David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – bipolarer Bedenkenträger

Schwarzmalen für Anfänger. Das kontroverse Identitätsgespräch. Kiss &  Wonschewski reden über: Mithu Sanyal – „Identitti“ (2021)

Nikoletta Kiss und David Wonschewski, Autorin und Autor sehr unterschiedlicher Bücher, lesen gemeinsam Romane – und streiten. Das Konzept ist denkbar einfach: Sie mailen sich hin und her. Der eine reagiert auf die Äußerungen des anderen, Missverständnisse und aneinander Vorbeireden inklusive. Einfach laufen lassen. Schauen wohin es führt. Ob es überhaupt irgendwohin führt.

In der vierten Ausgabe von „Tanz auf Buchrücken“, haben sich die beiden „Identitti“ von Mithu Sanyal vorgenommen. Das Buch wurde für den Deutschen Buchpreis nominiert und beiden lag viel daran einmal zu schauen, ob hier erneut einfach nur die Lust großer Verlage an möglichst zahnlosen Skandalen, hübsch angedockt an Zeitgeist und Hype Pate standen. Oder ob das Werk tatsächlich Aufrüttelndes parat hält, spannende neue Wege geht, es entlarvend, vielschichtig und erfreulich spritzig ist.

Zum Buch:

Die junge Nivedita Anand, Person of Color (PoC) mit polnischstämmiger Mutter und indischem Vater, kennt sich aus mit Diskriminierung und Identitssuche. Sie weiß, wie es ist, unterdrückt zu werden von der Mehrheitsgesellschaft, heterosexuellen Weißen. Und sie lässt die Welt teilhaben daran, als Bloggerin „Identitti“ beglückt sie ihre Community regelmäßig mit klugen Posts zu Sexismus und Rassismus. Doch Nivedita will noch mehr wissen über ihren Status als Unterdrückte und Abgehängte. Also studiert sie „Postcolonial Studies“ in Düsseldorf, ein Studiengang, der geleitet wird von der charismatischen und medial überpräsenten Professorin Saraswati, einer Lichtgestalt aller Unterdrückten und Diskriminierten. Die auch die provokante Geste beherrscht, wenn sie zu Beginn eines Seminars beispielsweise alle Weißen bittet, den Raum zu verlassen, ihre Vorlesungen seien nur für PoC. Nivedita ist schwer begeistert und mittelschwer verliebt. Nachvollziehbar, dass sie nicht minder geschockt ist, als sich herausstellt, dass Saraswati keine Inderin ist, sondern urtypische Deutsche, Sarah Vera Thielemann heißt und überhaupt: bei ihrer erdunkelten Haut hormonell ein wenig nachgeholfen hat. Als das publik wird, erhebt sich ein Sturm der Entrüstung. Die Konservativen lachen sich halbtot, die Linke verzettelt sich im Umgang damit, diesen Fall einzuordnen, moralisch bewertet zu kriegen. Es sind zuvorderst ihre eigenen Studenten, die Saraswati schlichtweg auslösche, an ihr ein Exempel für übelsten Rassismus statuieren möchten. Und mittendrin, so richtig zwischen den Stühlen, Nivedita. Die noch immer nicht weiß, wie ihre eigene Identität aussieht. Aussehen sollte. Und dementsprechend fragil, aber auch offen für die Rechtfertigungen von Saraswati ist …

David: Juhu, mein erster Roman komplett in Gendersprache! Und es hat gar nicht weh getan, ich musste nicht eines meiner 12000 maskulinen Privilegien abgeben, um das auszuhalten. Wobei, komplett in Gendersprache, stimmt auch nicht. Die hippe, aber entzauberte Post Colonalism Studies-Professorin Saraswati vergisst es ab der Mitte des Romans, wenn sie selbst in arge Bedrängnis durch den „woke“-Mob gerät, auch ab und an…

Nikoletta: Wie du darauf achtest! Ich habe die Sternchen vernommen und mich weder von ihnen beeindrucken, noch stören lassen. Das ist wie ich mit dem Gendern im Alltag umgehe, ich nehme es, wie es gerade kommt.

