mich unerreichbare Geisteslevel geben muss, diese zermürbende Erfahrung mache ich regelmäßig. Denn manche Sachen, die raffe ich einfach nicht, da reicht mein Mentalhorizont offensichtlich nicht für. So erlebe ich es zum Beispiel seit vielen Jahren, dass sich Leute in gewissen Kreisen öffentlichkeitswirksam für Vielfalt, Toleranz und Multikulturalität aussprechen, was ich in der Sache ja total unterstützenswert finde, schon den Finger auf dem „Like“-Button habe, klickend loben möchte. Dann aber über diesen Nachsatz stolpere, der öfter kommt als mir lieb ist: „Und gegen Schubladendenken bin ich auch!“.

Egal wie ich es drehe und wende, bei der Überlegung wie man zeitgleich „für Vielfalt“ und „gegen Schubladendenken“ sein kann, lande ich immer bei logischem Vollschrott. Das Eintreten für Vielfalt ist doch das Anerkennen, Respektieren vielleicht sogar Feiern der vielen faszinierenden Schubladen, die das Leben schafft, bietet. Ja oder nicht? Wer für Vielfalt ist, ist immer auch für Schubladendenken. Und ist bestenfalls gegen das subjektiv Negative, das auf Schublade folgen kann, derweil das subjektiv Positive der Schubladerei sehr gerne mitgenommen wird. Ich bin sehr dafür, wenn man Abtreibungsgegner verdammt, über Coronakritiker lästert und Männerrechtler kritisch hinterfragt. Warum alle diese Leute in letzter Zeit gerade von denen, die sich „für Toleranz“ und „gegen Schubladendenken“ stark machen unterschiedslos und mit Inbrunst gemeinsam in die Box mit der Aufschrift „rechts“ gematscht werden – ach, hätt‘ ich bloß zu Ende studiert, ich würde es vielleicht begreifen. Geistig limitiert, wie ich bin, lese und höre ich bei derlei Leuten immer nur Opportunismus und argumentative Hilflosigkeit heraus. Naja und eben: Schubladendenken.

Vielleicht bin aber auch ich hier der Hilflose, mag sein. Denn ich bin – mich jetzt bitte nicht erschießen, niederknüppeln oder schlimmstenfalls gar gendern – Freund des gepflegten Schubladendenkens. Woher dieses Unbehagen kommt dazu zu stehen, liegt auf der Hand: Jeder Massenmord oder Genozid wäre ohne die Grundsubstanz Schubladendenken kaum denkbar. Wie auch jedes Gefühl von erlittener Ungerechtigkeit, Diskriminierung bis hin zur kleinsten Kränkung sich zuvorderst über Schubladendenken angehen lässt. Ob die Schublade dabei wirklich der Grund für all das Ungemach ist oder ob es – das denke ich – nicht eher ein Treiber ist, der immer erst einsetzt, wenn Menschen zuvor viele andere Dinge versaubeutelt haben, nun, wir werden es wohl nie erfahren. Für mich gehört „Schubladendenken“ zu den Begriffen, die zu Unrecht einen derart schlechten Ruf haben. So wie beispielsweise auch der „Schmerz“ oder die „Angst“. Was wären wir die nicht gerne ein für allemal los, was betreiben wir mitunter für einen Aufwand, um sie loszuwerden. Dabei war ein Mensch ohne Angst und Schmerz schon immer nur eines: todgeweiht. Gilt für die Schublade genauso. Den Ausritt in die Menschheitsgeschichte und die Zeit, in der wir noch in kleinen Gruppen durch die Savanne zogen und wo das klare und schnelle Definieren des „Anderen“ überlebensnotwendig war, spare ich mir mal. Leugnet zwar kaum einer, doch verweisen viele darauf, dass anno 2021 doch durchaus mal über frischere Sozialmodelle nachgedacht werden darf, anstatt sich halsstarrig immer auf den gleichen Prä-Steinzeit-Schmonz zu berufen.

