David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – bipolarer Bedenkenträger

Eine Frau sieht rot. Soeben ausgelesen: Ariana Harwicz – „Stirb doch Liebling“ (2012)

von David Wonschewski

Vorabfazit: 3 von 5 Sternen

Bitte seien Sie gnädig mir. Höchst selten bekomme ich derart öffentliche Aufmerksamkeit wie dieser Tage. Als ich auf dem Weg nach Hause an einem Garten vorbeilief, in dem ein halbes Dutzend kleiner Mädchen spielte. Diese sichteten mich, stürmten allesamt hocherfreut zum Zaun, pressten ihre kleinen Gesichter ans Zaungitter, jauchzten. So viel Mick Jagger hatte ich selten. Natürlich verfiel ich sogleich in den entsprechenden Cool-Modus, schlenderte extrem lässig an ihnen vorbei und raunte dabei in der tief-sonorsten aller mir zur Verfügung stehenden Stimmlagen: „Na, was geht so ab in…Kleinmädchenhausen?“. Gab natürlich keine Antwort. Und ich war schon am Zaun vorbei ge-famed als die Vorlauteste von allen, deutlich unter 5 Jahre alt, mir hinterherrief: „Duuu…von wem bist du der Papa??“.

Eine Frage wie ein Schlag in den Nacken. Eine Spontansituation, aus der ich ohne Antwort nicht herauskam. „Na, von niemandem!“ rief ich also wahrheitsgemäß und in aller mir möglichen Selbstverständlichkeit über meine Schulter hinweg. Den blöden Schulterblick hätte ich mir sparen müssen, denn so sah ich wie die vielen Kleinmädchengesichter binnen Millisekunden von hocherfreut zu hochskeptisch mutierten. Ein alter Mann ohne Kind – wie unlogisch und unglaubwürdig ist das denn!? Erzähl‘ uns doch keinen Grütz, Alta! Ich konnte meine Glaubwürdigkeits- und Beliebtheitswerte sehen, wie sie auf geradezu baerbockhafte Weise in den Sturzflug übergingen. Und reagierte entsprechend baerbockig, schob weise, fast schön völkerrechtlich erläuternd hinterher: „Es ist nicht wichtig, ob ein Mann oder eine Frau ein Kind hat, es gibt viele Menschen ohne Kinder und manche entscheiden sich freiwillig dafür!“. Aber zwecklos, da war die Meute schon weggestürmt. Auf der Suche nach Typen, die ihnen keinen gottverdammten Bären aufbinden. Solche mit Kindern halt. „Dann wählt doch Laschet!“, rief ich empört und gesellschaftsdiskriminiert noch hinterher. Interessierte sich aber natürlich auch niemand mehr für.

Nun wollen wir die Reaktionsschemata von Kindern weder unter- noch überbewerten, den Mädchen ging es letztlich darum zu eruieren, ob ich einen potenziellen Spielkameraden in ihrem Alter in petto habe. Und dass es auch eine Erwachsenenexistenz ohne Nachwuchs gibt, nun, da stösst man im Kindergarten logischerweise eher selten drauf. Alles gut. Und ich selbst habe natürlich auch meine Erfahrungen mit dem Thema. Frauen sind nur im Bereich der Partnerschaftssuche hocherfreut, wenn man Ü30 kinderlos ist, ansonsten reagiert auch dort zuvorderst die Breitwandskepsis: „Keine Kinder? Aha, so einer biste also.“ Was immer das nun bedeuten soll, „so einer“ zu sein. Noch besser die Männer, also Väter: Geben vor, dass Ihnen das total egal ist, ob ich Kinder habe oder nicht. Können ab und an aber so einen schwelgerisch-neidischen Blick nicht ganz unterbinden. Schwerelos kinderlos, jaja. Nun habe ich den kleinen Schwank aus meinem Alltag deswegen vom Stapel gelassen, da er sehr gut zu „Stirb doch Liebling“ von Ariana Harwicz passt. Denn ich fragte mich nach der Episode mit den kleinen Mädchen, ob kinderlose Frauen in meinem Alter zwar verwundert-amüsiert, letztlich aber auch so schmerzfrei durch solche Situation kommen. Und ob sie diese Situationen nicht dauernd erleben, öfter, heftiger, wieder und immer wieder, derweil es bei mir letztlich souverän handzuhabende Ausnahmen sind. Und, wenn es denn so ist, warum eigentlich, warum passiert es öfter, warum ist es, vielleicht, schmerzhafter? Vor allem aber: Wie kann man das ändern, dass Kinderlosigkeit als Makel gilt?