David: Wenn es zwischendrin vergessen wird, hat meistens entweder Autor/Lektorat geschlampt oder aber es ist eine fragwürdige Intention damit verbunden es ausnahmsweise dann doch gerne maskulin zu belassen. Konnte ich hier aber nicht entdecken, vielleicht war das Teil des Enttarnungsprozesses, das Zurückstutzen der ambitionierten Identitätsprofessorin auf Normalmaß. In Notlagen werden wir bekanntlich alle wertkonservativer. Wie dem auch sei, eines muss man Mithu Sanyal lassen – es dauerte keine 40 Seiten und auch ich fühlte mich konservativer als je zuvor. Privilegiert natürlich weiterhin kein Stück, das wird in diesem Leben wohl auch nichts mehr, aber letztlich doch und immerhin: reichlich gestrig. Diese ganzen hippen Begriffe, die sie in den Roman streut und die in irgendeiner Szene, die nicht meine ist, offenbar arg viel bedeuten. Ich meine, ich war in meiner Berliner Zeit permanent in Schwulenclubs, in den Medien ist auch die halbe Kollegenschaft homosexuell gewesen…das Wort „camp“ habe ich dennoch zum ersten Mal gehört…jemand wirkt total „camp“, musste ich erstmal nachgooglen…. Kamst du komplett ohne „Trendy-Nikoletta / Nikoletta-Trendy“-Übersetzer aus?

Nikoletta: Ich dachte auch, ich wäre zu alt für diesen Roman. Mit unserem zwanzig Jahre alten Slang kommen wir halt nicht mehr weit, David. Aber Sprache ändert sich ja auch stetig. Ich kannte das Gefühl schon in meiner Jugend. Als in Deutschland aufgewachsenes Kind ungarischer Eltern habe ich fast nur mit meinen Eltern daheim ungarisch gesprochen, ein Hochungarisch. In den Sommern in den ungarischen Ferienlagern sog ich dann die aktuellen Wortschöpfungen meiner Altersgruppe auf, um halbwegs dazuzugehören. Wenn ich dann im nächsten Jahr mit demselben, bereits peinlich veralteten Vokabular wieder ankam, outete ich mich schnell als die aus dem Ausland, und das hätte ich immer gern vermieden.

Ich habe also Empathie für Niveditas Suche nach Zugehörigkeit und kann dieses Gefühl, durch alle Ritzen zu fallen, sehr gut verstehen. Ich war selbst in Deutschland nicht deutsch genug, in Ungarn nicht ungarisch genug. Aber Niveditas Identitätsfindungsgewurschtel über dreihundert Seiten zu erleben, bis Saraswati ihr langsam die Augen öffnet, das hat mich doch etwas angestrengt.

David: Na warte mal, Nikoletta. Nivedita leidet darunter, kein – wie sie sagt – Anrecht auf Identität zu haben. Als relativ hellhäutige Tochter einer Polin und eines Inders steckt sie fest im Nirgendwo. Deswegen, und das ist doch sehr gut nachvollziehbar, sehnt sie sich so sehr danach, wird ihre ganze Existenz zu einem Kampf für ihr Anrecht auch eine Identität zu haben, auch irgendwo eindeutig hinzugehören. Sinnigerweise stellt sie ein ähnliches blindtastendes Gefühl nur bei denen fest, die eigentlich ebenfalls kein Anrecht auf Identität haben, weil unnötig und historisch nur als Folgeerscheinung des Kolonialismus entstanden. Gemeint sind Leute wie du und ich, Nikoletta: Weiße Europäaer. Was Identität ist, kennen, dieser Logik folgend, nur PoCs. Alle anderen suchen danach.

Nikoletta: Ja, dann frage ich doch mal provokant: Habe ich als privilegierte weiße Frau überhaupt das Recht, Kritik an diesem Roman zu üben? Müsste ich nicht erst einmal meine Identität ändern, mich aus meiner „Komfortzone herausbewegen, um als Person of Color (PoC) überhaupt erst herauszufinden, wie es sich außerhalb dieser überhaupt anfühlt?“ So tut es Saraswati im Roman.  

Wenn die Identität „weiß“ allein zu dem Zweck entstanden ist, die „Weiße Vorherrschaft“ zu rechtfertigen, wie zu Beginn des Romans erläutert wird, bedeutet dies, ich als Weiße trage die Erbsünde mit mir herum? Wäre ich auch noch deutsch, wäre ich gleich doppelt versündigt. Na, und als Ungarin darf ich mir ruhig auch ein schönes Stück vom historisch versündigten Kuchen abschneiden. Sollte ich nicht lieber schweigen?

