David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – bipolarer Bedenkenträger

Mich hassen doch eh alle. Soeben ausgelesen: Alan McGee – „Randale, Raves und Ruhm“ (2021)

von David Wonschewski

Vorab(fan)fazit: 5 von 5 Sternen

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, ich bin ein friedfertiger Apostel des Herrn, in Konfliktsituationen ist allein das Wort mein Säbel, stellen allein ausformulierte Argumente meine Überzeugungsarmada dar. Gar selten kommt in mir die Lust auf jemandem eins auf die Nase zu geben. Bin ich einfach nicht der Typ für, für Gewalt fehlt mir einfach das dazu notwendige Charaktergerüst. Beleidigst du Vater, Mutter, ja meine ganze Sippe, dann bleib‘ ich kühl – kein Gefühl. Nichtmal Tibetaner erreichen den Zustand von Ohmm, den ich erreichen kann.

Na ja, auf jeden Fall meinte der Typ auf der Party letztens Oasis sei eine „arg überschätzte Popband“, zack, hatte er die erste Schelle sitzen. Da fackel ich nicht lange, aber mal so was von right in the face, Bruder! „Überschätzt“ geht schon okay, das gehörte irgendwie immer zur großfressigen Gallagher-Attitüde, aber die Band mit dem Begriff „Pop“ auch nur entfernt in einen Sinnzusammenhang zu bringen gehört geahndet, aber so was von, ehm, right on the place, right in the face, Bruder! Ich meine, wo kämen wir da hin, wenn alle Welt Oasis als Popband bezeichnen würden? Ich sag‘ es ihnen, in einer regelrechten Dicken-Backen-Welt lebten wir! Hat auch was mit Anstand zu tun da sofort und unmissverständlich einzuschreiten.

Dass ich Ihnen diese Zeilen hier nun aus der U-Haft schreibe, kann ich erklären. Denn wie das so ist nehmen Diskussionen unter Muskfreunden ihren Gang, leider nicht immer den besten. Denn anstatt sich bei mir zu entschuldigen, fing der Depp das Diskutieren an! Dass „Wonderwall“ auf der „Kuschelrock 11“ sei und mehr Beweis für Pop doch wohl nicht ginge! Sie kennen mich, ich bin ein friedfertiger Apostel des Herrn, in Konfliktsituationen ist allein das Wort mein Säbel und so weiter und so fort, aber wer auf den Unbegriff „Popband“ den einzigen noch größeren Unbegriff „Kuschelrock“ folgen lässt, ist offensichtlich kein Stück an Deeskalation interessiert! Na ja, was sollte ich machen, wenn einer die Wertegmeeinschaft dermaßen mit Füßen tritt? Bruder Liam ist mein Hirte, zwei Arme mit Fäusten dran hat Gottes ureigener Musiksohn, zwei Wangen zum Buße tun der Frevler, zack right in the…nun, Sie wissen schon. Hatte er die zweite Schelle sitzen.

Das Ungemach verunlagerte sich deutlich zu meinen Ungunsten als ein Schutzmann des Weges kam, den Querulanten und mich friedfertigen Apostel des guten und einzig richtigen Musikgeschmacks zur Rede stellte. „Herr Wachtmeister“, sprach ich schnell, „lass dich das in Ruhe erklären“. Und dann gab ich ihm einen Abriss der Ereignisse, bezog – taktisch und rhetorisch geschult – dabei jedoch nicht nur den Frevler (Gott erbarme sich seiner Seele), sondern hochgeschickt die ganze Welt mit ein. Verwies darauf, dass es jetzt, im Jahr 2021, Mütter und Väter gibt, die ihren Kindern zwar von Greta Thunberg, nicht aber mehr von Alan McGee und Kevin Shields erzählen, von Jim und William Reid, Tony Wilson, Bobby Gillespie. „Häh, von wem?“ fragte der Wachtmeister da, blickte mich verständnislos an. „Na, The Jesus & Mary Chain, Primal Scream, My Bloody Valentine, The House of Love!“, schrie ich ihn zürnend an, wedelte mit meinen Apostelfäusten vor ihm herum. „Ganz ruhig“, entgegnete er mir da bestimmt, „ich muss Sie leider vorerst mitnehmen.“ Und er zückte die Handschellen, legte sie mir an und murmelte mir ins Ohr: „House of Love sagt mir was. Haben guten Pop gemacht damals. Sind die nicht an zu viel Drogen kaputt gegangen?“

