David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – bipolarer Bedenkenträger

Treffen sich ein Türke, ein Afghane und ein polnischer Rumäne im Bus. Und verhalten sich allesamt typisch deutsch.

Die folgende Kurzgeschichte erschien 2019 in der Anthologie „All over Heimat“ ( herausgegeben von Matthias Engels, Thomas Kade & Thorsten Trelenberg; Stories u. Friends Verlag)

von David Wonschewski

Und so steige ich an einem arg frühen Sonntag mit meinem Kaffee in den Bus, setze mich – und werde Teil jener allseits schwelenden Flüchtlings- und Ausländerthematik. Denn erbost springt hinter mir ein junger Mann auf, ruft: „Aber Kaffee darf!!?“. Und er zeigt auf mich, dann auf den Busfahrer, dann wieder auf mich. Ich blicke hinab, betrachte den warmen Pappbecher in meiner Hand, frage mich was das nun zu bedeuten habe, welchen Stein des Anstoßes ich arglose Person geliefert haben könnte. Komme aber nicht drauf.

Der Busfahrer hält es nicht für nötig aufzustehen, blickt müde, aber bestimmt in den Rückspiegel, visiert den empörten jungen Mann an. Und sagt dann in sein Busfahrermikro: „Sie hatten einen Döner, Döner im Bus – nein. Der Herr hat einen Kaffee in fest verschlossenem Trinkgefäß – das ist erlaubt.“ Der Busfahrer ist Türke, seit 30 Jahren im Land. Das ahne ich nicht so dahin, nein, er erwähnt es an anderer Stelle dieses Scharmützels stolz und selbstbewusst. Der junge empörte Mann stammt aus Afghanistan, Flüchtling. Spekuliere ich nicht forsch, nein, auch er erwähnt es, nicht minder stolz und selbstbewusst. Die Herkunft, so schließe ich, scheint von Belang zu sein. In dieser morgendlichen Auseinandersetzung um meinen Kaffee.

„Deutsch dürfen alles“, ruft der junge Mann und schaut mich feindselig an. „Ausländer nix!“. Pikiert blicke ich noch immer hinab auf das Getränk in meiner Hand. Ich möchte trinken, schließlich war das – und nur das! – die Grundidee beim Erwerb. Zu wärmen meinen Hals, zu füllen meinen Bauch. „Auch der deutsche Herr darf keinen Döner im Bus essen. Und jetzt ist Ruhe, noch ein Wort und Sie steigen aus!“, sagt der Busfahrer, stoisch und blechern. Nicht von oben herab, aber, immerhin: von vorne nach hinten. Der junge Mann lacht ein Lachen, das Unglaube und Empörung ausdrückt. Der deutsche Herr, das bin ich. Ich merke wie ich mich unbehaglich und instrumentalisiert zu fühlen beginne. Noch mehr als zu trinken drängt es mich aufzustehen, dem Türken und dem Afghanen meinen Nachnamen vor die Lätze zu knallen. Vor allem die Endung zu buchstabieren: s -k – i. Laut zu rufen „Ce mai faci?“. Um damit irgendwas zu beweisen, von dem ich selbst nicht weiß was es ist. Doch ich tue es nicht. Ich sitze und schaue, schäme mich für mich und meinen spießbürgerlich verschlossenen Kaffee, den ich trinken darf, derweil der Afghane auf Weisung eines auf sein Hausrecht pochenden türkischen Mitbürgers seinen Döner vorm Einstieg in die Mülltonne zu werfen hatte.

Wir fahren los. Ich merke wie ich mich verloren fühle, beleidigt, zu Unrecht in eine Ecke gestellt. Sauer werde. Doch mein vor sich hin grollender Zorn findet kein Ziel, in dieser mit Täteropfern und Opfertätern angefüllten Morgenposse. „Deutsch dürfe alles“, murmelt der junge Mann noch einmal in meine Richtung. Und er klingt dabei so elend wie ich mich fühle. Derweil mir der Busfahrer über den Rückspiegel kaum merklich, aber aufmunternd zunickt. Ich beschließe diesen viel zu heiß dampfenden Kaffee nicht zu trinken, ihn bewusst kalt werden zu lassen. Und während wir fahren und ich mich wundere über mich und dich und sie und uns, das ganze so verworrene Miteinander der Menschen, sinniere ich über Auswanderung nach.