David: Stimmt schon. Und wärst du dann noch Mann und dann noch mit einem Opa in der Vita, der Nazi war, dann wärst du ich, und dann ginge so überhaupt nichts mehr. Ha. Mich erinnert das ein wenig an die Lektüre von „#metoo“-Twitterthreads. Ich finde die Bewegung an sich wichtig und überfällig, habe aber das Mitlesen irgendwann eingestellt, da dort im hübschen Wechsel gefragt wurde wo denn die ganzen Männer sind, die mitlesen, warum die schweigen, sich nicht äußern, das sei wohl ein Schuldeingeständnis. Und wenn es dann einer tat, einer sich äußerte, tja, dann wurde er umgehend umgemäht mit dem Argument, Männer verstünden nicht, dass es bei #metoo für sie ums Zuhören geht, nicht um ihre Ansichten und Meinungen, sondern ums stumme horchen und begreifen. Ein ewiges hin und her in diesen Threads. Aussageschwach war daran nichts, aussagechaotisch durchaus. Irgendwann dreht man dem Ganzen dann den Rücken zu. Das ist aber wohl normal, wenn eine Bewegung aus zigtausend Individuen besteht. Aber genau darum finde ich „Identitti“ ziemlich gut, weil die Autorin Mithu Sanyal auf ihrem Feld ja auch mit dieser, nun, blöd-verquasten Hierarchie des Rechts auf Beschwerde und Schuldzuschreibung spielt, sie philosophisch ad absurdum führt. Niveditas Mutter ist Polin, also ist sie zur Hälfte Polin, diese Seite interessiert sie aber schlichtweg einen Dreck. Eben weil da, vermeintlich, nichts zu holen ist in Sachen Unterdrückung. Sie selbst sieht ihre polnische Seite nicht, aber ihr „woke“-Gefolge sieht es, und wenn es hart auf hart kommt, wird sie knallhart darauf reduziert, dass sie zu hellhäutig ist, um über Rassismus reden zu können. Das passiert oft hierzulande, dass ausgerechnet erklärte Anti-Rassisten deine Hautfarbe als Argument gegen dich aus dem Hut ziehen. Und wenn du mal mit in Deutschland lebenden Polen redest, was ich oft getan habe, dann erfährst du nochmal was zu dem Thema. Polen sind die zweitgrößte Migrantengruppe in Deutschland, weiß aber kaum wer, weil die sich bis zur Selbstaufgabe in die deutsche Gesellschaft hinein integrieren. Wenn Polen ein Fußball-Länderspiel hat, ja meinst du denn die laufen mit polnischen Flaggen durch Berlin? Kannst du vergessen. Gut, Polen haben es qua Hautfarbe und Religion auch einfacher, die Backpfeifen kriegen sie dennoch ohne Ende, Stichwort Wohnungsmarkt etc. Der Stille ist der Doofe. Und ist ja aktuell nicht gerade so, als würden wir wie wahnsinnig an einem besseren Polenbild arbeiten, nix da, der Pole ist weiterhin der Asi, seit einigen Jahren erst Recht. Deswegen haben die bezüglich zum Beispiel Flüchtlingen oftmals auch eine „fragwürdige“ Einstellung. Die fühlen sich diskriminiert, weil sie von den Deutschen trotz ihrer Bemühungen, Hautfarbe und Religion nicht als respektable Migrantengruppe wahrgenommen werden, weder Mitleid, noch Hilfe erfahren. Mir sagte eine Polin tatsächlich mal „mit dunklerer Haut wäre es gewiss einfacher für uns“. Das ist fast schon saraswati-mäßig. Letztlich ist genau aber der Punkt, an dem ich persönlich mich der Diskussion etwas entsage, zunehmend das Gefühl habe, da kochen Sektierer und Untersektierer ihr eigenes Süppchen und hauen sich mittlerweile gegenseitig die Beine weg, verhindern damit jede Ehrlichkeit. Letztlich fühle ich mich, passiert mir auch beim Feminismus oft, halt wieder wie bei Monty Python.

Nikoletta: Dein Bogen von der Identitätsdiskussion zu Monty Python wird jetzt faszinierend, kläre mich auf….

David: Na, ich stehe da, gleichermaßen verwundert wie amüsiert, wie die römischen Wachmänner im „Leben des Brian“ als die Judäische Volksfront und die Volksfront von Judäa sich in den Katakomben unterm Palast gegenseitig das Licht ausblasen. Das ist großes, sich selbst vertilgendes Identitäts-Nonsense-Kino, seit einiger Zeit nur halt so richtig live und so richtig in Farbe. Knüppelt euch nur mal schön alle gegenseitig nieder. Auch wenn ich mit Luftbegriffen wie „Patriarchat“ und „Privilegien“ meine üblen Probleme habe, so bin ich in diesem Land letztlich natürlich ein solcher Römer, herrje, wer soll es denn sonst sein. Der „Brian“ ist ein wahnsinnig lustig-schlauer Film, „Identitti“ ein nicht minder lustig-schlaues Buch.