Klar darf man das, warum die Menschheit es bis ins Jahr 2021 geschafft liegt schließlich auch an der einzigartigen Fähigkeit der Fortentwicklung. Was nicht mehr trägt, wird seit jeher abgesondert, kompromisslos aussortiert. Warum also nicht auch dieses Verharren in Schubladen? Womit wir also bei der Zukunft und dem Roman von Dietmar Dath angekommen wären. Eine Welt, in der es keine Schubladen gibt, alle gleich sind, der große Naturmischmasch herrscht – wäre diese Welt automatisch besser? Ganz abgesehen davon, dass das natürlich seit jeher passiert und unausweichlich ist – ich selbst bin eine deutsch-polnisch-rumänische Promenadenmischung – ist die kritische Auseinandersetzung damit natürlich nicht sonderlich angesehen. Denn selbst wenn einer eher abstrakt darauf verweist, dass feste Strukturen und Systemschnittstellen, Grenzen, hierarchische Systeme, ja sogar der vermaledeite Geldkreislauf vermutlich einer der größten Gewalt- und Kriegsverhinderer sind, dann riecht das auch schon wieder, wir ahnen es: total nach rechts.

Warum ich dem Schubladendenken freundlicher gegenüberstehe als viele andere Menschen, liegt an weniger heftigen Umständen als den oben geäußerten, sondern an geradezu lapidaren und vielfältigen Erfahrungen damit. Dass das Verschwinden von Schubladen zu mehr Gewalt führen wird, ist dabei sogar zu vernachlässigen. Dann wird die eine Gewalt halt durch die andere ersetzt, immerhin haben wir was versucht. Daran wird die Menschheit auch weiterhin nicht zugrunde gehen. Zugrunde gehen wird sie aber daran, dass sie sich ohne Schubladen, ich muss das so pathetisch sagen, im All verlieren wird. Es ist dabei sehr hilfreich – so wie Dietmar Dath es in „Die Abschaffung der Arten“ macht – sich neben den großen Fragen vor allem die ganz kleinen Fragen zu stellen. Der Begriff „Menschheit“ ist eh viel zu groß, um vom Individuum durchdacht zu werden, also schrauben wir es runter auf das Ich. Als Musikjournalist habe ich über 500 Plattenbesprechungen geschrieben. Wer sich an so etwas versucht, landet schnell bei der Schublade, Bewertung und Verschriftlichung von Kunst vorzunehmen ist ohne Schublade kaum möglich. Künstler selbst hassen es zumeist in Schubladen gesteckt zu werden, selbst wenn es positiv gemeint ist. Wie aber kann ich als Autor Lesern einen Sound, den sie nicht kennen, mit Worten begreiflich machen? Ohne freches Einsortieren in ein Genre (das ist Jazz mit einer Prise Chanson!) und berühmte Bezugsgrößen (klingt wie Reinhard Mey im Autoscooter!) ist eine Musikrezension kaum zu schreiben. Klar geht das, führt nur dazu, dass der Leser das nicht nur total öde findet, sondern nach der Lektüre null Ahnung hat, ob das nun eine intensivere Beschäftigung wert ist oder nicht. Das ist mit diesem Text hier nicht anders. Wie in allen meinen Rezensionen muss ich zuerst schauen, in welcher Schublade ich mich eigentlich befinde, um darauf aufbauend dann mein Verhältnis zum gelieferten Buch halbwegs fair beleuchten zu können. Und es ist ja nicht so, dass Künstler bzw. speziell Musiker selbst das nicht wüssten. Allein welche Klamotten ein Musiker trägt, ist ja schon Teil der Marken- und Zielgruppenbildung, ergo ein Einlassen auf Schublade. Umso betont weniger Mühe ein Musiker sich mit seiner Garderobe gibt, umso mehr Schublade ist er faszinierenderweise. Der Chansonnier Klaus Hoffmann hat mir mal erzählt, dass er in den 70er-Jahren von seinen ebenfalls recht bekannten Liedermacherfreunden (Wader, Mey etc.) ganz schön Lack bekam, weil – während alle auch auf der Bühne ihre schluffigen Freizeitlooks trugen – nur er zu Konzerten piekfein in Anzug und gebügeltem Hemd erschien. Welchem Zwang er sich denn da unterwerfe, wurde er gefragt. Als Einziger hier in der Runde offensichtlich keinem, gab Hoffmann dann zur Antwort. Wer in den dreißig Jahren seit der Wende mal durch den kreativen Berliner Künstler- und Studentenbezirk Prenzlauer Berg gelaufen ist, kennt dieses hoffmann’sche Gefühl vermutlich. Uniformierter kann ein Bezirk kaum sein, mehr unfreiwillig aufrichtigem Bekenntnis zur Schublade bin ich selten begegnet.

