David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – bipolarer Bedenkenträger

Wie der uns auf die Nerven fällt. Soeben ausgelesen: Marie-Janine Calic – „Tito – der ewige Partisan“ (2021)

von David Wonschewski

Vorabfazit: 5 von 5 Sterne

Wie ist das, laufen Bezeichnungen wie „sympathischer Autokrat“ und „beliebter Diktator“ schon unter Oxymoron, also als Zusammenstellung zweier sich doch eigentlich widersprechender Begriffe? Gute Frage. Sollte sich jedoch einfach überprüfen lassen. Namedropping-Schatulle auf: Hitler, Stalin, Erdogan, Putin, Kim Jong-un, Lukaschenko, Mussolini, Franco, Gaddafi, Ceausescu, Castro, Idi Amin, Mobutu, Mugabe, Pinochet, Taylor und und und. Wow, was für eine Liste des Grauens, fiese Typen einer wie der andere, auffallend oft verheiratet mit nicht minder fiesen Frauen im Übrigen. Nein, gut war oder ist an denen gar nichts. Sympathisch oder beliebt? Hätten die vielleicht gerne gehabt, Personenkult und so. Unterm Strich ist die Bewertung aber doch eigentlich eindeutig: Wer sich undemokratisch irgendwie an die Macht schlängelt oder putscht und später mit Gewalt und Repressalien gegen das eigene Volk regiert, nein, der kann positive Adjektive nicht für sich in Anspruch nehmen, wirklich nicht. Beweisführung abgeschlossen.

Okay, dem Hitler hat das eigene Volk durchaus zugejubelt, der vielleicht bekloppteste Mensch aller Zeiten rannte ziemlich viele offene Volkstüren ein, so wahnsinnig contra eingestellt waren die Deutschen seinerzeit bekanntlich nicht, so sehr wir uns das in der Nachbetrachtung auch wünschen. Zu behaupten Hitler war unbeliebt, bleibt wohl auf ewig eine Lüge, leider. Wie, da war auch viel Angst und Konformitätsdruck im Spiel? Mag ja sein, dennoch schließt das eine ja das andere nicht aus. Genau deswegen kennen wir Deutschen uns ja so gut mit alleinherrschsüchtigen Irren mit Zeuskomplex aus. Und verstehen die Mehrheit der Russen oder Türken nicht, die ihre aktuellen gewählten Staatsführer zumindest mal nicht sooo schlecht findet. Da können wir unsere bundesdeutschen Postillen noch so vollklatschen mit Berichten von Meinungsunterdrückung und im Verborgenen errichteten Präsidentenvillen, Russen und Türken wissen besser, wen sie wählen und warum. Oder schon einmal mit Polen über deren aktuelle, aus unserer Sicht etwas schwierige Regierung gesprochen? Ich habe das, kriegt man selten die Antworten, die man sich auf unserer Seite des Moralhimmels so erhofft.

Castro gilt zusammen mit seinem erwiesen menschenfeindlichen und tötungs- und lageraffinen Kompagnon Che Guevara vielen Westeuropäern als Kultfigur, lustigerweise gerade solchen, die sich selbst als friedens- und gerechtigkeitsbewegt verstehen. Gut, bei Lukaschenko fällt mir so langsam aber sicher kein Gegenargument mehr ein, da wäre grußloses Abdanken nun wirklich angebracht, den mag und will gewiss gar keiner mehr. Kim Jong-un sowieso nicht. Okay, wenn man sich Berichte über Nordkorea anschaut, dann werden da immer total glückliche Nordkoreaner gezeigt, die ihren „Obersten Führer“ für etwas Sonnengleiches halten, derweil Nordkoreanerinnen nicht müde werden, lächelnd seine Heldentaten und die seiner Dynastie zu besingen. Aber Nordkoreaner, darauf haben wir uns hier geeinigt, sind was das betrifft nicht für voll zu nehmen. Haben alle Angst und ein zerbröseltes Brainwashing-Hirn. Wissen nicht, was sie reden, wissen nicht einmal, was sie denken. Darum übernehmen wir hier im Westen ja das Denken für sie und praktischerweise auch gleich das Aburteilen des ach so geliebten Führers. Das können wir uns erlauben. Warum? Keine Ahnung. Vielleicht, weil wir Abitur in West-Deutschland gemacht haben, unsere Presse superduper ist, wir ergo immer haargenau wissen wo oben und wo unten ist, wie der Hase läuft oder wie er zu laufen hätte, wenn jeder wäre wie wir. Wir sind so dermaßen voll auf der Höhe, was Menschenrechte und Volkswille betrifft, dass wir nicht einmal Nordkoreaner kennen oder nach Nordkorea reisen müssen, um zu wissen, was in Nordkorea abgeht. Uns reicht ein Blick auf die Frisur von Kim Jong-un um zu wissen, dass er und sein Vater und seines Vaters Vater das eigene Volk in die „Winke, winke“-Grenzdebilität unterdrückt haben.