Aber jetzt erklär doch mal, was dich an Nivedita so stört. Ich meine, du als Wienerin hattest ja auch nichts Besseres zu tun als gleich deinen ersten Roman („Das Licht vergangener Tage“, 2019 – mehr dazu HIER). tief in der ungarischen Geschichte anzusiedeln. Wirkt so identitätssattelfest jetzt auch nicht….

Nikoletta: Gerade die Beschäftigung mit der Geschichte, Literatur und der Sprache meines Heimatlandes macht mich identitätssattelfest. Genau das würde ich auch Nivedita raten. Fairerweise muss man sagen, Nivedita ist sehr jung, ich habe ihr zwanzig Jahre Identitätsentwicklung voraus. Ich fühlte mich in dem Roman von der Figur Saraswatis, einer weisen, charismatischen, toughen und gleichzeitig, und das macht sie so überzeugend, liebevollen Figur, voll abgeholt. Sie stellt Nivedita auch die richtigen Fragen aber halt erst im letzten Viertel des Romans.

Aber ich sage dir, was mich stört:

Einer meiner Lieblingstweets im Roman stammt von Justin E. H. Smith, einem Philosophieprofessor von der Universität Paris: I don’t give two shits what my ancestors say about who I „really“ am. We all have the right to reinvent ourselves. 

Diesen Satz fand ich so erfrischend, weil er einen Aspekt beleuchtet, der mir im Roman fehlt: Identität ist doch so viel mehr als nur die Eigenschaften, die uns in die Wiege gelegt werden, wie Herkunft, Hautfarbe, Nationalität, dann die Muttersprache.

David: Hm, seltsam, mir fehlt der Aspekt im Roman gar nicht, weil er doch voll drin ist. Allein durch die Fragestellung wer wie warum Identität festlegt….

Nikoletta: Ja, aber was macht Nivedita? Sie sitzt da und grübelt über ihre Identität nach, studiert Postcolonial Studies, beschäftigt sich also auch noch auf der theoretischen Ebene mit sich selbst. Ich war so erleichtert, als Saraswati ihr nach 300 Seiten endlich sagte: Du studierst nicht Postcolonial Studies, du studierst Nivedita Studies! Die ganze Zeit über drängte es mich, Nivedita klar zu machen, sie solle sich endlich ihre eigene Identität schaffen. Soll sie Krankenschwester oder Hundetrainerin werden oder von mir aus Quantenphysik studieren, oder Mutter werden, denn was man mit Interesse und Leidenschaft tut, das schafft Identität und neue Zugehörigkeit. Natürlich habe ich nicht das Recht zu behaupten, Hautfarbe sei dann egal. Und natürlich hat nicht jeder die Möglichkeit zu studieren. Es gibt nicht die Chancengleichheit per se, aber die deutsche Nivedita speziell hat sie nun einmal, und sie jammert auf hohem Niveau. Sie fragt sich, was es überhaupt bedeutet, indisch zu sein. Ja, wenn sie ihre Herkunft interessiert, warum verbringt sie nicht ein paar Jahre in Indien? Man muss in einem Land gelebt und geliebt haben, um es zu verstehen. Und sie sollte ihren Vater gleich mitnehmen, ihn kennenlernen und ihre Vatersprache lernen. Sprache ist für mich das wichtigste Mittel, um Zugehörigkeit zu schaffen, ich wage zu behaupten wichtiger als Hautfarbe. Doch Nivedita interessiert sich nicht für diese Dinge. Auch das erkennt Saraswati und macht ihr deutlich: Inderinnen in Indien interessieren sie eigentlich gar nicht, es sind Inderinnen in Deutschland.

Und ich finde, selbst in Niveditas Beziehungen zu Männern geht es eigentlich immer nur um ihre Andersartigkeit, ihre Abgrenzung oder Zugehörigkeit zu ihnen als PoC. Diese Männerfiguren bleiben daher für mich so blass, weil sie eigentlich nur die Reflexionen von Nivedita sind und keine eigenständigen Charaktere. „Simon war ein wenig wie diese Skulpturen, beeindruckend und elektrisierend und gleichzeitig völlig unerreichbar.“ – so beschreibt Nivedita ihn. Und genauso unerreichbar bleibt die Figur für uns. 

