David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – bipolarer Bedenkenträger

Emotionen können wir uns nicht leisten. Soeben ausgelesen: Szczepan Twardoch – „Das Schwarze Königreich“(2020)

von David Wonschewski

Vorabfazit: 6 von doch eigentlich nur 5 zu vergebenen Sternen

Das habe ich lange nicht gehabt. Dass mich dieses Leid einer anderen Generation, das mich seit jeher kaum noch interessiert, derart anrührt. Ich am Ende eines Buches, das mir soviel Schläge verabreicht hat, dass ich härter und immer nur härter, kälter und immer nur kälter wurde daran, mich auf den letzten Seiten derart mitnimmt, dass ich mich schluchzend erst einmal sammeln muss.

Mir ist danach dem Fahrer zu befehlen anzuhalten. Wortlos aus dem Auto zu steigen, betont sanft die Tür ins Schloss zu drücken. Und, angefüllt mit Hass und Wut, die paar Kilometer zu Fuß zurück nach Warschau zu marschieren. Dabei Heullaute auszustoßen wie ein gehetzter Hund. Bei Ryfka einzukehren, ein paar Wodka zu heben, dann Visagen zu zerdreschen, Frauen zu nehmen. Wobei Letzteres seit ein paar Jahren schon nicht mehr funktioniert, Sinn und Wille dafür sind versiegt. Denn mein Name ist Jakub Shapiro. Damals, zwischen den beiden großen Kriegen, war ich erst Boxer, dann Kleinkrimineller, schlussendlich Unterweltgröße. Der König von Warschau. Ich bin Jude, das jedoch weniger, weil ich es sage, sondern vor allem deshalb, weil andere es sagen. Ich selbst werde nur zum Juden, wenn jemand es wagt, auf mich herabzuschauen, mich anzuspucken, auf mich zu treten. Doch das wagt schon lange niemand mehr, das Jüdische in mir, ich habe es besiegt, gerade aus mir herausgeprügelt habe ich es. Habe auf dem Weg dahin Knochen gebrochen, Kiefer verrenkt, säumigen Zahlern die Eier abgeschnitten. Bin weder Pole noch Deutscher, habe weder Allianzen noch Bündnisse geschmiedet, mit wem auch, meinesgleichen gibt es nicht an diesem kalten Ort, in dieser grauen Stadt. Rechenschaft bin ich immer nur mir selbst schuldig. Bin ich ein moderner, ein wehrhafter Jude? Wenn du möchtest, nenne mich so. Es bedeutet mir nichts. Alles, was ich immer wollte, war überleben. Die feinen Anzüge, die hochwertigen Schuhe, die Autos und die Villa kamen erst später…

In seinem vorhergehenden Roman „Der Boxer“ hatte sich das polnische Literaturwunderkind Szczepan Twardoch noch dem jüdischen Leben im Warschau der späten Zwanziger und frühen Dreißigerjahre gewidmet, uns gezeigt, wie der harte, schroffe, ungehemmt Brutalität ausübende Jakub Shapiro von einem Nichts zum König der Stadt aufsteigt. Nun, im „Schwarzen Königreich“ geht es einige Jahre später die Treppe wieder bergab. Kein Wunder: Die Nazis sind da. Den Juden – Selbstverständnis hin, Selbstverständnis her – bleibt nur das Verharren, später dann Siechen im Warschauer Ghetto. Mittendrin Jakub Shapiro, nur noch ein Schatten seiner selbst. Lethargisch, aufgedunsen, schleppt er sich mittlerweile 40-jährig dauerbesoffen durch den Tag. Aus seiner Villa wurden er, seine Frau Emilia und die beiden kleinen Söhne, David und Daniel, vertrieben. Es klingelte an der Tür, zwei sämig grinsende uniformierte Speckgesichter gaben ihnen 15 Minuten ihr Zuhause zu verlassen, das Auto freundlicherweise in der Garage zu belassen. Früher hätte so ein grinsendes Speckgesicht den Moment nicht überlebt, jeden Finger einzeln aus den Gelenken gezogen hätte Jakub dem. Aber so wird Shapiro von einer großen schwarzen Ohnmacht eingeholt, sie gehen, verlassen ihr Heim, ziehen ins Ghetto. Emilia ist sogar halbwegs froh darüber, endlich bewegt sich was. Vor einigen Wochen hatten sie schon im Flieger nach Palästina gesessen, aber Shapiro hatte das Kunststück fertiggebracht, das Flugzeug zur Umkehr zu bringen. Heim ins graue Königreich, den einzige Ort, an dem ein Shapiro existieren kann. Oder auch nicht.

