David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – bipolarer Bedenkenträger

Hass auf die anderen eigenen, eigenen anderen. Soeben ausgelesen: J.M. Coetzee – „Warten auf die Barbaren“ (1980)

von David Wonschewski

Vorabfazit: 4 von 5 Sternen

Auf die Frage, warum Rassismus auch anno 2020 noch erschreckend gut funktioniert, gibt es aus meiner Sicht neben vielen Erklärungen auch eine, die selten angeführt wird: Plakative Abgrenzung ist gerade in diesen Zeiten hilfreich, in gewisser Weise sogar nötig. Weil sie so griffig ist in einer Welt, in der sich auch in unserem Land mannigfaltige Konfliktgräben auftun. Konfliktgräben, die zwar für jeden leicht erkennbar sind, es derweil aber fast unmöglich geworden ist, Menschen auf die Schnelle dieser oder jener Denkart zuzuordnen. Wir wissen: Es gibt diese anderen, an jeder Ecke, in der Nachbarschaft, vielleicht sogar in der eigenen Verwandtschaft. Doch alles verschwimmt, alles verdreht und verknotet sich, wird abstrakt. Der wohlhabende Bonze und Mercedesfahrer aus Stuttgart ist nicht selten Gründungsmitglied der Grünen. Der verfilze Vollbartträger mit Che Guevara-Shirt führt die Anti-Corona-Demonstrationen an. Und sogar unsere Katze verhält sich manchmal wie ein Hund, ich hörte sie schon knurren und bellen. Es blickt keiner mehr durch. Wie wohltuend ist da eine andere Hautfarbe, gerne noch gepaart mit einer offen zur Schau getragenen anderen Religion. Es mag paradox klingen, aber so lange ich genug Leute treffe, die – zumindest plakativ betrachtet – eindeutig anders sind als ich, ist für mich die Welt noch in Ordnung. Deswegen kann ich auch niemals ausländerfeindlich sein, weil mir auf der Straße leicht zu erkennende „eindeutig andere“ seit jeher lieber sind als eine unschätzbare Zahl „schwer dechiffrierbar eigene“.

Ich lebe gegenüber einer Moschee. Da ist freitags was los, mein lieber Herr Muezzinverein. Es soll ja Leute geben, die ängstigt sowas. Mich beruhigt es, aber nicht auf die ach wie tolerante Art. Sondern weil ich um die friedensstiftende Wirkung des offensichtlichen, des so deutlich erkennbaren anderen weiß. Ein Mann, der im Thawb oder der Suriyah durch die halbe Stadt latscht, um in die Moschee gegenüber zu kommen, hat meinen Argwohn nicht verdient. Mit Ausländern oder Migranten verhält es sich dabei gar nicht so anders als mit Geld. Gerne schreiben wir beiden zu, zum Untergang von diesem und jenem geführt zu haben. Dass beides aber auch die friedensstiftenden Vehikel sind, die wir haben, wird gerne unterschlagen. Man merke sich: je homogener eine Gesellschaft, desto Paranoia. Und je weniger Geld in Umlauf ist, desto Aua. Ohne Ausländer und ohne wirtschaftlich rubelrollende Beziehung, na, da wäre aber mal richtig Kain und Abel angesagt. Zurückgeworfen auf uns selbst und frei von materiellen Zielen, würden wir uns gegenseitig bedeutend heftiger die Schädel einschlagen.

Keine wahnsinnig neue Erkenntnis, funktioniert auch in bedeutend kleinerem Rahmen. Es gibt Tausende Sagen und Romane, die aufzeigen, wie Männer wegen einer Frau Kriege angezettelt haben. Dass Frauen durch ihre pure Anwesenheit viel mehr Kriege und Schlägereien unterbunden als angezettelt haben, tja, das wird nicht so oft erzählt. Die Idee, dass nur Männer in einem Raum (oder gerne auch nur Frauen in einem Raum) total super miteinander auskommen, ist schlichtweg naiv. Ohne Frau wird ein Männerbund schnell zum Rudel. Das kann ich auch deswegen so beherzt ausplaudern, weil mir Frauen erzählten, dass auch sie sich ungern nur unter Frauen aufhalten. Eben weil die Stimmung da sehr schnell umschlagen kann, richtig fies wird. Ein anderer im Raum – hier ist der andere dann halt ein Mann – sorgt gleich für Ordnung. Selbst wenn er nur doof herumsteht und die Klappe hält. Da sein reicht.