Genau hier setzt Ariana Harwicz an, deren namenlose Protagonistin zwar nicht kinderlos ist, die es aber verdammt gerne wieder wäre. Stattdessen ist nach dem kleinen Sohn schon der nächste Nachwuchs in der Mache. Vertrackte Situation, die sich noch dadurch verschlimmert, dass Sie, die gebildete Akademikerin aus der Großstadt, zu ihrem Mann aufs idyllische Land zog, um fortan nur noch Mutter und Ehefrau zu sein. Der Liebe wegen und so. Hübsche Idee, für die sie nur einfach nicht gemacht ist, wie uns Harwicz von Seite 1 an heftig vor Augen führt. Die Autorin müht sich gar nicht erst daran ab, uns langatmig das vorher und das Werden zu erzählen, ab und an erhalten wir Einsichten in die Psyche, Selbstekel war seit früher Jugend Teil ihrer DNA, Unterwürfigkeitsfantasien bevölkern ihre unerfüllten sexuellen Träume. Im Hier und Jetzt aber: der blanke Hass. Auf die blöde Natur und die noch viel blöderen Tiere, die sie nicht selten mit Anlauf und Hurra tötet, auf die sie wiederholt mit einem Revolver ansetzt. Auf ihren Mann, mit dem sie sich längst in einem nicht ganz gewaltfreien Konflikt befindet, wobei die verbalen und tätlichen Aggressionen mehrheitlich von ihr ausgehen. Ihre in der Nähe wohnenden Heile Welt-Schwiegereltern hat sie sowieso gefressen. Na und der kleine Sohn? Keine Bindung, ein Stück Körper, dass sie permanent in eine Ecke drängt, in der sie nicht stehen will. Wir reden hier nicht von einer überforderten Mutter, die am Ende eines anstrengenden Tages seufzend und berechtigt jammernd zusammenbricht. Wir reden von einer Frau, die besser gar nicht erst Mutter geworden wäre. Und letztlich an ihrer Unmöglichkeit zerbricht, das verhindert zu haben, ja sogar eine zweite Schwangerschaft verfolgt, bei dem verhassten Mann bleibt, in Selbsthass strandet, weil sie unfähig ist sich, tja, nicht-gesellschaftskonform zu verhalten: „Ich hab es satt, dass es nicht gut ist, herumzuballern oder das Baby fies zu behandeln.“

Ariana Harwicz zeigt uns auf 125 Seiten das Leben einer Frau, die sich mehr oder minder durchgängig rücksichtlos und völlig daneben benimmt. Wohltuend für den Leser ist dabei, dass sie fast durchgängig auf die üblichen Schuldzuweisungen an Männer verzichtet. Man wartet förmlich auf das dicke Ding, dass sich ihr Mann zuschulden hat kommen lassen, da ist aber nichts, er bemüht sich nach Kräften ein guter Ehemann und Vater zu sein und scheitert am Unwillen der Protagonistin, das anzunehmen. Sie erklärt sogar explizit, dass ihr weder in Kindheit noch Jugend eine dieser Widerwärtigkeiten durch den Onkel oder den Lehrer passierte, die oftmals ein autoaggressives Wesen nach sich ziehen. Nein, sie ist eine normale Durschnittfrau ohne Tragödie in der eigenen Vita – die gelernt hat zu hassen.

„Stirb doch Liebling“ wurde mir als sarkastisch-misanthropischer Roman empfohlen, der es aus meiner Sicht aber kein Stück. Er ist kompromiss- und rücksichtlos, mutig. Vor wenigen Wochen erst ging durch die deutschen Zeitungen der Aufruf einiger Frauen, sich öfter zu Kinderlosigkeit zu bekennen, dem Mutter-Kind-Schema endlich seinen fahlen Glorienschein zu nehmen. Keine einfache Aktion, nicht einmal in unserer freien westlichen Welt. So betrachtet ist der Roman ein wahrlich feministisches Befreiungsbuch, das zeigt, dass Feminismus zwar sehr selten, ab und an aber eben doch auch für Männer gut ist. Für mich las es sich durchaus befreiend, einmal eine Frau zu erleben, die beim Thema Kinder nicht automatisch in den Verzückungsmodus schaltet, die stattdessen richtiggehend Agro wird. Und das auch gerne schildert. Als Beispiel sei hier genannt, dass die Protagonistin den kleinen Krabbelsohn bewusst allein vorm Feuer hocken lässt, was auch ein kleineres Malheur nach sich zieht. Oder ihn hochwirft, auffängt, hochwirft, auffängt, hochwirft – ups. Auf einem Ausflug an jeden Baybplimplam denkt, nur nicht ans Happa Happa für den Kleinen. Wieder ups.

Natürlich ist das moralisch zu verurteilen. Genau deswegen ist in brutal abgehackter Sprache daherkommende Literatur wie diese aber auch so wertvoll. Grenzen verschieben. Gerade für Frauen dürfte die Lektüre dieses Romans daher sehr wertvoll sein, sei es, weil man die Frau widerwärtig findet, sei es, weil man sich befreit fühlt wie sehr die Dame gegen alle „so sind Frauen“-Konventionen verstößt – velleicht aber auch, weil beides sich verzwirbelt, vermengt.

Ich selbst gebe dem Roman „nur“ 3 von 5 Sternen, da ich die Aneinanderreihung von Rücksichtslosigkeiten als Mann von Männern kennen und nicht erschütternd bin, wenn Frauen auch so sein wollen, frage mich seit Jahrens chon, warum sie es nicht sind. Die Tür, durch die Ariana Harwicz rennt, war bei mir also schon offen. Hinzu kommt, dass sich die Autorin eine vermutlich bewusst eingefädelte Desorientierung von Zeit und Raum leistet, die dem Sujet nicht guttut. Sicherlich, ab und an fragt man sich, was von der Gehässigkeit nur Kopfkino ist, schöne neue Welt, ob die Protagonistin de facto nicht adrett und nett in ihrem Landhaus sitzt und einfach nur einen Film schiebt. Mich selbst hat das hier doch arg genervt.

Dennoch, ein sehr wichtiger Roman.

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Ein Kommentar zu “Eine Frau sieht rot. Soeben ausgelesen: Ariana Harwicz – „Stirb doch Liebling“ (2012)

  1. Tala T.
    11. Oktober 2021

    Ich kann nachvollziehen, warum es wichtig ist, auch so ein Buch zu schreiben, aber Lust, es zu lesen, ist jetzt nicht aufgekommen. Ich würde sicher permanent denken: Dann zieh doch weg. Du musst da doch nicht bleiben. 🙂

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