Doch, beileibe, mir fällt kein besserer Ort ein als der, an dem ich bin. Der Ort, an dem alles andere als mein Schweigen so offensichtlich gebraucht wird. Ein Ort, an dem nun dringend kühler Kopf zu bewahren ist.

Über die nervenzermürbende Lachhaftigkeit psychischer Schräglagen: Lesen Sie auch „Schwarzer Frost“, „Geliebter Schmerz“ und „Zerteiltes Leid“ – die bisher erschienen drei Bücher von David Wonschewski. Mehr Informationen dazu gibt es: HIER.

9 Kommentare zu “Treffen sich ein Türke, ein Afghane und ein polnischer Rumäne im Bus. Und verhalten sich allesamt typisch deutsch.

  1. Madeleine
    16. Januar 2021

    Hallo David. Gerne, danke dir für deine Antwort. Da hast du vollkommen recht. Ich hatte dazu letztens noch eine sehr interessante Zoom Konferenz. Es ging um Entstehung von diskriminierenden/rassistischen Einstellungen. Sehr interessant und auch augenoffnend. Viel ist anerzogen und geschieht unbewusst. Da kann man zB auch das Verhältnis Frauen und Männer Quote in Führungspositionen nehmen. Für eine Frauenquote bin ich nicht, warum auch. Dies würde heißen, dass Frauen nur deshalb in führenden Positionen sind; weil sie es müssen. Für mich zählen für eine solche Position Fachlichkeit und Persönlichkeit. Egal ob Mann oder Frau. Dieser Weg kann daher nicht wirklich geeignet sein, um auf das Problem aufmerksam zu machen. Oft sind es nämlich die Traditionen, die einfach weitergeführt werden, nach dem Motto „Haben wir schon immer so gemacht, ist halt so“. Diskriminierung versteckt. Ist aber auch ein ellenlanges Thema. Ich fand diese Fortbildung sehr bereichernd, vor allem um eigene Vorstellungen hinterfragen zu können. Leider musste ich feststellen, dass auch ich zu einem gewissen Grad feste Einsichten habe, die ich in den Alltag – beruflich / privat – mit einbringe. Nun, wer fehlerfrei sei, der werfe den ersten Stein. Jedenfalls danke für den Beitrag, er lässt meine Fortbildung und deren Inhalte wieder lebendig werden. Gruß, Madeleine

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  2. davidwonschewski
    16. Januar 2021