Von Genozid zur Kleidung von Musikern, das ist ein heftiger Sprung, stimmt schon. Der lediglich aufzeigen soll, dass die Forderung „Weg mit Schubladendenken“ einfach formuliert ist, aber zu tief und divers in uns sitzt, um mit gutem Willen mal eben so ausgemerzt werden zu können. Zumal das Paradoxe daran ist, dass je emsiger ein Mensch dagegen aufbegehrt, er tiefer und immer tiefer ins Schubladendenken rutscht. Man muss keine Emma-Herausgeberin sein, um das zu belegen. Tod im Treibsand, Inspektor Gutgemeint nimmt die Ermittlung auf.

Nun, wo ich die „Abschaffung der Arten“ von Dietmar Dath gelesen habe, könnte ich noch hundert leichte, mittelschwere oder auch schwer verdauliche Beispiele anreißen, warum, in meinen Gedanken, Schublade eher wichtig und gut als unwichtig und schlecht ist. Dath hat das alles wachgerufen, aufgerufen, durchgeschüttelt. Alle zwei Seiten bin ich abgedriftet in meine eigenen Erfahrungen mit Schubladen, sei es als Täter, sei es als Opfer. Vom konkreten „es ist doch gerade das Trennende, warum Frauen und Männer Beziehungen eingehen und das diese überdauern lässt“ über das statistisch weder zu beweisende, noch zu widerlegende „Schubladendenken schützt mehr Menschenleben als es auslöscht“ bis hin zum verschwurbelten „wenn jeder alles ist, ist keiner mehr was“ ist in alle Richtungen was dabei. Von der Meinung, dass die Abschaffung der Schublade – oder eben „aller Arten“ – für die Menschheit weitaus gefährlicher und diese auch nahe liegender ist, als es ein alles auslöschender Atom- oder Meteoriteneinschlag je sein könnte, tja, ich fürchte davon wird man mich nach der Lektüre von Dath endgültig nicht mehr abbringen können. In mir vorhanden war das schon immer, es für mich selbst halbwegs artikulieren kann ich es erst jetzt, Dath sei dank. Wir alle brauchen die Schublade, wir wollen die Schublade. Und es hat schon seinen guten Grund, dass Menschen, die nicht in Schubladen denken, mir bisher noch nicht begegnet sind, noch zu keinen Zeiten und an keinem Orte gesichtet wurden.

Wer nun, wie eingangs angeboten, hier einen deutlichen Mangel an Gehirn bei mir entdeckt – man lasse mich raten, auch ein Mangel an Gehirn ist automatisch „total rechts“ – sollte sich dringend mit diesem Roman beschäftigen, ihn lesen. Wenn man mich nicht für voll nimmt, kann ich das verstehen. Dietmar Dath aber hat das, was wir in meiner Jugend ’n Kopp wie’n Rathaus! nannten. Darum direkt die Vorwarnung: Auch wer ein Studium der Physik oder Philosophie (günstigstenfalls beides) absolviert hat, wird bei der „Abschaffung der Arten“ permanent an seine Grenzen stoßen. Leichte Lektüre ist das definitiv nicht, lustig stellenweise schon.

Der reichlich unverständliche Plot als solcher ist dabei relativ einfach erzählt: In einer nicht genau bezifferten Zukunft liegt die Gattung Mensch am Boden, die Tiere sind jetzt am Drücker. König ist, natürlich, ein Löwe, privilegierte Positionen kommen aber auch Dachsen, Wölfen, Libellen, Fischen zu. Der Machtwechsel von Mensch zu Tier wurde eingeleitet, als Tiere intelligent wurden und die Fähigkeit entwickelten zu kommunizieren. Nicht nur von Wolf zu Wolf und von Tiger zu Tiger, sondern auch von Frettchen zu Schlange. Die Menschen sind größtenteils ausgerottet, versprenkelt leben noch einige abgewrackte Individuen in Unterschlüpfen oder aber in Gettos, in die die Tiere gerne nach Feierabend eindringen, um sich – herrje, wie beschreibe ich das möglichst sanft – dort so zu geben, wie wir uns auf St. Pauli geben. Damit jetzt hier kein falscher Verdacht aufkommt, natürlich treiben es nicht Elefanten mit Mäusen oder Hunde mit Fliegen, das wäre ja Quatsch. Die neuen Nutten sind hier ausschließlich die Menschen, besprungen von allen Tierarten. Man würde nun gerne sagen, das sei aber doch genauso ein unrealistischer Quatsch, aber, ehm, naja, jeder der heutzutage einen Browser hat, erhält zwangsläufig einen anderen Zugang zur Realität.

