David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – bipolarer Bedenkenträger

Schonungslose Wohlstandsverwahrlosung. Soeben ausgelesen: Christian Kracht – „Eurotrash“ (2021)

von David Wonschewski

Vorabfazit: 5 von 5 Sternen

Also ich finde das super, wenn ein erwachsener Sohn seine alte, mental arg hin- und hirnfällige Mama (bitte immer auf der zweiten Silbe betonen) einfach mal frech aus dem Dahinsiechendenheim stibitzt. Mit ihr einen Kurzausflug macht. Damit sich die beiden voneinander Entfremdeten, die beiden komplett Erkalteten vielleicht doch noch einmal näher kommen, doch noch Gemeinsamkeiten entdecken. Bevor der Begriff „Familie“ so vollkommen zerbröselt, endgültig ins Reich der Aussageschwäche abdriftet. Und, juhu, es klappt, die Gemeinsamkeiten zwischen Mutter und Sohn sind größer, als zu erahnen war. Denn beiden widerfuhr in der Jugend – ihr als 11-jähriges Mädchen 1949, ihm als 13-jährigem Internatsschüler in Kanada 1979 – das gleiche, die vermutlich übelste aller üblen Jugenderfahrungen. Der Sohn, mittlerweile weit über 50, ist vollkommen konsterniert, über so etwas wurde nie gesprochen in der Familie, er hatte ja keine Ahnung, was seine Mutter durchmachen musste. Um in der Folge dann zu dem Totalausfall zu werden, als den er sie immer wahrnahm. Die Mutter in ihrer trocken-abgestumpften Art ist weniger konsterniert. Nein, zu erleben, wie ihr Sohn sich bis Mitte 20 aufführte und wie er dann, kaum landet er mit seinem ersten Roman „Faserland“ einen großen literarischen Erfolg, immer weiter absackt, das gab ihr schnell ein Bewusstsein dafür, dass ihr Sohn wohl durch den gleichen Mist gegangen ist wie sie. Dass gerade sie es besser hätte wissen müssen, dass sie ihn womöglich vor dieser Erfahrung hätte schützen können, herrje, klar kann das gut sein. Aber was soll das jetzt, Jahrzente später, noch bringen, darüber nachzudenken?

Die Damen, die Herren – herzlich willkommen in der Welt finanziell abgesicherter, angesehener und erfolgreicher Schweizer. Mit familiärem NS-Hintergrund natürlich, wie auch sonst. Ja, es läuft unter „Roman“, was uns Christian Kracht, das Enfant terrible der deutschsprachigen Literaturszene, als neues Werk vorsetzt. Und doch ist die Tuchfühlung zu seinem eigenen Leben so nah, dass es niemals ärgerlich, dafür immer faszinierend ist Seite für Seite neu darüber nachzudenken, was der Träger des Hermann-Hesse-Literaturpreises hier einfach nur eins zu eins aus seinem wahren Leben abgeschrieben hat und welche Begebenheiten vielleicht doch ein wenig fiktionalisiert oder sehr frei interpretiert ersonnen wurden. Eine Unwägbarkeit, gleichermaßen für den Autor wie den Leser, die verstanden (und natürlich akzeptiert und geschätzt) werden muss, um Christian Kracht hier ein weiteres Mal auf der Höhe seiner zumindest im deutschsprachigen Raum denn doch einzigartigen Kunst zu erleben.

Der Autor watet in „Eurotrash“ nicht nur knietief im Familiensumpf der vergangen siebzig Jahre, sondern beleuchtet auch sein eigenes Werden zum und Sein als der Jungschriftsteller, der mit „Faserland“ 1995 dermaßen für Aufsehen sorgte. Und Christian Kracht wäre nicht ein geistiges Kind von Bret Easton Ellis, wären es nicht gerade die eigenen Peinlichkeiten und Missetaten, die er hier schonungslos mit einer nun wirklich bemerkenswerten Sippengeschichte verknüpft. Es würde der Lektüre ihren Reiz nehmen, würde ich die schönsten Bonbons hier bereits auspalavern, aber noch einmal zu erfahren, warum der junge Christian Kracht als Kind eines, nun, bauernschlauen Schnellaufsteigers in die eidgenössische Finanzelite in seiner Jugend dauernd im sylter Haus von Axel Springer abhing und was er dort Unrespektables tat, was sich im Nachlass seiner nur unzureichend entnazifizierten Großeltern so fand und in welche hübschen Aktien seine werte Frau Mama, wie er auch auf diesem späten Trip erfährt, ihr geerbtes Vermögen gesteckt und verfielfacht hat („Ich bin nicht pleite, mein Sohn – nur du bist pleite!“), ja, alles das ist bei Kracht so grausam wie es zugleich lustig ist.

Der zunächst ein wenig seltsam anmutende Buchtitel – „Eurotrash“ – verwandelt sich dabei schnell in zweierlei typische Kracht-Kracher. Zum einen in familiärer Hinsicht, schildert er doch eine Sippe, die – wenn auch im eher moralischen Sinne – in seiner Schilderung kein Stück weniger verwahrlost und kaputt ist als jene als „White Trash“ betitelten Gesellschaftsabsteiger des US-amerikanischen mittleren Westens. Dann aber auch in sehr konkreter Hinsicht, sucht Kracht doch nach halbwegs respektablen Gründen, warum seine Familie, Schweizer, Europäer so wahnsinnig viel Wohlstand angehäuft haben – und findet keine. Findet nur Gier, Lug, Trug, niemals verarbeitete, aber immerhin zu Geld gemachte Komplexe. Dieses unfaire Geld, diese ganze hochnotpeinliche Kohle – auch wenn in der Schweiz selbstredend nicht der Euro zirkuliert, sondern der Franken – loszuwerden, irgendwie, gerät zu einem Hauptmotiv des Romans.