Derdiedas andere kittet immer mehr, als dass es spaltet. Doof nur, wenn man nun in einer Gesellschaft lebt, in der es darauf ankommt, Flagge zu zeigen, Position zu beziehen oder – ganz schlimm und per se zu vermeiden – einen klaren Standpunkt zu haben. Man aber besonnen ist oder es zumindest sein möchte, es versuchen will. Man keinen Bock auf Konflikt und Aggression hat, man Brücken bauen will, die einen versteht, die anderen aber auch. Immer der Anfang vom Ende. Schön, dass man für so eine Haltung eventuell das Bundesverdienstkreuz erhält, den Friedensnobelpreis. Schade nur, dass man, wenn es wie im Roman von Coetzee richtig übel kommt, sich den eitlen Preis nicht mehr persönlich abholen kann. Oder nicht in einem Stück, so mit allem noch dran und drin, Arme, Beine, Augen. Weil Besonnenheit immer wackeldackelig macht. Und Wackeldackel verdächtig sind. Und Leute mit festen Positionen halt so ihre Methoden haben umzugehen mit Leuten, die ihnen suspekt sind.

„Ich wollte nicht mit hineingezogen werden. Ich bin Magistrat auf dem Land, ein Verantwortung tragender Beamter im Dienst des Reichs, der an dieser trägen Grenze seines Amtes waltet und auf den Ruhestand wartet. Ich ziehe den Zehnten ein und die Steuern, verwalte das Gemeindeland, kümmere mich um die Versorgung der Garnison…, habe ein Auge auf den Handel, leite zweimal wöchentlich Gerichtsverhand-lungen. Im Übrigen schaue ich zu, wie die Sonne auf- und untergeht, esse und schlafe und bin zufrieden. . . . Ich wollte nie mehr als ein ruhiges Leben in ruhigen Zeiten.“

Schön, dass er das will, der Magistrat. Dumm nur, dass er in einem Land lebt, in dem von Außen keine Gefahren drohen, im Inneren aber nach diversen Umstürzen eine Regierung zwar an der Macht ist, aber noch nicht so richtig fest im Sattel sitzt. Und sich im Grenzgebiet noch Staatenlose tummeln, Nachkommen der Ureinwohner, Nomaden. Menschen, die permanent auf der Flucht sind, was per se verdächtig ist. Wer immer abhaut, hat was zu verbergen, plant was. Okay, der Magistrat weiß, dass Nomaden keineswegs immer auf der Flucht sind, sondern einfach nur von einem Weidegrund zum nächsten ziehen, schon immer. Weiß vermutlich auch die Regierung, aber sicher ist sicher. Alle einfangen, alle verhören. Aber nicht so luschig, nein, Intensivbefragung, wir verstehen uns, zwinker zwinker, schauder schauder. Sich geirrt haben kann man ja später immer noch. Erst einmal ist ordentlich Aktion angesagt.

Was Coetzee in „Warten auf die Barbaren“ erzählt, ist keineswegs die Geschichte eines harmlosen Menschen mit bescheidenen Ansprüchen, der plötzlich in die terroristische Politik des Reiches verwickelt wird, dessen Außenposten als braver, aber keineswegs übereifriger Beamter er schon so lange ausgefüllt hat. Sicher, oberflächlich betrachtet ist es so, dass der Magistratsbeamte, aus dessen Perspektive der Leser die Ereignisse zu sehen bekommt, in einer Anwandlung von Ekel, Trotz und Humanismus sich dem sinnlosen Einbruch von zielstrebigem Terror in seine verschlafene Welt am Rande der sogenannten Zivilisation widersetzt und dabei selbst zum Opfer wird. Die Geschichte des Beamten, der kein Held sein will, aber Folter und Mord, verübt an unschuldigen Fischern und Nomaden durch die Sicherheitsabteilung des Reiches nicht hinnehmen will, von Mitleid aufgerüttelt – diese Geschichte taugt nur für den Klappentext. Die Geschichte in der Geschichte aber ist die eines Schuldgefühls. Inspiriert eindeutig von Kafka.