David: Ich sehe das alles genauso, denke mir aber: Ja! Eben drum! Es brauchte diese Nivedita-Figur, die als junger, sinnsuchender Mensch so herrlich entlarvend ist, und es brauchte auch diese blassen Kerle. Vielleicht ist auch das einer der Gründe, warum ich den Roman sehr gelungen finde. Ich lese ja auch viele feministische Romane in letzter Zeit, und der Täter ist da immer sofort klar: Männer, Väter, Chefs, Patriarchat. Jetzt mal völlig ab davon, was da berechtigt und was unberechtigt dran ist, das Problem ist bei diesen ganzen Büchern, das je mehr Seiten auf die vermeintliche Schuld von anderen verwendet wird, desto weniger Seiten bleiben sich auch mal mit dem eigenen Versagen zu beschäftigen. Und das macht „Identitti“ komplett anders, ich bin wirklich heilfroh sagen zu können, dass weiße Männer für den Moment mal nicht das Problem, ja nicht mal das Thema sind. Lange nicht so wohltuend ignoriert worden. Tatsächlich gibt Sanyal zuvorderst Woman-of-Color-Stoff. Nivedita wird uns als eine zweifelnde Person vorgeführt, emsig nach einer eigenen Identität suchend, aber weit davon entfernt, zu viele Rechthaberinnenbonbons eingeworfen zu haben. Vermutlich daher ihre Vorliebe für die monströse indische Aggro-Göttin Kali. Wir lernen: Man muss kein kleiner westlicher Junge sein, um sein Heil in zulangenden Actiongestalten zu suchen.

Nikoletta: Mir hat sehr gefallen, wie die Autorin Zitate in Form von Tweets und Facebookeinträgen von echten Personen einbindet, die sie um ihre Stellungnahmen zu dem fiktiven Text geben hat. Damit macht sie die Vielstimmigkeit des Diskurses deutlich und man findet sich hier und da wieder.  

David: Absolut. Eigentlich mag ich derlei kreative Aufmachungen nicht, hier aber hatte das echt „Pep“, wie die Leute meiner Generation es dereinst nannten. Bei dem „Der Islam gehört nicht zu Deutschland“-Running Gag musste ich tatsächlich jedes Mal lachen. Was mir auch richtig gut gefällt an dem Roman ist, dass Sanyal viele Gedanken, die ich auch habe, aufnimmt, dann aber nochmal weiterspinnt, mir also die Möglichkeit gibt, selbst wenn ich ihr zustimme, nochmal meine eigenen Grenzen zu erweitern. Ein gutes Beispiel ist die Sache mit dem Vergleich von Sexualität und Rassismus. Wenn ein Mann eine Frau sein will oder andersherum, dann sind wir, zumindest der halbwegs liberale Teil von uns, da längst dabei. Jeder wie und als was sie er sich fühlt, Transrechte sind Menschenrechte, kein Ding. Aber wenn Weiße Schwarze sein wollen oder Schwarze Weiße, dann ticken wir alle, wirklich alle aus. Ich kann da bei mir anfangen, ich habe mal einen Text geschrieben über Baden-Württemberger, die als junge Kerle rumlaufen als wären sie Rapper in der Bronx oder als Frauen ab einem gewissen Alter in diese absurde Tibet-Manie verfallen. Nichts gegen Tibet oder HipHop, aber ich frage mich manchmal schon, was mit solchen Leuten nicht stimmt, dass die sich lieber in eine weit entfernte Identität fantasieren anstatt, was weiß ich, den Raum Stuttgart auf Vordermann zu bringen. Mittlerweile schäme ich mich für den Text, aber auch nur, weil Baden-Württemberg-Bashing aber mal sowas von ausgelutscht ist. Und Mithu Sanyal hat ja recht, das ist ein Widerspruch, wir sollen uns zwar für PoC-Lebenswelten interessieren, ihnen mehr Darstellungsformen geben, gewissermaßen uns selbst integrieren – aber nicht zu weit, zu tief. Ich musste, sträflich ertappt, so lachen, dass Nivedita im Schrank einer weißen Familie eine CD des farbigen Jazzmusikers Charles Mingus entdeckt. Die steht auch bei mir im Regal. Und Nivedita, und das beschreibt Sanyal toll, hat das Gefühl, da irgendwie Position beziehen zu müssen, dass weiße, privilegiert-gutbegüterte Deutsche offenbar gerne schwarze Jazzmusik hören. Wobei allein mein Ausdruck „schwarze Jazzmusik“ für sich schon eine doppelgemoppelte Begriffsfrechheit ist, fällt mir da gerade auf…Jazzmusik ist per se schwarz, entwickelt von Farbigen, da muss nicht extra noch ein Adjektiv vor, es gibt also bestenfalls „weiße Jazzmusik“, hm…*kratz-am-Kopf-und-dreh-im-Kreis* Wie auch immer, auch wenn man die Frage entzerrt, bleibt sie ja gut: Warum höre ich Charles Mingus?