Heftiges Thema? Ja. Zumindest wenn man sich in der Schublade verbarrikadiert hat. Wenn man bereit ist mal rauszuschauen, Luft reinzulassen, dann wird es schon einfacher. Die Natur schlägt zurück, das wissen wir alle. Wenn ab und an die Beine für einen Grizzly breitzumachen alles ist was uns Menschen blüht, ich fürchte, dann können wir uns sogar noch glücklich schätzen. Und überhaupt – here we go – haben wir Sodomie-Leugner hier doch ein total antiquiertes Schubladendenken. Denn wenn jeder Mensch mit jedem darf und wir alle Tiere eh schon lieben, dann ist dieser nächste fiese Ekelschritt doch nur folgerichtig. Apropos: Nur eine Frau darf entscheiden, was mit ihrem Körper geschieht, da sind wir ja mal alle für. Und wenn sie sich via Schwangerschaft in die höhere Klasse retten will und die höhere Klasse nunmal gerade aus, sagen wir Alligatoren besteht? Willst du konservativer Menschenspießer ihr das Austragen einer süßen Alligator-Mensch-Mutation verbieten, oder was?!? Besser nicht. Wäre nämlich mal sowas von human-patriarchal, die Angst des Menschenmannes sein Monopol auf Fortpflanzung zu verlieren und damit: übelst rechts.

Bevor nun der Eindruck Überhand gewinnt, wir hätten es hier mit einem Sodomistentraum von einem Buch zu tun, kein Stück. Die soeben genannte Thematik taucht jedoch fast zu Beginn des Romans auf und zeigt deutlich auf, dass wir es bei Dietmar Dath mit einem Autor zu tun haben, der sich in seinen hochphilosophischen Zukunftsvisionen aller herkömmlichen und eingefahrenen Denkweisen zu entledigen trachtet, was zuvorderst funktioniert, wenn man moralische, rein von Menschenhirn erdachte Kunstfesseln abzulegen versucht. Und so widerlich die Vorstellung von menschlichem Sex mit Tieren für (hoffentlich) uns alle auch ist – es ist eine der einfacher zu konsumierenden Stellen in diesem Kracher von 550 Seiten. Denn diese Tiere sind eben keine Tiere im herkömmlichen Sinn mehr. Solche gibt es zwar auch noch auf der Erde, diese herrschende Klasse aber sind sogenannte „Gente“. Nicht nur intelligent und sprachbegabt, sondern auch Mischwesen. Manifestationen anderer Entwürfe, eine Melange verschiedener Tiere, zudem mit allerlei technischem Schnickschnack ausgestattet. Der Wolf hat Anteile der Schildkröte, der Fuchs erinnert sich noch an sein Sein als Schmetterling und wenn der Dachs Bock auf Menschenhände hat, na, dann lässt er sich halt welche an den Körper machen. Ob mit fünf oder sechs Fingern entscheidet er nach Tagesform. Und noch mehr: Die Gente haben mitunter irrsinnig lange Namen. Was daher kommt, dass sie das Ergebnis von sich immer weiter fortentwickelnden Ideen sind, geschuldet dem Versuch, den Ansprüchen vieler gerecht zu werden, die sich nun alle in dieser Gente-Existenz wiederfinden. Auch das kann man, wie die Sodomie-Zumutung, im Hier und Jetzt des Jahres 2021 getrost als kompletten Unfug bezeichnen. Es sei denn, man heißt seit der Eheschließung Barbara Schulte-Gamböck und führt einen Social Media-Account unter dem Namen „Biene64“. Oder steht, wie aktuell Frau Giffey, einem Ministerium vor, dessen offizieller Name in seinem Aufzählungswahn jetzt schon etwas absurd anmutet, in den nächsten 20 Jahren aber gewiss noch einige weitere Bestandteile erhalten wird. Alles total berechtigt, letztlich aber auch nichts anderes als das, was Dath hier eben 15 Stufen weiterdenkt. Man verzeihe mir im Übrigen, wenn ich bei meinen Beispielen aus dem Buch unter Umständen die falschen Tiere nenne, es geht halt drunter und drüber bei Dath, vielleicht war derdie mit den angeschraubten Menschenhänden gar nicht Idee von Dachs, sondern Vorstellung von Libelle. Ist aber mumpe, wenn jeder alles ist und sein kann und Zuschreibungen nur noch als wortgewordene systematische Unterdrückung erachtet werden. Da sind halt welche, die machen was, lassen aber auch was bleiben und dann passiert was oder auch nicht. So ist es gewiss artiger formuliert, ich gelobe Besserung.