    Besten Dank für deine Nachricht, Madeleine. Ja, absolut, das Schwierige ist, denke ich auch, dass es menschenunmöglich ist sauber zu trennen, wo Diskriminierung und Benachteiligung herrscht und wo etwas ist, was alle erleben, erfahren. Nimm Andreas Nahles, quasi von Hof gejagte PD-Vorsitzende. Kann man als hundertste Bestätigung auffassen, dass Männer keine weiblichen Chefs ertragen, für mich ist das einfach das Schema X bei der SPD mies mit ihren Vorsitzenden umzugehen, Geschlecht egal. Also sogar Beleg der Gleichstellung. Ich habe mit einer Freundin vor kurzen einen Bericht über rassistische Erfahrungen Dunkelhäutiger in Deutschland gesehen. Die kamen dann auf die visuell nette Idee, da einige „Opfer“ rassitischer Sprüche diese Sprüche mal ganz betroffen in die Kamera sagen zu lassen. Das Problem: Freundin wie auch ich konnten bei einem Drittel der Sprüche den Rassismus sehen, bei einem weiteren Drittel eher Sprüche, die wir beide uns auch schon gefangen haben. Das letzte Drittel war besonders interessant: „Ey, du siehst ganz schön gut aus für ne Schwarze!“. Ich lese da, wenn überhaupt, Sexismus raus, keinen Rassismus. Zuvorderst aber eben die Schwierigkeit Fremden ein Kompliment zu machen das einen nicht selbst doof dastehen lässt hernach. Und die Freundin meinte, sie kennt den Spruch auch, natürlich in Variation, aber genauso: Du siehst aber gut aus für ne Versicherungskauffrau. Ein befreundete Türkin aus Berlin meinte mal, bis sie 30 jahre war, war sie permanent Opfer von Rassismus. Das sie es danach noch immer, aber nicht mehr ganz so oft war, lag an ihr, weil sie verstand, dass vieles gar nicht Rassismus ist. Morgens beim Bäcker fies von ebenjenem behandelt zu werden zum beispiel. Sie musste 30 Jahre alt werden, um zu verstehen, dass das typischer Berliner Tonfall ist, das Kodderige, das kriegt jeder ab, hat nichtmal was mit Antipathie zu tun. Tja, jeder sortiert sich seine Erfahrungen selbst zurecht. Ich selbst ja auch, ist ja nicht so, dass Meinesgleichen sich nicht dauernd sexistischen oder letztlich rassistischen Sprüchen erwehren muss. Der Unterschied ist lediglich der, dass man sich dadurch nicht so bedroht fühlt, sondern eher denkt: Jo, alle reden so, alle sind so, da ist keine Menschgruppe besser oder schlechte als die andere, geschont wird auch keiner…Beste Grüße!

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  3. Madeleine
    16. Januar 2021

    Puh schwierig, solche Situationen sind echt unangenehm. Ich denke aber, dass sie oft vorkommen, bezogen auf Herkunft etc. Der Mensch mit dem Döner hat es sicherlich schon öfter erlebt, Dinge nicht tun zu dürfen und interpretiert dies dann auf seine Herkunft. Leider herrschen aber auch immer noch viele (vor allem versteckte) stereotypsiche / diskriminierende Vorstellungen. Ich merke es selbst manchmal als Frau, in einer höheren Position. 😏 Am Anfang hat mich das belastet, ich spreche es jetzt offen an.

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  4. finbarsgift
    31. August 2019

    Einerseits zum schmunzeln, andererseits …

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  5. gutemine9
    6. August 2017

    Lieber David,
    ich musste etwas schmunzeln…diese Situationen gibt es jeden Tag an jedem Ort und man fragt sich, warum machen wir uns allen das Leben so schwer und wann hören Aus- und Abgrenzungen auf, bzw. wo fängt es an? Ebenso wie Miss- und Unverständnis. In dieser Situation haben sich am Ende doch irgendwie alle 3 schlecht gefühlt… am einfachsten wäre es wohl gewesen zusammen mit dem anderen Herren aus dem Bus auszusteigen und gemeinsam einen Döner zu essen und einen Kaffee zu trinken. Und dem Busfahrer wäre es auch leichter ums Herz gewesen.
    Ein guter Text zum Nachdenken!
    Allerliebst Mine

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  6. gabriele auth
    5. August 2017

    bin ganz dabei, hätte mich ähnlich gefühlt, aber ich denke, ich hätte mit dem Afghanen geredet und dabei meinen Kaffee getrunken. Und ja, wir brauchen ein Ende des falschen Schweigens, kühle Köpfe und by the way den Mut zu emotionaler Intelligenz.

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  7. philosophyofthougths
    23. Juli 2017

    Na ja, vielleicht nicht besser, aber zu viel Beeinflussung macht dich unselbstbewusst und macht dich auc ein bisschen schwach. Denn wenn du immer nur das tust, was andere indirekt oder direkt sagen, was du tun sollst, dann machst du zu wenig für dich selbst.
    LG

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  8. davidwonschewski
    23. Juli 2017

    Und wenn also jeder macht was er/sie will…wird was besser…?

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  9. philosophyofthougths
    23. Juli 2017

    Ich finde, man sollte sich davon nicht runterziehen lassen, sondern das machen, was man will.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 23. September 2021 von in Kurzgeschichten, Nachrichten und getaggt mit , , , , , , , , , , .
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