David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – bipolarer Bedenkenträger

Blutrünstige Lektionen in Feminismus und Antirassismus. Soeben ausgelesen: James Ellroy – „Blut auf dem Mond“ (1984)

von David Wonschewski

Vorabfazit: 4 von 5 Sterne

Wussten Sie, dass ich zu Schulzeiten ein scheuer Außenseiter war? Vergeistigt, poetisch. Wenn andere sich in den Pausen trafen und einen auf cool machten oder es zumindest versuchten, saß ich einiger Distanz auf dem Boden, in meinem langen dunklen Mantel, den zerschlissenen Jeans. Und schrieb Gedichte. Sprach mich jemand an, würdigte ich ihn zunächst keines Blickes, ließ Stille einkehren, fünf oder zehn Sekunden, bevor ich sprach. Ein Stilmittel, dass ich mir bei Hitler abgeschaut hatte, dessen Erfolg mit dieser Masche wohl eher nicht bestritten werden kann. Dann legte ich meine Stirn wieder und wieder in tiefe Falten – mein 17-jähriges Ich konnte nicht ahnen, dass derlei Gehabe bei seinem 44-jährigen Ich ein entsprechendes Mopsfaltengesicht zeitigen würde – und raunte irgendetwas zwischen Dullymist und Buddhismus: „Ach, ach, der Wind spielt sein Spiel und wir, wir spielen mit!“.

Sie können meine ehemaligen Mitabiturienten fragen, ob es wirklich so war, jeder wird ihnen bestätigen, dass es so nicht war. Ich einfach ein Depp bin, der vor nichts zurückschreckt, um noch einen Einstieg in eine Rezi zu finden. Na ja, was man halt so redet aus dem Elfenbeinturm. Ich habe ja da geseße und mir die Visage zerknautscht, nicht die.

Ich war ein ziemlicher erste Staffel-Dylan McKay, wenn ich es mir recht überlege. Wenn Sie den noch kennen, Beverly Hills 90210. Wobei das so ganz natürlich auch wieder nicht stimmt, denn während Luke Perry, der McKay damals spielte, so wie seine Serienfigur zum Frauenschwarm wurde, wurde die Figur des traurig-romantischen Außenseiters auch in 12 000 anderen Filmen und Serien zum Frauenmagneten. Nur ich kriegte den Dreh irgendwie nicht hin, die Frauen lichtmotteten mich einfach nicht an. Ich hockte mir den Hintern steif, fabrizierte verachtenswerte Poesie mit massig unreinen Reimen und schiefen Bildern, galt als der Typ der Quatsch sabbelt und zog mir eben jenes unheilbare Moppsfaltengesicht zu. Ich hätte heulen können, so verzweifelt war ich, hätte auch geheult, wenn ich nicht gewusst hätte, dass Heulen nur zu noch mehr Moppsgesichtigkeit führt. Den Gram einer geschundenen Künstlerseele können sich die meisten nicht voirstellen. Ich will aber auch reuuig sein, de, ehm, Würde meines Amtes nötigt mich dazu: Bei den anderen stehen und einen auf cool machen hätte zu deutlich mehr geführt. Eine halbwegs coole Klamotte tragen, an einer Camel oder HB ziehen und raunen „Ey, Puppe – waaas geeeht!“ war mir damals halt zu plump. Heute weiß ich, dass das total gereicht hätte.

Naja, den Rest kennt man. Es lief nichts, geachtet wurde ich auch nicht – und eh man sich versieht, steht man abends in dieser Robert de Niro „Taxi Driver“-Pose vorm heimischen Spiegel und markiert den Dicken. Bitte nicht falsch verstehen, ich war jetzt nicht traumatisiert oder so, mir hatte ja auch niemand direkt was getan. Ich hatte einfach Lus,t die ganze Pissmeute abzuknallen. Den ganzen Drecksladen hochgehen zu lassen. Hätte ich vermutlich auch tun können. Denn ignorierte und unerfolgreiche Künstler sind die gefährlichste Menschenspezies, mehr Frust und Gewaltbereitschaft in einem einzigen Menschen wie in einem solchen gescheiterten Künstler wird man nirgends finden. Aber: Wir werden als Gefahr aber halt nie ernst genommen. Frei nach dem Motto: Der tut nix, der will doch nur reimen und emotions ausdrücken! Wohl dem, der genug Päderasten und Faschos in der Hood wohnen hat, die man seiner statt hängt. Läuft.

Dabei werden wir enfach nur unterschätzt, wie Feministen oder Naturschützer nimmt man uns verhinderte Künster einfach nicht für voll. Doch ich mahne zur Vorsicht: Wenn sich unsere Alben oder Bücher nicht verkaufen, keine Sau uns interviewen will, der Erfolg einfach nicht kommt, dann können wir fuchsig werden. Wir rumpelstilzen dann erst ne Weile sinnlos herum, schaut aber auch wieder keiner hin, dann machen wir – sehr beliebt – das Patriarchat und Diskriminierung dafür verantwortlich. Da das Patriarchat aber ja nun selten reagiert, was daran liegt, dass niemand Teil davon ist, so luftig wie der Begriff von seinen Anklägern aufgezogen wurde, nun….gehen wir auf die Jagd. Menschenjagd. Falls sich nun jemand fragt, ob auch dem Wonschewski schonmal wer zum Blut-Trauma-Opfer gefallen ist: Macht euch locker, mir wurde noch kein Mordakt nachgewiesen. Alles gut, hier gibt es nichts zu sehen. Außerdem habe ich einen veritablen Weg gefunden künstlerischen Rachefantasien aus dem Weg zu gehen. Ich aktualisiere einfach die Amazonseite meiner Bücher so oft bis ich sehe, dass sich ein Buch verkauft hat. Okay, manchmal muss man da zemlich lange klicken , aber wenn es passiert ist es so eine Kirmes im Kopf, durchströmt mich so viel Menschenliebe, dass ich gleich nochmal aktualisiere. Und wieder, wieder, wieder. Ich glaube Glückspielsucht funktioniert ganz ähnlich.

