David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – bipolarer Bedenkenträger

Und wenn Du nicht weißt wie soll es weitergehen, Kapitulation ohohoh, Kapitulation ohohoh. Soeben ausgelesen: Iwan Gontscharow – „Oblomow“ (1859)

von David Wonschewski

Vorabfazit: 4 von 5 Sternen

Dass literarische Klassiker von vielen Lesern als oftmals anstrengend, langatmig und zäh empfunden werden, mag an vielem liegen. Nur an einem nicht: den Russen. Ich gebe zu, durch Flaubert, Fontane, Goethe sowieso, muss ich mich regelrecht hindurchtanken. Zwinge mich dazu, deren Werke zu lesen, einfach nur um, sollte mal wer fragen, möglichst pikiert sagen zu können: Aber Monsieur, was nehmen Sie sich heraus – natürlich habe ich den Stechlin gelesen, kenne den Wilhelm Meister, Madame Bovary! Was ich hingegen niemals öffentlich zugeben werde, ist, wie unfassbar langweilig ich das alles fand, als was für einen elendig trägen Stoff ich das empfinde.

Zuverlässig mentale Linderung verschaffen mir im Klassikerbereich nur die Russen. Dostojewski und Gogol haben derart, mit Verlaub, „abgefuckte“ Typen erschaffen, die menschliche Bigotterie derart lustvoll skizziert, die unfreiwillige Komik menschlichen Strebens wieder und wieder skalpiert, dass ich aus dem Lachen mitunter kaum herauskam. Vermutlich altern die alten Russen auch deswegen wesentlich weniger als andere epochale Wälzer des 19. Jahrhunderts, weil abgesehen vom Setting sich bis heute herzlich wenig verändert hat, wenn in einer halbwegs zivilisierten Gesellschaft Mensch auf Mensch trifft.

Und nun also „Oblomow“, das Hauptwerk von Iwan Gontscharow aus dem Jahr 1859, ein tatsächlicher Meilenstein der russischen Literatur – der in unseren Breitengraden allerdings ein wenig in die Geheimtippecke gerutscht ist in den letzten Jahrzehnten. Die Geschichte eines lethargischen Großgrundbesitzers, eben jener Oblomow, der sich dazu entschließt, keine Entscheidungen mehr zu treffen. Einfach den lieben langen Tag in seiner Koje liegen bleibt, ziellos vor sich herumdenkt. Ein Begriff wie „Müßiggänger“ wäre schon zu hochtrabend für einen wie ihn, denn dafür muss man, das Wort deutet es ja an, zumindest mal aufstehen, in die Stiefel kommen, raus an die frische Luft. Ist aber so gar nicht zu machen mit Oblomow. Und das aus den besten Gründen: a) wozu denn, b) für was und wen, nicht zu vergessen c) was soll denn die ganze Hektik?

1849 hatte Gontscharow in der angesehenen Literaturzeitschrift „Sowremennik“ eine Kurzgeschichte veröffentlicht, „Oblomows Traum“. Die derart begeistert aufgenommen wurde, dass alle Welt einen ganzen Roman forderte, Verleger sich um den Stoff rissen, dem Autor Vorschüsse garantiert wurden. Und auch Gontschwarow selbst war gleich Feuer und Flamme, durchaus erpicht seinen Oblomow breiter auszuarbeiten. Dass es bis zur Veröffentlichung des Romans dann satte 10 Jahre dauerte, hat letztlich damit zu tun, dass Gontscharow seinem Protagonisten charakterlich durchaus ähnelte. Wie bei beispielsweise Gogol ist auch eine Beschäftigung mit Gontscharow allein – also der Person, ohne sich die Romane durchzulesen – bereits wahnsinnig komisch, es gibt viele überlieferte Briefe von ihm, die zeigen, dass der Autor, der die meisten Jahre seines Lebens zunächst als Beamter im Finanzministerium, später dann als Zensor verhunzen musste, seine eigene Zerrissenheit, seine stetig wiederkehrenden depressiven Phasen, sein Gefühl, einfach nicht vom Fleck zu kommen, notgedrungen humoristisch zu nehmen, herrlich lakonisch zu formulieren wusste. Immer wieder nahm Gontscharow den Stoff auf, setzte sich hin, verlor dann Lust und Sinn, verdaddelte sich, pausierte, fand Ausflüchte. Stellvertretend sei hier der Meisterliterat Turgenjew genannt, der schon den absonderlichen Menschen Gogol persönlich kennengelernt hatte und der Gogol drohte: „Ich bin überzeugt, dass Sie ungeachtet der unzähligen Verpflichtungen als Zensor die Möglichkeit finden werden, sich mit Ihren eigenen Arbeiten zu befassen. (…) Ich werde Sie mit dem Ruf ‚Her mit dem Oblomow!‘ (…) so lange nicht in Ruhe lassen, bis Sie beide beendet haben werden, und sei es allein aus dem Wunsch, mich loszuwerden.“

