David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – bipolarer Bedenkenträger

Eine nonfeministische Feministin. Soeben ausgelesen: Henry James – „Washington Square“ (1881)

Washington Square von Henry James

von David Wonschewski

Vorabfazit: 5 von 5 Sternen

Einerseits verstehe ich jene Stimmen, die monieren, dass die Klassiker der Literatur doch letztlich immer nur von weißen privilegierten Männern für weiße privilegierte Männer gemacht wurden. Andererseits, wenn ich so im Flaubert, Fontane, Stendhal blättere, lese, wie da permanent gutbürgerlich-adelige Herren in etepete-Salons hochanständigen Damen ihre Aufwartung machen, wie sich alles darum dreht, ob die junge Comtesse du-nochwas mit dem aufstrebenden Brigadier de-hastenichtgesehen mehr als nur durch den Park flanieren darf, wie alle drei Seiten eine errötet, wie immer der Herr Papa ganz erbost ist und die Frau Mama die Sitten hochhält, dann komme ich, mit Verlaub, zu dem Schluss: Das ist keine Männerliteratur, das ist lupenreiner Frauenkram. Von den zahlreichen Romanen, in denen es um das gesellschaftliche Aufbegehren junger Frauen geht, gar nicht zu reden. Gut, wenn mir nun Frauen sagen, dass sie diese Klassiker auch nur schwerlich ertragen, auch gerne etwas mehr davon lesen würden, was diese ganzen adretten Charmeure eigentlich machen, wenn sie nicht gerade in Aristokratensalons abhängen – sich im Alter von Mitte zwanzig den Hals auf einem der vielen europäischen Schlachtfelder durchsäbeln lassen, beispielsweise – dann kann ich das gut akzeptieren. Stellt sich halt nur die Frage, warum das Zeug dann Klassiker wurden oder warum es noch immer arg verehrt wird.

Die Antwort ist simpel: Wegen Leuten wie mir. Ich ärgere mich mitunter zwar schwarz – huch, ist diese Formulierung eigentlich noch erlaubt? – beim Lesen, Stendhal habe ich sogar mehrfach durch mein Wohnzimmer geworfen, so schwer erträglich fand ich den. Aber: Ich will das lesen. Als zeithistorische Dokumente, die mir mehr über unser Gestern sagen als jedes „Geschichte im Aufriss“-Lehrbuch. Diese Unerträglichkeit, die ich da spüre, hat ja einen guten Grund: Man mag das Verhältnis zwischen den gesellschaftlichen Schichten und den Geschlechtern auch anno 2020 mit gutem Grund noch geißeln. Aber verglichen mit 1850-1900, Himmel, was für eine schöne Welt wir da doch aktuell haben. Ich hörte von Feministinnen, die diese sämigen Klassiker am liebsten komplett aus dem literarischen Weltgedächtnis tilgen würden. Sind wohl auch die, die Statuen vom Sockel kloppen und in die Themse werfen möchten. Vergessen als Heilmittel. Für mich unverständlich, verleiht doch nichts so viel Kraft und Stolz und Wumms wie der Abgleich mit der Vergangenheit. Wie der Gang auf die Waage. Dass ich heute recht beschwingt unterwegs bin, liegt auch daran, dass ich noch genau weiß, was ich vor drei Monaten wog, bevor ich mit Sport und Ernährungsumstellung begann. Fest eingeprägt habe ich mir das. Und bin nicht gewillt es zu vergessen.

Nach diversen mitteleuropäischen (übel) und russischen (die haben es besser drauf) Klassikern nun also mein erster nordamerikanischer Klassiker: „Washington Square“ von Henry James. Der 1881 erschienene Roman spielt in einem sehr engen Zirkel der New Yorker Oberschicht, in dem Vermögen und Ansehen die Wertmaßstäbe darstellen, an denen sich die Menschen orientieren. Verbunden mit dem sehr amerikanischen Grundsatz, dass von niemandem erwartet werden kann, in eine höhere Klasse geboren zu werden, dass ein jeder aber die Möglichkeit hat, sich den sozialen Aufstieg mit Fleiß, harter Arbeit und einem sittsamen Lebensstil zu verdienen. Auf diese Weise hat es auch den Arzt Dr. Slope nach oben gebracht, einen intelligenten, sanftmütigen Mann mit festen Prinzipien, für den Vernunft über alles geht. Nach dem frühen Tod seiner Frau und ihres Erstgeborenen lebt er mit seiner Tochter Catherine und seiner Schwester, der verwitweten Mrs. Penniman, in einem stattlichen Haus am Washington Square. Doch so umgänglich sich der Arzt auch gibt und so tief die Bindung ist, die er zu seiner Tochter aufbaut, es liegt eine große Enttäuschung über seinem Verhältnis zu ihr, gründend auf der bitteren Erfahrung des vorherigen Todes seiner Frau und seines Sohnes. Denn während er sich die Zukunft seines Sohnes in den schillerndsten Farben ausmalte und seine sehr wohlhabende Ehefrau neben Geld auch ihre Intelligenz und Schönheit mit in die Ehe brachte, gerät Catherine eher dürftig. Liebreizend ist sie nicht, clever nicht, sonderlich humorvoll ebenfalls nicht. Sie ist nicht das, was man als kompletten Ausfall niederschreiben könnte, keineswegs. Es sticht halt nur nichts hervor, was einen jungen Mann, Dr. Slope erkennt das schnell, jemals auf den Gedanken bringen könnte, gerade um ihre Hand anzuhalten. Kurzum: schwer vermittelbar, die junge Durchschnittsdame. Nicht einmal die zu erwartende fette Erbschaft sorgt dafür, dass sich die eitlen jungen Gecken bei Dr. Slope die Klinke in die Hand geben.