„Blut auf dem Mond“ ist der Debütroman von James Ellroy und der erste Teil der sogenannten „Lloyd-Hopkins-Trilogie“, benannt nach, man kann es sich fast denken, dem Protagonisten und Chefermittler. De Gescichte beginnt 1965, mitten in chaotischen Rassenunruhen, als der dort gerade mal 23-jährige Lloyd Hopkins noch bei der Nationalgarde arbeitet und angestelt wurde, um sic ins Getümmel zu werfen und für Ruhe zu sorgen. Mittendrin in diesem Getümmel beschließt er einen Kameraden zu erschießen, da dieser sich als Rassist geoutet hat, dem es Freude macht in staatlichem Auftrag auf seine Art „für Ruhe“ zu sorgen. Ein sehr guter Einstieg, wissen wir doch sofort, dass wir es bei Hopkins mit einem gesinnungsstarken Menschen zu tun haben, der jedoch auch unbequem sein kann, sich selbst nie schont. Bei dem man auch nie sicher sein kann, dass er die vorgeschriebenen Dienstwege einhält. Ein handfester Tugendbolzen also? Nun, achtzehn Jahre später ist Hopkins ein hohes Tier bei der LAPD, ausgestattet mit einem grenzgenialen Ruf als Mördererschnüffler. Das ist toll, man ist kurz davor sich in diesen breitschultrigen Moralwauzi zu verlieben, wenn, ja wenn, er es mit der Treue denn auch hätte. Verheiratet, drei Kinder nimmt er alles mit, was sich mitnehmen lässt. Und im Rahmen einer Ermittlung lässt sich verdammt viel mitgehen. Korrupt ist er nicht, privat ein Schläger auch nicht, sexuell übergriffig wird er auch nie, aber irgendwie merken die Granden, dass Hopkins es aufgrund seines Lebenswandels nie nach ganz oben schaffen wird, ja dass er auf seine Art sogar irgendeinen Dachschaden haben muss. Dass sein Talent Mörder zu erschnüffeln auf eine dunklen Seite beruhen muss, die man besser nicht freilegt. Als 1983 eine Frau auf bestialische Weise ermordet wird, ist es Hopkins, der als erster bemerkt, dass es sich hier um einen Serienkiller handelt, der schon seit Ende der 60er-Jahre Frauen ermordet. Niemand glaubt ihm, denn die ungelösten Frauenmorde in den Archiven haben keinerlei Übereinstimmungen, nichts Gemeinsames. Hopkins merkt jedoch, dass da eine Gemeinsamkeit ist, dass hier ein zurückgewiesener und feinsinniger Geist auf persönlicher Rachetour ist. Ein Mann, der eine Demütigung von unvorstellbarem Ausmaß erlitten haben muss….

Um den Erfolg zu verstehen, den James Ellroy als Krimiautor der härteren Gangart hat, ist es nötig sich das Jahr dieser Erscheinung vor Augen zu führen: 1984. Geprägt durch zuvorderst schwedische Krimiserien erscheint es uns heutzutage fast schon langweilig normal, dass der Ermittler sein Privatleben nicht im Griff hat an immer den falschen Stellen über die Stränge haut und fast genauso gut verknackt werden könnte wie die von ihm gehassten Verbrecher. Dazu noch Täter, die nicht nach vernünftigen Motiven handeln, sondern psychisch einfach nur kaputt sind. Nicht töten, um was zu erreichen, sondern töten, weil töten eben töten ist und es Luft aus dem Kopf nimmt. Mir selbst ist dieses Schema F – Bulle kaputt, Täter auch – mittlerweile zu doof. Da kann aber selbstverständlich Ellroy nichts für, der es in „Blut auf dem Mond“ als einer der ersten nutzte. Wer das mag, wird diesen Roman lieben. Wer nicht wird ihn dennoch mögen, denn auch wenn mich die Charakterisierung wie erwähnt anödet, so handelt es sich hier um ein toll geschriebenes Buch, nicht zuletzt auch ein mutiges, was es für mich literarisch macht. Sich dieserart zu Rassismus zu positionieren wie Ellroy es hier tut ist definitiv höhere Liga, zudem ist es ein wunderbares Beispiels dafür wie man konstruktives Feminismus betreibt, schafft Ellroy es doch aus jedem Mann einen kleinen Moral-Hopkins zu machen. Der literarische Mut geht noch viel weiter, Grundthema des Fehlverhaltens ist eines, das selbst heute noch von niemanden angefasst wird. Und nein, es hat nichts mit Rassismus oder Frauenrechten zu tun. Ellroy haut uns eine Männererfahrung brutal um die Ohren, die es auch 40 Jahre später noch auf kaum eine Agenda geschafft hat.

Ich persönlich stehe auf LA, auf Dreck, auf kaputte Existenzen und brutale Einsichten die das Leben nicht schreibt, sondern kratzt. „Blut auf dem Mond“ is ein literarischer und spannender Pageturner, der bei jedem echten Krimifan eindeutig 5 von 5 Sternen bekommt. Wenn ich, der das Genre nicht so dolle findet, 4 von 5 Sternen gebe, heißt das was.

Über die nervenzermürbende Lachhaftigkeit psychischer Schräglagen: Lesen Sie auch „Schwarzer Frost“, „Geliebter Schmerz“ und „Zerteiltes Leid“ – die bisher erschienen drei Bücher von David Wonschewski. Mehr Informationen dazu gibt es: HIER.

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