Ein Zitat, das wahrlich stellvertretend für die ersten Kapitel des Oblomow stehen kann, in dem der werte Herr in seinem Bett herumliegt und permanent von Leuten aufgesucht wird, die ihn aus selbigem herauszulocken versuchen, ihn zur Teilhabe am gesellschaftlichen Leben anzustacheln versuchen. Vergeblich. Bei ihm ist sein Diener Sachar, ein eigensinniger Tölpel von einem vergreisten Bediensteten, der die Aufträge seines Herrn höchst widerwillig und unzureichend erledigt und jeden zweiten Ruf nach ihm mit einem kurzen Stoßgebet zum Himmel pariert, wann denn der liebe Gott ihn endlich zu sich in den Himmel nimmt. Die literarische Welt ist knallvoll mit gelungenen Gespannen der Marke „Herr-Diener“ oder „Chef-Assistent“. Gespanne, die gleichermaßen von einander abhängig sind, wie sie über den jeweils anderen permanent die Augen verdrehen, sich permanent aneinander reiben, derweil sie doch eigentlich am gleichen Strang ziehen. Oblomow und Sachar ist nicht nur eines der frühesten dieser Gespanne, es ist – soweit ich das subjektiv beurteilen kann und will – auch mit Abstand das lustigste. Gontscharow gelingt es hier auf schmalem Terrain großartig pointierte Schlagabtausche zum Leben zu erwecken, was sich auch daran zeigt, dass man sich die ersten Kapitel des Romans auch hervorragend als Theaterstück mit zwei Personen vorstellen kann.

Nun könnte und würde Oblomow wohl auf ewig in seinem Bett liegen bleiben, gäbe es nicht zwei arge Probleme: Zum einen hat ihm der Vorsteher des Bauerndorfes, das Oblomow gehört, mitgeteilt, dass von dort künftig kaum noch Gelder zu erwarten sind. Und zum anderen hat ihm der Besitzer seines Hauses quasi rausgeschmissen, Eigenbedarf. Harter Tobak für einen entscheidungs- und bewegungslosen Mann. Hoffnung macht da allein das plötzliche Erscheinen seines Jugendfreundes Stolz, einem elanvollen, zupackenden Mann, der niemals rastet und es qua Disziplin und niemals versiegendem Antrieb bereits in jungen Jahren zu einem kleineren Vermögen gebracht hat, obschon er im Gegensatz zu Oblomow nur der Spross eines Dorflehrers ist. Stolz ist, das darf vorneweg gesagt werden, ein wirklicher, ein echter Freund, der nicht mitansehen will, wie sein bester Freund an sich selbst zugrunde geht. Was im Übrigen auch der Arzt – ein weiteres Problem – bestätigt, der Oblomow einen nahen, durch Siechtum hervorgerufenen Tod voraussagt, so er nicht langsam mal ein wenig in die Gänge kommt. Stolz greift Oblomow unter die Arme, hilft ihn bei seinen Geschäften und schleppt ihn zu einer wohlhabenden Familie, die gerne und oft Leute zu sich einlädt, Empfänge gibt. Die Tochter des Hauses, Olga, ist seine (noch unausgesprochen) Auserwählte, er weiß um das in ihr brennende Lebensfeuer und so beauftragt er sie – er muss wieder hinaus in die Welt – ein Auge auf Oblomow zu haben, ihm keine Ruhe zu gönnen, ihn so notwendig auch mit den Mitteln einer Frau zu drangsalieren, zu terrorisieren, in Aufruhr zu bringen. Alles, was Oblomow vorm Dahindämmern bewahrt, ist legitim…