Die „Abschaffung der Arten“ ist prallvoll mit Überlegungen, die nur so lange als etwas spinnert daherkommen, wie uns nicht einfallen will, dass wir die entsprechenden Ansätze kennen, weil sie längst Teil der Spezies Mensch und unseres Alltags sind, Dath sie letztlich nur dem aktuellen Stand der Menschheit entnommen und weitergedacht hat. Dath erweist sich dabei als ein utopischer Spieler, ein so eigensinniger wie flexibler Gedankenexperimentator, der keine Berührungsängste auch vor fragwürdigsten Ideen kennt, die zu prüfen sich definitiv lohnt. Und sei es nur, um danach zu wissen, wohin man definitiv nicht will. Radikal ist Dath nicht, weil er auch dahin geht, wo es uns wehtut, sondern weil er keinerlei Mitleid mit der Menschheit kennt. Lässt man sich auf ihn ein, so katapultiert er den Leser nicht nur mit seiner Zukunftsgeschichte ins nächste oder auch übernächste Jahrtausend, sondern auch mit den vielen, zumindest von der Masse noch nicht gestellten philosophischen und sozialen Fragen, die er schonungslos offen zu fragen bereit ist.

Um diesen Weg mit ihm gehen zu können, ist es jedoch unabdingbar, logisch, Dath erst einmal zu verstehen. Ich hörte von Leuten, die es nun wirklich gewohnt sind, sich mit anspruchsvollen Texten zu befassen, die bei Dath jedoch keine 50 Seiten schafften. Dass ich hundert Seiten lang stark an dem Roman zweifelte und erst danach komplett eintauchte und aufging in dem Stoff, ihn in sechs Tagen durchsuchtete, liegt letztlich wohl an einer Grundsatzentscheidung, die jeder Leser relativ schnell fällen sollte. Das erste Hindernis war bei mir, inwiefern ich fähig bin, bei sprechenden Tieren nicht immer nur an Muppet-Show zu denken. Das zweite Hindernis, wie ich umgehen soll mit den unfassbar vielen Fachbegriffen und Fremdworten, bei denen man – das gehört zu SciFi dazu – nie weiß, ob es eine kreative Wortneuschöpfung von Dath ist oder aber eine fette Wissenslücke bei mir. Das Wort „astrogatorisch“ beispielsweise scheint sehr beliebt zu sein in diversen SciFi-Publikationen, klingt auch schlüssig, kennen Duden und Langenscheidt aber nicht. „Jaspisuren“ ist als Wort unbekannt, aber es gibt jaspierte Stoffe, Baumwolle mit marmoriertem Aussehen – aber ob Dath das meint, keinen Schimmer. „Myxamöben“ hielt ich für eine spinnerte Dath-Fortentwicklung von Amöben, ist es aber nicht, Biologen wissen das. Ein Walhai wird einmal als „Ätherschwimmer“ bezeichnet, nie gehört, gibt es wohl auch nicht, da Dath auch nichts weiter erklärt, geht dafür die Fantasie herrlich auf Reisen, durchleuchtet,was das Wort in der Zukunft aussagen könnte. Nur vier von schätzungsweise 400 Begriffen im Buch, die ich hätte nachschlagen müssen. Ganz zu schweigen von einer Unmenge an einfacheren Worten, die man – ich – noch nie gehört habe bzw. hat. Wenn zwei Gente „schuscheln“ oder es „Unschlitt“ gibt, dann klingt das zwar nicht sonderlich kompliziert, ich habe dennoch keinen Schimmer, was mir das sagen soll.