Nikoletta: Und?

David: Hm. Vermutlich weil es andersherum auch nicht funktioniert. Was soll denn einer wie ich hören? Meine Seelenmusik ist der britische PostPunk der späten 70er-Jahre, Paul Weller ist für mich einer der Größten. Weiße, ungehobelte männliche Europäer, die auf irgendwas wütend sind, auf das nur weiße Männer wütend sein können. Das scheint zunächst passender als Mingus. Aber wenn man sich tiefer damit beschäftigt, meine Güte, hier ist nicht Sheffield, hier ist nicht 1979. Jeder Brite kann zu mir sagen: „Nix weißt du!“.  Und es stimmt, vermutlich habe ich nicht mal die Chance die Helden meiner Abi-Generation Oasis richtig zu raffen, wenn man es so sieht. Aber wo soll das enden? Bei den Ärzten und Fantastischen Vier oder diesen seit zwanzig Jahren so entsetzlich weichgespülten Toten Hosen, also weißen westdeutsche Kerlen meines Alters, privilegierten Millionären, die so tun, als hätten sie noch irgendwas mit Aufbegehren und Revolution zu tun, als hätten sie einen Kampf zu führen? Kann ich nicht, dann könnte ich mich doch gleich auf die Bahre legen. Das, was neuerdings „Aneignung“ heißt und kritisiert wird hieß früher doch einfach nur „hineinfantasieren“, beinhaltete immer Lob, wies Spuren von Empathie auf. In die Toten Hosen will und kann ich mich nicht hineinfantasieren wollen, frag‘ mich aber gerne mit 60 noch mal danach. Ich höre Charles Mingus, weil mir alles das, was ich längst kenne, ab und an zu langweilig ist. Ganz einfach. Aus demselben Grund fahren Leute im Übrigen einmal jährlich in Urlaub. Meine Thelonius Monk-CDs sagen mir definitiv nix von Fiesheit. Sie applaudieren mir. Als einem, der eingesehen hat, dass er nicht immer recht haben kann.

Nikoletta: Ich finde, das wird im Roman schön dargestellt: Wir üben Yoga und zelebrieren Soul Food, natürlich hat beides nichts zu tun mit ihrer ursprünglichen Bedeutung, manche nennen das dann kulturelle Aneignung. Saraswati nennt es Anerkennung. Das finde ich auch, es ist wichtig, über den Tellerrand zu schauen, auch wenn der Gulasch, den du kochst, nie so wird wie der echte ungarische.

Ich weiß gar nicht, ob ich bei Schwarz-Weiß-Weiß-Schwarz so austicke, ich denke tatsächlich, jeder sollte seine eigene Identität selbst bestimmen können. Ich bin nur dem Konzept, dass Leute sich die Haut durch Hormonbehandlung dunkel tönen lassen, bisher nie begegnet. In der Recherche habe ich dann festgestellt, dass es neben dieser Rachel Dolezal, die ja unter anderem als Vorlage für Saraswati diente, auch andere Fälle von „Blackfishing“ gibt – wenn sich Weiße als PoC ausgeben – auch diesen Begriff hatte ich vorher nie gehört.

Leider gibt es Menschen, die sich durch die Errungenschaften von Trans und Gender in ihrer Identität bedroht fühlen, und jetzt soll auch noch „race“ nicht mehr eindeutig sein?! Ja, was ist schon eindeutig? Ich habe eine entfernte Bekannte, die sich in ihrer Weiblichkeit bedroht fühlt, weil Transfrauen sich jetzt auch Frauen nennen dürfen. So etwas bringt mich total auf die Palme.