Machen wir es kurz: Der 750 Seiten starke Roman ist allerbeste klassische Literatur, die zu vier Fünfteln auch heute noch hervorragend funktioniert. Und das auf so vielen Ebenen. Der Humor wurde bereits benannt, die Dekonstruktion der durchaus hochgebildeten und privilegierten russischen Oberschicht ist ein weiteres Pfund. Allein die Darstellung des Dienstverhältnisses von Angestellten und Dienern zu ihren Herren dürfte anno 1860 einiges an Sprengstoffpotenzial in sich getragen haben. Politisch wird es, wenn Gontscharow erste Auswüchse eines um sich greifenden Kapitalismus seziert, in dem vor allem diejenigen die Oberhand behalten, die einen direkten Draht zur Macht haben – Beamte beispielsweise – oder aber solche, die die Kraft des vertraglich Kleingedruckten opportunistisch zu verdrehen und für sich zu nutzen wissen. Auch pädagogisch ist der Roman, beschäftigt sich Gontscharow in einem Kapitel doch intensiv mit der Frage, warum aus einem privilegierten und auch intellektuell begabten Jungen im Erwachsenenalter eine derart luschige, machtlose Nullnummer werden kann. Während ein wenig privilegierter Stolz alle charakterlichen Anlagen zur Blüte bringt, weiter und immer weiter entwickelt. Für FeministInnen hält das Buch ebenfalls viel parat, denn jene Olga ist zwar letztlich ein Opfer ihrer Zeit, jedoch – in diesem Zusammenhang muss man sagen zum Glück – als Waise aufgewachsen und somit frei von den Konventionen und Drangsalierungen einer leiblichen Mutter, die penibel darauf geachtet hätte, sie ins Gesellschaftskorsett zu pressen. Nicht zuletzt Stolz ist es, der ihren freien Geist fördert und sich eine Partnerin auf Augenhöhe wünscht, von der er genauso profitiert wie sie von ihm. Auch nicht ganz ohne für 1860.

Last aber sicher nicht least dann natürlich der philosophische Ansatz, der den ganzen Roman durchzieht. Denn letztlich ist der Oblomow auch die Geschichte eines Gesellschaftseremiten, im Grunde Thoreaus sechs Jahre zuvor erschienen „Walden“ (1854) im Geiste verwandt. Gontscharow stellt Fragen, die heute, über 160 Jahre später, aktueller denn je sind: Warum mitrennen im Hamsterrad? Warum nach Reputation und Geld und Macht streben? Warum nicht einfach alles herunterfahren, den inneren Lockdown proben, sich verweigern. So gesehen ist dieser Oblomow ein als Lusche verkleideter Radikalinski. Schwer vorstellbar, dass der intellektuelle und bekanntlich arg belesene deutsche Musiker Dirk von Lowtzow von der Band Tocotronic sich nicht auch durch diesen Oblomow 2007 zum Album „Kapitulation“ hat inspirieren lassen, einem der für meinen nihilistisch-misanthropischen Geschmack besten Platten, die je in deutscher Sprache aufgenommen worden sind.