In der Charakterisierung von Catherine gelingt Henry James ein erster grandioser Zug. Denn gewohnt sind wir jene Geschichten, wo die Damen immer enorm liebreizend sind und daran zerbrechen – oder aber rebellische Eigenheiten haben, die kein Kerl mitmacht und die dem Herrn Papa die Locken vom Schädel flausen. Nicht so Catherine, die, tja, einfach nur in der Gegend herumsteht, berufen zu gar nichts, durch ihre Eltern einfach nur bestens versorgt bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag. Diese Charakterisierung ist von daher grandios, da der Leser weder die Möglichkeit bekommt, Sympathien für sie zu entwickeln, noch eine Aversion aufzubauen. Sie lässt uns kalt, das personifizierte egal, spröde. Wir erleben keine kämpfende Frau, auch keine leidende Frau. Im Grunde wissen wir nur, dass Dr. Slope halt irgendwie eine Tochter im heiratsfähigen Alter hat.

Aber dann kommt er. Morris Townsend. Und als erster Mann Heiratsgelüste offenbart. Townsend ist, salopp formuliert, der steilste Zahn an der Ostküste. Sieht unfassbar gut aus, ist unsagbar intelligent, besitzt Charisma ohne Ende und hat – was quasi kein New Yorker von sich sagen kann – bereits in jungen Jahren die halbe Welt bereist, in Europa gelebt. Das ist so ein verwegener Abenteurer-Traumtyp, in den sich auch 2020 noch viele Frauen verlieben, würde Mrs. Penniman sagen. Nicht verlieben, auf ihn hereinfallen, würde ihr Bruder, Dr. Slope, sie berichtigen. Denn auch wenn er enorm beeindruckt ist von Morris Townsend – als Arzt sogar ausgiebig dessen unglaublichen Körperbau preist – sieht er doch sofort, worum es diesem mittellosen Lebemann geht: Catherines Erbe. Denn was soll so ein Kaliber von Mann sonst wollen von seiner Tochter, dieser regelrechten Mrs. Average?

Ja, die Meinung von Dr. Slope ist eindeutig. Unterstützt wird er darin von: niemandem. Mrs. Penniman sieht es nicht so, Catherine sieht es nicht so, andere Verwandte sind sich sicher, dass die beiden doch zumindest eine Chance verdient hätten. Und Morris selbst ist verzweifelt: Ja, was soll er denn machen? Der Doktor selbst ist doch aus dem Nichts gekommen und hat damals eine wesentlich reichere und bedeutendere Frau geheiratet – warum wirft er ihm nun vor, was er selbst 30 Jahre zuvor genauso tat? Das tolle an diesem Roman: Auch der Leser zweifelt, denn James lässt uns lange im Dunkeln, ob wir Morris Townsend zwielichtig sehen möchten oder ob Dr. Slope hier der Romantikverderber ist.

Eine harte Auseinandersetzung zweier großartiger Männer beginnt, Slope gegen Townsend, Vater gegen Liebhaber – wem gehört Catherine? Apropos gehören, es gehört sich nicht, an dieser Stelle allzuviel über den weiteren Verlauf des Romans auszuplaudern, selbst lesen soll das höchste Gebot bleiben. Verraten werden darf aber, dass Henry James mit den zuvor skizzierten Mitteln der am meisten feminstische mir bisher bekannte Klassiker gelungen ist. Gerade Cathernes spröde Charakterisierung hebt hervor wie es Frauen zerreibt, wenn Sie zum Spielball männlicher Interessen und Konflikte werden – oder aber, auch diesen zukunftsweisenden Fingerzeig gibt Henry James bereits: sich bereitwillig dazu machen lassen.

Nein, in „Washington Square“ gibt es keine Bösen, keine Schurken. Es gibt mit Sicherheit noch jenes heutzutage ins Abstrakte abgedriftete Gebilde namens „Patriarchat“, in dem es zu Passivität gedrängte Frauen gleichermaßen zerreibt wie zu ständiger Aktivität gezwungene Männer, in dem es unterm Strich nur Verlierer gibt, ganz einfach, weil dieses ganze Gesellschaftskonstrukt windschief aufgesetzt wurde. Es kann ganz einfach nicht funktionieren, wenn Frauen dazu verdammt sind, den lieben langen Tag herumzusitzen, Häkelarbeiten zu verrichten und brav darauf zu warten, dass Mr. Right an der Pforte erscheint. Und wenn junge Männer nur vor der einen Herausforderung stehen, nämlich eher verheiratet zu sein als auf einem der vielen Schlachtfelder ein grausames Ende zu finden. Was eh passieren wird. Mit Eheschließung in der Vita war das Dasein aber immerhin nicht ganz für die Katz‘.

Ein toller Roman, zurecht ein Klassiker. Mit einer Catherine, die meine neue weibliche Klassiker-Lieblingsfigur ist. Eine nonfeministische Feministin, die gerade durch diesen vermeintlichen Gegensatz das meiste für sich und ihr Geschlecht erreicht. Ein Buch, das mich dazu gebracht hat 250 Seiten lang mitzufiebern, mich inbrünstig zu fragen, ob…ob…ob sie sich wohl kriegen werden? – kann nur 5 von 5 Sternen kriegen.

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