„Der Boxer“ zu lesen war schon hart, war brutal, war hohe, nein höchste Literatur mit Schlagring. Ein buchgewordener film noire, der – wie jedes große Buch – mit viel Lokalkolorit, Geschichts- und Sozialbewusstsein ordentlich eins auf die Fresse zu geben wusste. Mit „Das Schwarze Königreich“ übertrifft Twardoch sein eigenes Meisterwerk noch einmal – und das mit Mitteln, die regelrecht sprachlos machen. Zwar greift der gebürtige Schlesier wieder zu Genüge auf Schilderungen ungeahnter Brutalität zurück, doch bewerkstelligt er das erneut derart kühl, dass sein Schreiben frei von einer jeglichen Gewaltverherrlichung ist, Freunde des hingemetztelten Splattertums erneut nicht auf ihre Kosten kommen werden. Beispilee spare ich mir hier bewusst, doch es bleibt festzuhalten, dass ich nach gut 40 Jahren, in denen ich auf vielfältige mediale Art mit Gewalt zugedröhnt wurde, mit Twardoch gerade der unterkühlteste aller Schreiber etwas schafft, was ich längst für ausgeschlossen hielt: Mich aufrichtig traurig zu machen. Ich glaube, ich bin sehr gut informiert, was für Demütigungen und Brutalitäten Menschen sich gegenseitig antun, ich bin auch abgeklärt genug, hinter alledem einen evolutionären Sinn zu entdecken. Twardoch aber ist der Erste, bei dem mir meine intellektuelle Abgeklärtheit nicht mehr reicht, ich immer wieder Weinen möchte. Oder eben zu Shapiros Lieblingsnutte Ryfka, einen heben, einen reinstecken. Aber auch das geht nicht mehr, denn auch Ryfka, aus deren Sicht die eine Hälfte des Romans geschildert wird, ist in die Jahre gekommen. Das Leben als Prostituierte hatte sie schon vorher abgestumpft, den Rest erledigt die deutsche Besatzung, der Alltag im Ghetto, der Krieg. Sie ist es, an der der abgeschlaffte und von seiner Familie verlassene Shapiro nun hängt wie ein Mühlstein, sie ist es, die sich nur nachts aus ihrem Unterschlupf wagt, um in den heruntergekommenen, teilweise zerbombten Straßenzügen Warschaus nach etwas Essbarem für sie beide sucht, dabei gleichermaßen emotionslos Familienfotos wegwirft, wie sie auf den Straßen über Kinderleichen steigt. Abgemagert, stinkend, perspektivlos. Verlotterte Juden, frei zum Abschuss für jeden, dem gerade danach ist, ein Leben beim enden zu betrachten. Viele Halbgestalten schlagen sich durch die Nacht, begleitet nur von der Ahnung, dass schon der nächste Tag ihr letzter sein könnte. Auch David ist dieserart unterwegs. Ja, der mittlerweile 15-jährige Sohn von Jakob. Mit Shapiro hatte er Monate zuvor im Flieger nach Palästina gesessen, mit seiner Mutter und seinem Bruder Daniel vor wenigen Wochen erst im Waggon nach Treblinka gestanden. Er selbst konnte auf freier Strecke fliehen, Mutter und Bruder nicht. Die waren mal, sind nicht mehr. Aus Davids Sicht wird im Wechsel mit Ryfka der zweite, eher übergeordnete Teil der Handlung erzählt, der Abstieg eines Mannes, der Vater sein wollte, es aber schon zu Friedenszeiten sporadisch zu sein vermochte. David hasst Ryfka, ist sie doch die Nutte, zu der der Vater immer türmte, wenn ihm die familiäre Behaglichkeit der Villa zu eng wurde. Ryfka hasst David, symbolisiert er doch alles, was sie nie konnte: Kinderkriegen zum Beispiel, eine ehrbare, eine gute Frau sein. Und dann stehen sie sich nachts plötzlich einander gegenüber, im Schutt von Warschau. Und wissen gar nicht, wer nun wen eigentlich lieber umbringen würde. Derweil Jakub ein paar Meter weiter liegt, nicht tot, lebendig aber auch nicht. Als Jude ohne Glauben, Europäer ohne Heimat, Mann ohne Anschlussverwendung.

Oh ja, das ist schon ein verdammt dunkler Roman, den Twardoch uns hier vor den Latz donnert. Wenn schon mir immer wieder die Tränen kommen, wenn schon ich bei Schilderungen von Brutalitäten immer wieder mit kurz verzerrtem Gesicht aufschauen muss vom Buch, dann heißt das was. Doch das lohnt sich, gerät „Das Schwarze Königreich“ doch erneut zu so vielem. Es ist ein weiterer historischer Exkurs in jiddisches Leben in Polen und schlesische Befindlichkeiten der 40er-Jahre. Es ist ein Trip in die Militär- und Politikgeschichte Osteuropas, angesiedelt zwischen Kulak, Holodomor und Piasten. Es ist aber auch ein Roman, der tiefenpsychologisch nach einer Erbsubstanz von Männlichkeit gräbt, immer wieder auslotet, warum dieser Jakub Shapiro – Jude hin, Jude her – auch als Geliebter, Ehemann, Vater scheitert.

Ich gestehe: Auch wenn es nie genug Erinnerungen, Mahnungen und Dokumentationen auf Phoenix sein können, so flattert die gesamte NS-Thematik emotional betrachtet doch seit jeher ein wenig an mir vorbei. Wenn ich sage „schlimm, ganz schlimm“, spricht da zwar der ehrliche Kopf, niemals aber der Bauch. Das ist nach „Das Schwarze Königreich“ anders, tief bekümmert über den Lauf unserer nationalen Geschichte und das Sein der Menschen ziehe ich mich zurück. Und inmitten meiner grauen Gedanken sinniere ich auch nach über die Frage, ob ich hier nicht vielleicht soeben den modernsten aller Antikriegsromane gelesen habe.

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Ein Kommentar zu “Emotionen können wir uns nicht leisten. Soeben ausgelesen: Szczepan Twardoch – „Das Schwarze Königreich“(2020)

  1. Sounds and Books
    7. Dezember 2020

    Ja, Twardoch ist ein exzellenter Autor. Auch „Das schwarze Königreich“ ein erneut sehr guter Roman.

    Gefällt 1 Person

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