Ja, sind sie. Sind sie irgendwie alle. Alle Bands, die der Musikmanager Alan McGee seit Mitte der 80er-Jahre entdeckte, prägte und empor brachte wären ohne Drogen nie zu Impulsgebern und düsteren Lichtgestalten der Indierockszene geworden. Drogen und Aggressionen waren es, die ihre Faszination ausmachten und einen Sound prägten, der einst als Nachhut des Punk die ganze Musikwelt einmal auf links krempelte. Drogen und untereinander ausgelebte Aggressionen waren es aber auch, die die Bands nie lange leben ließen, wie auch Macher Alan McGee nur mit einigem Glück ein nunmehr alter Mann werden durfte. Vielleicht hätte ich dem Herrn Wachtmeister von Pete Doherty von den Libertines erzählen sollen, McGees jüngster und wohl auch letzter Entdeckung, im Mainstream durch seine publikumswirksame Beziehung zu Model Kate Moss halbwegs bekannt. Dessen Aggro-Beziehung zu seinem Freund und Songwriting-Partner
Carl Barât derart heftig war, dass Alan McGee Geschichten über einen aus dem Schädel gesprungenen Augapfel in petto hat in seinen Erinnerungen „Randale, Raves und Ruhm“. Der legendäre Zwist der Gebrüder Gallagher untereinander nimmt sich da fast entspannt aus, faszinierend aber nachzuverfolgen, wie und warum aus ausgerechnet aus dieser versoffenen Rüpelcombo aus der englischen Arbeiterklasse Weltstars wurden, wo es doch wahrlich Hunderte solcher versoffenen Rüpelcombos gibt in England. Schon der Anfang ist lesenswert, als Alan Mcee zufällig in einem Club ist und ein ihm ein extrem gut aussehender Dealer mit abnorm großer Schnauze auffällt, der bei den Clubbetreibern für eine Band einen Jetzt-und-sofort-Kurzauftritt fordert, obschon es gar keine Abmachung gab, auch keiner die Band kennt. Mit Erfolg, die Band darf auf die kleine Bühne und McGee schaut nicht schlecht, als sich herausstellt, dass der Dealer gar kein Dealer, sondern der Sänger ist, Charisma für zehn hat, singen kann und sogar Songs am Start, echte gute Songs…

Während ich nun also – sorry, den öden Erzählfaden muss ich Literat nun irgendwie bis zum Ende durchkaspern – während ich hier also, gähn, in U-Haft sitze und mir die drogenverseuchten Rüpelgeschichten von Alan McGee durchlese, ergreift mich eine tiefe Dankbarkeit für den Verlag Matthes & Seitz, der das Buch in deutscher Übersetzung herausgebracht hat. In England schon vor einigen Jahren herausgekommen, war das so klar keineswegs, denn die vielen Indiebands – ich habe schon die größten erwähnt – sagen zwar noch mehr Leuten was als man glaubt, mittels Oasis und Doherty lässt sich gewiss auch ein kleiner Mainstream erreichen mit einem solchen Buch, aber selbst das dürfte schon haarig werden. Was mich betrifft, so ist das Buch aber in der Tat eine Offenbarung, die mich so fesselt wie die vor einigen Jahren erschienene Biographie von John Lydon (a.k.a. „Johnny Rotten“, Sex Pistols, P.I.L.). Denn es sind nicht nur Bandwerdegänge und Musikanekdoten, die das Buch so lesenswert machen, es ist vor allem der psychologische Aspekt. McGee ist, man muss das so sagen, als perspektivloser weißer Abschaum aufgewachsen, Kindheit und Jugend waren geprägt von Alkohol und Gewalt und Armut. Schulisch ging gar nichts, wie brasilianische Jungen nur den Fußball als Ausweg kennen, so scheinen britische Jugendliche einer gewissen Dekade nur in der Musik Hoffnung zu finden. Die vermutlich am öftesten vorkommenden Formulierungen in diesem Buch sind entsprechend die, von den auch die Lydon-Biografe („Anger is an Energy“, 2015) durchsetzt ist und die sich nicht nur auf frühe Flegeljahre, sonder auch das erwachsen-professionelle Berufsleben beziehen: Überall eckte ich an, niemand mochte mich, wo ich hinkam, hasste man mich. Das darf schon pathologisch genannt werden und es braucht wohl kein Psychologiestudium um zu ahnen, dass viele Menschen an derart Minderwertigkeitskomplexen verrecken. Und ein paar wenige Gestalten, so wie Lydon und McGee, vielleicht auch die Gallaghers eine derart heftige „ihr könnt mich mal“-Attitüde entwickeln, dass im Zusammenspiel mit Talent Kult und Erfolg daraus werden.