Herrje. Nichts gegen Kritik, nichts gegen den Einsatz für Menschenrechte. Aber zumindest einmal abgehoben und arrogant sind wir Westler vielfach schon unterwegs, missionarisch mitunter, besserwisserisch definitiv. Ich meine, kann es nicht sein, dass Diktaturen und z. B. auch Monarchien ab und an sogar die besseren Gesellschaftssysteme sind – und ja: sogar für das Volk? Oder ist das theoretisch unmöglich? Und ist wirklich jede Filmaufnahme von lächelnden Menschen, die ihrem Diktator zujubeln unter Zwang inszeniert worden?

Ich interessiere mich seit einiger Zeit gerade deswegen für vermeintlich böse Staatenlenker, da ich nicht an die Blödheit eines Volkes glaube, an die durchgehende Bösartigkeit von Menschen im Generellen und Autokraten im Speziellen noch viel weniger. Ich glaube nicht an die Legende vom fiesen Machtmenschen, der das eigene Volk nicht mehr sieht, es nicht sehen will, nur noch den eigenen privaten Vorteil im Blick hat. Schließlich waren auffallend viele Diktatoren in früheren Jahren Unterdrückte, Diskriminierte, Verfolgte. Untergrundrebellen und Freiheitskämpfer. Es wäre blasiert zu glauben, dass diese Personen mitsamt ihrem Volk weniger sehen und wissen als wir. An was ich also glaube, das sind Lebensgeschichten, die sich manchmal verdrehen und verzwirbeln. Gefällte Entscheidungen, die in der Nachbetrachtung maximal blöd aussehen, in jener Zeit und vor jenem Hintergrund von vielen von uns jedoch genauso gefällt worden wären. Ich glaube an die prinzipielle Nichtvergleichbarkeit von Regionen. Wer sich zum Beispiel aktuell mal die Mühe macht sich etwas tiefer mit der Geschichte von Myanmar zu beschäftigen, der kommt nicht umhin, die Machtergreifung des dortigen Militärs moralisch neu zu bewerten. So hundsgemein, hanebüchen und einfach nur machtgeil ist das nämlich nicht. Nicht einmal staatliches Waffenträgertum ist überall gleich.

Ich kenne nun aber selbstredend nicht aller Autokraten und Schattenmächtigen Hintergründe bis ins Detail. Gut möglich, dass ich mich hier und da auch irre. Tito beispielsweise, von 1945 bis 1980 diktatorischer Staatschef Jugoslawiens, rannte dauernd in Uniform rum. Als ich 1987 mit meinen Eltern Jugoslawien bereiste, waren viele Gegenden noch knüppelvoll mit seinem Antlitz, Gemälde, Büsten, das ganze selbsterlauchte „ich bin nicht der liebe Gott, aber fast“- Programm. Da sollte eine moralische Einordnung ganz tief unten doch simpel machbar sein.

Tja, weit gefehlt, wie die Geschichtsprofessorin Marie-Janine Calic in Ihrer neuen „Tito“-Biografie aufzeigt. Das geht schon bei der Lebensgeschichte des Josip Broz (der Beiname „Tito“ kam erst später auf) los, der sich früh in einer Heftigkeit gegen Faschismus und Nationalismus auflehnte, wie es in einer höheren Darreichungsform wahrlich nicht zu gewährleisten ist. Einer der vielen Gründe, warum der Großteil der Jugoslawen ihn liebte, ihm dankte, ihn zumindest einmal schätzte, ist der, dass es ein Füllhorn an Vorkriegs- und Kriegsgeschichten gibt, die belegen, dass Tito ohne mit der Wimper zu zucken für seine Überzeugungen von Gleichheit und Gerechtigkeit in den Tod gegangen wäre, tatsächlich mehr als einmal auch bereits auf dem Weg dorthin war, es allein dem Schicksal zu verdanken ist, dass aus ihm kein früh verstorbener Märtyrer wurde. Sogar Reichsführer-SS Himmler lobte den Feind Tito als „Beispiel der Standhaftigkeit“ und stöhnte vielsagend hinterher: „Wie der uns auf die Nerven fällt“. Und niemand Geringeres als Kulturgigant Orson Welles feierte ihn viele Jahre später als größten Staatenlenker aller Zeiten.

