David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – bipolarer Bedenkenträger

Jonathan Frakes lässt grüßen. Soeben ausgelesen: Hervé le Tellier – „Die Anomalie“ (2021)

von David Wonschewski

Vorabfazit: 5 von 5 Sternen

Als bekennender Freund philosophisch-psychologischer Veitstänze auf der hauchdünnen Grenze zwischen Empirismus und Schizophrenie – wem das zu hochgestochen formuliert ist, kann das auch knackiger bei einem Buchtitel von Precht finden: „Wer bin ich und wenn ja, wie viele?“ – als ein solcher Freund habe ich schon vieles gesehen, erlebt, durchfeiert und durchlitten. Hervé le Tellier, das möchte ich ihm lassen, haut dem Themenfass mit seinem Buch „Die Anomalie“ aber noch mal den Boden raus. Was nicht nur an dem Inhalt liegt. Sondern daran, dass der Roman es schafft die Geschichte, die er erzählt in der Realwelt (was und wo immer die auch sein soll) gewissermaßen selbst nachzubilden. Was ich gleichermaßen faszinierend wie erschreckend finde.

Da ist folgender Plot: Eine Boeing gerät in ein ganz übles Unwetter, so richtig rumpeldipumpel hoch oben in der Luft, die Passagiere fangen an zu beten, der Pilot ist machtlos. Doch nach einigen Minuten Todesangst bekrabbelt sich der Flieger, die Unwetterfront ist durchstochen, puh, gerade noch mal gut gegangen. Die Maschine fliegt weiter, kurz vorm Ziel bittet der Pilot per Funk um Landeerlaubnis. Die man ihm vom Tower aus nur zögerlich gewähren will, dreimal muss er sich verifizieren. Und wird schließlich auf einen kleinen Nebenflughafen umgeleitet, wo der Flieger schon erwartet wird. Von Militär, FBI, CIA, hassenichgesehen. Es ist etwas geschehen, womit die Menschheit noch nie konfrontiert wurde, wofür es keinerlei Fahrpläne gibt, ja man weiß noch nicht einmal, wo man ansetzen soll und kann. Darum stehen da ja alle Amts- und Würdenträger aufgebockt. So weit der Plot – der Netflix-Serie „Manifest“, Baujahr 2018, ausgestrahlt erstmals 2019. Aber eben auch der Plot von „Die Anomalie“, VÖ 2020, Baujahr vermutlich ebenfalls 2018/2019. Da ist so viel Gleichzeitigkeit am Werk, dass es schwerfällt zu glauben, dass da einer frech beim anderen abgekupfert hätte. Die Idee ist zu unique, um sagen zu können, dass das schnell mal passieren kann, dass an zwei weit auseinanderliegenden Orten – USA und Frankreich – Kreative die gleiche Idee haben und sie umsetzen. Möglich ist natürlich, dass le Tellier und die Produzenten von „Manifest“, was weiß ich, 2012 auf der gleichen Tagung waren, miteinander sprachen, gemeinsam auf eben diese Idee kamen und dann gleichzeitig zur Tat schritten. Doch eine solche Tagung, das wurde recherchiert, hat es nie gegeben. Möglich auch, dass es einen Klassiker gibt, der nur mir unbekannt ist, wo das Thema schon auftaucht, beide lasen oder sahen ihn zufällig gleichzeitig und kamen gleichzeitig auf die Idee, da was Modernes draus zu machen. Vielleicht ist le Tellier auch gar nicht le Tellier, sondern nur eine Art Spiegelung einer Identität von le Tellier, derweil der echte le Tellier in den USA Serien dreht? Oder aber dieses Buch, „Die Anomalie“ ist quasi das zweite Flugzeug, gelandet im Juni, derweil die Serie „Manifest“ das, ehm, März-Flugzeug ist…wie aber kann es sein, dass selbst Google hier eine, nun, Anomalie aufweist, findet sich die Verwandtschaft beider Stoffe doch (abgesehen von zwei sehr kleinen französischsprachigen Verlinkungen) nicht im Netz? Nun, was glauben Sie, haben wir es hier mit einem nie da gewesen Raum-Zeit-Kontinuum-Phänomen zu tun…oder waren es einfach nur unsere Autoren, die das Internet gelöscht haben…?

Meine Fresse, ich spekuliere schon herum wie Jonathan Frakes in X-Factor – Das Unfassbare“.