Ob das alles so stimmt, was Kracht hier anekdotenmäßig ausplaudert? Schwierig zu sagen, vielleicht aber auch gar nicht wichtig, wenn zumindest gut erfunden. Und bei Kracht ist es einfach wahnsinnig gut, wenn er beispielsweise schamhaft bekennt, dass er sich bei einem hochkulturellen Abendempfang kurz nach Erscheinen von „Faserland“ – jung, seelisch im Eimer und unsagbar unerfahren bei solchen Events – sich dermaßen die Kante gab, dass er im Vollsuff nichts anderes mehr im Sinn hatte als FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher immer wieder zärtlich durchs Haar zu fahren. Der das natürlich weniger gut fand. Das ist so ein typischer Kracht, der zunächst wie eine versteckte bisexuelle Avance daherkommt, bis sich im Laufe des Buches – auch wenn die Szene gar nicht mehr erwähnt wird – eine noch viel tiefere Deutungsmöglichkeit einschiebt. Denn dass Menschen zu allen Zeiten und in allen Kulturen Objekte hatten, durch dessen simple Berührung, durch ein einfaches Darüberstreichen sie sich Katharsis erhofften, ist bekannt.

Man könnte nun gewiss mit wenig Mühe schauen, was sich so über Krachts Mutter finden lässt, die er so herrlich derb und abgestumpft skizziert, dass es eine Wonne ist. Ja, solange man ein solches Exemplar einer ans schlechte Gewissen appellierenden Mama nicht selbst im Abschiebeheim hocken und delirieren hat, ist auch das ziemlich lustig, ziemlich ehrlich, ätzend wahr. Nicht selten fühlt man sich an die Auseinandersetzungen erinnert, die auch Philip Roth-Romane so scharf und eklig und amüsant machen. Wer von beiden die narzisstische Störung hat ist zum Ende des Romans noch immer nicht raus, was vielleicht ganz gut ist.

Das Wohltuende an Christian Krachts weiterhin nicht endender Privilegien- und NS-Aufarbeitung ist, dass er es weiterhin nicht nötig hat, mit dem Zeigefinger des günstig Spätgeborenen auf Eltern und Großeltern zu zeigen. Ja, selbst wenn ihm eindimensional anklagende Sätze aus dem Mund fallen, schwingt darin auch immer die Selbstkritik mit. Und da hat er ja auch recht, der Kracht: Bist du Europäer und bist du weiß, kannst du noch so oft und öffentlich auf Rechtsradikale schimpfen, dich für Frieden und gegen Armut einsetzen – du bist und bleibst das Riesenarschloch im Menschenspiel, der Wohlstandsgewinner, der ambivalente Weltverbesserer.

Dass Christian Kracht in seiner Jugend versuchte per Frisur auch von mir verehrte Popavantgardisten wie David Sylvian und John Foxx nachzuahmen, nimmt ihn natürlich komplett für mich ein. Sollte Kracht mir jemals persönlich begegnen, ich werde mir erst ordentlich einen anträufeln – und ihm dann in die Tolle lange. Aber sicher.

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2 Kommentare zu “Schonungslose Wohlstandsverwahrlosung. Soeben ausgelesen: Christian Kracht – „Eurotrash“ (2021)

  1. davidwonschewski
    8. März 2021

    Freksa sagt mir bisher nicht, klingt aber als müsste es das schnellstens mal….“Faserland“ fand ich auch eher sehr okay als denn mehr. Was bei mir aber eher daran lag, dass ich kurz vorher erst Easton Ellis las und das dann doch irgendwie arg auffällig einfach nur nach Deutschland verkrepiert empfunden habe. Zudem immer skptisch bin, wenn Autoren unter 30 plötzlich durchs geheligte Föjetong geschriebtrieben werden mit einem Debüt. „1979“ fand ich dann gleich mal blendend, „Imperium“ feht mir noch.

    Gefällt 1 Person

  2. Bludgeon
    8. März 2021

    Habe „Faserland“ und „Imperium“ gelesen. Und es ging mir damit sehr unterschiedlich: Das letztere gefiel gleich. Die Geschichte des armen Kokosnuss-Hippies Engelhardt zu Kolonialzeiten.
    „Faserland“ war zunächst ein Rohrkrepierer. ich wusste hinterher nicht, warum ich das gelesen habe.
    Viel Später kam ich drauf: Das ist die dekadent-schnöselige Westsozialisation der oberen 10 000 Popperjüngelchen, die mir als Ossi und zeitweiligem Möchtegern-Punk eben nur öde vorkam.
    Und noch viel später fiel dann der Groschen so richtig, als ich Freksas „Wanderer ins Nichts“ gelesen hatte. (Siehe „Grüße aus der Vergangenheit 2“ bei mir im Blog)
    Der Freksa ist quasi der Ur-Kracht.
    Der „Euro-Trash“ klingt interessant. Wäre mal wieder was, was nicht aus dem 19.Jh. stammt. muss ich mal sehen.

    Gefällt 1 Person

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 21. Oktober 2021 von in 2021, 5 Sterne, Kracht, Christian, Nachrichten, Soeben ausgelesen und getaggt mit , , , , , .

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