Hindernis Nummer drei schließlich ist, dass Dath sein Thema, also die potenzielle Abschaffung der Arten und Strukturen – auch formal übernimmt, was dazu führt, dass wir oftmals keine Ahnung haben, wer da gerade wann spricht und in welchen Kausalzusammenhang das denn jetzt gerade einzuordnen ist. Dieses Buch zu lesen ist wahrlich so ein bisschen Major Tom-mäßig, man strampelt von allen Menschen abgeknappst semi-ohnmächtig durchs All. Nur dass dieses All nicht dunkel und kalt ist, sondern eher knallbunt, um nicht zu sagen: vielfältig bis zur (für viele Leser gewiss auch über) die Kotzgrenze. Wer die ganz frühen Bücher von Mario Vargas Llosa oder den Nachkriegsklassiker „Mutmassungen über Jakob“ von Uwe Johnson gelesen hat, kennt das so ein wenig. Wenn die Protagonisten dann auch noch Aussehen und Namen ändern und eine „sie“ später gerne auch ein „er“ ist – oder andersherum – dann ist das vielleicht wirklich ein Freudenfest für alle, denen Schubladen und Rollenzuschreibungen ein Dorn im Geiste sind. Ruft im Leser jedoch exakt die Orientierungs- und Hilflosigkeit hervor, die auch auf eine wirkliche Abschaffung der Arten folgen dürfte. Es sind die Gewissheiten, die als erstes flöten gehen werden, es ist der Boden, der uns entrissen wird. Zuvorderst aber, einer von Daths faszinierenden Hauptpunkten, die Kausalzusammenhänge, ohne die wir Menschen nicht Leben können, deren Fehlen uns an den Rand des Wahnsinns treiben wird.

Ich gebe zu, auf den ersten hundert Seiten habe ich mich ein wenig gefühlt wie jene Zuschauer in Hape Kerkelings legendärem „Hurz!“-Realsketch. Wir erinnern uns, als lyrikverkopfter polnischer Tenor verkleidet gab Kerkeling vor aufgeschlossenen und kulturinteressierten, letztlich aber total ahnungslosen Zuschauern eine, nun, expressionistische Widersinnigkeit zum Besten und forderte die sichtlich überforderten Leute danach auf, mit ihm ernsthaft über seine „Kunst“ zu diskutieren. Mit vielfältigen Reaktionen (der entsprechende Clip findet sich noch im Netz). Die Möglichkeit, dass Dath mit seinem Roman einfach nur einen Riesenspaß hat, er seine Leser mit seinem Monsterwissen helge-schneider-mäßig verhohnepipelt, einfach nur um zu schauen, wer sein Buch nach wenigen Seiten in die Tonne feuert und wer so blöde ist, das alles ernst zu nehmen, bis zum bitteren Ende zu lesen und ihn für diesen Quark auch noch mit dem Prädikat „genial“ oder „mutig“ zu adeln. Ein Eindruck, der dadurch unterstützt wird, dass das Buch auch eben immer wieder wahnsinnig lustig ist. Denn Dath, der so schlau war, seine Mammuterzählung auch optisch in viele kleinen Häppchen zu zerteilen und voneinander abzusetzen, lässt seine akademisch-verkopften Darstellungen immer wieder herrlich mit Gossensprache und Alltäglichkeiten kollidieren. Da hat ein Quasi-Hund nach einem anstrengenden Tag auf Arbeit Lust auf Feierabendbier und geht in die Kneipe, da ist eine Richter-Eule abgenervt vom Gequatsche eines angeklagten Esels, der wirklich ein unsagbares „Gemöhre“ von sich gibt. Derweil ein in Panik versetztes Frettchen ruft: „Schaut da vorne – ach du dicke Pisse!!“, ein zu kurz gekommenes Reptil den Gegnern lautstark hinterher motzt: „Arschlöcher!! Fotzen!!“.

Leider habe ich bis heute Douglas Adams nicht gelesen, doch es kann sein, dass genau diese Situationen den „Per Anhalter durch die Galaxis“-Charme ausmachen, auf den auf dem Buchrücken – neben Verweisen auf Orwell und Philip K. Dick – hingedeutet wird. Die Lektüre war für mich nur deswegen möglich, weil ich – das gelang mit bei Uwe Johnson zum Beispiel nicht – bei Dath nach 100 Seiten in der Lage war, meine eigenen Kausalzusammenhänge zumindest temporär zu vergessen, im fast schon meditativen Sinne loszulassen. Begriffe, die ich nicht kannte oder verstand, nicht mehr nachzuschlagen, sondern einfach durch mich hindurchfließen zu lassen. In Fantasy- und SciFi-geübte Leser können so was gewiss spielend, wenn ich hingegen lese, dass die größten Feinde der Gente sogenannte „Keramikaner“ aus dem Amazonasgebiet sind, die schon noch eine Stufe weiter sind, kein Mensch, kein Tier, kein Roboter, sondern eher Stoffe, die so gar nicht mehr in von Instinkten getriebenen animalischen Humandimensionen wie zum Beispiel „Rache“ und „sich Vorteile sichern“ denken, die eigentlich schon überhaupt nicht mehr denken, sondern auf überlegene Weise einfach sind, dann weiß ich zwar immerhin, dass ich diese feine Idee auch schon bei Stanisław Lem – „Der Unbesiegbare“ (1964) gelesen habe, aber eigentlich immer noch lachen muss, weil das a) so absurd ist und b) mir kein guter Grund einfällt, warum ich das absurd finde.