Noch irrer wird es für mich dadurch, dass Serie wie Buch einen unterschiedlichen philosophischen Dreh hinbekommen in der Folge. Denn warum erwarten Militär und pipapo den Flieger, hochalarmiert? In der Serie, weil die Maschine vor 5 Jahren vom Radar verschwand, seitdem als verschollen galt. Und plötzlich wieder da ist, die Passagiere und die Crew gar nicht wissen, dass so viel Zeit vergangen ist. Im Buch hingegen kommt der Flieger nur einige Wochen verspätet an, das Problem ist hier, dass er seinerzeit bereits gelandet war, pünktlich. Und jetzt, mit den gleichen Menschen an Bord, noch einmal landet. Es über 240 Menschen fortan also doppelt gibt auf der Erde, inklusive der gleichen DNA.

Nun könnte man meinen, dass „wie geht das an und wie kam es dazu?“ die große und alles bestimmende Frage wäre. Schnell pellt sich jedoch heraus, dass eine andere Frage noch viel schwieriger zu klären ist: Wie gehen wir mit diesen Menschen um? Können wir diese Passagiere einfach so eingliedern in die Gesellschaft? Aus der Ferne könnte man glauben, dass das doch kein Problem sei. Es macht jedoch gute dystopische oder visionäre Romane aus, dass sie genau das in Frage stellen und es einmal exemplarisch durchexerzieren. Das große was wäre wenn. Die Serie „Manifest“ schafft es eine Staffel lang sehr nuanciert durchzuspielen was für fundamentale Folgen es hat, wenn jemand fünf Jahre aus seiner Umgebung herausgerissen wurde, ein Zeitvergehen, von dem er selbst nichts mitbekommen hat. Du steigst nach wenigen Stunden Flug aus der Maschine und deine Frau hat einen neuen Mann, auf dem Friedhof steht dein Grabstein, du wurdest für tot erklärt, deine Tochter ist nicht mehr neun, sie ist 13. Paar Wochen später bekommst du Post und sollst die ausgezahlte Summe der Lebensversicherung zurückerstatten, weil du ja noch lebst. Dolle bolle ohne Job, der natürlich auch weg ist.

Anders le Tellier, bei dem die Passagiere plötzlich doppelt existieren. Die gleiche Optik, die gleichen Charakteristika, die gleiche Vita, die gleichen Erinnerungen. Der einzige Unterschied: die paar Wochen zwischen der Landung des ersten und des zweiten Ich. Kann viel passieren in so ein paar Wochen. Das Paar, das gemeinsam im Flieger saß, hat sich mittlerweile getrennt. Weiß das spätgelandete Paar aber noch nichts von. Oder die alleinerziehende Mutter, möchte zu ihrem zehnjährigen Sohn. Darf sie aber nicht, die Erstgelandete ist schon da. Schaut sie hasserfüllt an. Was hat sie Kämpfe mit dem Kindsvater erfolgreich bestritten und nun soll sie ihren Sohn teilen mit…mit…sowas? Sehr gelungen auch der erfolglose Schriftsteller, der Erstgelandete, der kurz nach der Ankunft noch ein letztes Manuskript ablieferte, sich dann umbrachte. Wie das so geht, beförderte der Suizid den posthumen Ruhm, das Manuskript mutiert zum Welterfolg, alle Welt kennt den zu früh von uns gegangen Literaten. Der als Zweitgelandeter aus dem Flugzeug steigt, in diese Ruhmeswolke fällt, sein eigenes Buch – also das des Erstgelandeten – liest und es nicht mag, keine Verbindung dazu aufbauen kann, auch keine Suizidabsichten hat. Und schließlich jener Erstgelandete, der kurz nach der Landung die todbringende Krebsdiagnose erhält, binnen weniger Wochen verstirbt. Seine zermürbte Witwe, des Trauerns überdrüssig, nimmt den Zweitgelandeten, den sie liebt wie den Erstgelandeten und Verstorbenen entgegen, wohl wissend, dass ihr die gleiche Leidenstortur ein weiteres Mal unmittelbar bevorsteht…

Doch, doch, „Die Anomalie“ ist ein wahnsinnig tolles Buch, spannend, psychologisch, philosophisch, hier und da auch witzig. Man könnte ja meinen über Trump sind alle Witze – also Wahrheiten – bereits erzählt worden, le Tellier aber gelingt es dem Ex-Präsidenten, selbstverständlich ohne ihn beim Namen zu nennen, eine ganze Reihe kleiner Pointen zu entlocken, die alle nicht neu sind, so aber eben noch nicht erzählt wurden. „Die Anomalie“ wurde mit diversen Preisen ausgezeichnet – wie schön, dass man zur Abwechslung auch mal versteht warum.

Über die nervenzermürbende Lachhaftigkeit psychischer Schräglagen: Lesen Sie auch „Schwarzer Frost“, „Geliebter Schmerz“ und „Zerteiltes Leid“ – die bisher erschienen drei Bücher von David Wonschewski. Mehr Informationen dazu gibt es: HIER.

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