Und so stellt es eine an Dickköpfigkeit grenzende Frechheit dar, dass ich dem Roman nur 4 von 5 Sterne gebe. Geschuldet ist der eine Stern Abzug einer recht langen Passage im hinteren Drittel, die für mich kaum zu ertragen war, weil eben zäh. Stolz und Olga, verliebt und doch ausgestattet mit hundert Fragen an sich und das Leben, ein Zaudern, dann wieder Leidenschaft, ein schier ewiges „Ach, Liebster! – Nein, lass mich, oh Geliebte!“ und „ihr war als wenn der Tau des Tages bla“ und „ihm schien, als wäre die Zeit wie durch ein Sieb bla“. Also das ist nicht schlecht und wer auf derlei Liebesgedönsereien, die 1860 gewiss noch frisch waren, heutzutage aber arg nach Schmonzette duften steht, wird auch das lieben. Für mich sind das gut 100 Seiten, die nerven und unnötig sind und zulasten der Tiefe des Romans gehen, die dadurch weniger kompakt ausfällt. Aber vermutlich war das damals so. Wie ich durch eigene Erfahrungen als Autor weiß, ist ein Roman von über 300 Seiten heute ein kommerzielles Wagnis, da einfach nur die schiere Seitenzahl und Dicke des Buches viele potenzielle Käufer abschreckt. Egal was Tolles drinstehen mag. Mir scheint im Russland des Jahres 1860 war das noch andersherum, es fiel vermutlich negativ auf, wenn so ein Roman unter 700 Seiten liegt.

Und jetzt alle: „Und wenn Du kurz davor bist / Kurz vor dem Fall / Und wenn Du denkst / „Fuck it all!“ / Und wenn Du nicht weißt/ Wie soll es weitergehen / Kapitulation ohohoh, Kapitulation ohohoh“

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2 Kommentare zu “Und wenn Du nicht weißt wie soll es weitergehen, Kapitulation ohohoh, Kapitulation ohohoh. Soeben ausgelesen: Iwan Gontscharow – „Oblomow“ (1859)

  1. davidwonschewski
    8. Januar 2021

    Ha, ja, das mit der Namensverwurstung kann ich so unterschreiben. Das hatte ich auch bei meinen bisher zwei gelesenen Dostojewskis. Ich war da schon voll der Verschwörung auf der Spur, weil da ein Charakter etwas wusste, was er eigentlich gar nicht wissen konnte, weil es ja einem anderen passiert war…bis ich merkte: Ach, das ist ja der gleiche.

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  2. Bludgeon
    6. Januar 2021

    Du bringst es noch fertig, dass ich den zweiunddrölfzigsten Versuch wage, die alten Russen endlich doch durchzukriegen. Bin an Tolstoj „Peter I.“ und an Dostojewski „Weiß nicht mehr“(den Titel) nach wenigen Seiten gescheitert, habe eine mittellange Turgenjew-Novelle, die in Baden-Baden spielte, mit Müh und Not geschafft, sie hätte keine halbe Seite länger sein dürfen! Und das ist auch schon das einzige, was ich noch von ihr weiß. Allerdings gab es mal einen arg depressiven Band „Alle Bitternis der Erde“(Autor vergessen, der beginnt auf dem Schlachtfeld von Borodino, wie ein Kavallerist unter seinem toten Pferd nicht hervorkommt und mitansieht, wie sein richtig toter Kamerad daneben verwest und die Raben kommen… DEN hab ich geschafft!

    Was mich an den Russen plagt ist diese Namensverwurstung, sich mal mit Vor- mal mit Vaters- mal mit Familiennamen anzureden. Dann heißt der Gute Boris Iwanowitsch Chloroformotko und der Strolch Iwan Borissowitsch Chlorodontjew usw. Und ich komme heillos durcheinander. Und das Figurenensemble besteht eh immer aus ner Hundertschaft. Aber in dem Fall hier oben scheint Hoffnung. Hm. Muss ich mal dran bleiben.

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