Ich kann nicht behaupten, dass ich die Lektüre durchgängig genossen habe, dafür sind meine Gedanken zu oft in eigene Überlegungen abgeschweift, gab es zu viele Passagen, die ich nicht begriffen habe. Wie ich überhaupt den Teufel tun und behaupten werde, dass ich den Roman verstanden hätte. Was ich jedoch sehe, ist ein Kopfmonster, das derart viele faszinierende Denkanstöße über unser Zusammenleben auf diesem Planeten enthält, dass ich aus dem Unterstreichen und Zetteleinkleben nicht mehr herauskam. „Die Abschaffung der Arten“ ist eines dieser Bücher, das man wahllos auf irgendeiner Seite aufschlagen, sich zwei bis drei Seiten reinziehen und dann herrlich ins unbestimmte Gedankentrudeln kommen kann. Und wem es hilft: Natürlich lässt sich das Buch zunächst zwar als Absage an jene lesen, die gegen Schubladendenken sind. Wenn Dath zum Beispiel schreibt, dass „die Neigung der Menschenmänner zu Gewalt und der Menschenfrauen zum Gebären die ganze Zeit über die feste Tragsäule zum Arterhalt war und erst als das ins Wanken geriet, alles komplett zusammenbrach“, dann höre ich schon das ganz große feministische, durchaus nachvollziehbare Buuuh! Total rechts! Wenn man dann aber sieht, dass das Weibliche bei Dath auf Länge deutlich besser wegkommt als das Männliche, einem homosexuellen weiblichen Paar und einem homosexuellen männlichen Paar nicht eine, sondern die entscheidende Rolle zugedacht ist, die Gente unsere heutige menschendominierte Zeit rückschauend immer nur lapidar „die Langeweile“ nennen und Dath zum Beispiel auch vor Buchreligionen warnt, da „die Gefahr von Abschreibfehlern zu groß ist“, dann ahnt man, dass sich der Stoff tatsächlich auch ganz anders lesen lässt, man ihn jetzt nicht wirklich konservativ nennen darf. Und das macht für mich ein wirklich großes Buch aus: Jeder Leser trifft darin letztlich sich selbst, erhält die Chance, seine eigenen festgefahrenen Standpunkte zu hinterfragen. Eines dieser Bücher, die man noch so sehr als ausgelesen zuschlagen und ins Bücherregal wegsortieren kann – im Schädel liest man sie weiter und immer weiter.

Im Übrigen bin ich gerade, direkt nach der Lektüre, zufällig am Wohnzimmerspiegel vorbeigelaufen. Habe mich richtiggehend erschrocken: Kopp wie ’n Rathaus für den Moment, der Wonschewski. Aber keine Sorge, bei mir schwillt das schnell wieder ab. Und dann stehe ich wieder da, ich armer Tor. Und bin gewiss so schlau als wie zuvor.

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Ein Kommentar zu “Der Wolf, das Lamm – Hurz! Soeben ausgelesen: Dietmar Dath – „Die Abschaffung der Arten“ (2008)

  1. ralphbutler
    16. Januar 2021

    Moin David Wonschewski.

    „Nun, wo ich die „Abschaffung der Arten“ von Dietmar Dath gelesen habe“

    Ich sehe oder denke gerade Schach, darum muss ich den Text zweimal lesen. Wie auch immer. Kennst Du das hier?
    https://www.br.de/mediathek/podcast/hoerspiel-pool/folge-01-12-die-abschaffung-der-arten-von-dietmar-dath/109792

    Wenn ja, ignoriere es und ich verbleibe mit besten Grüßen! Ein schönes Wochenende!
    Ralph

    Gefällt 2 Personen

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