Aber hier geht es auch noch um den Vorwurf an Saraswati, und das ist schon etwas differenzierter, dass sie ihre neu geschaffene Identität als politisches Programm benutzt und damit vermeintlich Macht über andere ausübt. Was denkst du darüber?

Mithu Sanyal (photo by Guido Schiefer)

David: Hm, sehr komplizierte Kiste. Wir hatten das ja woanders schon mal, mir wird jeder erdenkliche feministische Quark ja auch als „es geht doch nur um das Herstellen von Augenhöhe“ verkauft. Manchmal mag das stimmen, manchmal stimmt es aber eindeutig nicht – oder es wird zumindest nicht so gesehen, dass es hier um die Aneignung von Macht und Privilegien geht. Womit ich interessanterweise gar kein Problem habe, ich werde nur etwas fuchsig, wenn der ehrenvolle Begriff der Gleichberechtigung für die Erlangung unfairer Vorteile in den Schmutz gezogen wird. Saraswati tänzelt an genau dieser Grenze entlang, eine privilegierte Frau die mittels aufgestöpselter diskriminierter Existenz noch viel privilegierter wird, als sie es als einfache weiße Frau jemals hätte werden können. Und genau das ist das hochsensible Problem, leise ist nicht nur das neue laut, schwach ist auch das neue stark und beleidigt das neue stolz. Und genau das macht es vielen so schwer zu folgen, weil es zu verzwirbelt daherkommt, um noch von allen als logisch empfunden zu werden. Vor zwanzig Jahren hätte ich noch gesagt, dass man was leisten und was können muss, um was zu werden. Heute tut es jammern auch. Ich freue mich schon auf den Tag, an dem offizielle Jobbewerbungen nicht mehr eine Schau hochgradig positiver Vitapunkte sind. Sondern das Gegenteil, ein Runterrasseln persönlicher Niederlagen: „Januar 1984, Grundschule – von Ulf Pockenstett nach Mathe richtig eins auf die Fresse gekriegt, heulend und blutend zu Mama gerannt / Mai 1984 – wieder von Ulf Pockenstett eins auf Fresse, diesmal besser gleich liegen geblieben, erste Depressionserfahrung“…. Wenn ich im persönlichen Vorstellungsgespräch dann an den richtigen Stellen noch sabbere und stottere ist die Sache mit dem Geschäftsführerposten geritzt. Letztlich führt Mithu Sanyal genau diese Entwicklung hier so ein wenig vor.

Nikoletta: Saraswati hätte mit ihrer Verwandlung auch auf die Nase fallen können. Dass es ihr gelingt, sich als Woman-of-Color einen Namen zu machen, liegt an ihrem Charisma, an ihrem Wissen, an ihren Fähigkeiten. Sie demonstriert damit, was als PoC alles möglich ist. Ich bewerte das positiv. Problematisch finde ich die Inszenierung, auch die mediale, worauf sie es angelegt hat. Interessant wäre herauszufinden, wie ihre Karriere verlaufen wäre, hätte sie von Beginn an ihre Verwandlung offengelegt: Ich sehe mich als PoC, ich habe Definitionsmacht über meine Identität, ich stehe dazu, und mein Programm ist zu zeigen, dass das geht.

David: Ich fürchte, sie hätte den Job gar nicht erst bekommen, die Verlogenheit der Gesellschaft wird ja zumeist erst im Rückspiegel erkennbar… vielleicht kannst du mir aber bei einem Gedanken noch weiterhelfen: Ich habe bei der Lektüre oft an Sahra Wagenknecht und den Grünen Boris Palmer denken. Wagenknecht hat sich zuletzt mit einem eigenen Buch mit fast der gesamten Linken angelegt, zu Palmer gehört es fast schon zum guten Ton es sich mit seiner Partei zu verscherzen. Beide kritisieren einen gewissen Ungeist, der sich im linken Spektrum breitgemacht hat, reiben sich auch an den mitunter ausufernden Identitätsdebatten. Ganz abgesehen davon, ob das nun stimmt oder nicht, ich nehme „Identitti“ in Sachen „woke“ und „PoC“ durchaus auch als elegantes Nestbeschmutzerwerk wahr. Würde mir vermutlich niemand so unterschreiben, Mithu Sanyal am Allerwenigsten, aber ich finde schon, dass sie hier zuvorderst die eigene Meute entlarvt und zerlegt. Auch einbremst…