Ich weiß nicht, ob ich das Buch, das für mich in den Schrein der Musikbibeln gehört, jedem empfehlen kann. Muss man wohl ein Indierockfreak für sein. Ich habe einige Bands entdeckt, die mir vorher unbekannt waren – und mir mit allen, wirklich allen meine Playlist vollgeladen. Habe überrascht entdeckt, dass das mir zuvor nicht bekannte Primal Scream-Acid-Album „Screamadelica“ (1991) mich zu etwas bringt, wofür ich null der Typ bin: partymäßig abtanzen. Und habe mich halb totgelacht bei den Erklärungen wie The Jesus & Mary Chain oder My Bloody Valentine zu ihrem kaputt-schönen Stil gekommen sind. Wie Alan McGee den Shoegaze erfand.

Nun muss ich aber enden. Die Zellentür geht auf, der Wachtmeister kommt herein. Man habe in der ganzen Stadt herumgefragt, niemand kenne diese „Ride“, von denen ich die ganze Zeit fasel. Was für eine Organisation das denn sein soll, ob es um Drogenhandel, Prostitution oder Hehlerei gehe. Schaut mich mit seinem bestimmten Wachtmeisterblick an, fixiert mich lange, beugt sich dann zu mir herüber, sein Gesicht nur wenige Zentimeter vor meinem: „Los, Schopfwenski, raus mit der Sprache! Wer sind diese ominösen Ride!?“

Zwei Arme mit Fäusten dran hat Gottes ureigener Musiksohn, zwei Wangen zum Buße tun der Frevler. Denke ich einmal. Denke es dann noch ein weiteres Mal. Und hole erst dann aus.

3 Kommentare zu “Mich hassen doch eh alle. Soeben ausgelesen: Alan McGee – „Randale, Raves und Ruhm“ (2021)

  1. Bludgeon
    21. September 2021

    Und „Silverage“ erst! Die Pladde für den Eintritt in die Rente!

    Gefällt mir

  2. davidwonschewski
    21. September 2021

    Ha, Bob Mould kommt auch drin vor, McGee hat nach dem Ende von Hüsker das Album „Copper Blue“ mit ihm produziert. Das kannte ich noch gar nicht, kenne nur die Hüser Dü-Sachen und das Solozeug später. Haut mich ziemlich vom Hocker, das munter Wutscheiblein…;-)

    Gefällt 1 Person

  3. Bludgeon
    21. September 2021

    hahahahahahahahahah….
    Passt scho‘!

    Jesus and Mary Chain „April skies“ ein Album für die Ewigkeit!
    Pere Ubu, New Model Army, Texas, Grapes of Whrat, Walkabouts…. ne Indiephase hatte ich auch. Laaaange!

    Bob Mould! Der God of Krach!

    Oasis- ???? Beatlesnachäffer ohne Einfälle –

    Ssssst. Bin schon weg!

    Elvis lebt!

    Gefällt 1 Person

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 21. September 2021 von in 2021, 5 Sterne, McGee, Alan, Nachrichten, Sachbücher | Biografien und getaggt mit , , , , .
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