Marie-Janine Calic gelingt es hervorragend aufzuzeigen, wie es zu dieser allgemeinen Bewunderung für einen Mann kommen konnte, der die wenig nette Bezeichnung „Diktator“ dennoch zurecht trägt. Sie führt uns ein in die zersplitterte Geschichte des Vielvölkerstaats Jugoslawien, auf dessen Gebiet sich die diversen slawischen Gruppen schon Jahrzehnte vor den 90er-Jahren übelst gegenseitig meuchelten und in der es einzig Tito gelungen ist, all diese Gruppen und Interessen unter einen Hut, eine Führung zu bringen, für Ausgleich zu sorgen, damit niemand sich mehr benachteiligt fühlen muss. Und hat man das alles erst einmal verstanden, so kommt man auch als Leser auf eine Schlussfolgerung, auf die Tito seinerzeit ebenfalls kam: dass sich ein Mehrparteiensystem als Spaltpilz entpuppen wird. Denn man darf nicht vergessen, auch wenn Tito sein Land zum offensten und wirtschaftlich global agierendsten sozialistischen Staat der Welt machte, seinem Jugoslawien in den ersten Jahrzehnten seiner Herrschaft einen unglaublichen ökonomischen Aufschwung mit fast schon ebenso unfassbaren Freiräumen gab – ins westliche Ausland reisen beispielsweise war nicht nur möglich, sondern gewünscht – gab es unter Serben, Kroaten, Slowenen, Bosniern noch immer große nationalistische Bestrebungen. Und sieht man sich einmal an, was nach Titos Tod 1980 und mit Einführung des pluralistischen Parteiensystems folgen sollte, kann man ihm wohl nur zustimmen: Ein Einparteienstaat war hier die definitiv bessere Wahl.

Titos Errungenschaften für den Balkan, aber auch für die ganze Welt sind beeindruckend. Er war einer der ersten sozialistischen Führer, die Stalin die Stirn boten, der in der Folge die Gemeinschaft der Blockfreien ins Leben rief, einer Vereinigung von Nationen, die sich weder den USA noch der Sowjetunion verbunden fühlten. Zuvorderst viele wirtschaftlich abgehängte afrikanische Staaten fanden sich dort ein, indirekt sorgte Tito somit auch dort für Fortschritte. Aber auch das Auftreten in der Öffentlichkeit entsprach nicht dem, was wir von Autokraten, ja Politikern allgemein gewohnt sind. Ungezählte Male stellte Josip Broz sich vor sein Volk, zeigte sich reumütig, entschuldigte sich für Fahrlässigkeiten oder Fehlentscheidungen. Ein Charakterzug, der das Vertrauen des Volkes in ihn weiter steigerte. Nicht zu vergessen all der Glämmer. Das Tito bevorzugt Uniform trug, begründete er damit, dass er sein Volk kennt und weiß, dass dieses Outfit – zumindest noch – gutgeheißen wird, ebenfalls Vertrauen schafft. Ein Führer, der immer bereit ist, einer, der jederzeit nötige Schritte einleiten kann, will und wird. Wenn er in den 60er-Jahren mit seiner Ehefrau Jovanka zu Staatsbesuchen um den Globus jettete, war das nicht weniger charismatisch als die öffentlichen Auftritte der Kennedys, als er seine Jugoslawen aufforderte, ihre Kultur mit der Welt zu teilen und die kulturelle Welt kurz darauf nach Jugoslawien einlud, kamen sie alle, um in Titos und Jovankas Privatgemächern zu nächtigen: Orson Welles, Richard Burton, Sophia Loren. Auch hier kannte Tito sein Volk, wusste, dass der Zusammenhalt der diversen Völker nur über eine Fokusgestalt erfolgen kann, die niemand so gut abgeben konnte wie er. Womit wir auch wieder bei den vielen Tito-Bildern und Büsten im Land sind. Wenn Tito sich im Glanz der Schönen, Reichen und Mächtigen sonnte, sonnte sich jeder Jugoslawe, jede Jugoslawin (in Sachen frauenrechte war Tito auch politischer Vorreiter) mit. Viel zu lange hatten sich diese Menschen als Bewohner einer abgehängten, minderwertigen und streitsüchtigen Region fühlen müssen. Tito änderte das.

Also alles picobello in Belgrad und Umgebung? Selbstverständlich nicht. Auch wenn Tito alle Freiheiten ließ, mehr Gleichheit und Gerechtigkeit kaum politisch herzustellen war, wusste auch er um eben diesen Wankelmut der diversen Einzelgruppen. Und so gab es natürlich einen Geheimdienst, es gab Beobachtungen, Ermahnungen – und mehr. Kirchen aller Couleur durften frei wirken, insofern sie nicht nationale Gelüste entfachten, für die Presse und sonstige politische Betätigungen galt Ähnliches. Wie alle ehemaligen Freiheitskämpfer konnte auch Tito gegen eine gewisse ansteigende Paranoia „wieder“ von Faschisten umzingelt zu sein, nichts machen, urteilte entsprechend handfest und schnell. Unter Titos Herrschaft fallen somit eine Unmenge Einzelschicksale, die kein Menschrechtler der Welt gutheißen kann.

Eine rundum gelungene Biografie, die nicht nur mit wissenswerten Details zu Titos Leben und den einzelnen Balkanstaaten aufwartet, sondern darüberhinaus aufzeigt, warum nicht alle diktatorischen Entscheidungen, die aus der gut behüteten Ferne so widerlich erscheinen, per se immer blöd und menschenfeindlich sind. Marie-Janine Calic glorifiziert Tito kein Stück, macht aber deutlich, warum diesem Landstrich in dieser Zeit vielleicht nichts Besseres passieren konnte als eben diesen Diktator zu bekommen.

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