Nikoletta: Ja, da müssten wir vermutlich Mithu Sanyal selbst fragen, ich hatte auch den Eindruck, dass sie mit ihren eigenen hart ins Gericht geht, weil sie eben die Vielstimmigkeit der Meinungen aufzeigt. Ein Beispiel für mich ist Hanau. Sie verarbeitet den realen Terroranschlag von 2020 in dem Roman und nutzt ihn als eine Zäsur. Ich habe es beim Lesen so empfunden, dass der Anschlag die Beteiligten herunterholt von dem „Meta-Gezanke“ über Saraswatis Identität und rückbesinnen lässt, welch schreckliche rassistische Verbrechen in der Realität stattfinden. Es erzeugt im Roman wieder eine Verbundenheit und ein Gemeinschaftsgefühl zwischen zerstrittenen Figuren und ermöglicht wieder einen Dialog.

David: Der Roman wird als spritzig und witzig beworben… und ich habe oft lachen oder schmunzeln müssen. Das liegt aber vielleicht an der oben bereits beschriebenen Römer-Perspektive und daran, dass da eben viele Sätze fallen, die ich auch so im Kopf habe, mir nur eben leider keiner abnehmen würde. Hast du lachen müssen?

Nikoletta: Ehrlich gesagt, nein, gar nicht, da hat nichts gekitzelt. Dann ahne ich aber woran es liegt, mir fehlt wohl die Römer-Perspektive. Dafür habe ich mir aber ein paar Stellen aus dem Buch, zwar nicht an die Wand gepinnt, wie Nivedita es mit Sarawatis Zitaten tut, das nun nicht, aber ich habe sie mir herausgeschrieben und gemerkt, weil sie weise sind. Eines meiner Lieblingszitate von Saraswati könnte auch unser Motto für den „Tanz auf Buchrücken“ sein, David, ich glaube, da sind wir uns einig.

Was ich von euch verlange: dass ihr nicht nur die Argumentation der Gegenseite versteht – das auch! -, sondern, viel wichtiger, die Motivation, die sie zu dieser Ansicht bringt. … Ich will, dass ihr herausfindet, wirklich herausfindet, was Menschen zu Überzeugungen bringt, die euren Überzeugungen diametral entgegenstehen. … Erst solches Verständnis wird es euch ermöglichen, anders mit der anderen Person zu reden. Ja, … überhaupt mit ihr zu reden und nicht nur über sie. (S.223)

Weitere Folgen des kontroversen Genderformats „Tanz auf Buchrücken“ gibt es: HIER.

Ein Kommentar zu “Schwarzmalen für Anfänger. Das kontroverse Identitätsgespräch. Kiss &  Wonschewski reden über: Mithu Sanyal – „Identitti“ (2021)

  1. Bludgeon
    10. September 2021

    Interessanter Clash of culture; darf man das noch übersetzten? Wenn man PoC übersetzt, ist man Nazi, las ich jüngst. Warum auch immer. Der Unsinn galoppiert!
    Das Buch ist sicher nichts für mich.

    „Postcolonial studies“, „Genderstudies“ – gib dem Quatsch einen hochtrabenden Namen, damit niemand merkt: Das ist genau das, was in Kehlmanns Roman „Tyll“ jener Professor für Dragonistik verkörpert! Der hat als Lebensziel Dracheneier zu finden. Und weil das nicht alle Tage möglich ist, vertreibt er sich seine Zeit mit ein bissel Inquisition. Ein Gehenkter hier, ein Begnadigter da, ein Verbrannter dort…
    Das ist doch eine recht gelungene Metapher für den Ungeist unserer Zeit.
    Ich finde es sollte „Optismus“ geben! Das würde ich glatt noch studieren wollen! Ich wurde in meiner Jugend oft genug ge- mobbt (sagt man ja heute) als Brillenschlange oder Brillengeier. Dieser optische Schaden führte – schluchz – zum Identitätsproblem! Menschen ohne Brille sind potentielle Faschisten!
    In meinen Kinderspielen war ich oft Hans Beimler und hab auf sie geschossen!

    Wenn ich nu also Optismus studierte, dann käme ich eventuell zu einem profilierungssüchtigen Profex der/die/das mir dann erklärt „was die Brille mit mir gemacht hat“.
    Hinterher bin ich Bachalor of Science und kann mit DEM Schein nicht mal Optiker werden.
    Ist das nicht alles ein fürchterlicher Scheiß!

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 9. September 2021 von in 2021, 4 Sterne, Kiss & Wonschewski, Sanyal, Mithu, Soeben ausgelesen und getaggt mit , , , , , , , , .
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