Man erinnere sich an Josef K., diesen Nobody, dem der Prozess gemacht wird. Warum wird er verfolgt, wofür wird er zur Rechenschaft gezogen, wie ist die Gerichtsinstanz legitimiert, die ihn verurteilt? Kafka verrät es uns nicht. Bei Coetzee, viele Jahrzehnte später, ist der Protagonist, der unschuldig Verfolgte, der Sympathieträger und Humanist zugleich Mitglied der Verwaltung, des Apparats einer morbiden Zivilisation, welche die Barbarei besiegt und ausgegrenzt zu haben meint, in Gestalt ihrer Polizei, ihrer Gesetze und ihrer Verwaltung wieder hereingelassen hat.

Ich wollte nie mehr als ein ruhiges Leben in ruhigen Zeiten.

Was sich bescheiden anhört, ist eigentlich Hybris, zumindest in den Augen von Coetzee, der weniger in die Fußtapfen von Amnesty International getreten ist, denn in die von Kafka. Ein ruhiges Leben in ruhigen Zeiten – das ist letztlich nichts anderes als der Wunsch, ein Leben in Unschuld zu führen. Dieser Wunsch ist die Rückseite der Einsicht, die Kafka so beschäftigt hat wie sie auch Coetzee vor 40 Jahren und uns heute, 2020, vielleicht noch viel mehr beschäftigt: Ein einfaches Leben, in das man sich aus Einsicht in die Verderbtheit der Welt zurückziehen kann, gibt es nicht. Es gibt auch keine Wahrheiten, für die man sich opfern und auf diese Weise retten kann. Ganz genauso wie Kafka verwickelt uns Coetzee in eine unendliche, auswegslose Grübelei über die Verant-wortung jedes einzelnen und die Schuld, die er auf sich lädt. Simpel geht es in dieser Welt nicht zu.

Der ältliche Magistratsbeamte , der miterlebt, wie das Reich, die von ihm vertretene Zivilisation, zumindest in der Grenzregion, später vermutlich auch überall an seinen Widersprüchen zugrunde geht, hat keinen Namen. Namen gibt es auch sonst nicht in diesem Roman, weder für Personen, noch für Landschaften, noch für Reiche oder Zeiten. Wann und wo befinden wir uns eigentlich in diesem Buch, wo ein Oberst zwar eine Sonnenbrille trägt, Autos, Telefone, Radios aber unbekannt scheinen? Der Magistratsbeamte ist ein Nobody im Niemandsland einer Zeitlosigkeit , die so treffend und aufdringlich ist wie bei Kafka die Welt von Josef K.

Doch, ich bin mir sicher, der dunkle Irrsinn, in den diese hier gezeigte Nation gerät, gerät sie auch, weil es nicht genug Ausländer gibt, eine Gesellschaft im eigenen Saft vor sich hinschmort. Weil hier Männer im Verbund mit Männern andere Männer befragen, derweil die Frauen in der Küche zu suchen und zu finden sind. Ach ja und weil kein gesunder Wirtschaftskreislauf existiert, Scheine wertlos sind an einem Ort, an dem es eh nichts zu kaufen gibt. Ist doch vollkommen logisch, dass es da ordentlich drauf los kainabelt.

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Ein Kommentar zu “Hass auf die anderen eigenen, eigenen anderen. Soeben ausgelesen: J.M. Coetzee – „Warten auf die Barbaren“ (1980)

  1. Manfred Rosenboom
    7. Oktober 2020

    Super Text

    Gefällt 1 Person

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 20. September 2021 von in 4 Sterne, Coetzee, J.M., Soeben ausgelesen und getaggt mit , , , , , .
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